mini|hochkant|Maria Theresia Paradis, 1784. Maria Theresia Paradis, trotz ihrer bürgerlichen Herkunft und seit Jahrzehnten falsch als von Paradis bezeichnetHermann Josef Ullrich wies in einem Aufsatz im Jahrbuch des Vereins für Geschichte der Stadt Wien (Bd. 17/18, 1961/1962) nach, dass sie nicht von Adel war. Gleiches geht hervor aus Karl Friedrich von Frank: Standeserhebungen und Gnadenakte für das Deutsche Reich und die Österreichischen Erblande bis 1806, sowie kaiserlich österreichische bis 1823 mit einigen Nachträgen zum „Alt-Österreichischen Adels-Lexikon 1823–1918“. Selbstverlag, Senftenegg (Dazu auch: Michael Lorenz: Rezension von Marion Fürsts Monographie. In: Mozart-Jahrbuch 2007/08, Bärenreiter, Kassel etc. 2011, S. 189–193) (* 15. Mai 1759 in Wien; † 1. Februar 1824 in Wien), war eine österreichische Pianistin, Sängerin (Sopran), Komponistin und Musikpädagogin. Sie war seit ihrer frühen Kindheit blind. Im Wiener Musikleben war sie sehr prominent und mit vielen bedeutenden Vertretern der Wiener Klassik wie Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart bekannt. Auf einer Europatournee von 1783 bis 1786 spielte sie vor zahlreichen hochgestellten Persönlichkeiten, darunter dem französischen Königspaar Ludwig XVI. und Marie-Antoinette sowie dem englischen König Georg III. und seiner Gemahlin Charlotte. Valentin Haüy wurde bei einem Konzert 1784 von ihr derart fasziniert, dass er sich für die Ausbildung von Blinden einzusetzen begann.
Leben Maria Theresia Paradis war eine der Töchter des Wiener Hofbeamten Joseph Anton Paradis und seiner Gattin Maria Rosalia. Benannt wurde sie nach ihrer vor ihrer Geburt verstorbenen Schwester Maria Theresia Clotildis (3. Juni 1758 – 17. März 1759). Neben den Zwillingsschwestern Josepha und Elisabeth hatte sie noch einige weitere Schwestern und Brüder. Ihr Großvater Claudius war Kammerdiener und dann „Gräflich Esterházy’scher Regent“, ihr Onkel Leopold war Tänzer, der „1753 nach Paris ging, um ‚dort besser tanzen zu lernen‘ und 1776 die Ballettschule des Moskauer Waisenhauses übernahm“.Vgl. Michael Lorenz: Rezension von Marion Fürsts Monographie. In: Mozart-Jahrbuch 2007/08, Bärenreiter, Kassel etc. 2011, S. 189–193. Als Maria Theresia Paradis ungefähr drei Jahre alt war, erblindete sie. Sie erhielt neben einer guten Allgemeinbildung Musikunterricht durch Wiener Musikgrößen wie Leopold Koželuh (Klavier), Vincenzo Righini, Abbé Georg Joseph Vogler (Gesang) und Antonio Salieri (Harmonielehre), der auch für längere Zeit zum Freundeskreis der Familie zählte.
Entgegen verbreiteten, auf Franz Gräffer zurückgehenden Behauptungen war „die Paradis“ kein Patenkind der Kaiserin Maria Theresia, erhielt jedoch finanzielle Unterstützung, eine sogenannte Gnadenpension, aus der persönlichen Börse der Kaiserin, die von Joseph II. später gestrichen wurde. Sie war seit 1775 als Pianistin in Wien sehr prominent und gab zahlreiche Konzerte.
mini|hochkant|Orgel mit originalem Gehäuse von 1730 in der Augustinerkirche in Wien In Wien wie auch auf ihrer großen Europatournee brachte sie neben vielen Werken ihres hauptsächlichen Lehrers Koželuh auch Klavierkonzerte von Joseph Haydn (nachweislich Konzert G-Dur Hob XVIII:4) und seltener von Wolfgang Amadeus Mozart zu Gehör. In einem Brief vom 16. Februar 1785 schreibt Leopold Mozart seiner Tochter Maria Anna von einem neuen Klavierkonzert, das sein Sohn „für die Paradis nach Paris gemacht“ habe. Dabei handelt es sich nach neueren Forschungen wohl um KV 456.Vgl. Marion Fürst: Maria Theresia Paradis – Mozarts berühmte Zeitgenossin. Böhlau, Köln 2005, ISBN 3-412-19505-7, S. 114. Salieri widmete ihr sein 1773 entstandenes Orgelkonzert, das sie höchstwahrscheinlich ebenfalls öffentlich aufführte. Sie spielte nachweislich auf der Orgel der Augustinerkirche in Wien.
Nach einem Martyrium durch eine Vielzahl damals moderner Behandlungen, die ihre Blindheit kurieren sollten, galt sie den am Wiener Hof anerkannten Medizinern als unheilbar. Danach war sie einige Monate lang Patientin des zwar in Wien berühmten, aber von Kollegen angefeindeten Arztes Franz Anton Mesmer, wonach sich ihr Zustand zeitweise merklich besserte.Allerdings kam sie mit ihrem eigenen Spiegelbild und ihrem Klavierspiel nicht zurecht und verfehlte sehenden Auges die Tasten. Menschennasen fand sie lächerlich. Die Sterne betrachtete sie aber stets mit großer Bewunderung. Vgl. Marion Fürst, S. 45.
