Dieser Artikel beschreibt die Sprachpolitik der Französischen Republik und ihrer Vorläuferstaaten auf nationaler, europäischer und globaler Ebene. Französisch ist die offizielle Sprache des Landes und laut Verfassung langue de la république. Als solche wird es in fast allen Bereichen des öffentlichen Lebens gefördert und gefordert – meist in Ausschließlichkeit – und über die Landesgrenzen hinaus hochgehalten. Neben der Staatssprache gibt es jedoch eine Vielzahl an Sprachen, allein im metropolitanen (europäischen) Frankreich (je nach Zählweise) mindestens acht traditionell regional verbreitete, mit dem Französischen nicht direkt verwandte Sprachen, sowie ihm näherstehende Dialekte bzw. Sprachen, die Langues d’oïl – und weitere überregional gesprochene, die keinerlei vergleichbaren offiziellen Status besitzen. Die nur in Teilen des Staatsgebiets verbreiteten traditionellen Sprachen und Mundarten werden als die langues régionales, als Regionalsprachen Frankreichs, nicht jedoch als Minderheitensprachen und somit (ethnische) Eigenheiten ethnischer Minderheiten, angesehen und bezeichnet; siehe Sprachen in Frankreich.
Geschichte miniatur|Ein Edikt Ludwigs XIV. aus dem Jahr 1700, das den Gebrauch der katalanischen Sprache in Nordkatalonien (Grafschaft Roussillon) verbietet
Die französische Sprache entwickelte sich im Hochmittelalter aus der Sprache des französischen Königshofes, die wahrscheinlich auf der romanischen Mundart der Île-de-France (in der Linguistik gemeinhin als francien bezeichnet) beruhte und zugleich Einflüsse der romanischen Mundarten angrenzender Gebiete, namentlich der Champagne, aufnahm. Diese Sprache wurde als françoys ([frãswɛ]) bezeichnet und breitete ihren kulturellen Einfluss etwa in dem Maße aus, in dem es den französischen Königen gelang, das Gebiet der Kronlande, d. h. der ihrer Herrschaft unmittelbar unterstehenden Territorien, auszudehnen. Im Jahr 1539 verfügte Franz I., dass die „französische Muttersprache“ („langage maternel françoys“) die Verwaltungssprache in seinem Königreich sein sollte, womit vor allem das Lateinische zurückgedrängt werden sollte; Gerichtsakten wurden bis zu diesem Zeitpunkt noch in Kirchenlatein verfasst. Regionalsprachen kamen in der Verwaltung der Provinzen jedoch – u. a. auch als Gerichtssprache – auch danach zum Einsatz; siehe Edikt von Villers-Cotterêts. Zu dieser Zeit sprachen etwa 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung Frankreichs Französisch; im 18. Jahrhundert sollen es etwa 50 Prozent gewesen sein.Günther Haensch, Hans J. Tümmers: Frankreich: Politik, Gesellschaft, Wirtschaft. München 1993, ISBN 3-406-37491-3, S. 247. Nach der Französischen Revolution wurden die Regionalsprachen staatlicherseits systematisch zurückgedrängt; Französisch, die Sprache der Aufklärung, galt als Sprache der Vernunft und Wissenschaft und wurde zur einzigen Sprache der Republik erklärt und mit Einführung der allgemeinen Schulpflicht auch zur einzigen Unterrichtssprache; erst ein 1951 verabschiedetes GesetzVolltext des Loi Deixonne (französisch). erlaubte Unterricht in Regionalsprachen.Günther Haensch, Hans J. Tümmers: Frankreich: Politik, Gesellschaft, Wirtschaft. München 1993, ISBN 3-406-37491-3, S. 251. Auch heute noch legt Artikel 2 der Verfassung von 1958 Französisch als alleinige Amtssprache Frankreichs fest. Es ist nicht nur die in Frankreich allgemein gesprochene Sprache, sondern auch Träger der französischen Kultur in der Welt. Die in Frankreich gesprochenen Regionalsprachen drohen aufgrund von Wanderungsbewegungen (Landflucht, Umzug von Region zu Region) und der fast ausschließlichen Verwendung des Französischen in Medien, Bildung, Verwaltung und Beruf auszusterben. Die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen hat Frankreich zwar unterschrieben, doch nicht ratifiziert. 1999 urteilte der französische Verfassungsrat, dass Teile der Charta mit der französischen Verfassung unvereinbar seien.Ein Gesetz zur Änderung der Verfassung mit dem Ziel, die Ratifizierung der Charta zu ermöglichen, wurde jedoch im Dezember 2013 von dem sozialistischen Fraktionschef Bruno Le Roux in die Nationalversammlung eingebracht und am 28. Januar 2014 angenommen: Seit 2008 erwähnt die Verfassung in Artikel 75-1 die Regionalsprachen immerhin als Kulturerbe Frankreichs.
