Möglichkeit (von althochdeutsch mugan/magan „können“, „vermögen“, „mögen“; griechisch δύναμις dýnamis, lateinisch possibilitas, daher als Fremdwort Possibilität) ist die Realisierbarkeit eines Gegenstands, Vorgangs oder Zustands im praktischen oder theoretischen Sinne. Möglichkeit ist in der Philosophie eine der drei Modalitäten des Seins neben dem Wirklichen und dem Notwendigen.
Sprachlicher Ausdruck
Der sprachliche Ausdruck der Möglichkeit fällt in die Kategorie der sprachlichen Modalität, typische Ausdrucksmittel sind Modalverben („kann“, „könnte“, „wird (wohl)“, „darf“, „dürfte“) oder bestimmte Adverbien („vielleicht“). Für inhaltliche Unterscheidungen siehe insbesondere unter Modalität (Sprachwissenschaft) #Inhaltliche Gliederung des Gebiets der Modalität.
Im Gegensatz zu seiner traditionellen Bezeichnung „Möglichkeitsform“ ist es nicht die primäre Aufgabe des Konjunktivs, Möglichkeiten auszudrücken, sondern häufig steht hierbei auch der Indikativ (z. B. auch die Indikativform von Modalverben). Im Bereich des grammatischen Modus gibt es aber auch spezielle Kategorien zur Bezeichnung von Möglichkeit in manchen Sprachen, siehe unter Potentialis, sowie auch: Voluntativ (Modus der Absicht etc.) Optativ (Modus des Wunsches oder auch einer Möglichkeit) Deliberativ (eine indirekte Frage, wenn mehrere Möglichkeiten offen sind) Dubitativ (Modus der unbestätigten Information, des Hörensagens) Suppositiv (Modus der Vermutung)
Bedeutungsanalyse „Etwas ist möglich“, wenn es nicht ausgeschlossen werden kann, dass es der Fall ist. „Es ist möglich, dass du recht hast“ bedeutet zum Beispiel: „Ich kann nicht ausschließen, dass du recht hast.“
Der Ausschlussgrund kann verschiedener Art sein:
Logische Unmöglichkeit „Es ist nicht möglich, dass etwas in derselben Hinsicht der Fall und zugleich nicht der Fall sein soll.“ Das schließt der Satz vom Widerspruch aus. Begriffliche Unmöglichkeit „Es ist nicht möglich, dass ein schwarzer Schimmel existiert“, denn Schimmel sind per Definition weiß. Naturgesetzliche Unmöglichkeit „Es ist nicht möglich, ein Perpetuum mobile zu bauen“, denn das würde dem Energieerhaltungssatz widersprechen. Technische Unmöglichkeit „Es ist (gegenwärtig technisch) nicht möglich, dass sich ein Mensch jetzt in Berlin befindet und dass derselbe Mensch sich eine Minute später in Peking befindet“, denn die gegenwärtig schnellsten Fortbewegungsmittel, die Raketen, benötigen dafür mehr als 15 Minuten.
Man kann weiterhin unterscheiden zwischen möglichen Ereignissen und möglichen Handlungen:
Möglichkeit von Ereignissen „Wenn sich in einer Lostrommel neben Nieten auch ein Gewinnlos befindet, ist es möglich, zufällig einen Gewinn zu ziehen“, denn die Wahrscheinlichkeit für dieses Ereignis ist größer als Null. Möglichkeit von Handlungen „Als Mitglied eines Erschießungskommandos hat man die Möglichkeit, daneben zu schießen“, denn ein Gewehrschütze kann die Richtung seines Gewehrlaufes bestimmen.
Aussagen über Handlungsmöglichkeiten beziehen sich immer auf bestimmte Subjekte unter bestimmten Bedingungen (Wem ist es unter welchen Bedingungen möglich, diese Handlung auszuführen?).
Handlungsmöglichkeiten, die je für sich, aber nicht gleichzeitig realisiert werden können, weil sie einander ausschließen, werden als „alternative Handlungsmöglichkeiten“ oder nur kurz als „Alternativen“ bezeichnet. Zwischen Alternativen muss man sich deshalb entscheiden („Es ist mir möglich, am kommenden Sonntag entweder ans Meer oder in die Berge zu fahren. Wie soll ich mich entscheiden?“).
