Odfried Herbert Hepp (* 18. April 1958 in Achern) ist ein ehemaliger deutscher Neonazi. Anfang 1982 gründete er mit Walter Kexel die rechtsterroristische Hepp-Kexel-Gruppe. Deren sechs Mitglieder verübten bis zum Jahresende mindestens fünf Banküberfälle und insgesamt elf Anschläge auf Angehörige und Einrichtungen der US-Armee in Deutschland. Von 1982 bis 1985 war Hepp zudem Informant der DDR-Staatssicherheit. Er ist unter anderem wegen eines Mordversuchs, schweren Raubs und Bildung einer terroristischen Vereinigung vorbestraft.

Jugend Odfried Hepp war das fünfte und jüngste Kind des Ehepaars Armin und Lotte Hepp.Thomas Klaus: Der Rebell – Odfried Hepp. Neonazi, Terrorist, Aussteiger. Endstation Rechts, 3. Februar 2005 Sein Vater (1925–2014) war Bauingenieur in Achern und trat auch als Heimatkundler hervor. Er war aktives Mitglied der antisemitischen und völkisch-rassistischen Vereine Germanische Glaubensgemeinschaft und Deutschgläubige Gemeinschaft,Friedrich-Wilhelm Haack: Wotans Wiederkehr: Blut-, Boden- und Rasse-Religion. Claudius-Verlag, München 1981, S. 102 die in der Zeit des Nationalsozialismus als Deutsche Glaubensbewegung erfolglos eine germanische Staatskirche anstrebten. Letzterer Verein wurde 1950 wiedergegründet.Jens Mecklenburg (Hrsg.): Handbuch Deutscher Rechtsextremismus. Elefanten Press, Berlin 1996, ISBN 3-88520-585-8, S. 380f.

Schon als Zehnjähriger lernte Hepp antisemitische Hetzlieder von Altnazis, darunter ehemaligen SS-Angehörigen, und Mitgliedern des Wandervogel und der Bündischen Jugend, die sein Vater ins Elternhaus eingeladen hatte. Befreundete Nachbarsjungen gehörten zum NPD-Jugendverband Junge Nationaldemokraten.Daniel Drepper: Wie Odfried Hepp zum Terroristen wurde. Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ), 18. Februar 2013 Wegen Uneinigkeit über die politische Erziehung der Kinder und Alkoholexzessen des Vaters ließ sich dessen Ehefrau 1971 von ihm scheiden. Während die älteren Geschwister zur Mutter zogen, entschied sich Hepp für den Verbleib beim Vater.Bernhard Rabert: Links- und Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik Deutschland von 1970 bis heute. Bernard & Graefe, Bonn 1995, ISBN 3-7637-5939-5, S. 290

Im Sommer 1970 veranlasste Armin Hepp seinen damals zwölfjährigen Sohn Odfried zum Eintritt in den Bund Heimattreuer Jugend (BJH) in Sinzheim. Dort nahm er an Herbst- und Winterlagern und einer Fahrt nach Flandern teil und wurde ideologisch zur NS-Zeit indoktriniert. Er stieg zum Unterführer, Jugendscharführer und 1975 zuletzt zum Standortführer Schwarzwald des BHJ auf. Zum 20. April 1974 (dem „Führergeburtstag“) hielt er als BHJ-Standortführer einen Vortrag über Adolf Hitler und die Frage „Welche Vorteile bringt der Nationalsozialismus dem deutschen Volke?“ Er zeigte den Jugendlichen den Nazi-Propaganda-Film „Triumph des Willens“. 1975 organisierte er eine der jährlichen BHJ-Gedenkfeiern in Schönau im Schwarzwald für den dort geborenen Albert Leo Schlageter, einen früheren Freikorps-Kämpfer, der 1923 hingerichtet und von der NSDAP zum Märtyrer stilisiert worden war. Ostern 1976 nahm er am zentralen Lehrgang ausgewählter BHJ-Funktionäre in Dimhausen teil.Samuel Salzborn: Der Fall Hepp, BpB 2016 Beim BHJ kam Hepp bereits in Kontakt mit terrorbereiten Neonazis wie Manfred Roeder, Heinz Lembke und dem Ehepaar Ursula und Curt Müller.Sascha Schmidt, Yvonne Weyrauch: Rechter Terror in Hessen, Frankfurt am Main 2023, S. 75f.

