mini|90px|Armreliquiar: Rückansicht mini|90px|Frontansicht
Der Welfenschatz ist der ehemalige Reliquienschatz der Stiftskirche St. Blasius’ und St. Johannis des Täufers, des heutigen Braunschweiger Doms, beziehungsweise der Großteil des Schatzes, der nach 1945 in den Besitz der deutschen öffentlichen Hand übergegangen ist. Beim Schatz handelt es sich um kunsthandwerkliche Gegenstände, die in der Zeit zwischen dem 11. und dem 15. Jahrhundert gefertigt wurden, größtenteils um Goldschmiedearbeiten. Als Welfenschatz wird er erst nach 1866 bezeichnet, als er sich im Privatbesitz der exilierten Familie der Welfen befand, deren Vorfahren ihn einst dem Dom gestiftet hatten.
In der Zeit des Nationalsozialismus ging der Schatz, der mittlerweile von den Welfen an ein Konsortium von Kunsthändlern verkauft worden war, unter umstrittenen Umständen in das Eigentum des preußischen Staates über, nach dem Zweiten Weltkrieg in das der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Versuche der Kunsthändler-Erben, den Schatz wiederzuerlangen, scheiterten. In Deutschland sprach sich die Limbach-Kommission gegen die Rückgabe aus, da es sich beim Schatz nicht um Raubkunst handle, und in den USA lehnte der Supreme Court die Zuständigkeit der US-Gerichte für eine Rückforderungsklage ab.
Geschichte Die brunonische Gräfin Gertrud die Ältere von Braunschweig († 1077, Gattin Liudolfs von Braunschweig) hatte bereits dem Vorgängerbau des Domes um das Jahr 1030 verschiedene wertvolle Ausstattungsgegenstände gestiftet. Von diesen befinden sich noch heute einige im Welfenschatz, darunter z. B. das Armreliquiar des Heiligen Blasius,Martina Junghans: Die Armreliquiare in Deutschland vom 11. bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts. Dissertation Bonn (2000), Bonn 2002, Kat.-Nr. 1 des Namensgebers des Braunschweiger Domes. Es befindet sich heute in der Mittelaltersammlung des Herzog Anton Ulrich-Museums in der Burg Dankwarderode.
Im Laufe der Jahrhunderte wurde der Schatz durch Vermächtnisse und Stiftungen erheblich vermehrt, so enthält ein Inventar aus dem Jahre 1482 140 Gegenstände. 1545 kamen Teile des Kirchenschatzes des Braunschweiger Cyriakusstiftes hinzu.
1574 wurde zum ersten Mal ein Diebstahl aus dem Schatz verzeichnet: Es wurden zwanzig Gegenstände – hauptsächlich Monstranzen – gestohlen, die seither als verschollen gelten. Einige der gestohlenen Objekte wurden von den beiden Tätern Hans Kellermann und Hans Rotermund jedoch nachweislich kurz nach ihrem Einbruch von Braunschweig nach Dedeleben gebracht. Hier wohnte die Familie Gulden, welche Kellermann und Rotermund zu dem Diebstahl angestiftet hatte. Im Beisein der beiden Diebe wurden die Edelsteine aus den vasa (non) sacra herausgebrochen, die silbernen Objekte eingeschmolzen und beides anschließend verkauft – ausgenomen einer kleinen cristallen, die er, Hans Kellerman, einem megdelein zu Hessen in des wirts haus geschanckett. Cosmos Gulden wurde unter Staupenschlägen für immer der Stadt verwiesen. Die Diebe Kellermann und Rotermund wurden 1575 hingerichtet. 1658 und in den folgenden Jahren entnahm Herzog Anton Ulrich zahlreiche Teile.
Übergabe des Schatzes an die Welfen Nachdem die protestantische Stadt Braunschweig am 12. Juni 1671 ihre Unabhängigkeit verloren hatte, wurde der Schatz – bis auf das Armreliquiar des Namenspatrons des Domes – an den 1651 zum Katholizismus übergetretenen Herzog Johann Friedrich ausgehändigt. Zum Zeitpunkt der Übergabe des Schatzes am 16. Juli 1671 war er noch ungeteilt. Johann Friedrich ließ ihn zunächst in die Schlosskirche in Hannover bringen, wo der Schatz nur sehr selten und nur wenigen ausgewählten Personen präsentiert wurde. Johann Friedrich war Sammler und baute die bestehende Sammlung weiter aus. Er bestellte den Abt des Klosters Loccum Gerhard Wolter Molanus zum Kustos der Sammlung. Dieser erstellte 1697 einen neuen Katalog, der auch für den Papst in die lateinische Sprache übersetzt wurde.
