Der stählerne Traum (englisch The Iron Dream) ist ein 1972 erschienener Science-Fiction-Roman des US-amerikanischen Schriftstellers Norman Spinrad. Die deutsche Übersetzung von Walter Brumm erschien 1981 im Wilhelm Heyne Verlag.
Der Roman ist eine Alternativweltgeschichte mit metafiktionaler Rahmenhandlung: In der erzählten Welt ist Adolf Hitler nach dem Ersten Weltkrieg in die Vereinigten Staaten ausgewandert und dort nicht Politiker, sondern Science-Fiction-Autor geworden. Den Hauptteil des Buches bildet der fiktive Roman Der Herr des Hakenkreuzes, der Hitler zugeschrieben wird. Dieser Binnenroman greift Motive faschistischer Ideologie, rassistischer Reinheitsvorstellungen und heroischer Fantasy- und Science-Fiction-Erzählungen auf. Ein fiktives Nachwort kommentiert das Werk und seine Ideologie kritisch.
In Deutschland wurde Der stählerne Traum 1982 wegen des Vorwurfs der Verherrlichung nationalsozialistischen Gedankenguts indiziert. Die Indizierung wurde 1985 vom Oberverwaltungsgericht Münster aufgehoben; diese Entscheidung wurde 1987 vom Bundesverwaltungsgericht bestätigt.
Handlung
Der Roman ist als Rahmenhandlung angelegt. Er besteht aus einer fiktiven Autorenbiografie Adolf Hitlers, dem angeblich von Hitler verfassten Science-Fiction-Roman Der Herr des Hakenkreuzes und einem fiktiven Nachwort des Literaturwissenschaftlers Homer Whipple.
Rahmenhandlung
In der Alternativwelt des Romans wandert Adolf Hitler nach dem Ersten Weltkrieg in die Vereinigten Staaten aus. In New York arbeitet er zunächst als Zeichner, Illustrator und Übersetzer. Später wird er Mitarbeiter von Science-Fiction-Magazinen und verfasst eigene Geschichten. In seinem Todesjahr 1953 schreibt er den Roman Der Herr des Hakenkreuzes, für den er 1955 postum mit dem Hugo Award ausgezeichnet wird.
Binnenroman: Der Herr des Hakenkreuzes
Der Binnenroman spielt nach einem atomaren Krieg in einer Welt, in der die Menschheit in „reine“ Menschen und Mutanten geteilt ist. Der Protagonist Feric Jaggar kehrt aus dem Exil in das Reich Heldon zurück, das sich als Zufluchtsort der genetisch „reinen“ Menschen versteht. Jaggar erkennt die politischen Institutionen Heldons als von Mutanten unterwandert und schwach gegenüber äußeren Feinden. Durch eine Rede vor einer aufgebrachten Menge gewinnt er erstmals politische Gefolgschaft.
Jaggar übernimmt daraufhin die Führung der „Partei der menschlichen Wiedergeburt“, benennt sie in „Söhne des Hakenkreuzes“ um und gründet eine paramilitärische Eliteformation, die SS. Sein Aufstieg verbindet politische Agitation, Straßenkämpfe, einen Putsch gegen den Nationalrat und die Errichtung einer diktatorischen Herrschaft. Die Handlung greift dabei Motive der nationalsozialistischen Machtübernahme und Herrschaft auf, darunter Führerkult, Rassenideologie, politische Gewalt, „Säuberungen“ und Eroberungskrieg.
Im Krieg gegen das Reich Zind, das von Mutanten beherrscht wird, führt Jaggar einen Vernichtungskrieg. Nach einer atomaren Verseuchung ordnet er die Sterilisierung der Bevölkerung und ein genetisches Zuchtprogramm an. Am Ende des Binnenromans beginnt die Expansion ins All: Eine Rakete mit geklonten blonden SS-Männern und einem genetischen Duplikat Jaggars startet zu einer interstellaren Kolonisierung.
Nachwort
Das fiktive Nachwort von Homer Whipple behandelt Der Herr des Hakenkreuzes als Werk des in der Romanwelt bekannten Science-Fiction-Autors Adolf Hitler. Whipple kritisiert Stil, Inhalt und Ideologie des Buches sowie die politischen und psychosexuellen Fantasien, die darin sichtbar werden. Zugleich wird im Nachwort deutlich, dass auch die Alternativwelt außerhalb des Binnenromans von autoritären und ideologischen Konflikten geprägt ist.
