mini|Deutsche Übersetzung vom Jubiläen von Bernhard Beer, 1856
Das Buch der Jubiläen, Jubiläenbuch (, altäthiopisch መጽሃፈ ኩፋሌ Mezchafe Kufale, „Buch der Einteilungen“), früher auch Kleine Genesis (Leptogenesis) genannt, ist eine jüdische Schrift aus dem 2. Jh. v. Chr. Sie gilt heute in der äthiopisch-orthodoxen Kirche sowie bei den Beta Israel als kanonisch. Von den übrigen christlichen Konfessionen aber wird sie zu den Pseudepigraphen des Alten Testaments gerechnet.Vgl. Enno Littmann: Das Buch der Jubiläen. In: Emil Kautzsch: Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments. Zweiter Band: Die Pseudepigraphen, Tübingen 1900, S. 31–119. Die ältesten Fragmente des Jubiläenbuches, dessen Handlung weitgehend dem Buch Genesis und der ersten Hälfte des Buches Exodus parallel läuft, wurden unter den Schriftrollen vom Toten Meer gefunden. Das zentrale Anliegen, das dem Jubiläenbuch auch seinen Namen gegeben hat, ist die von Siebenerperioden bestimmte Zeitrechnung, mit Jubiläen zu je 49 Jahren.
Im rabbinischen Judentum wird das Buch der Jubiläen nicht als heilige oder verbindliche Schrift anerkannt, sondern als außerkanonisches Werk (), aus der Zeit des Zweiten Tempels, ohne normative Bedeutung für den jüdischen Glauben oder Praxis.
Inhalt Das Buch der Jubiläen beginnt mit einem Bericht von der Offenbarung Gottes an Mose auf dem Sinai (Jub 1, vgl. ). Ebendort wird der „Engel des Angesichts“ damit beauftragt, für Mose die gesamte Geschichte der Welt von ihrer Erschaffung bis zum Bau des Heiligtums aufzuschreiben (Jub 1,27). Der Rest des Buches (Jub 2–50) enthält dann diese Geschichte aus der Perspektive des Engels, von der Schöpfungsgeschichte, die den Schabbat begründet (Jub 2,17–33, vgl. ) bis zu Mose auf dem Sinai, der die detaillierten Vorschriften über den Schabbat empfängt (Jub 50, vgl. ). Im Vergleich zur Tora wird vieles gekürzt, manches aber auch mit zusätzlichen Details ausgeschmückt. Vor allem wird jedes Ereignis einer mit der Schöpfung beginnenden Zeitrechnung, die in Jahrwochen und Jubiläen gegliedert ist, eingeordnet, oft auch mit genauer Angabe von Jahr, Monat und Tag. Die Verführung Evas durch die Schlange etwa soll „nach Ablauf der sieben Jahre (…) und zwar im 2. Monat, am 17. Tage“ stattgefunden haben (Jub 3,17). Adam starb „am Ende des 19. Jubiläums, in der 7. Jahrwoche, in ihrem 6. Jahre“ (Jub 4,29).
Sieben Jahre bilden eine Jahrwoche, sieben Jahrwochen ein Jubiläum. Ein Jubiläum umfasst somit 49 Jahre. Die chronologische Grundeinheit ist jedoch die Siebentagewoche mit dem Schabbat.Amy-Jill Levine, Marc Zvi Brettler: Hebräische Bibel und Altes Testament. Warum Juden und Christen die gleichen Texte unterschiedlich lesen. Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2024, ISBN 978-3-438-05494-4, S. 22–23. Im Jubiläenbuch wird ein Kalender mit einem Jahr von 364 Tagen propagiert (Jub 6,32). Dieses Jahr besteht aus 4 Quartalen mit je 13 Schabbatot (Jub 6,29), also insgesamt genau 52 Wochen. Das hat den praktischen Vorteil, dass jedes Fest immer auf den gleichen Wochentag fällt, aber den Nachteil, dass weder die Jahreslänge mit dem wirklichen Sonnenjahr übereinstimmt noch die sich ergebenden Monate von 30 bzw. 31 Tagen mit der tatsächlichen Lunation (Rosch Chodesch). Das war den Verfassern des Jubiläenbuches auch bewusst. Sie schieben darum dem Mond selbst die Schuld zu:
Auch enthält das Werk zahlreiche Speise- und Reinheitsvorschriften (etwa Tahara), so auch das Verbot der Exogamie (Jub 30,11).
Großen Raum nehmen die Engel ein. Erwähnt werden vier Klassen: „Engel des Angesichts“, „Engel der Heiligung“, „Engel der Natur“ und „Schutzengel“. Berichtet wird u. a. die Erschaffung der Engel am ersten Schöpfungstag, aber auch die sündhafte Verbindung abtrünniger Engel mit Menschentöchtern, aus der das später bei der Sintflut vernichtete Riesengeschlecht der Nephilim hervorging. (In der äthiopischen Fassung wird allerdings gesagt, dass in diesem Fall mit „Engeln“ die Nachkommen Sets und mit „Menschen“ die Nachkommen Kains gemeint sind.)
