mini|Schautafel mit Geländeplan mini|Psychiatrisches Zentrum Nordbaden und Umgebung mini|Zentralgebäude mini|Praxis mini|Haus für Jugendliche mini|Luftaufnahme PZN Wiesloch
Das Psychiatrische Zentrum Nordbaden (PZN) liegt in Wiesloch im Rhein-Neckar-Kreis im Nordwesten von Baden-Württemberg, wenige Kilometer südlich von Heidelberg. Das PZN umfasst einen parkartigen Gebäudekomplex am nördlichen Stadteingang von Wiesloch. Die Gebäude und die Parkanlage unterliegen dem Ensembleschutz. Das Krankenhaus hat sich in über 100 Jahren zu einem Fachkrankenhaus für Psychiatrie entwickelt. Es ist nach dem ZfP Südwürttemberg das zweitgrößte psychiatrische Fachkrankenhaus des Landes Baden-Württemberg und wie dieses ein rechtlich selbständiges Mitglied des Unternehmensverbands ZfP-Gruppe Baden-Württemberg. Das Zentrum ist akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Heidelberg.
Die Kürzel „Psych“ bzw. „PLK“ (vom früheren Namen Psychiatrisches Landeskrankenhaus), „Anstalt“ (von der Rechtsform) oder schlicht „Wiesloch“ werden in der Region gelegentlich in abfälligem Sinn für Krankenhaus oder dessen geschlossene Abteilungen verwendet.
Geschichte Planung und Bau Im Großherzogtum Baden bestanden im Jahr 1900 zwar 2395 Betten im Bereich der Irrenfürsorge, doch waren die Psychiatrischen Universitätskliniken in Heidelberg und Freiburg im Breisgau sowie die drei bestehenden Anstalten in Pforzheim, Illenau und Emmendingen völlig überfüllt.Hans Gebhardt in: 75 Jahre ..., 1980. Die Direktoren der drei badischen Irrenfürsorgeanstalten, die Herren Fischer, Ihle und Hardt, verfassten 1901 die Denkschrift über den gegenwärtigen Stand der Irrenfürsorge in Baden und deren zukünftige Gestaltung, in der der Bau von zwei neuen Anstalten angeregt wurde, eine davon in der Nähe von Heidelberg. Der badische Landtag stimmte am 27. Juli 1902 den Vorschlägen zu. Um die Errichtung bewarben sich rund 20 Gemeinden. Die Standortwahl war vor allem vom Landschaftsbild abhängig, da man die Anstalt nach dem Modell einer Gartenstadt errichten wollte. In Wiesloch fand man auf der Wilhelmshöhe eine attraktive Hanglage mit Fernsicht auf die Rheinebene und ins Leimbachtal, woraufhin die Stadt den Zuschlag zur Errichtung der Anstalt erhielt.Mues 2001.
In die Planungsphase wurden die badischen Anstaltsdirektoren, der Referent für das Irrenwesen und die Bauräte Koch und Levy einbezogen. Die Bauräte besichtigten verschiedene Anstalten in Deutschland und der Schweiz und betrachteten anschließend die 1880–89 errichtete Anstalt in Emmendingen als mustergültig, da man dort das Prinzip der Trennung der Krankengruppen und die Unterscheidung von offenen und geschlossenen Abteilungen bereits weit vorangetrieben hatte.
Für Wiesloch plante Baurat Julius Koch daher auch eine Anlage aus lose angeordneten kleineren Gebäuden („Pavillons“), die sich längs von geschwungenen Wegen westlich und östlich der mittig angeordneten zentralen Verwaltungsgebäude erstrecken. Als bauliches Vorbild für die Planung diente die ebenfalls aus Pavillons um Zentralgebäude angelegte Einrichtung in Altscherbitz.Hans Gebhardt in: 75 Jahre ..., 1980. Die Einrichtung war zur Aufnahme von rund 1000 Patienten konzipiert. Die ersten Planungen sahen Baukosten in Höhe von 7,2 Mio. RM vor, mussten deswegen dann 1903 überarbeitet werden, um im Kostenrahmen von 5 Mio. RM zu bleiben. Koch reduzierte die Gebäudezahl und erhöhte die Belegungszahlen der verbliebenen Gebäude, um weiterhin Platz für 1000 Patienten zu bieten, und kam schließlich auf eine Plansumme von 5,75 Mio. RM. Obwohl die Pläne immer noch den Kostenrahmen überschritten, wurden sie schließlich angenommen.
Das Gelände wurde ab Juli 1903 erschlossen. Das Wasser für die Anlage wurde aus Quellen im Maisbachtal gewonnen und über ein Pumpwerk in einen Hochbehälter auf dem Anstaltsgelände geleitet. Für das Abwasser wurde ein eigenes Klärwerk innerhalb der Anlage erbaut, von dem aus das geklärte Wasser in den Leimbach abgeleitet wurde. Die Hochbauarbeiten begannen im Frühjahr 1904. Innerhalb des ersten Jahres wurden vier Krankenpavillons, der Küchenbau, Teile des Verwaltungsgebäudes und ein Kesselhaus errichtet.
