mini|Nikolaikirche in Heilbronn mini|Die Nikolaikirche und die sie umgebende Bebauung, dahinter das Theaterforum K3
Die Nikolaikirche ist im kirchlichen Wohnbezirk Nikolai eine evangelische Kirche in der Stadt Heilbronn im nördlichen Baden-Württemberg. Ihre Kirchengemeinde Heilbronn gehörte bis Ende 2024 zum bisherigen Kirchenbezirk Heilbronn und gehört seit 1. Januar 2025 zum neuen Kirchenbezirk Heilbronn-Brackenheim der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Die Nikolaikirche ist eine im gotischen Stil erbaute Kirche des 14. Jahrhunderts mit Polygonalchor. Das in der Sülmerstraße gelegene Gebäude hat in seiner wechselvollen Geschichte bereits als städtisches Zeughaus, französisches Lazarett, württembergisches Waffenarsenal und als Turnhalle gedient. Der seit 1851 wieder durchgängig als Kirche genutzte Bau brannte 1944 vollständig aus, konnte aber nach Kriegsende wiederhergestellt werden. Er ist heute die Kirche der Nikolaikirchengemeinde (2500 Mitglieder), die die nördliche Heilbronner Innenstadt umfasst.
Lage und Umgebung mini|hochkant|Traumbrunnen (1997) im Kirchhöfle bei der Nikolaikirche
Die Nikolaikirche mit der Adresse Sülmerstraße 72 wendet ihre schmale Westseite mit dem Hauptportal dieser Straße zu. An ihrer Nordseite wurde die Kirche früher vom Karmeliter-Konventshaus flankiert, das im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und 1953 abgebrochen wurde. Östlich schloss sich ursprünglich der Friedhof an die Kirche an, auf den der Straßenname Kirchhöfle hinweist. Er wurde um 1350 angelegt und offiziell bis 1530 genutzt. Einzelne Bestattungen wurden dort noch bis ins 17. Jahrhundert vorgenommen; der Friedhof wurde erst im 18. Jahrhundert wirklich aufgelassen. In den Jahren 1802 und 1803 sowie von 1806 bis 1849 wurde er als Exerzierplatz genutzt, später als Schulhof. Bei der Errichtung eines Brunnens im Jahr 1906 wurden fünf Skelette entdeckt; weitere Bodenfunde sind auf dem Areal zu erwarten. Am Kirchhöfle 13 befand sich das Haus Robert Mayer.Helmut Schmolz, Hubert Weckbach: Robert Mayer. Sein Leben und Werk in Dokumenten. Anton H. Konrad Verlag, Weißenhorn 1964, S. 44–50 (Veröffentlichungen des Archivs der Stadt Heilbronn. Band 12) Im Kichhöfle steht der von Jürgen Goertz entworfene Traumbrunnen.stimme.de
Geschichte mini|hochkant|Heilbronn 1617 kolorierter Kupferstich aus Civitates Orbis terrarum, Ausschnitt mit Nikolaikirche und Kirchhöfle mini|hochkant|Nikolaikirche, links Karmeliter-Konventshaus, 1658 Stadtansicht von Johann Sigmund Schlehenried
Ursprünge Die Nikolaikirche wurde in einer 1885 verschollenen Ablass-Urkunde des Würzburger Bischofs Albert von 1351 erstmals als Kapelle St. Niklaus erwähnt. Ihr Stifter und der Grund für die Platzwahl im Norden der mittelalterlichen Stadt, nahe dem Sülmer Tor, sind unbekannt. Möglicherweise diente die Kirche – nach der Auflassung des Dorfes Altböckingen – den 1333 nach Heilbronn zugezogenen Altböckingern als Gotteshaus.Schmolz/Weckbach: Heilbronn – Geschichte und Leben einer Stadt. Nr. 99 „Evangelische Nikolaikirche beim Sülmertor, 1658“, S. 54.stadtarchiv.heilbronn.de Ebenso unbekannt ist, warum die Kirche dem Heiligen Nikolaus geweiht ist. Die Kirchenpflege übernahm eine St.-Jakobs-Brüderschaft, die dafür von Stiftern rund sechs Morgen Land als Pfründe bekam. Ab dem 9. Mai 1383 übernahm der Rat der inzwischen zur Reichsstadt erhobenen Stadt Heilbronn die Bestellung eines städtischen Priesters in St. Niklaus, indem sie ihn mit großzügigen weiteren Pfründen in Form von zwölf Morgen Weinbergen und Äckern ausstattete.
Reformation und Kinderkirche Zur Zeit der Reformation wirkte ein protestantischer Prediger namens Meister Hans in der Kirche, der sich 1524 für die Abnahme und Verbrennung der von ihm als ketzerisch bezeichneten Marienfigur des Heilbronner Karmeliterklosters aussprach, noch im Januar 1525 die Erlaubnis zur Predigt des Evangeliums durch den Rat der Stadt erhielt, im aufkeimenden Bauernkrieg jedoch der Stadt verwiesen wurde.