Im Verlaufe der Napoleonischen Kriege wurde der Schatz zum Schutz vor den feindlichen Truppen nach England in Sicherheit gebracht, kehrte dann aber wieder nach Hannover zurück, wo er im von König Georg V. 1861 gegründeten und 1862 eröffneten „Königlichen Welfenmuseum“ ausgestellt wurde.
Nachdem das Königreich Hannover 1866 von Preußen annektiert worden war, wurde der Schatz Georg V. als privates Eigentum zuerkannt, woraufhin er ihn mit ins Exil nach Österreich nahm und im Wiener Museum für Kunst und Industrie der Öffentlichkeit zugänglich machte. Im Jahre 1891 erschien schließlich der erste wissenschaftliche Katalog, in dem von dem österreichischen Zisterzienser und Kirchenhistoriker Wilhelm Anton Neumann alle verbliebenen Teile des Schatzes aufgelistet und beschrieben wurden.
Verkauf und Zerschlagung des Schatzes 1928 schließlich bemühte sich ein Enkel Georgs V., Herzog Ernst-August von Braunschweig-Lüneburg, die verbliebenen 82 Stücke des Schatzes zu verkaufen, da er etliche Schlösser zu unterhalten und erhebliche Pensionslasten zu tragen, jedoch durch die Revolution von 1918 seine wesentliche Einkunftsquelle verloren hatte. Auch große Teile des Hausvermögens der Welfen waren von 1866 bis zur Einigung im Streit um den Welfenfonds im Jahr 1933 eingefroren. Ernst-August forderte 24 Millionen Reichsmark für den gesamten Schatz.
Zahlreiche deutsche Museen bemühten sich, den Reliquienschatz als Ganzes für Deutschland zu erhalten und einer drohenden Zerschlagung entgegenzuwirken. Aber selbst Eingaben beim Reichskanzler und der Preußischen Staatsregierung blieben aufgrund der nicht verhandelbaren Bedingungen seitens des Welfenherzogs vergeblich. Herzog Ernst-August machte schließlich der Stadt Hannover das Angebot, den Welfenschatz zusammen mit dem Berggarten, dem Großen Garten sowie der Herrenhäuser Allee für 10 Millionen RM zu übernehmen.
Am 5. Oktober 1929, knapp drei Wochen vor dem Schwarzen Freitag, mit dem die Weltwirtschaftskrise begann, erwarb ein Konsortium von mehreren Parteien, darunter die öffentlich agierenden drei namhaften jüdischen Frankfurter Kunsthändler, die Firmen J. & S. Goldschmidt (Julius Falk Goldschmidt), I. Rosenbaum (Isaak Rosenbaum, Saemy Rosenberg) und Z. M. Hackenbroch (Zacharias Max Hackenbroch), den aus 82 Einzelexponaten bestehenden Reliquienschatz für 7,5 Millionen Reichsmark unter Vorbehalt, da die Verhandlungen mit der Stadt Hannover noch nicht abgeschlossen waren. Fristtermin war Ende des Jahres. Nach einer Zustimmung des Magistrats kam es trotz des starken öffentlichen Interesses zu einer Ablehnung durch die städtischen Kollegien. Im Januar 1930 wurde der Verkauf an die Frankfurter Händler rechtsgültig.
Im Rahmen verschiedener Verkaufsausstellungen im Städel Museum in Frankfurt, im Schloss-Museum in Berlin (das heutige Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Museen zu Berlin) und den USA konnten bis 1930/31 vierzig Exponate für insgesamt 2,7 Millionen Reichsmark an private und öffentliche Sammlungen in die USA veräußert werden.Zahlen nach der vom 20. März 2014, abgerufen am 18. Februar 2021. Die meisten Stücke, darunter der sog. Gertrudis-Tragaltar, sicherte sich das Cleveland Museum of Art. Auch das Art Institute of Chicago kaufte acht Teile an. Für die wesentlich höher bewerteten Hauptstücke der Sammlung fand sich indes kein Käufer.