Frühe Betriebsjahre Am 20. Oktober 1905 nahm die „Großherzoglich Badische Heil- und Pflegeanstalt bei Wiesloch“ in diesen Gebäuden ihren Betrieb auf. Die ersten 50 Patienten wurden aus Emmendingen überstellt. Im weiteren Zug des Ausbaus nahm die Anstalt vor allem Patienten aus Heidelberg und Illenau auf.
Die Bauarbeiten auf dem Gelände wurden bis 1916 fortgeführt und kamen dann kriegsbedingt zum Erliegen. Bis dahin waren 27 Krankenhäuser, das Verwaltungsgebäude, zwölf Personalwohnhäuser (meist Doppelhäuser) sowie verschiedene Ökonomiegebäude (Küche, Waschküche, Werkstatt, Kesselhaus, Pumpwerk, Sektionshaus) fertiggestellt. Die Gebäude weisen verschiedene architektonische Spezifika auf. Das zuerst errichtete, abseits liegende Pumpwerk im Maisbachtal greift vor allem Elemente der englischen Landhausarchitektur auf. Das große Krankengebäude von 1904/05 hingegen gehört mit Eckquadern, geschweiften Gauben und Portalüberdachungen sowie mit großen Mansarddächern der neobarocken Ausprägung des Historismus an. Das Verwaltungsgebäude von 1905/06 wies Züge der Neorenaissance auf. Die kleineren Krankengebäude schließlich sind im bereits vom Historismus gelösten neuen Landhausstil im Sinne von Paul Schultze-Naumburg ausgeführt, der ab 1905 auch an der Gestaltung der Grünanlagen beteiligt war.
Im Mittelpunkt der Arbeit der Anstalt standen in den Anfangsjahren zunächst Arbeitstherapie in Landwirtschaft und Gärtnerei, aber auch die weitere Anlage der Grünflächen sowie der Straßen und Wege, für Frauen gab es Beschäftigungstherapien in Koch- und Waschküche sowie im Nähsaal. Zur Behandlung der Reizzustände der Kranken kamen überwiegend Dauerbäder und Schlafmittel zum Einsatz.
Im Ersten Weltkrieg wurden 38 Prozent des männlichen Personals zum Kriegsdienst eingezogen. 21 Kriegsteilnehmer ließen dabei ihr Leben. In der Anstalt selbst kam es infolge der Notzeit in den späten Kriegs- und frühen Nachkriegsjahren auch zu gehäuften Sterbefällen, hauptsächlich infolge der Hungersnot.
In den frühen 1920er Jahren wurden dann noch sechs weitere Personalwohnhäuser errichtet sowie der bereits vor dem Krieg begonnene Kirchenbau auf dem Gelände vollendet. Als man die Kirche beim 20-jährigen Jubiläum der Anstalt am 20. Oktober 1925 eingeweiht hat, bestanden 67 Gebäude, darunter 27 Krankenbauten, 22 Verwaltungs- und Wirtschaftsgebäude sowie 16 Wohngebäude mit insgesamt 73 Personalwohnungen.
Danach wollte man den bereits begonnenen zentralen Saalbau fertigstellen, doch die Weltwirtschaftskrise führte zunächst zu einer Vereinfachung der Baupläne und schließlich zur Einstellung der Arbeiten. Auch die inzwischen aufgenommene Außenfürsorge, z. B. durch die 1922 eröffnete Fürsorgestelle für Nerven- und Gemütskranke in Mannheim, musste komplett eingestellt werden.
Um 1930 konzentrierte man sich daher auf die Arbeitstherapie innerhalb der Anstalt, die inzwischen aus Feldarbeit, Obstbau, Seidenraupenzucht, Heilpflanzenanbau sowie Korbflechterei, Weberei und anderen Gewerken bestand. Von 1919 bis 1931 hatte man außerdem den Hohenhardter Hof zum Anbau von Lebens- und Futtermitteln gepachtet.Von buridal bis Baiertal 1988, S. 38/39.
Zeit des Nationalsozialismus In der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Anstalt immer mehr zu einem Leistungsbetrieb umgeformt, in dem weniger die Krankenfürsorge, sondern mehr der wirtschaftliche Ertrag im Mittelpunkt stand.
