Der Begriff Astroturfing ( abgeleitet von AstroTurf), zu deutsch sinngemäß künstliche Graswurzelbewegung, bezeichnet – insbesondere in den USA – politische Public-Relations- und kommerzielle Werbeprojekte, die darauf abzielen, den Eindruck einer spontanen Graswurzelbewegung vorzutäuschen. Ziel ist es dabei, den Anschein einer unabhängigen öffentlichen Meinungsäußerung über Politiker, politische Gruppen, Produkte, Dienstleistungen, Ereignisse und Ähnliches zu erwecken, indem das Verhalten vieler verschiedener und geographisch getrennter Einzelpersonen zentral gesteuert wird.

Etymologie und Begriffsgeschichte Der Begriff Astroturfing ist ein im Englischen beheimatetes Wortspiel mit dem Markennamen AstroTurf für Kunstrasen, wie er in manchen Sportstadien verwendet wird. Graswurzelbewegung (grassroots movement) hingegen bezeichnet eine wirklich spontane, in erster Linie von Privatpersonen getragene Initiative. Geprägt wurde der Begriff wahrscheinlich vom langjährigen US-amerikanischen Senator Lloyd Bentsen aus Texas, der 1985 mit Blick auf zahlreiche Briefe, die sein Büro erhalten hatte, gesagt haben soll: „Ein Texaner kennt den Unterschied zwischen Graswurzeln und Astroturf. Das ist alles fabrizierte Post.“ Zu dieser Erklärung passt auch, dass das Sportstadion Astrodome in Bentsens Heimatstadt Houston namensgebend für den dort verwendeten Kunstrasen AstroTurf war.

Methoden Wie die meisten Formen von Propaganda versucht Astroturfing, die Emotionen der Öffentlichkeit gezielt zu beeinflussen und eine starke öffentliche Meinung mit einer bestimmten Ausrichtung vorzutäuschen. Die meisten bekannt gewordenen Fälle von Astroturfing stammen aus der Politik.

Die übliche Methode besteht dabei darin, dass sich wenige Personen als große Zahl von Aktivisten ausgeben, die für eine bestimmte Sache eintreten. Sie verschaffen sich Aufmerksamkeit, indem sie beispielsweise Leserbriefe und E-Mails schreiben, Blogeinträge verfassen, Crossposts verbreiten oder Trackbacks setzen. Sie erhalten von einer Zentrale Anweisungen darüber, welche Meinungen sie wann und wo äußern sollen und wie sie dafür sorgen können, dass ihre Empörung oder Anerkennung, ihre Freude oder ihre Wut vollkommen spontan und unbeeinflusst erscheint, so dass die zentral gesteuerte Kampagne den Eindruck echter Gefühle und Anliegen hinterlässt. Oftmals werden Lokalzeitungen Opfer von Astroturfing, indem sie Leserbriefe veröffentlichen, die mit identischem Inhalt auch an andere Zeitungen gesandt wurden.

Die Kosten von Astroturfingkampagnen sind durch die Effizienz von Internet und E-Mail stark gesunken. Es wird zunehmend auch Software („social bots“) eingesetzt, die es einzelnen Aktivisten vereinfacht, eine größere Anzahl Benutzerkonten in Blogs, Internetforen und sozialen Netzwerken zu verwalten und mit ihnen scheinbare Meinungsmehrheiten zu erzeugen.Detlef Grell: Security-Firma entwirft Tools zur Meinungsmache mit Kunstfiguren. In: heise online. 20. Februar 2011.computerworld.com: In der neueren Forschung zu Astroturfing wird auch der Einsatz koordinierter KI-Systeme behandelt. Diese können mit mehreren künstlichen Konten den Eindruck einer breiten, unabhängigen Unterstützung erzeugen.

Astroturfing kann als Übernahme der Methoden des Grassroots campaigning beschrieben werden. Seine Akteure verfolgen keinen demokratischen Bottom-up-Ansatz, sondern haben durch zentrale Koordination und Finanzierung eine Top-down-Prägung, die sie jedoch zu verheimlichen versuchen. In Anlehnung an das Grassroots-Campaigning wurde Astroturfing auch als Grassroots lobbying bezeichnet.Kathrin Voss: . In: Das Parlament. Nr. 19, 10. Mai 2010. Da heimlichem Lobbyismus wie Astroturfing die Legitimität von Basisbewegungen fehlt, gilt es als Problem, wenn Astroturfing als solches identifiziert wird:

Astroturfing-Organisationen, wie sie bei Umweltthemen häufig von Industrieunternehmen genutzt werden, um ihre politischen Ziele durchzusetzen, nutzen häufig euphemistische Namen, die verschleiern, was ihre echte Agenda ist und wer sie finanziert und stattdessen den Eindruck vermitteln, dass sie sich scheinbar für Umweltbelange wie Klimaschutz einsetzen. Häufig vermitteln die Namen dieser Organisationen ein Gefühl von Gruppenzugehörigkeit, z. B. indem sie Begriffe wie „Bürger“ oder „Verbraucher“ nutzen, und Vertrauenswürdigkeit, indem sie auf Adjektive wie „sauber“ oder „gesund“ zurückgreifen. Beispielsweise finanzierte die US-amerikanische fossile Energieindustrie in ihrem Kampf gegen Klimaschutz Astroturfing-Organisationen mit Namen wie Global Climate Coalition und Greening Earth Society, die dann häufig echte Umweltschutzorganisationen, mit denen sie verwechselt werden können, angriffen.