Im Mai 1977 bestand Hepp sein Abitur und leistete danach seinen Wehrdienst in Nagold ab.Uwe Backes, Eckhard Jesse: Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland. 4. Auflage, Bundeszentrale für Politische Bildung, Bonn 1996, ISBN 3-89331-260-9, S. 353–355

Radikalisierung Im Juni 1977 organisierte Hepp in Kinzigtal (Wolfach) ein Sommerlager des BHJ-„Standorts Schwarzwald.“ Wegen Spannungen mit anderen BHJ-Anführern, die sich stärker vom militanten Neonazismus abzugrenzen versuchten, wechselte Hepp dann vom BHJ zur Wiking-Jugend. Er suchte Kontakt zur Wehrsportgruppe Hoffmann (WSG) und gründete nach deren Vorbild mit anderen Mitgliedern der Wikingjugend die Wehrsportgruppe Schlageter.Niklas Krawinkel: Rechter »Rand« und demokratische »Mitte«: Radikalisierung und Legitimation extrem rechter Politik nach 1945. Wallstein, Göttingen 2025, ISBN 978-3-8353-8933-5, S. 269 Sie hatte Stützpunkte in Achern, Appenweier, Renchen, Offenburg und Karlsruhe.Peter Dudek: Jugendliche Rechtsextremisten: zwischen Hakenkreuz und Odalsrune 1945 bis heute. Bund-Verlag, Köln 1985, ISBN 3-7663-0897-1, S. 138

Im Herbst 1978 schrieb Hepp sich an der Technischen Hochschule Karlsruhe für das Fach Bauingenieurwesen ein, brach das Studium jedoch nach zwei Semestern ab.Uwe Backes, Eckhard Jesse: Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland Band 3: Dokumentation. Verlag Wissenschaft und Politik, Köln 1989, ISBN 3-8046-8728-8, S. 293–295

Im Januar 1979 wurde die Fernsehserie Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss in der Bundesrepublik ausgestrahlt. Daraufhin trat Hepps Wehrsportgruppe in Offenburg mit Eselsmasken und Schildern auf, auf denen die kaum verklausulierte Holocaustleugnung stand: „Ich Esel glaube, was in der Hetzserie Holocaust gezeigt wurde.“

Im März 1979 wurde die Wehrsportgruppe Schlageter in den neugegründeten Verband „Horst Ortenau“ der Wikingjugend integriert. Hepp wurde erst zu dessen Führer, im Juni 1979 zum Führer des „Gaus Schwaben“ der Wikingjugend ernannt. Im Herbst 1979 gründete Hepp eine „Kampfgruppe Schwarzwald“ bzw. benannte die Wehrsportgruppe Schlageter entsprechend um.Peter Wichmann: Al-Qaida und der globale Djihad: Eine vergleichende Betrachtung des transnationalen Terrorismus. Springer VS, Wiesbaden 2014, ISBN 978-3-658-05674-2, S. 98, Fn. 308

Wegen neonazistischer Propagandadelikte durchsuchte die Polizei im September 1979 Hepps Wohnung und fand dort eine Adressenliste mit rund 200 Namen, darunter Gundolf Köhler. Auf einem Zettel stand die Notiz „WSG (testen)… 3. Gundolf Köhler“ – „Mitglied an 2 Übungen teilgenommen, letzter Kontakt 19.5.77.“ Die Liste lag in einem Koffer, der dem vorigen „Gauführer Schwaben“ der Wikingjugend Helmut Dieterle gehörte, einem Vertrauten des WSG-Gründers Karl-Heinz Hoffmann. Demnach hatte Hepp seit 1977 enge Kontakte zur WSG und mit Köhler, dem späteren Haupttäter des Oktoberfestattentats von 1980, an deren Übungen teilgenommen.Ulrich Chaussy: Das Oktoberfest-Attentat und der Doppelmord von Erlangen. 3. Auflage, Christoph Links, Berlin 2020, ISBN 978-3-96289-1008, S. 49f. und 247 Im August 1980 ernannte Hoffmann Hepp zu seinem Stellvertreter in der WSG.

Hepps eigene Wehrsportgruppe hatte unter anderem von Gary Lauck große Vorratsmengen Flugblätter und Aufkleber mit Parolen wie „Kauft nicht bei Juden“ und „Rotfront verrecke“ bezogen und verstecktNeonazis: „Thors Hammer“ im Libanon. Der Spiegel, 18. Januar 1981 und ein Pamphlet des Holocaustleugners Robert Faurisson verbreitet. Wegen „zusammenhängender Straftaten“ dieser Art wurde Hepp im September 1979 in Untersuchungshaft genommen.