Nach 1938 wurden 1000 Patienten im Rahmen der Aktion T4 deportiert, die Anstalt diente auch als Zwischenstation für den Abtransport von 1000 Patienten aus der Umgebung. Zwischen 1940 und 1944 wurden 2.200 Frauen und Männer in der „Euthanasie“-Tötungsaktion nach Grafeneck und auch Hadamar verschleppt und ermordet. Die Anzahl der ab 1942 aufgrund von Verlegungen in andere Einrichtungen dort umgekommenen Patienten dürfte sich zwischen 800 und 1.000 bewegen.pzn-wiesloch.de
Am 10. Juni 1941 wurden der Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch mit einem Sammeltransport unter anderem die bisher in der Kreispflegeanstalt Geisingen untergebrachten zwei Juden M. K. und A. W. zugeführt. Sie wurden über ein Sammellager bei Stuttgart in das Generalgouvernement abtransportiert. Am 10. Juli 1942 unterrichtete Wilhelm Möckel das Ministerium des Innern in Karlsruhe darüber, dass die Anstalt „judenfrei“ sei.tenhumbergreinhard.de
Aus der von den Nationalsozialisten eingerichteten „Kinderfachabteilung“ der Psychiatrie wurden unter Arthur Schreck als Leiter der Abteilung mindestens zwölf Säuglinge und ältere Kinder getötet oder zur Tötung durch den Arzt Fritz Kühnke überlassen. Sieben Kinder wurden auf dem Anstaltsfriedhof beigesetzt, der noch zu Kriegszeiten auf Veranlassung des Anstaltsleiters Wilhelm Möckel eingeebnet wurde.esslinger-zeitung.de
Das Haus war danach abwechselnd und zum Teil gleichzeitig Lazarett, Ausweichkrankenhaus und Flüchtlingslager. Weitere Opfer forderte ein Bombenangriff im Jahr 1944.
Auch die meisten der dort untergebrachten kranken und arbeitsunfähigen Zwangsarbeiter, nach dem Kriege auch IRO-Patienten (IRO = International Refugee Organisation, 1946 gegründet) genannt, überlebten ihren Aufenthalt nicht.
Aufarbeitung Arthur Schreck war von Oktober 1945 bis April 1951 in Haft. Am 1. August 1954 wurden ihm die bürgerlichen Ehrenrechte zurückerkannt. Ministerpräsident Gebhard Müller begnadigte ihn offiziell im März 1958. Fritz Kühnke betrieb ab 1946 eine Praxis als Kinderfacharzt in Hamburg. Das 1963 gegen ihn wegen Totschlags in Gang gesetzte Verfahren wurde eingestellt. Gegen den damaligen Anstaltsleiter, Wilhelm Möckel, wurden die Ermittlungen eingestellt, nachdem ihn das Wieslocher Amtsgericht 1948 als „Widerstandskämpfer“ entlastet hatte.pzn-wiesloch.de
Seit 1980 erinnert ein Gedenkkreuz vor der Krankenhauskirche an die Opfer des Nationalsozialismus, von denen einige auf dem Anstaltsfriedhof begraben sind.Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. Eine Dokumentation, Band 1. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1995, ISBN 3-89331-208-0, S. 105.
Eine Initiative von Mitarbeitern und Kirchenvertretern ermöglichte es 1994, neben dem Zentralgebäude in Nähe des Rondells das aktuelle Mahnmal für die Euthanasie-Opfer zu errichten. Geschaffen hat es die Künstlerin Susanne Zetzmann. Es stellt einen zerbrochen, abgespaltenen Kreis dar.
Zum Gedenken an die so genannten IRO-Patienten wurde 2007 das IRO-Mahnmal oberhalb des Rondells an der Festhalle der Öffentlichkeit präsentiert. Geschaffen wurde es von der Künstlerin und PZN-Ärztin Elke Weickelt.
An die zwölf ermordeten Kinder der Kinderfachabteilung Wiesloch erinnert unterhalb des damaligen Tatorts, dem Haus 59, seit dem 27. Januar 2015 eine Erinnerungsstätte. Sie wurde im Rahmen der Gedenkfeier in Anwesenheit von Sozialministerin Katrin Altpeter eröffnet. Über die Mahnmale des PZN-Wiesloch informiert das Infoblatt „Erinnerung“.
Franz Peschke veröffentlichte 2012 eine umfassende Arbeit über die Heilanstalt im Dritten Reich.Franz Peschke: Ökonomie, Mord und Planwirtschaft. Die Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch im Dritten Reich Reihe Aspekte der Medizinphilosophie, Band 10, Projektverlag, Bochum/Freiburg im Breisgau 2012. Bereits 2005 veröffentlichte er eine Arbeit über die Zwangsarbeiter im Flüchtlingslager Wiesloch.
Über die Geschichte der Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch in nationalsozialistischer Zeit hat Frank Janzowski, Psychologe und ehemaliger Mitarbeiter des PZN, recherchiert. Erste Ergebnisse veröffentlichte er 2011. Zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus erschien im Januar 2015 von ihm eine Monografie.Frank Janzowski: Die NS-Vergangenheit in der Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch Ubstadt-Weiher u. a.: Verlag Regionalkultur 2015, ISBN 978-3-89735-852-2.
Psychiatrisches Landeskrankenhaus ab 1953