Nachdem ihre Eltern sie im Juni 1777 Mesmers Behandlung entzogen hatten, fiel sie wieder in vollkommene Blindheit zurück. Inwiefern diese Blindheit entstand oder was diese auslöste, wird bislang nur vermutet.Laut den Aussagen ihrer Eltern soll sie „plötzlich“ über Nacht, „durch eine zurückgeschlagene Feuchtigkeit oder Verkältung“ entstanden sein. Eine andere Geschichte erzählt von einem „entsetzlichen Geschrei“ im Hause Paradis, worauf das Kind aus Schreck sofort erblindet sei. Keine der beiden Versionen ist glaubwürdig, und Letztere gar nicht nachweisbar (Vgl. Marion Fürst, S. 23).
Zeitgenössische Berichte zeichnen ein anderes Bild ihrer Erkrankung und deren Heilungsversuchen. Am 15. Juni 1779 hatte sie an Mesmer als „Ihre glücklichste und dankbarste Tochter“ einen Dankesbrief gerichtet:
Nur zehn Tage später berichtete über das „seit ihrem 4ten Jahre am schwarzen Staare blinde Fräulein von Paradis“ die Brünner Reichs-Zeitung: „jetzt ist dies Fräulein wieder blind“.
Am 20. September 1813 ließ sie notariell beurkunden, sich getäuscht zu fühlen, und es sei keine Besserung ihres Sehvermögens durch Mesmers Behandlung eingetreten, was Johann Riedinger (s. u.) und Anton Peck bezeugten:
Europatournee Eine große Tournee führte die Pianistin von 1783 bis 1786 unter anderem nach Hamburg, wo sie mit Carl Philipp Emanuel Bach zusammentraf, Berlin, in die Schweiz, nach Frankreich, England, in die Österreichischen Niederlande und nach Böhmen. Begleitet wurde sie von ihrer Mutter Maria Rosalia und von Sigmund Falgara (1752–1790, Musiker, mindestens bis Februar 1784) und ihrem Librettisten, Violinisten und späteren Lebensgefährten Johann Riedinger (vermutlich ab Herbst 1785), der ihretwegen eine Blindennotenschrift erfand. Nahezu alle Konzertbeschreibungen dieser Zeit lauten ähnlich:
mini|Europatournee von Maria Theresia Paradis 1783–1786 Durch diese Konzertreise wurde Maria Theresia Paradis über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt und beeindruckte und beeinflusste insbesondere Valentin Haüy und Johann Wilhelm Klein, die Begründer der ersten Blindeninstitute in Paris, Wien und Berlin. Für ihre Korrespondenz verwendete sie einen von Wolfgang von Kempelen, ihrem früheren Hauslehrer, entwickelten Setzkasten, eine Vorform der Blindenschreibmaschine. Damit war mit der Grundstein gelegt zur heutigen Blindenschrift von Louis Braille. Ihre Reisestationen lassen sich auch anhand ihres Stammbuchs, das sie auf der Reise mit sich führte, belegen – und dadurch auch etliche Persönlichkeiten, die sich darin eingetragen haben.Dieses Buch befindet sich in einer Schatulle in der Stadtbibliothek Wien. Zwar reisten viele Musiker und Komponisten in dieser Zeit durch Europa, meist aber nur, um von ihrem Arbeitgeber z. B. zur Fortbildung nach Italien und zurück zu gelangen. Maria Theresia Paradis’ Reise ist – ähnlich wie die Wunderkinder-Reise der Mozarts von 1763 – etwas Außergewöhnliches. Eine weitere blinde Zeitgenossin von Maria Theresia Paradis, Marianne Kirchgeßner, war nahezu zeit ihres ganzen Lebens auf Tournee. Eine besondere Herausforderung stellten die Logistik, das teils noch schlecht ausgebaute Straßensystem und vor allem die teils üblen Unterkünfte in jener Zeit dar.Barbara Hodgson: Die Krinoline bleibt in Kairo. Reisende Frauen 1650 bis 1900. Hildesheim 2007, ISBN 978-3-8067-2955-9.Barbara Hodgson: Die Wüste atmet Freiheit. Reisende Frauen im Orient 1717 bis 1930. Hildesheim 2007, ISBN 978-3-8067-2956-6.Joseph Imorde und Erik Wegerhoff (Hrsg.): Dreckige Laken. Die Kehrseite der „Grand Tour“. Berlin 2012, ISBN 978-3-8031-2680-1.Attilio Brilli: Als Reisen eine Kunst war. Vom Beginn des modernen Tourismus: Die „Grand Tour“. 4. Auflage. Berlin 2012, ISBN 978-3-8031-2274-2.Christoph-Hellmut Mahling (Hrsg.): Musiker auf Reisen. Beiträge zum Kulturtransfer im 18. und 19. Jahrhundert. Augsburg 2011.
Wichtige Reisestationen