Beispiele Deutschland Beispiele für Astroturfing in Deutschland sind der Bundesverband LandschaftsschutzClaudia Peter: Bürgerinitiativen von der Industrie gesteuert? („Wattenrat“ – „Bundesverband Landschaftsschutz“ Nachtrag). In: BUND.net, 10. März 2010, abgerufen am 8. Oktober 2011.Anna Irmisch: Astroturf. Eine neue Lobbyingstrategie in Deutschland? VS Research, Wiesbaden 2011, ISBN 978-3-531-18179-0, S. 28 f. und die Bürger für Technik der Atomindustrie.Philip Banse: Lobbyismus gut getarnt. Wie Firmen verdeckt die öffentliche Meinung beeinflussen. In: Deutschlandfunk. 22. November 2008.

2009 wurde durch die Bürgerrechtsorganisation Lobbycontrol bekannt, dass die Deutsche Bahn im Jahr 2007 knapp 1,3 Mio. Euro für die „verdeckte Beeinflussung der Öffentlichkeit“ ausgegeben hatte: Dabei wurde mit vermeintlich „unabhängigen“ Umfragen Stimmung gegen die Streiks der Lokführer 2007 und für die Privatisierung der Deutschen Bahn geschaffen.Michael Bauchmüller: PR-Skandal bei der Bahn – Alle reden vom Wetter. In: Süddeutsche Zeitung. 29. Mai 2009.Weitere Einzelheiten zur verdeckten PR-Arbeit der Bahn. In: Lobbycontrol. 29. Mai 2009. Außerdem wurden Foren und Blogs wie Brigitte.de und Spiegel Online mit bahnfreundlichen Beiträgen massiv unterwandert. Der Deutsche Rat für Public Relations (DRPR) rügte deswegen die Bahn sowie die PR-Firmen EPPA GmbH, Berlinpolis und Allendorf Media.PR-Rat spricht dritte Rüge im Bahn-Skandal aus. In: Lobbycontrol. 16. September 2009.Rudolf Stumberger: Kontaminierte Inhalte. In: Telepolis. 21. September 2009.

In einem ähnlichen Fall gab die EPPA GmbH verdeckte PR zum Thema Biokraftstoff in Auftrag, bei der die Agentur Berlinpolis in der Jungen Welt, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Frankfurter Rundschau sowie auf Focus Online vorgebliche Leserbriefe von Berliner Bürgern veröffentlichte.. In: lobbycontrol.de, 10. Juli 2009, abgerufen am 8. Oktober 2011.Peter Nowak: Greenwashing für Biosprit aufgedeckt. In: Telepolis. 14. Juli 2009, abgerufen am 8. Oktober 2011.

Im Juni 2010 wurde bekannt, dass die Freie Demokratische Partei (FDP) wiederholt FDP-freundliche Kommentare im Blogforum ruhrbarone.de abgesetzt hatte. Der DRPR kritisierte daraufhin die FDP-Bundesgeschäftsstelle, durch dieses Verhalten „vor allem das Transparenzgebot zur Kontaktpflege im politischen Raum verletzt“ zu haben.Pressemitteilung. In: drpr-online.de, 26. Juli 2010 (PDF; 76 kB)Mehrdad Amirkhizi: . In: Horizont. 26. Juli 2010.

