mini|Niklot. Monumentales Reiterstandbild von Christian Genschow (1855), Frontfassade des Schweriner Schlosses. Die architektonische Ausführung erfolgte durch Friedrich August Stüler nach einem Gemälde von Karl Friedrich Schinkel. NiklotAuch Niclot, lateinisch Niclotus (bei Helmold) oder Nucletus (bei Saxo Grammaticus), dän. Mjúklátr. (* um 1100; † August 1160 bei der Burg Werle) war ein slawischer Fürst, der im 12. Jahrhundert auf dem Gebiet des heutigen Mecklenburg-Vorpommern über die heidnischen Stämme der Abodriten, Kessiner und Zirzipanen herrschte.

Anfang des 12. Jahrhunderts hatte das Abodritenreich seine größte Ausdehnung erreicht. Das Einflussgebiet des abodritischen Samtherrschers erstreckte sich von Wagrien bis zur Oder und an Havel und Spree. Doch mit dem Tod des nakonidischen Samtherrschers Heinrich 1127 begann das Abodritenreich zu zerfallen. Bereits zwei Jahre später waren nur noch die alten Teilstammesgebiete verblieben. Niklot regierte über Abodriten, Kessiner und Zirzipanen, Pribislaw über Wagrier und Polaben. Beide unterstanden der Oberhoheit Lothars von Supplinburg. Als Zeichen ihrer Unterwerfung leisteten sie ihm Tribut. Mit dem Tod Lothars erlangte Niklot 1137 eine königsgleiche Alleinherrschaft über das Abodritenland. Der in Nordalbingien eingesetzte Graf Adolf II. sah sich deshalb veranlasst, um die Freundschaft des mächtigen Nachbarn nachzusuchen. Im Zuge des Slawenkreuzzuges 1147 verlor Niklot seine Unabhängigkeit und geriet erneut in eine tributäre Abhängigkeit, diesmal von Heinrich dem Löwen. Als dessen Vasall schlug er 1151 einen Aufstand der Kessiner und Zirzipanen nieder.

Niklots maritime Vorherrschaft im südlichen Ostseeraum blieb zunächst unberührt. Erst die Krönung Waldemars I. (König von Dänemark 1157–1182) änderte auch dort die politischen Verhältnisse. Als Reichsvasall verlangte Waldemar I. von Kaiser Friedrich I. die Beendigung der wendischen Überfälle auf die dänischen Küsten. Niklots Weigerung veranlasste Heinrich den Löwen zu zwei Feldzügen, in deren Verlauf Niklot 1160 vor der Burg Werle fiel.

Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts galt Niklot als Sinnbild eines ethnisch und religiös motivierten, aber aussichtslosen Abwehrkampfes der heidnischen Abodriten gegen die christlichen Sachsen, dessen Festhalten am heidnischen Glauben die Möglichkeit zur abodritischen Staats- und Nationenbildung vereitelte. Eine quellengestützte Überprüfung der Forschungsergebnisse gelangte zu dem Resultat, dass eine christliche Missionierung in nennenswertem Umfang oder sächsische Besiedlungsabsichten bis zu Niklots Tod im Abodritenland ebenso wenig feststellbar sind wie durch territoriale Ansprüche motivierte Kampfhandlungen. Niklot genügte mit der Erfüllung seiner Vasallenpflichten den von sächsischer Seite gestellten Anforderungen. Bei den Feldzügen von 1158 und 1160 handelte es sich nicht um Eroberungskriege Heinrich des Löwen, sondern um Strafexpeditionen des Lehnsherrn gegen den treulosen Vasallen.

