Der Ausdruck Gottesmord (, ) ist eine Wortschöpfung früher Kirchenväter, entstanden ab dem Jahr 160 aus der Aussage des Bischofs Melito von Sardes: „Gott ist ermordet worden“. Er behauptet eine angebliche Kollektivschuld der Juden an der Kreuzigung des Jesus von Nazaret und identifiziert diesen Sohn Gottes dabei mit Gott selbst als dem Schöpfer der Welt. Er schreibt dem Judentum also das größte denkbare, universale und unaufhebbare Verbrechen zu.
Dieser Schuldvorwurf ist ein zentrales Stereotyp des christlichen Antijudaismus. Damit begründeten christliche Theologen ab dem 2. Jahrhundert die angebliche „Verwerfung“, „Enterbung“ und Ersetzung des Judentums durch die Alte Kirche (Substitutionstheologie). Demgemäß wurden die Juden in der Kirchengeschichte kontinuierlich als „Gottesmörder“, „Christusmörder“, „Mörder des Herrn“ oder „Heilandsmörder“ bezeichnet und dargestellt. Im Hochmittelalter wurden aus dem Gottesmordvorwurf christliche Ritualmordlegenden und andere angebliche religiöse Vergehen von Juden abgeleitet. Dieses dämonisierende Judenbild wurde in der Volksfrömmigkeit verankert und trug wesentlich dazu bei, dass Judenfeindlichkeit ein „kultureller Code“ der Geschichte Europas wurde.Stefan Rohrbacher, Michael Schmidt: Judenbilder. Reinbek 1991, S. 8
Ab der Spätantike rechtfertigte der Katholizismus, ab der Frühen Neuzeit auch der Protestantismus mit diesem etablierten Judenbild die soziale Diskriminierung, Unterdrückung und zeitweise Verfolgung jüdischer Minderheiten. Das begünstigte den modernen Antisemitismus, trug zu „akuten Formen der Komplizenschaft“ der Großkirchen mit dem Nationalsozialismus beiHans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte Band 4: 1914–1949: Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten. Beck, München 2008, ISBN 3-406-32264-6, S. 817 und ermöglichte es mit, dass mehrheitlich christlich getaufte Täter den Holocaust ausführten.Manfred Gailus, Armin Nolzen: Zerstrittene „Volksgemeinschaft“: Glaube, Konfession und Religion im Nationalsozialismus. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, ISBN 3-525-30029-8, S. 288; Fritz May: Israel zwischen Blut und Tränen: der Leidensweg des jüdischen Volkes. Schulte + Gerth, Asslar 1987, ISBN 3-87739-081-1, S. 134; Leonore Siegele-Wenschkewitz: Mitverantwortung und Schuld der Christen am Holocaust. In: Evangelische Theologie Nr. 42, 1982, S. 171–190
Die Großkirchen haben die Christusmord- und Gottesmordthese und weitere damit verknüpfte antijudaistische Stereotype seit 1945 allmählich als Irrtum und Schuld erkannt und sind öffentlich davon abgerückt (siehe Kirchen und Judentum nach 1945).
Neues Testament
Der Vorwurf des „Gottesmordes“ schreibt Jesu Kreuzigung historisch nicht den römischen Machthabern, sondern „den Juden“ zu, und versteht Jesus Christus theologisch dabei nicht nur als von Gott erwählten Menschen, sondern als mit Gott identisches Wesen, als Gott selbst. Beides ist im Neuen Testament (NT) nicht belegt. Dieses verkündet Jesu Tod aufgrund der Auferstehung Jesu Christi als von Israels Gott JHWH gewolltes universales Heilsgeschehen für Juden und Nichtjuden, also für alle Menschen.Christian Staffa: Antisemitismuskritik in Kirche und Theologie heute. In: Astrid Messerschmidt, Meron Mendel, Tom David Uhlig (Hrsg.): Fragiler Konsens: Antisemitismuskritische Bildung in der Migrationsgesellschaft 2017. Campus, Frankfurt am Main 2017, ISBN 978-3-593-43715-6, S. 171–186, hier S. 172 Damit widerspricht die Kernbotschaft des NT dem Gottesmordvorwurf gegen Juden, der sie vom Heil ausschließt, ihre Bestrafung verlangt und rechtfertigt.Christian Staffa: Von der gesellschaftlichen Notwendigkeit christlicher Antisemitismuskritik. AG jüdisch&christlich beim Deutschen Evangelischen Kirchentag, 10. Februar 2022