Alternativen und Optionen Möglichkeit oder Option ist im Konstrukt „Eine Möglichkeit (unter mehreren) ist …“ ein Hinweis, dass es zu der dargestellten Variante oder Version eine Alternative gibt. Die Möglichkeit ist die Idee oder Vorstellung, deren Realisierbarkeit erkannt wurde. In dieses Umfeld gehört auch die Chance, bei der das Eintreten einer Möglichkeit intentional gefördert wird. Die Möglichkeit liegt in der Gegenwart und eröffnet ein variables Feld für verschiedene mögliche Handlungen in der Zukunft, wie zum Beispiel beim Schachspiel sich mit jedem Zug Hunderte neue Möglichkeiten an zukünftigen Zügen auftun. Ihr Ergebnis ist unbestimmt. Die Möglichkeit ist nichts Zwingendes und Unausweichliches wie etwa das Schicksal. Sie verlangt nach einer Entscheidung. In der Mikroökonomie werden Optionen hinsichtlich ihrer Opportunitätskosten bewertet.
Fähigkeit „Jemand (oder etwas) hat die Möglichkeit“ ist eine andere Formulierung für Fähigkeiten oder Eigenschaften. Die „Grenze des Möglichen“ ist synonym mit der „Grenze des Machbaren (Erfahrbaren, Vorstellbaren)“.
Diese Verwendung des Möglichkeitsbegriffes entspricht einer nicht-modalen, das heißt einer prädikativen Verwendung. Man drückt somit mittels des Möglichkeitsbegriffes ein Vermögen bzw. eine Fähigkeit eines Dinges aus, beispielsweise „Holz ist brennbar.“ → Die Möglichkeit zu brennen wohnt dem Holz inne, sie ist ihm eigen. In der Philosophie bezeichnet man das als Potenz.
Die Möglichkeit unterliegt dabei bestimmten Bedingungen oder Voraussetzungen.
Wahrscheinlichkeit des Eintretens Möglichkeit („etwas ist möglich“) bezeichnet umgangssprachlich eine niedrige Eintrittswahrscheinlichkeit für ein Ereignis nach einer persönlichen Meinung. In diesem Sinn kann die Möglichkeit als Variante der Wirklichkeit angesehen werden.
Die Wahrscheinlichkeitstheorie kennt eine genaue Quantifizierung zwischen 0 und 1 bzw. 0 Prozent und 100 Prozent der Wahrscheinlichkeit für das Eintreten mathematisch erfassbarer zufälliger Ereignisse. Die alltägliche Sprache begnügt sich jedoch mit einer groben und nicht klar umrissenen Unterteilung, die auch auf nicht exakt bestimmbare Eintrittswahrscheinlichkeiten angewendet werden. Manche verbalen Ratingskalen legen die Begriffe häufig in dieser Form fest.
Folgende Begrifflichkeit ist üblich: sicher, immer (100 Prozent Eintrittswahrscheinlichkeit) so gut wie sicher sehr wahrscheinlich, höchst wahrscheinlich wahrscheinlich, überdurchschnittlich durchschnittlich, halbe-halbe, fifty-fifty (50 Prozent Eintrittswahrscheinlichkeit) möglich, unterdurchschnittlich vorstellbar, kann sein schwer vorstellbar, kaum möglich, praktisch unmöglich, nicht auszuschließen unmöglich, nie (0 Prozent Eintrittswahrscheinlichkeit)
Die vage Eintrittswahrscheinlichkeit möglich ist normalerweise irgendwo unterhalb der 50-Prozent-Schwelle anzusiedeln. Abhängig vom verwendeten sprachlichen Zusammenhang liegt die Wahrscheinlichkeit sowohl im extrem unwahrscheinlichen Bereich („Es ist möglich, im Lotto zu gewinnen.“) als auch im mittleren Bereich („Es ist möglich, dass das Wetter morgen genau so ist wie heute.“).
In der Fuzzylogik spricht man von Möglichkeitsverteilung, analog zur Wahrscheinlichkeitsverteilung der Wahrscheinlichkeitstheorie.
Philosophie Antike In der antiken Philosophie fanden Debatten über das Mögliche statt. Dabei gelangten die Megariker Diodoros Kronos und Philon von Megara, der Stoiker Chrysippos von Soloi und Aristoteles zu unterschiedlichen Ergebnissen.