Herkunft und Familie Die Herkunft Niklots ist unbekannt. Weder Helmold von Bosau noch Saxo Grammaticus berichten über seine Abstammung. An ernsthaften Erklärungsversuchen hat es gleichwohl nicht gemangelt: entfernter Abkömmling des abodritischen Samtherrschers Kruto,Wilhelm Gottlieb Beyer: König Kruto und sein Geschlecht. Eine historische Untersuchung über die Abstammung des großherzoglich-meklenburgischen Fürstenhauses. In: Jahrbücher des Vereins für Meklenburgische Geschichte und Alterthumskunde. Bd. 13, 1848, , S. 3–55, hier S. 18, online. Sohn des Kessinerfürsten DumarFriedrich Wigger: Stammtafeln des Großherzoglichen Hauses von Meklenburg. In: Jahrbücher des Vereins für Meklenburgische Geschichte und Alterthumskunde. Bd. 50, 1885, S. 111–326, hier S. 133, online. oder des namentlich nicht genannten Anführers der Abodriten in der Schlacht bei Schmilau.Wolfgang H. Fritze: Probleme der abodritischen Stammes- und Reichsverfassung und ihrer Entwicklung vom Stammesstaat zum Herrschaftsstaat. In: Herbert Ludat (Hrsg.): Siedlung und Verfassung der Slawen zwischen Elbe, Saale und Oder. W. Schmitz, Gießen 1960, S. 141–219, hier S. 172; ihm folgend Nils Rühberg: Niklot und der obodritische Unabhängigkeitskampf gegen das sächsische Herzogtum. In: Mecklenburgische Jahrbücher. Bd. 111, 1996, S. 5–20, hier S. 6 f. Letztlich ist jedoch keine dieser Personen durch Quellen als Vorfahr Niklots belegbar.Dazu Helge Bei der Wieden: Die Anfänge des Hauses Mecklenburg – Wunsch und Wirklichkeit. In: Jahrbuch für die Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands. Bd. 53, 2007, S. 1–20, hier S. 8. Der Slawenchronik des Helmold von Bosau lässt sich allenfalls entnehmen, dass Niklot einem neuen Fürstengeschlecht des abodritischen Teilstammes angehörte.Evamaria Engel: Die militärisch-politische Eroberung. In: Joachim Herrmann (Hrsg.): Die Slawen in Deutschland. Geschichte und Kultur der slawischen Stämme westlich von Oder und Neiße vom 6. bis 12. Jahrhundert. Ein Handbuch (= Veröffentlichungen des Zentralinstituts für Alte Geschichte und Archäologie der Akademie der Wissenschaften der DDR. Bd. 14). Neubearbeitung. Akademie-Verlag, Berlin 1985, S. 379–404, hier S. 382: „ein bei den Abodriten emporgestiegener Stammesfürst“; Wolfgang H. Fritze: Probleme der abodritischen Stammes- und Reichsverfassung und ihrer Entwicklung vom Stammesstaat zum Herrschaftsstaat. In: Herbert Ludat (Hrsg.): Siedlung und Verfassung der Slawen zwischen Elbe, Saale und Oder. W. Schmitz, Gießen 1960, S. 141–219, hier S. 172. Dieser Teilstamm hatte mit dem Tod Gottschalks und der Flucht seines Sohnes Heinrich im Jahr 1066 sein altes Herrscherhaus der Nakoniden verloren.Helmold I, 22 und 23. Obwohl Niklot nicht den Nakoniden angehörte, blieb seine Herrschaft über den Teilstamm der Abodriten unangefochten. Das deutet auf eine starke erbrechtliche Legitimation in diesem Gebiet hin.Wolfgang H. Fritze: Probleme der abodritischen Stammes- und Reichsverfassung und ihrer Entwicklung vom Stammesstaat zum Herrschaftsstaat. In: Herbert Ludat (Hrsg.): Siedlung und Verfassung der Slawen zwischen Elbe, Saale und Oder. W. Schmitz, Gießen 1960, S. 141–219, hier S. 179 f. zur Bedeutung der erbrechtlichen Legitimation bei den Abodriten. Helmold bezeichnet ihn dann zum Jahr 1129 auch als Großen des Abodritenlandes.Helmold I, 49: maior terrae Obodritorum. Demgegenüber scheint er über die Teilstämme der Kessiner und Zirzipanen keine angestammten Herrschaftsrechte innegehabt zu haben, lehnten sich diese doch 1150 gegen Niklots Herrschaft auf.Helmold I, 71: Kycini et Circipani paulatim rebellare ceperint. Ebenso unwahrscheinlich ist eine Herkunft Niklots aus Polabien oder Wagrien, da Niklot auf diese Teilstammesgebiete zu keinem Zeitpunkt Anspruch erhob.Nils Rühberg: Niklot und der obodritische Unabhängigkeitskampf gegen das sächsische Herzogtum. In: Mecklenburgische Jahrbücher. Bd. 111, 1996, S. 5–20, hier S. 9 f. hält zumindest angestammte Herrschaftsansprüche für möglich.