Nur einzelne NT-Stellen machen „die Juden“ oder „das ganze Volk“ für Jesu Tod verantwortlich. Dabei handelt es sich um pauschalisierende Kampfaussagen im Rahmen eines innerjüdischen Gruppenstreits, als die kleine Gemeinschaft der Urchristen noch um Anerkennung im Gesamtjudentum rang. Daraus einen fortwährenden Kollektivschuldvorwurf gegen alle Juden abzuleiten, lag außerhalb ihrer Vorstellungswelt: Israel war und blieb für sie fraglos das erwählte Gottesvolk.Michael Theobald: Der Prozess Jesu: Geschichte und Theologie der Passionserzählungen. Mohr Siebeck, Tübingen 2022, ISBN 978-3-16-161610-5, S. 17
Passionserzählung der Urgemeinde Die vier kanonischen Evangelien nennen drei interagierende Gruppen, die in verschiedenem Maß an der Verhaftung, Verurteilung, Auslieferung und Kreuzigung Jesu mitwirkten: die Römer als militärische Besatzungsmacht, den Sanhedrin als oberste Religionsbehörde des damaligen Judentums, und die Anhänger der Sadduzäer in Jerusalem. Die im Kern übereinstimmenden Textpassagen werden auf eine Passionserzählung der Jerusalemer Urgemeinde zurückgeführt, die bald nach Jesu Tod entstand. Diese lässt keinen Zweifel, dass der römische Statthalter Pontius Pilatus durch seine Soldaten Jesus hinrichten ließ, weist dem damaligen Hohenpriester aber eine starke Mitverantwortung zu: Der von ihm geführte Sanhedrin habe Jesus festgenommen, verurteilt und den Römern ausgeliefert.Gerd Theißen, Annette Merz: Der Historische Jesus. 4. Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, ISBN 978-3-525-52198-4, S. 387–410
Die Urgemeinde wollte jedoch nicht primär historische Verantwortung festhalten, sondern Jesu Leiden und Sterben als Gottes endgültiges Eintreten für das erwählte und verfolgte Volk Israel verkünden. Ihre Erzählung ist durchweg projüdisch. Darin tritt Jesus als der Menschensohn auf, den das Judentum seit der akuten Verfolgung durch Antiochus IV. (168 bis 164 v. Chr.) erhoffte: Ihm, dem Vertreter des unter den Gewaltherrschern leidenden Israel, werde JHWH beim Gericht über alle Gewaltsysteme seine universale Herrschaft übertragen (). Daran anknüpfend, sagt Jesus in , nun werde der Menschensohn selbst – wie in Dan 7,25 die Israeliten – in die Hände der „Sünder“ (Gewaltherrscher) ausgeliefert. Er leidet und stirbt also mit jenem Volk, das er vertritt. Zuvor beim Pessachmahl, das an Israels Auszug aus Ägypten erinnert, gibt er dem Zwölferkreis, der die zwölf Stämme Israels vertritt, vorweg Anteil an seiner Selbsthingabe und bezieht dabei gemäß die Völker ein: „Dies ist mein Leib (Leben) für euch – dies ist mein Sterben für die Vielen“, das den Bund Gottes mit Israel erneuert (). Mit dem feierlichen Schwur, erst im kommenden Reich Gottes wieder Wein zu trinken (), stellt Jesus sein letztes Mahl in die Perspektive der universalen Gottesherrschaft, die laut Tod und Leid weltweit überwinden werde. Im Verhör des Sanhedrin geht es laut um Jesu Ansage von Zerstörung und Neubau des Tempels (; vgl. ). Da der Tempelneubau biblisch nur dem Messias zusteht, fragt der Hohepriester konsequent nach Jesu Messiaswürde. Nach bejaht Jesus die Frage und sagt den Vertretern des Judentums das Kommen des Menschensohns zu: Israel habe als Gottes Volk auch nach der Tempelzerstörung eine Zukunft. Um den Tempelkult zu schützen, liefert der Sanhedrin ihn den Römern aus. In sprechenden Details stellt die Passionserzählung Jesus den unterdrückten und entrechteten Juden an die Seite: Simon von Kyrene, ein Diasporajude, wird zum Frondienst des Kreuztragens gezwungen (). Gemäß seinem Pessachschwur lehnt Jesus den Betäubungstrank der römischen Henker ab (). Er wird mit aufständischen Zeloten unter dem Kreuzestitel INRI, also wegen seines Eintretens für die jüdische Befreiungshoffnung gekreuzigt (). Er erleidet stellvertretend das biblisch angekündigte, befristete und unwiederholbare Endgericht, ausgedrückt im Stundenschema der Zeitangaben und im Bild der Gerichtsfinsternis über die ganze Erde (). Er schreit den Gerichtsschrei der Gottverlassenheit, zugleich die offene Klage aller Unrecht leidenden Juden (; zitiert ). Die ganze Erzählung sagt also aus: Jesus, der Menschensohn, starb als Vertreter Israels für und mit Israel, nahm das Gericht an seiner statt auf sich und ging in seine Leidensgeschichte ein. So geschah Gottes Versöhnung mit der Welt, so erhielten die Völker Anteil an Israels Befreiungshoffnung.