Nach Auffassung des Autors der Jubiläen war Hebräisch die Sprache, die ursprünglich von aller Kreatur, Menschen wie Tieren, und auch im Himmel gesprochen worden sein soll. Nach der Zerstörung des Turmes zu Babel sei sie aber in Vergessenheit geraten, ehe sie Abraham wieder von den Engeln gelehrt worden sei. Henoch sei der erste Mensch gewesen, den sie in der Kunst der Schrift unterwiesen hätten, worauf er alle Geheimnisse der Astronomie, der Zeitmessung und der Weltgeschichte niedergeschrieben habe.
Manuskripte
Die Originalsprache des Buches ist Hebräisch. In fünf verschiedenen Qumranhöhlen wurden Fragmente von 16 verschiedenen Handschriften des Buches gefunden: 1Q17–18; 2Q19–20; 3Q5, 4Q176a, 4Q216, 4Q217, 4Q218, 4Q219, 4Q220, 4Q221, 4Q222, 4Q223, 4Q224 und 11Q12.Martin Abegg, Armin Lange, Ulrike Mittmann-Richert, Stephen J. Pfann, Eibert J. C. Tigchelaar, Eugene Ulrich und Brian Webster: Annotated List of the Texts from the Judaean Desert Classified by Content and Genre. Discoveries in the Judaean Desert 39, S. 124. Demnach war es eines der meistgelesenen Bücher in der Qumrangemeinschaft. Ein Zitat des Jubiläenbuches in der Damaskusschrift (CD 16,3f.)Vgl. dazu Berger, Jubiläen, 295. zeigt, dass es auch als kanonisch angesehen wurde.
Das hebräische Jubiläenbuch ist schon früh ins Griechische übersetzt worden, nach James VanderKam spätestens um 200 n. Chr., nach Klaus Berger wahrscheinlich schon vor 70 n. Chr.Klaus Berger, Jubiläen, 289, mit Anm. 9. Es gibt aber nur bruchstückhafte, auf ein Werk des Epiphanios von Salamis zurückgehende griechische Texte sowie einige lateinische Fragmente, deren textkritischer Wert gewöhnlich hoch eingeschätzt wird. Ein zusätzliches syrisches Fragment im British Museum mit dem Titel Namen der Patriarchengattinen gemäß dem Hebräischen Buch der Jubiläen legt nahe, dass auch eine syrische Fassung existiert haben muss.
Vollständig überliefert ist das Jubiläenbuch nur in altäthiopischer Sprache, da es Bestandteil der altäthiopischen Bibel ist. Die ältesten bekannten äthiopischen Handschriften des Jubiläenbuches stammen aus dem 14. und 15. Jahrhundert.Eine Übersicht bietet Klaus Berger, Jubiläen, 289–293.
Entstehungsgeschichte Die Entstehungszeit des Jubiläenbuches ist nicht sicher anzugeben. Während besonders in der älteren Forschung eine Datierung in die Zeit des Hasmonäers Johannes Hyrkanos I. (135–104 v. Chr.) gelegentlich vertreten wurde, ist heute eine Mehrheit von Forschern der Ansicht, das Buch sei in vorhasmonäischer Zeit entstanden. Entsprechende Datierungen fallen ins frühe 2. oder sogar ins 3. Jahrhundert v. Chr. Die wichtigsten Argumente für eine Datierung in die Hasmonäerzeit sind vermeintliche Aussagen innerhalb des Buches, die auf Ereignisse um den Makkabäeraufstand Bezug nehmen (etwa Kap. 15 zur Verweigerung der Beschneidung durch hellenisierende Kreise in Jerusalem, oder die Behandlung Esaus als Reflex der Eroberung Idumäas unter Hyrkanos I.). Solche Deutungen sind aber unsicher. Für die Frühdatierung wird der Status des Jubiläenbuches in den Qumranschriften angeführt. Es wird dort (d. h. im 2. und 1. Jahrhundert v. Chr.) als autoritative Schrift zitiert, was eine deutlich frühere Entstehung wahrscheinlich macht. Zudem wird aufgrund inhaltlicher Übereinstimmungen besonders mit der Tempelrolle (die wiederum als einer der ältesten Qumrantexte gilt) eine inhaltliche Entwicklung angenommen, an deren relativem Beginn das Jubiläenbuch steht. Das älteste Manuskript des hebräischen Originals stammt aus Qumran und wird paläographisch auf 125–100 v. Chr. datiert. Damit sind einige Spätdatierungen fragwürdig geworden, da das Jubiläenbuch wohl nicht in Qumran entstanden ist und also schon einige Zeit vorher in Umlauf gewesen sein muss.