Laut Informationen von Lobbycontrol nutzen auch Unternehmen und Verbände der Braunkohlewirtschaft Astroturfing-Kampagnen für ihre PR-Arbeit: So bestünden z. B. enge personelle, organisatorische und inhaltliche Gemeinsamkeiten mit der sich als unabhängig darstellenden Bürgerinitiative „Unser Revier – Unsere Zukunft – An Rur und Erft“, dem Deutschen Braunkohlen-Industrie-Verein (DEBRIV) sowie dem Energieversorgungskonzern RWE AG. Dabei teilten sich die Bürgerinitiative, der DEBRIV sowie der Ring Deutscher Bergingenieure das gleiche Postfach; auch die Internetsite der Bürgerinitiative sei auf die Adresse von DEBRIV und den „Bezirksverein Rheinische Braunkohle“ registriert.Unser Revier: die Bürgerinitiative und die Braunkohlelobby . Internetseite von Lobbycontrol. Abgerufen am 12. Mai 2016. Auch der den menschengemachten Klimawandel bestreitende Verein Pro Lausitzer BraunkohleMoratorium entzweit Kohlekommission . In: Klimareporter. 24. August 2018. Abgerufen am 26. August 2018. ist eine Astroturfing-Organisation, die von Vattenfall finanziert wurde, um als „Sprachrohr einer angeblich schweigenden Mehrheit“ Stimmung für den Braunkohlebergbau zu machen.Unternehmen gründen undurchsichtige Bürgerinitiativen – und die EU finanziert sie mit. In: Wirtschaftswoche. 28. Februar 2018. Abgerufen am 26. August 2018. Dabei fanden sich gerade in der Debatte zur Energiewende vielfach Versuche, tatsächliche soziale Bewegungen wie Fridays for Future als Astroturfing zu delegitimieren.

2021 warb Uniti, ein Lobbyverband, der deutsche Erdöl- und Kraftstoffhändler sowie Tankstellenbetreiber vertritt, junge Menschen auf einer Jobbörse an, die dann vor dem Bundestag mit Aussagen wie „E-Fuels for Future“ oder „Klimaschutz könnte man tanken“ für E-Fuels warben. Der Spiegel beurteilte die Aktion als „typisches Astroturfing“, bei dem sich Konzerne „als Teil sozialer oder ökologischer Bewegungen inszenieren“. Der Hauptgeschäftsführer von UNITI bestritt das Astroturfing, es sei bei der Aktion nur darum gegangen, zu „informieren“.Susanne Götze, Arvid Haitsch: Ärger um E-Fuels. Das vergiftete Versprechen vom Wundersprit. In: Spiegel Online, 11. Februar 2025. Abgerufen am 7. Juli 2025. Eine weitere Astroturfing-Organisation ist die von Fritz Vahrenholt gegründete Gruppe „Rettet unsere Industrie“.Klimawandel. Wie Leugner den Klimaschutz ausbremsen. In: Deutschlandfunk, 19. August 2024. Abgerufen am 19. September 2025.

Auch Unternehmen wie die Deutsche Telekom haben allem Anschein nach Kundenbewertungen von einer Textagentur fingieren lassen, um so eine angeregte Kundendebatte über diverse Produkte in dem eigenen Shopping-Portal vortäuschen zu können.

Schweiz Das Zürcher Unternehmen Poolside AG hatte Anfang Dezember 2012 im Auftrag der Werbeanstalt Schweiz AG fünf Studenten angeworben, welche über mehrere Wochen hinweg dafür bezahlt wurden, in gängigen Schweizer Nachrichtenportalen unter einer Reihe von falschen Identitäten gezielt Stimmung gegen die Eidgenössische Volksinitiative «gegen die Abzockerei» zu machen. Die Sockenpuppen-Kampagne wurde nach einigen Wochen durch Recherchen des Tages-Anzeigers aufgedeckt und daraufhin eingestellt. Die Werbeanstalt Schweiz AG war zuvor vom Schweizer Wirtschaftsverband Economiesuisse dafür bezahlt worden, eine Plakat-Kampagne gegen die Volksinitiative durchzuführen, die Kampagnenleiterin des Wirtschaftsverbandes leugnete aber einen Zusammenhang.Mario Stäuble: Wie Gegner der Abzockerinitiative die Debatte manipulieren. In: Tages-Anzeiger. 29. Dezember 2012. Die Volksinitiative wurde schließlich mit einem Ja-Stimmenanteil von 67,9 % angenommen.

Vereinigtes Königreich Im Vereinigten Königreich hatten neben nationalistischen Strömungen vor allem ultrakonservative Politiker und neoliberale Rechte ein Interesse an einem Austritt des Landes ohne eine Einbindung in Regelungsmechanismen der Wirtschaft durch die Europäische Union. Nach der von etlichen Thinktanks und Unternehmen finanzierten „Vote Leave“ Kampagne von Boris Johnson, bauten die neoliberalen Unternehmer Richard Tice, John Longworth und Nigel Farage die Organisation „Leave means Leave“ auf. Mit dieser euroskeptischen Pressure Group lobbyierten sie als „Volksbewegung“ für den Austritt des Vereinigten Königreichs mit einem „Hard Brexit“. Leave means Leave wird als Astroturfing-Organisation der jungen neoliberalen Rechten angesehen und mit verantwortlich gemacht, für die politische Entwicklung die zum Rücktritt von Theresa May und dem Aufstieg von Boris Johnson führte. Etliche Aktive der Leave Means Leave Kampagne waren euroskeptische Konservative Abgeordnete des Unterhauses, organisiert in der sogenannten European Research Group (ERG). Tice wurde später Vorsitzender der Brexit Party (Reform UK).

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