Form und satirische Anlage
Der stählerne Traum ist als metafiktionaler Roman im Roman konstruiert. Die satirische Wirkung entsteht nicht allein durch die Handlung des Binnenromans, sondern durch die Zuschreibung dieses Textes an einen fiktiven Adolf Hitler und durch das anschließende Nachwort. Dadurch wird der Binnenroman zugleich als Science-Fiction- und Fantasy-Erzählung und als Darstellung autoritärer, rassistischer und militaristischer Wunschvorstellungen lesbar.
Ursula K. Le Guin beschrieb den Roman 1973 in Science Fiction Studies als Parodie auf Sword and Sorcery und auf ideologisch aufgeladene Formen der Science-Fiction-Abenteuerliteratur. Die Figur Feric Jaggar und die Struktur des Binnenromans greifen demnach typische Motive heroischer Fantasy auf: den überlegenen männlichen Helden, die als minderwertig markierten Feinde, die mythische Waffe, Prüfungen, Kämpfe und den endgültigen Sieg des „Übermenschen“.Ursula K. Le Guin: On Norman Spinrad's The Iron Dream. In: Science Fiction Studies, Vol. 1, Part 1, Frühjahr 1973.
Le Guin sah die Stärke des Romans darin, dass vertraute Erzählmuster von Heldentum, Gehorsam, Reinheit, Krieg und Führung durch die fiktive Autorschaft Hitlers verfremdet werden. Zugleich wies sie auf das Risiko dieses Verfahrens hin: Da der Binnenroman über weite Strecken die Form der von ihm kritisierten Abenteuerliteratur annimmt, könne die satirische Distanz verfehlt werden.
Indizierung des Romans
Am 9. April 1981 stellte der niedersächsische Kultusminister Werner RemmersVgl. Wolfgang Jeschke: „Der stählerne Traum“ und die Deutschen. In: Heyne Science Fiction Magazin # 3, München 1982, S. 235, S. 259. einen Antrag bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften, das Buch Der stählerne Traum wegen „Verherrlichung nationalsozialistischen Gedankenguts“ zu indizieren. Trotz zweier Gutachten zugunsten des Romans, die von Rainer Eisfeld (im Auftrag des Verlages) und Dietrich Wachler (im Auftrag der BPjS) beigebracht wurdenVgl. Wolfgang Jeschke: „Der stählerne Traum“ und die Deutschen. In: Heyne Science Fiction Magazin # 3, München 1982, S. 259f. und 264f., wurde das Buch am 9. April 1982 indiziert. Der Wilhelm Heyne Verlag kämpfte um die Freigabe des Romans, bis das Oberverwaltungsgericht Münster 1985 die Indizierung aufhob. Diese Entscheidung wurde 1987 vom Bundesverwaltungsgericht bestätigt. vom 3. März 1987; Az.: 1 C 16.86
Romanelemente und Realität
Spinrad verarbeitet in dem von seiner Figur Adolf Hitler verfassten Roman Der Herr des Hakenkreuzes Motive der nationalsozialistischen Machtübernahme und Herrschaft in Deutschland, darunter politische Gewalt, Führerkult, Rassenideologie und die Ausschaltung innerparteilicher Gegner, die im Binnenroman unter anderem in der Niederschlagung der Revolte Stopas wiederkehrt. Einzelne Staaten und Personen der realen Geschichte sind durch Namensähnlichkeiten identifizierbar; das Reich Zind verweist auf die Sowjetunion. Auch nationalsozialistische Eroberungs- und Vernichtungspolitik sowie die rassistische Vorstellung „minderwertiger“ Bevölkerungen werden fiktional nachgezeichnet, inklusive des Vorhabens, neu eroberten Lebensraum durch die Internierung und Vernichtung der einheimischen Bevölkerung in speziellen Lagern zu sichern.
Im Nachwort greift Spinrad in der Rolle eines Buchkritikers namens Homer Whipple sowohl die Literaturgattung Sword and Sorcery als auch die in Der Herr des Hakenkreuzes vorgebrachten Ideen des Nationalsozialismus an.