Die Gottesmordtheorie folgte laut Bertold Klappert aus dem Verlust dieser „israelitischen Kontur“ der Passionserzählung. Sie war eine grundlegende Verkehrung, die das abgeschlossene Gericht den Juden auferlegte, die Solidarität mit den leidenden Juden verweigerte, sie verfolgte und die eigene Schuld an ihren Leiden auf das Judentum zurück projizierte.Bertold Klappert: Der Verlust und die Wiedergewinnung der israelitischen Kontur der Leidensgeschichte Jesu (das Kreuz, das Leiden, das Passahmahl, der Prozeß Jesu). In: Hans Hermann Henrix, Martin Stöhr (Hrsg.): Exodus und Kreuz im ökumenischen Dialog zwischen Juden und Christen. Einhard, Aachen 1978, S. 115–143
Evangelien Schon das Markusevangelium, das älteste der vier kanonischen Evangelien, entlastete die römische Besatzungsmacht und belastete den Sanhedrin: Unmittelbar nach Jesu Angriff auf den Opferkult im Tempel hätten die Tempelpriester seinen Tod beschlossen, aber wegen der Sympathie für ihn im jüdischen Volk verabredet, ihn heimlich und „mit List“ zu verhaften (). Der Sanhedrin habe ihn auf Initiative des Hohenpriesters einstimmig zum Tod verurteilt () und dann unter einer falschen Anklage an Pilatus überstellt. Dieser habe Jesus für schuldlos gehalten und den anwesenden Juden mehrmals seine Freilassung angeboten. Dies hätten diese abgelehnt und gefordert: „Kreuzige ihn!“ Diesem Druck habe Pilatus schließlich nachgegeben ().
Die späteren Evangelien verringerten die Hauptverantwortung des Pilatus weiter und verstärkten die Mitschuld des Hohenpriesters und seiner Jerusalemer Anhänger. Laut rief „das ganze Volk“ nach dem Handwaschritual des Pilatus: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“ Im narrativen Kontext meint „Volk“ (griechisch laos) hier (wie in Mt 15,8) die anwesende Menge der Ankläger und Gegner Jesu, nicht alle Israeliten.Peter Fiedler: Das Matthäusevangelium. Kohlhammer, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-17-018792-4, S. 411 Mit ihrem Ruf erklären sie sich bereit, die Folgen eines möglichen Fehlurteils über Jesus zu tragen. Mit den „Kindern“ ist die nachfolgende Generation gemeint, die den Jüdischen Krieg gegen die Römer (66 bis 70 n. Chr.) miterlebte. Dieser endete mit der Zerstörung Jerusalems und des Tempels, auf die Stellen wie Mt 22,7 und Mt 23,35ff. anspielen. Daher wird auch Mt 27,25 als nachträgliche urchristliche Deutung (Vaticinium ex eventu) dieser Katastrophe verstanden.Klaus Haacker: „Sein Blut über uns“. Erwägungen zu Matthäus 27,25. In: Klaus Haacker: Versöhnung mit Israel. Exegetische Beiträge. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2002, ISBN 3-7887-1836-6, S. 29–32
Der Vers verwendet die biblische Wendung „Dein Blut komme auf / über dein Haupt“ (auch als Pluralanrede), die Täter für ihr Handeln verantwortlich und mit ihrem Leben für die Folgen haftbar macht. Es handelt sich um eine geprägte Rechtsformel (Jos 2,19; 1 Sam 2,33; Jer 26,15).Jürgen Roloff: Die Kirche im Neuen Testament. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1993, S. 150 und Fn. 13 Diese begründet in die Todesstrafe für einen Nichtjuden, der zuvor den gesalbten König getötet hatte. In behaftet Paulus von Tarsus Juden, die sein Evangelium ablehnten und „Lästerungen ausstießen“, mit diesem Satz, bevor er von der Judenmission zur Mission an Nichtjuden überging. Alle biblischen Beispiele des Satzes schließen eine Kollektivschuld und Sippenhaft gerade aus.Arnulf H. Baumann: Antijudaismus. In: Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde, Neuausgabe, Band 1. SCM R. Brockhaus, Wuppertal 2017, ISBN 978-3-417-26801-0, S. 265