Die Académie française Die Académie française wurde schließlich 1635 gegründet, und ihr wurde die Aufgabe zuteil, über den Gebrauch, den Wortschatz und die Grammatik des Französischen zu wachen. Sie veröffentlichte außerdem das Dictionnaire de l’Académie française, das offizielle Wörterbuch der französischen Sprache. In jüngster Zeit versuchte sie, eine zunehmende Anglisierung des Französischen aufzuhalten, und gibt Empfehlungen zu Wortneuschöpfungen. Ihre Empfehlungen sind allerdings rechtlich nicht bindend.
Die Französische Revolution Vor der Französischen Revolution 1789 kümmerten sich die Monarchen wenig darum, welche Sprache ihre Untertanen sprachen. Im Zuge der Revolution wurden jedoch alte Teilstaaten aufgelöst und ein einheitliches Verwaltungssystem eingeführt. Zuerst erklärten die Revolutionäre die „Freiheit der Sprache“ für alle Bürger der Republik. Im Folgenden wurde diese Politik jedoch aufgegeben und der gesamten Nation eine einzige, einheitliche Sprache auferlegt.
Diese neue Ideologie wird im „Bericht über die Notwendigkeit und die Mittel zur Vernichtung der Mundarten und des allgemeinen Gebrauches der französischen Sprache“ von Henri Grégoire dargelegt. Der Autor bedauerte dort, dass Frankreich als politisch „fortschrittlichstes Land der Welt“ gleichwohl auf dem Gebiet der Sprache nicht über den Turmbau zu Babel hinauskäme, und dass nur 3 Millionen der insgesamt 25 Millionen Einwohner Frankreichs Französisch als Muttersprache sprächen. Die anderen Sprachen waren Keltisch, Deutsch, Okzitanisch, Katalanisch, Italienisch und Flämisch.
Infolge dieses Berichts wurden noch im selben Jahr zwei Gesetze erlassen, die Französisch zur einzigen im öffentlichen Leben und in den Schulen geduldeten Sprache erklärten. Innerhalb zweier Jahre wurde die französische Sprache zum Sinnbild der nationalen Einheit des Staates. Allerdings hatte die Revolutionsregierung weder Zeit noch Geld, eine wirkliche Sprachpolitik umzusetzen.
Die Dritte Republik Die Dritte Republik versuchte, Frankreich zu modernisieren und dazu die Lese- und Schreibfähigkeiten und die Bildung der Bevölkerung im Allgemeinen zu fördern. Im Zuge dessen wurden in den 1880er Jahren kostenlose, verpflichtende Grundschulen eingerichtet, in denen dann auf Französisch unterrichtet wurde, da dies die einzige Sprache war, die eine landesweite Verbreitung hatte und in der Zeitungen und (wissenschaftliche) Bücher zur Verfügung standen. Der Unterricht folgte streng der französischen Grammatik von Noël und Chapsal (Grammaire française, 1823) und der Rechtschreibung der Académie française.
Alle anderen Sprachen waren in der Schule, und sogar auf dem Schulhof, bei Androhung strenger Strafen verboten. Im Jahre 1925 äußerte der damalige Bildungsminister Anatole de Monzie, dass „für die sprachliche Einheit Frankreichs die bretonische Sprache verschwinden müsse“. Im Endergebnis begannen Sprecher von Minderheitensprachen sich derer zu schämen, und in den 1950ern hörten viele Familien auf, ihre Kinder ihre Sprache zu lehren und versuchten, nur noch Französisch mit ihnen zu sprechen – das 20. Jahrhundert brachte den „Sieg“ der französischen Sprache.
Die Vierte Republik In den 1950er Jahren erkannte der französische Staat auf der anderen Seite auch zum ersten Mal das Existenzrecht der Regionalsprachen an. Ein Gesetz erlaubte den Unterricht von Regionalsprachen in Sekundarschulen, und die sprachliche Unterdrückung in den Grundschulen fand ein Ende. In dieser Zeit begann das Bretonische in den Medien zu erscheinen.