Zum Verbleib aller 1929 erworbenen Teile siehe: Welfenschatz (Liste)
Erwerb durch den preußischen Staat 1935 Nachdem, bedingt durch Inflation und Wirtschaftskrise, keine weiteren Käufer für den Welfenschatz gefunden werden konnten, zeigte 1934 die Dresdner Bank, stellvertretend für den Staat Preußen, Interesse an einem Kauf der Sammlung, die sich seit 1930 in einem Banksafe in Amsterdam befand. Die beteiligten Kunsthändler, die infolge der desolaten Wirtschaftsklimas und der unmittelbar nach der nationalsozialistischen Machtergreifung Anfang 1933 einsetzenden antisemitischen Verfolgung offenbar in ernsthafte wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten waren und zum Teil bereits vor 1935 ins Ausland emigrieren mussten, verhandelten unter der Führung von Saemy Rosenberg 17 Monate über den Kaufpreis der verbliebenen 42 Kunstwerke. Das Konsortium erwartete eine Ankaufssumme von 6 bis 7 Millionen Reichsmark, man einigte sich schließlich auf eine Kaufsumme von 4,25 Millionen Reichsmark. 800.000 RM wurden davon in Kunstwerken entrichtet, die im Ausland für die ausländischen Geschäftspartner des Konsortialvertrages verkauft werden sollten.
In die Verhandlungen über den Ankauf der Sammlung waren ab 1934 Samuel Ritscher, Vorstandsmitglied der Dresdner Bank, auf Seiten des Landes Preußen sowohl der später als NS-Kriegsverbrecher verurteilte Jurist SS-Obergruppenführer Wilhelm StuckartStiftung Preußischer Kulturbesitz: Jahrbuch Preussischer Kulturbesitz. Band 23, Berlin 1987, S. 422. als auch der später als Widerstandskämpfer hingerichtete Finanzminister Johannes Popitz maßgeblich beteiligt.
Für die nationalsozialistische Reichsregierung, mehr noch für den damals pro forma noch existierenden Freistaat Preußen unter seinem Ministerpräsidenten Hermann Göring war die „Rückführung“ des Welfenschatzes ins Deutsche Reich von überragender kulturpolitischer Bedeutung, denn die Ankaufsverhandlungen wurden maßgeblich vom preußischen Finanzminister Johannes Popitz sowie Bernhard Rust, damals preußischer Kultusminister und Mitinitiator des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, koordiniert und mit Zustimmung Görings durchgesetzt (aus dem Vorwort des Begleitkataloges zur Ausstellung des Welfenschatz 1935 in Berlin: „… Daß der Schatz nach seinen Irrfahrten durch die neue Welt nun doch noch für seine deutsche Heimat gerettet worden ist, danken wir der kulturbewußten und zielsicheren Energie des Preußischen Finanzministers, Herrn Dr. Popitz, und des Reichs- und Preußischen Ministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, Herrn Bernhard Rust, die beide mit freudigster Zustimmung des Herrn Ministerpräsidenten Göring die Erwerbung des Schatzes beschlossen und durchgesetzt haben.“)Staatliche Museen zu Berlin: Der Welfenschatz, Einführung und beschreibendes Verzeichnis. Berlin 1935.
Zu den kunsthistorisch bedeutendsten Stücken des Welfenschatzes gehören das „Welfenkreuz“, der Eilbertus-Tragaltar, das Kuppelreliquiar sowie das Plenar Ottos des Milden.
Die für das Schlossmuseum erworbenen Sakralwerke wurden während des Zweiten Weltkrieges ab 1939 in Friedrichshain, später im Salzbergwerk Kaiseroda ausgelagert und konnten so vor Zerstörung oder Raub gerettet werden.
Verbleib nach 1945 Nach Kriegsende erfolgte die Beschlagnahme durch US-Truppen. Sie übergaben den Schatz anschließend treuhänderisch an das Land Hessen und 1955 schließlich an Niedersachsen. 1957 ging der verbliebene Rest des Welfenschatzes in das Eigentum der Stiftung Preußischer Kulturbesitz über. Von 1957 bis November 1963 war der Welfenschatz wieder in der Burg Dankwarderode zu besichtigen, bevor er – gegen großen Widerstand der Stadt Braunschweig, aber auch des Landes Niedersachsen – erneut nach Berlin in das dortige Kunstgewerbemuseum gesandt wurde, wo er seither zu sehen ist. Es handelt sich weltweit um den umfangreichsten in einem Kunstmuseum ausgestellten Kirchenschatz. Er bildet den Höhepunkt der Mittelaltersammlung.
In Braunschweig verblieben neben dem ältesten Armreliquiar weitere Teile, die das Herzog Anton Ulrich-Museum nach 1945 erworben hatte.
Restitutionsanspruch Die Erben der jüdischen Frankfurter Kunsthändler machen seit 2008 Ansprüche auf Rückgabe (Restitution) der Kunstgegenstände geltend.NS-Raubkunst – „Unwürdig und moralisch höchst fragwürdig.“ In Die Zeit vom 2. Juni 2009 Der Wert des Schatzes wird seitens der Preußenstiftung auf 100 Millionen Euro geschätzt. Die klagenden Erben gehen von einem Wert von 260 Millionen Euro aus.