Rezeption
The Iron Dream wurde 1972 für den Nebula Award in der Kategorie bester Roman nominiert. 1974 erhielt der Roman den französischen Prix Apollo.
Die kritische Rezeption hob wiederholt die Doppelbewegung des Romans hervor: Einerseits wurde die formale Kühnheit der Hitler zugeschriebenen Binnenfiktion anerkannt, andererseits wurde gerade die Nähe des Binnenromans zu den von ihm parodierten Mustern als ästhetisches und moralisches Problem beschrieben. R. D. Mullen schrieb 1978, The Iron Dream höre „nach den ersten Seiten“ auf, komisch zu sein, und werde dadurch „identisch mit dem, was es parodiert“.
Andere Kritiker bewerteten gerade diese Unbequemlichkeit als zentrale Wirkung des Romans. Thomas M. Disch bezeichnete das Buch als Auseinandersetzung mit dem „Faschisten“, der „unter der glatten Chromoberfläche“ eines beträchtlichen Teils der Science Fiction lauere. Der Kritiker Edward James beschrieb den Roman später als Zerlegung der „inhärent antidemokratischen Tendenzen des Superhelden“.
Das Lexikon der Science Fiction Literatur urteilte zurückhaltender und nannte den Roman eine „nicht unbedingt ganz geglückte Satire auf faschistoide Elemente in der Science Fiction und Fantasy“.Hans Joachim Alpers, Werner Fuchs, Ronald M. Hahn, Wolfgang Jeschke: Lexikon der Science Fiction Literatur. München: Heyne, 1988, S. 925.
In der neueren Auseinandersetzung wird The Iron Dream häufig als Werk gelesen, das weniger eine alternative Geschichte Hitlers erzählt als vielmehr die ideologischen Voraussetzungen bestimmter Abenteuer-, Fantasy- und Science-Fiction-Muster sichtbar macht. Die Los Angeles Review of Books beschrieb Spinrads Interesse nicht primär als Interesse an der alternativen Zeitlinie, sondern an der Frage, wie kommerzielle Science Fiction Symbole in einen „faschistischen Sword-and-Sorcery-Heldenquest-Mythos“ überführen könne.
Trivia Der mit Norman Spinrad befreundete Musiker Richard Pinhas benannte sein Bandprojekt Heldon nach dem fiktiven Land aus dem Buch und vertonte Motive daraus auf dem Album Electronique Guérilla (1974).
Ausgaben The Iron Dream. Avon, 1972, ISBN 0-380-00200-0 Der stählerne Traum. Science Fiction-Roman. Deutsche Übersetzung von Walter Brumm. Heyne, München 1981, ISBN 3-453-30684-8
Literatur Wolfgang Jeschke: „Der stählerne Traum“ und die Deutschen. In: Heyne Science Fiction Magazin # 3, München 1982, ISBN 3-453-30811-5, S. 231–273. Wolfgang Jeschke: „Der stählerne Traum“ von Norman Spinrad immer noch auf dem Index. In: Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 1986, Wilhelm Heyne Verlag München, ISBN 3-453-31233-3, S. 278–281. Achim Barsch: Science Fiction und juristische Funktionen. In: Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 1986, Wilhelm Heyne Verlag München, ISBN 3-453-31233-3, S. 282–292. Gavriel D. Rosenfeld: The World Hitler Never Made. Alternate History and the Memory of Nazism. Cambridge University Press, 2005, ISBN 0-521-84706-0 Norman Spinrad: Schreiben als Hitler. In: bücher. Heft 2/2007
Weblinks
Eintrag in der Internet Speculative Fiction Database Rezension von Ursula K. Le Guin, Science Fiction Studies, Vol. 1, Part 1, Frühling 1973 Rezension von T. M. Wagner, sfreviews.net, 1999 Rezension von Peter Schünemann, literra.info, 11. November 2006
Einzelnachweise
Kategorie:Roman, Epik Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (Englisch) Kategorie:Literatur (Vereinigte Staaten) Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Science-Fiction-Literatur Kategorie:Alternativweltgeschichte Kategorie:Norman Spinrad