Am 23. Februar 1529 beschloss der Rat, Güter und Einnahmen von St. Niklaus dem städtischen Katharinenspital zu überstellen, dessen Kloster im Bauernkrieg zerstört worden war. Da das Kloster jedoch nicht wieder errichtet wurde, fanden in St. Niklaus vorläufig weiterhin Predigten statt, bis zum Tode von Johann Lachmann 1538/39 vermutlich durch dessen zweiten Prediger in der Kilianskirche, Menrad Molter. St. Niklaus diente als Filialkirche der Kilianskirche anschließend rund 90 Jahre als Kinderkirche. Der Kindergottesdienst fand freitags und sonntags statt. An die Zeit als Kinderkirche soll das Weihnachtsfenster erinnern. Es ist eine Stiftung und wurde neben dem Aufgang zur Kanzel in der Südwand für die Kinder angebracht, die während der Sonntagsgottesdienste in der ersten Reihe saßen. Eine Auskunft des Rates zu Heilbronn aus dem Jahr 1530 an Kaiser Karl V. beschreibt den Kindergottesdienst in der Heilbronner Nikolaikirche.Die Kinder des Nikolaus. In: Evangel. Nikolai-Gemeinde Heilbronn (Hrsg.): 650 Jahre Nikolaikirche. 50 Jahre Wiedereinweihung. Heilbronn 2001, S. 13.
Die Nikolaikirche war auch bekannt als historischer Versammlungsraum für die Convente der Protestantischen Union (1619, 1620 und 1621).vgl. Steinhilber, S. 24.
Zeughaus ab 1622 Im Dreißigjährigen Krieg schaffte die Stadt Heilbronn nach der Schlacht bei Wimpfen (Mai 1622) große Mengen an Munition an, für die Lagerraum benötigt wurde. Der Rat der Stadt beschloss am 22. Juli 1622, die Kirche stillzulegen und das Gebäude als Zeughaus zu nutzen. Die Kinderkirche wurde in die nahe Hafenmarktkirche verlegt. 1635 sollen täglich 1000 Kanonenkugeln St. Niklaus gegossen worden sein. Am 7. Oktober 1635 vermerkte das Ratsprotokoll erstmals die Bezeichnung St. Nikolai, seitdem wird das Gebäude Nikolaikirche genannt, diente aber zunächst weitere 70 Jahre als Zeughaus.
Kirche 1706–1805 1688 wurde die nahe Hafenmarktkirche durch französische Truppen zerstört. Ein reichsweites Spenden-Patent von Kaiser Leopold I. erbrachte bis 1703 lediglich die Mittel zur teilweisen Wiedererrichtung des Turmes, so dass die Bevölkerung 1706 vorschlug, die Nikolaikirche zu renovieren. Am 21. September 1706 wurde die Kirche nach der Renovierung wieder geweiht. 1742 wurde am östlichen Ende des Kirchenschiffs ein Glockentürmchen mit einer Glocke aufgesetzt.
Als 1802 württembergische Truppen in Heilbronn einzogen und in den Schulen Quartier bezogen, musste der Schulbetrieb u. a. in die Nikolaikirche ausweichen. 1804 zogen die Schüler wieder aus der Kirche aus, doch bereits 1805 besetzten französische Truppen die Stadt und beschlagnahmten die Kirchen. Die Kilianskirche wurde 1805 Gefangenenlager, die Nikolaikirche Lazarett, das benachbarte Kirchhöfle Exerzierplatz.
Säkulare Nutzung 1806–1851 Während die Kilianskirche 1806 wiederhergestellt wurde, blieb die Nikolaikirche zunächst Lazarett. Das Oberamt stellte im Oktober 1806 fest, dass die Kirche städtisches Eigentum sei und als solches im Dienst des Landes stehe. Im Oktober 1807 wurde das Gebäude der Nikolaikirche vom württembergischen Staat beschlagnahmt und dort ein Waffen-Arsenal eingerichtet. Um 1813 war die Kirche abermals Lazarett. 1820 kam das Gebäude an die Stadt zurück, die es als Holzlager nutzte und als Gewerbefläche an einen Seiler, einen Kaufmann und einen Instrumentenbauer vermietete. 1844 wurde die um 1805 ausgebaute und seitdem im Heilbronner Gymnasium gelagerte alte Kirchenorgel verkauft. Ab Februar 1849 fand das Gebäude als Turnhalle und Kundgebungssaal Verwendung. In der Kirchengemeinde begann man, Geld für eine Renovierung der Nikolaikirche und deren Wiedernutzung als Gotteshaus zu sammeln.