Die Fünfte Republik Nachdem bereits 1940 einige Minuten auf Bretonisch im Radio ausgestrahlt wurden, erlaubte der französische Staat 1964 zum ersten Mal eineinhalb Minuten Bretonisch in einem regionalen Fernsehsender. Aber noch 1972 erklärte Staatspräsident Georges Pompidou, dass „in dem Frankreich, das vorhat, Europa deutlich zu prägen“, für regionale Sprachen und Kulturen kein Platz sei.
Seit 1994 schreibt das Toubon-Gesetz die Verwendung des Französischen oder mindestens einer französischsprachigen Übersetzung in der Werbung, bei Verpackungsmaterialien und in einigen anderen Bereichen vor.
Kontroverse über die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen Im Jahr 1999 entschloss sich der damalige französische Premierminister, Lionel Jospin, die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen zu unterzeichnen, und versuchte erfolglos, sie vom Parlament ratifizieren zu lassen. Der französische Verfassungsrat befand, dass die Umsetzung der Charta unter anderem deshalb gegen die Verfassung des Landes verstoße, weil diese Französisch als Sprache der Republik vorschreibe.
Die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen ist ein Vertrag aus dem Jahr 1992, der die historischen Regional- und Minderheitensprachen in Europa schützt und fördert. Er wurde von 17 Staaten ratifiziert und umgesetzt, jedoch (Stand 2015) nicht von Frankreich. Die Charta enthält 98 Artikel, von denen Unterzeichnerstaaten mindestens 35 akzeptieren müssen (Frankreich unterzeichnete 39 der 98 Artikel).
Die Unterzeichnung und die gescheiterte Ratifizierung lösten in der französischen Öffentlichkeit eine Debatte zwischen Befürwortern und Gegnern aus. Ein Argument der Gegner war, Frankreich könne seinen Charakter einer „einigen, unteilbaren“ Republik verlieren, es könnte zur ethnischen Spaltung und gleichsam „babylonischen“ Zuständen kommen. Die so geäußerte Skepsis stand im Zusammenhang mit einer breiteren Debatte über die weitere Dezentralisierung des Landes und eine Aufwertung der Kompetenzen der Regionen. Das in Frankreich vorherrschende Staatsverständnis ist noch heute weitgehend zentralistisch geprägt, ebenso das Bild von Sprache und Kultur. Ein weiterer wichtiger Punkt war zudem, dass in einer Zeit, in der die Weltsprache Französisch Gefahr läuft, in wirtschaftlichen, technischen und wissenschaftlichen Zusammenhängen an Bedeutung einzubüßen, die Unterstützung von Regionalsprachen eine Verschwendung von Steuermitteln sei und diese vielmehr in die Förderung der Nationalsprache zu investieren seien. Der französische Staatspräsident, Jacques Chirac, schloss sich den die europäische Charta ablehnenden Stimmen an und ließ verlautbaren, sie würde „die Unteilbarkeit der Republik“, die „Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz“ und die „Einheit der französischen Nation“ infrage stellen, da auf ihrer Grundlage „Sonderrechte an organisierte Sprachgemeinschaften“ verliehen werden könnten. Die Satirezeitschrift Charlie Hebdo nahm die Befürchtungen der Ablehner aufs Korn und schrieb: „Die [französischen] Aborigines würden ihren Dialekt – oh, entschuldigen Sie – ihre eigene Sprache sprechen können, ohne ausgelacht zu werden. Und sie behielten sogar ihren Akzent, ihre Baskenmütze und ihre Holzschuhe.“
So ist Frankreich der einzige EU-Staat, der das Rahmenübereinkommen zum Schutz nationaler Minderheiten nicht unterzeichnet hat. Diese Vereinbarung trat 1998 in Kraft und muss von allen Beitrittsländern umgesetzt werden, bevor sie der Europäischen Union beitreten. Auch Chiracs Nachfolger im Präsidentenamt, Nicolas Sarkozy, änderte den Zustand nicht. Erst unter der Präsidentschaft von François Hollande wurde ein Gesetz zur Änderung der Verfassung mit dem Ziel, die Ratifizierung der Charta zu ermöglichen, entworfen. Es wurde im Dezember 2013 von dem sozialistischen Fraktionschef Bruno Le Roux in die Nationalversammlung eingebracht und am 28. Januar 2014 angenommen. 2016 war die Charta weiterhin nicht ratifiziert, da der von der Partei Les Républicains dominierte Senat das Vorhaben blockierte.
Die Regionalsprachen Frankreichs