Diodor gab zwei Definitionen des Möglichen: „Möglich ist, was entweder wahr ist oder wahr sein wird“ (bezogen auf logische Inhalte) und „Möglich ist, was entweder der Fall ist oder der Fall sein wird“ (bezogen auf physikalische Inhalte). Demnach ist das Mögliche mit dem Wirklichen identisch, eine nicht verwirklichte Möglichkeit kann es nicht geben. Philon, ein Schüler Diodors, gelangte zu einer gegenteiligen Auffassung. Er bestimmte das Mögliche als das, was aufgrund der ihm eigenen Natur oder Disposition die Tauglichkeit besitzt, (wahr) zu sein, unabhängig davon, ob äußere Umstände die Verwirklichung dauerhaft verhindern.Klaus Döring: Sokrates, die Sokratiker und die von ihnen begründeten Traditionen. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Basel 1998, S. 139–364, hier: 227 f.
Die Richtigkeit seiner Bestimmung des Möglichen versuchte Diodor mit dem Argument zu beweisen, das als Meisterschluss oder Meisterargument bezeichnet wird und heute nur aus indirekter Überlieferung bekannt ist. Es besagt, dass von den drei Aussagen „Alles Wahre in der Vergangenheit ist notwendig“, „Aus Möglichem folgt nichts Unmögliches“ und „Es gibt Mögliches, das weder wahr ist noch wahr sein wird“ die erste und die zweite evident wahr seien und daraus die Falschheit der dritten erschlossen werden könne. Allerdings ist nicht überliefert, welche Überlegungen Diodor zu den ersten beiden Aussagen geführt haben, wie diese genau zu verstehen sind und warum er sie für evident hielt. Das Argument galt in der Antike als formal korrekt, bestritten wurde nur die einsichtige Wahrheit der ersten oder der zweiten Aussage.Klaus Döring: Sokrates, die Sokratiker und die von ihnen begründeten Traditionen. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Basel 1998, S. 139–364, hier: 228 f.
Aristoteles kann den Meisterschluss aus chronologischem Grund nicht gekannt haben, doch er kannte eine mit Diodors Ansicht übereinstimmende Auffassung, die er als Position „der Megariker“ wiedergab und zu widerlegen versuchte. Er nahm damit wohl auf eine ältere megarische Lehre Bezug, die später von Diodor weiterentwickelt wurde. Möglicherweise stellt der Meisterschluss eine Reaktion Diodors auf die aristotelische Kritik dar. Aristoteles machte geltend, die megarische Lehre, wonach nur das Wirkliche möglich ist, führe zu unsinnigen Konsequenzen, etwa der, dass zwischen einem Sehfähigen, der die Augen schließt, und einem Blinden kein Unterschied im Sein bestehe. Alle Vorgänge des Werdens und Vergehens setzen nach der Argumentation des Aristoteles das Mögliche voraus. Anderenfalls gälte die Überlegung: „Werden kann nur das, was nicht schon ist. Das Unmögliche kann nicht werden. Das, wozu die Möglichkeit fehlt, ist unmöglich. Wenn also nur das möglich ist, was wirklich ist, dann ist das, was noch nicht ist, unmöglich. Dann aber kann überhaupt nichts werden.“ Die Gegenposition des Aristoteles zur megarischen Verneinung der Möglichkeit besagt, dass das Angelegtsein in bestimmten Seinsbedingungen das Mögliche konstituiert. Die konstante Regelmäßigkeit dieser Bedingungen ermöglicht es, auch dem noch nicht Seienden schon Seinskategorien zuzuschreiben und damit ein Mögliches vom Nichts und vom Wirklichen zu unterscheiden.Klaus Döring: Sokrates, die Sokratiker und die von ihnen begründeten Traditionen. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 2/1, Basel 1998, S. 139–364, hier: 228 f.; Josef Stallmach: Dynamis und Energeia, Meisenheim am Glan 1959, S. 62–67.
Chrysippos entwickelte sein Konzept in der Auseinandersetzung sowohl mit den megarischen als auch mit den aristotelischen Überlegungen. Nach seiner Lehre ist das als Sachverhalt möglich, was wahr sein kann und nicht von äußeren Umständen daran gehindert wird, wahr zu sein.Peter Steinmetz: Die Stoa. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Band 4/2, Basel 1994, S. 491–716, hier: 597 f. Kant