Kirche seit 1851 Am zweiten Adventssonntag, dem 7. Dezember 1851, wurde das Bauwerk nach gründlicher Renovierung durch Stadtbaumeister Louis de Millas endgültig wieder als Kirche geweiht. Von Mai 1899 bis März 1900 wurde die Kirche durch die Architekten Johannes Vollmer und Heinrich Jassoy modernisiert und konnte am 25. März 1900 erneut geweiht werden. Zu den Kirchengemeinderäten zählte zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Heilbronner Oberbürgermeister Paul Göbel, der am 5. Mai 1921 zur Einsetzung des Stadtpfarrers Hermann Kull (als Nachfolger des Pfarrers Paul Hinderer) eingeladen und auch erschienen war und zusammen mit anderen geladenen Gästen vor dem Altar Platz genommen hatte. Wenige Minuten vor dem Festgottesdienst sank er jedoch auf seinem Stuhl zusammen und verstarb.vgl. Steinhilber, S. 48–49. Hans Seytter renovierte 1932 abermals die Kirche, die am 5. Dezember 1932 geweiht werden konnte. Die Kosten hatten 17.745 Reichsmark betragen.vgl. Steinhilber, S. 52.
Zerstörung 1944 und Wiederaufbau Die Nikolaikirche wurde beim Luftangriff auf Heilbronn am 4. Dezember 1944 schwer beschädigt. Die Umfassungswände standen noch und konnten für den Wiederaufbau verwendet werden, während zwei Strebepfeiler des Ostchores durch Bombentreffer vollständig vernichtet wurden. Das Kreuzgewölbe im Chor und das Tonnengewölbe im Kirchenschiff waren herabgebrochen. Das eiserne Dachstühlchen des Dachreiters mit den drei Glocken haben den Angriff unbeschadet überdauert.vgl. Steinhilber, S. 55. Hannes Mayer entwarf 1949 Wiederaufbaupläne, die im November desselben Jahres sowohl dem Denkmalamt als auch dem Oberkirchenrat in Stuttgart zur Genehmigung vorgelegt wurden.Die alte Kirche entsteht noch einmal. In: Evangel. Nikolai-Gemeinde Heilbronn (Hrsg.): 650 Jahre Nikolaikirche. 50 Jahre Wiedereinweihung. Heilbronn 2001, S. 19. Bei der Planung zum Wiederaufbau war zuerst vorgesehen, den zerstörten Chor durch ein kleineres Provisorium zu ersetzen. Doch dann entschloss man sich dazu, den Chor in seiner ursprünglichen Größe wiederherzustellen. Die Bauarbeiten begannen am 2. Mai 1950. Sobald das Dach über dem Kirchenschiff errichtet worden war, fand am 21. Juli 1950 das zweite Richtfest in der 600 Jahre alten Geschichte der Nikolaikirche statt. Am 2. April wurde statt des früheren Kreuzes ein Turmhahn auf dem Dachreiter des Kirchenschiffes angebracht. Am 27. Mai 1951 wurde das Gotteshaus durch Landesbischof Martin Haug und Kultusminister Gotthilf Schenkel eingeweiht.vgl. Steinhilber, S. 57.
Architektur und Einrichtung Bau der Kapelle 1340–1350 Außenarchitektur Als Beginn der Bauzeit der einschiffigen, im frühgotischen Stil errichteten Kapelle St. Niklaus mit Ostchor gilt die Zeit von 1340 bis 1350. Sie war niedriger als der heutige Kirchenbau. Ein Ablassbrief von 1351 förderte den Bau und die Ausstattung (Kelch, Bücher und Schmuck) der Kirche.
Altäre Die Kirche wurde dem Heiligen Nikolaus geweiht. Im Chor befand sich in der Mitte der Hauptaltar, flankiert an der einen Seite vom städtischen Dreifaltigkeitsaltar, auf der anderen vom Altar des Kirchenheiligen.vgl. Steinhilber, S. 11. An den Seitenwänden der Kirchenschiffe befanden sich der im Jahre 1363 geweihte Katharinenaltar und der 1378 gestiftete Jakobsaltar.
Umbau zur Kirche 1479 mini|hochkant|Westportal der Nikolaikirche mini|hochkant|Kanzel
Im 15. Jahrhundert erfolgte die Umwandlung der Kapelle zu einer Kirche; so ist für das Jahr 1497 ein Umbau der Kirche belegt.Dumitrache/Haag: Archäologischer Stadtkataster … Heilbronn. S. 111. Nr. 72 Nikolaikirche/Zeughaus, KD, Sülmerstraße 72.vgl. Steinhilber, S. 13. Der Sakralbau hat keinen Turm.
Der Dachreiter aus dem Jahr 1543 erhielt 1742 ein Glockentürmchen und eine SchlaguhrHelmut Schmolz, Hubert Weckbach: Heilbronn. Die alte Stadt in Wort und Bild. Konrad-Verlag, Heilbronn 1966. Band 1, S. 42, Bildnr. 51 Kirchhöfle mit Nikolaikirche, um 1930 und 1951 einen von Wilhelm Klagholz in Kupfer gestalteten Wetterhahn.Täglich kräht sein Hahn vom Rathaus. In: Heilbronner Stimme. vom 2. April 2002.