Niklot gilt als Stammvater der Herzöge und Großherzöge von Mecklenburg.Helge Bei der Wieden: Die Anfänge des Hauses Mecklenburg – Wunsch und Wirklichkeit. In: Jahrbuch für die Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands. Bd. 53, 2007, S. 1–20, hier S. 8. Er hatte einen Bruder LubemarErwähnt bei Helmold I, 93: Lubemarum quendam veteranum, fratrem Nicloti. sowie drei Söhne Prislav, Wertislaw und Pribislaw, nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Teilstammesfürsten der Wagrier und Polaben, Pribislaw von Alt-Lübeck.

Niklot und Pribislaw Niklot und Pribislaw von Alt-Lübeck treten erstmals im Zusammenhang mit Kämpfen um das Abodritenreich in Erscheinung.Helmold I, 49: fratruelem Heinrici Pribizlaum et maiorem terrae Obotritorum Niclotum. Der deutsche König Lothar von Supplinburg unternahm 1129 nach dem Tod des abodritischen Samtherrschers Heinrich noch einmal den Versuch, das Abodritenreich unter einer einheitlichen Herrschaft zusammenzufassen. Zu diesem Zweck belehnte er jedoch nicht Heinrichs Neffen Pribislaw mit dem Abodritenreich, sondern setzte stattdessen seinen Schützling Knud Lavard gegen Zahlung eines hohen Geldbetrages als abodritischen Samtherrscher ein.Walther Lammers: Das Hochmittelalter bis zur Schlacht von Bornhöved (= Geschichte Schleswig-Holsteins. Bd. 4, Tl. 1). Wachholtz, Neumünster 1981, ISBN 3-529-02404-X, S. 242 bezeichnet die Übergehung Pribislaws als „auffällig“. Knud, Angehöriger des dänischen Königshauses (und ein Ururururenkel von Mistiwoj), verfügte aufgrund seiner Verwandtschaft mit Heinrich zwar über eine erbrechtliche Legitimation.Heinrich und Knud hatten mit Sven Estridsson einen gemeinsamen Großvater. Gleichwohl musste er seinen Herrschaftsanspruch mit militärischen Mitteln gegen Niklot und Pribislaw durchsetzen. Dazu sammelte er ein Heer von Holsten, fiel in Wagrien ein und „schlug alles tot, was sich ihm entgegenstellte.“Helmold I, 49: occidens et sternens omnes sibi adversantes. Ob Niklot und Pribislaw gemeinsam gegen Knud kämpften bleibt unklar. Beide gerieten schließlich in Gefangenschaft und wurden nach Schleswig abgeführt. Von dort gelangten sie erst wieder in die Freiheit, nachdem sie Lösegeld gezahlt, Geiseln gestellt und die Herrschaft Knud Lavards als Samtherrscher der Abodriten anerkannt hatten. Dabei scheint Knud Lavard wie sein Vorgänger Heinrich nur Wagrien und Polabien unmittelbar verwaltet zu haben.Richard Wagner: Die Wendenzeit (= Mecklenburgische Geschichte in Einzeldarstellungen. Heft 2, ). Süsserott, Berlin 1899, S. 141. Denn seine Anwesenheit ist nur für Neumünster und Lübeck belegt.Helmold I, 49: Sepius et in terram Wagirorum deversans Falderensi hospico usus est. und Veniens quoque Lubeke. Dementsprechend hätte Niklot dann die östlichen Teilstammesgebiete allein regiert und dem Samtherrscher Tribut gezahlt.