Über den Verfasser ist nichts bekannt; ältere Thesen zu pharisäischer Autorschaft sind heute überholt. Gewöhnlich wird heute eine Randgruppe des Judentums als Entstehungskontext angenommen, die gelegentlich auch als „proto-qumranisch“ oder „proto-essenisch“ bezeichnet wird.
Wirkungsgeschichte In Judentum und Christentum Unter den Schriftrollen von Qumran ist das Jubiläenbuch in zahlreichen Handschriften belegt, hatte demnach hohe Bedeutung für die hinter den Texten stehende Gruppierung. In den jüdischen Kanon wurde das Jubiläenbuch gleichwohl nicht aufgenommen. Ähnliches gilt für das Christentum. Zwar stand das Buch auch bei den Kirchenvätern in hohem Ansehen, dennoch wurde es kein Teil des Kanons der Reichskirche. Dass das Buch überhaupt die Zeiten überdauert hat, ist daher allein den Orientalisch-Orthodoxen Kirchen, dabei vor allem der äthiopischen Kirche, sowie den Schriftrollen vom Toten Meer zu verdanken. Beeinflusst durch den Gebrauch in Äthiopien gelangte das Buch in neuerer Zeit auch in Teilen der jamaikanischen Rastafari-Bewegung zu einigem Ansehen.
Im Islam Andrew Rippin und Roberto Tottolio in ihrem Werk Books and Written Culture of the Islamic World gehen von einem Einfluss des Jubiläenbuches bei der Entstehung des Islam aus.Jan M.F. van Reeth: Le Prophète musulman en tant que Nâsir Allâh et ses antécédents: le "Nazôraios" évangélique et le livre des jubilés. In: Orientalia Lovaniensia Periodica (OLP) (1992) vol.23, S. 251–274. Vgl. auch: Klaus Berger: Die Urchristen. (2008) S. 340; Andrew Rippin, Roberto Tottoli (Hrsg.): Books and Written Culture of the Islamic World: Studies Presented to Claude Gilliot on the Occasion of his 75th Birthday. Brill, Leiden 2015, S. 280 ff. (books.google.de). Dabei vergleichen sie die Koransuren 19:41–48 sowie 21:51–73 mit dem Jubiläenbuch und weisen auf inhaltliche Berührungen, aber auch spezifische Unterschiede zwischen den Abrahamüberlieferungen im Koran und im Jubiläenbuch hin.
Während im Buch der Jubiläen Abraham nur seinen Vater vom Götzendienst abbringen möchte (Jub 12), fungiert Abraham im Koran als von Gott ernannter Prophet für sein Volk„Und gedenke in der Schrift des Abraham! Er war ein wahrhaftiger und ein Prophet.“ Übersetzung Paret, Sure 19:41. und spricht entsprechend zu seinen Leuten, um sie als Kollektiv vom Götzendienst abzubringen. Im Jubiläenbuch stimmt Terach, der Vater Abrahams, seinem Sohn zwar darin zu, dass die anderen Götter Menschenwerk seien, rät aber Abraham, still zu bleiben, um sein Leben zu retten.Jub 12,5–7 (Übersetzung von Littmann (); Übersetzung von Rießler (Volltext [Wikisource]). Im Koran dagegen gehen Abrahams Vater und das Volk willentlich dem Götzendienst nach und lehnen Abrahams Versuch der Missionierung mit der Drohung von Gewalt ab. Als Abraham daraufhin alle Götzenstatuen bis auf einen kaputtschlägt, wird er von seinem Volk angeklagt. Er verteidigt sich, indem er seine Schuld der übriggebliebenen Statue zuschiebt.„Er (Abraham) sagte: Nein! Dieser da, der größte von ihnen hat es getan[…]!“ (Übersetzung Paret 21:63) Er wird daraufhin von der Masse dem Feuer preisgegeben, jedoch, bevor er zu Schaden kommt, von Gott beschützt. Nach dem Jubiläenbuch soll die Geschichte anders verlaufen sein: Abraham legt, nach dem Gespräch mit seinem Vater, am Tempel der Götzen ein Feuer und flüchtet unerkannt von seinem Heimatort, während sein Bruder Haran, der im Koran nicht vorkommt, bei den Löscharbeiten ums Leben kommt.Jub 12,12–14 (Übersetzung von Littmann (); Übersetzung von Rießler Volltext [Wikisource]). Parallelen zu den genannten koranischen Erzählmotiven gibt es aber in der weiteren jüdisch-christlichen Überlieferung, teilweise sogar schon in der Bibel.Vgl. das Motiv der anderen Göttern dienenden Vorfahren Abrahams in .
Die Deutung Abrahams als Prophet schließlich ist nicht nur im Jubiläenbuch selbstverständlich, da Abraham hier mehrfach als Empfänger göttlicher Offenbarungen begegnet (Jub 12,22–24; 13,19–21; 18,15–16 u. ö.), sondern bereits in .