Im Januar 1980 wurde die WSG bundesweit verboten. Darum wollte Hoffmann sie in den Libanon verlegen und suchte dafür Rekruten. Im Februar 1980 wurde Hepp aus der Untersuchungshaft entlassen und nahm direkten Kontakt mit Hoffmann auf. Wie spätere Ermittlungsprotokolle nahelegen, hatte der Verfassungsschutz Bayern Hepp eventuell während seiner Haft als V-Mann angeworben.Ulrich Chaussy: Das Oktoberfest-Attentat und der Doppelmord von Erlangen. Berlin 2020, S. 299 Er wohnte dann mit Frank Schubert von der Volkssozialistischen Bewegung Deutschlands (VSBD) beim Ehepaar Müller in Mainz-Gonsenheim.

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart klagte Hepp und drei seiner Kameraden wegen Mitgliedschaft in der Wehrsportgruppe Schlageter und Plänen für Anschläge auf Fahrzeuge von US-Soldaten und Geiselnahmen an.Erich Schmidt-Eenboom, Ulrich Stoll: Die Partisanen der NATO: Stay-Behind-Organisationen in Deutschland 1946–1991. 2. Auflage, Christoph Links, Berlin 2016, ISBN 978-3-86153-889-9, S. 208f. Zudem wurden er und sechzehn Kameraden wegen des Aufbaus einer NSdAP-Nachfolgeorganisation, geplanter Banküberfälle, Anschlägen auf KZ-Gedenkstätten und US-Einrichtungen angeklagt.Über zehn Jahre für Ex-Neonazi Hepp. taz, 28. Oktober 1987

Libanon-Aufenthalt Am 3. Juli 1980 überfiel Hepp mit Frank Schubert in Bad Homburg erstmals eine Bank. Er wollte mit dem erbeuteten Geld in den Libanon ausreisen und das Ehepaar Müller für ihre Herberge entlohnen.Anton Maegerle, Linda Roth: Vom Rechtsterroristen zum Mahner gegen Rechtsextremismus: Odfried Hepp. In: Landesarchiv Baden-Württemberg, Dokumentationsstelle Rechtsextremismus: Rechts.Geschehen 7, Januar bis März 2023. PDF S. 10–16, hier S. 12

Am 27. Juli 1980, kurz vor der Hauptverhandlung zur Stuttgarter Anklage, floh Hepp mit seinen Komplizen Peter Hamberger, Steffen Dupper und Kay Uwe Bergmann in den Libanon. Daraufhin stellten die deutschen Behörden internationale Haftbefehle für sie aus. Das Quartett überbrachte gebrauchte Militärfahrzeuge in das Lager Bir Hassan der Al Fatah. Dort hatte Hoffmann nach dem deutschen WSG-Verbot die „WSG Ausland“ aufgebaut. Insgesamt 15 westdeutsche Neonazis schlossen sich ihm an, um sich von der Fatah militärisch für Terroranschläge ausbilden zu lassen.

Die Ausbildung verlief anders als erhofft, so dass Hepp mit seinen drei Begleitern bald in die Bundesrepublik zurückkehren wollte. Laut Rainer Fromm scheiterte sein Versuch, „die Abenteurer der Hoffmann-Truppe politisch neonazistisch zu beeinflussen“.Rainer Fromm: Die „Wehrsportgruppe Hoffmann“: Darstellung, Analyse und Einordnung: ein Beitrag zur Geschichte des deutschen und europäischen Rechtsextremismus. Peter Lang, Bern 1998, ISBN 3-631-32922-9, S. 468 Nach anderen Angaben bezog die Fatah die Neonazis nicht in ihre eigenen Anschlagspläne ein. Ab Sommer 1980 zerfiel die WSG Ausland. Hepp und drei Kameraden versuchten im September 1980 erfolglos, aus dem Lager zu fliehen, und sollen danach tagelang von ihren Kameraden gefoltert worden sein.Barbara Manthe: Terror von rechts: Die Geschichte einer andauernden Gefahr. Beck, München 2026, ISBN 978-3-406-84625-0, S. 104

Am 22. September 1980 erschienen Hepp, Bergmann, Dupper und Hamberger in der deutschen Botschaft in Beirut, beantragten Ersatz für ihre angeblich gestohlenen Reisepässe und Flugtickets in die Bundesrepublik und erhielten diesen trotz der vorliegenden Haftbefehle problemlos. Am 24. September 1980 wurden sie jedoch auf dem Weg zum Flughafen von Unbekannten entführt und in den von der christlichen Phalange kontrollierten Teil Beiruts gebracht. Nach dem Oktoberfestattentat vom 26. September 1980 bestritt die PLO ihre Beteiligung daran. Sie und die Phalange bezichtigten sich gegenseitig, die vier Neonazis entführt und so an der Ausreise gehindert zu haben. Bundesdeutsche Ermittler vermuteten, dass die Entführung vorgetäuscht worden war, um den vier ein Alibi für die Tatzeit des Attentats zu verschaffen.