Als altniederländische Sprache (abgekürzt Anl.) oder altniederfränkische Sprache (abgekürzt Anfr.) bezeichnet man die älteste schriftlich überlieferte Sprachstufe des Niederländischen. Sie wurde vom 5. bis zum 12. Jahrhundert in dem Gebiet gesprochen, das heute die südlichen Niederlande, Belgien, den Niederrhein und Teile Nordfrankreichs umfasst. Nach dieser Zeit entwickelte sich die Sprache zum Mittelniederländischen.

Das Altniederländische hat in der vergleichenden germanistischen Forschung bislang keine umfassende Berücksichtigung gefunden und blieb lange Zeit ein „blinder Fleck der Altgermanistik“;Willy Pijnenburg: Das Altniederländische Wörterbuch, in: Amsterdamer Beiträge zur älteren Germanistik 57, 1, 5-18, 2003. Bezüge auf sowie Diskussionen des altniederländischen Materials fehlen in den maßgeblichen vergleichenden Handbüchern des frühen und mittleren 20. Jahrhunderts zumeist.Elżbieta Adamczyk: Reshaping of the Nominal Inflection in Early Northern West Germanic, John Benjamins Publishing Company, 2018, S. 396–398. Der Hauptgrund für diesen Befund liegt in der äußerst fragmentarischen und in vielerlei Hinsicht komplexen Überlieferungslage, in der die Sprache bezeugt ist, denn, obwohl Altniederländisch eine der frühesten belegten germanischen Sprachen ist (spätes 5. Jahrhundert), ist die Sprache insgesamt nur bruchstückhaft überliefert worden: nach den frühesten Belegen der Sprache erscheinen zusammenhängende Texte erst wieder im 10. Jahrhundert.A. Quak & J.M. van der Horst: Inleiding Oudnederlands. Löwen (ndl. Leuven): Universitaire Pers, 2002, ISBN 90-5867-207-7, in Ancorae, nr. 16, S. 3–22.J.M. van der Horst, J.A. van Leuvensteijn, W. Pijnenburg, M.C. van den Toorn: Geschiedenis van de Nederlandse taal. Niederlande: Amsterdam University Press, 1997, pp. 37–44.

Trotz der zahlreichen korpusbedingten Einschränkungen gilt die Einbeziehung des altniederländischen Materials in gegenwärtigen vergleichenden Untersuchungen aufgrund seiner intermediären Stellung innerhalb des Westgermanischen häufig oft als unerlässlich, da es morphologisch dem Althochdeutschen deutlich näher steht, phonologisch jedoch eine relative Mittelstellung zwischen diesem und dem Nordseegermanischen einnimmt.Elżbieta Adamczyk: Reshaping of the Nominal Inflection in Early Northern West Germanic, John Benjamins Publishing Company, 2018, S. 396–398.

Terminologie In der historischen Sprachwissenschaft sind die Begriffe „Altniederländisch“ und „Altniederfränkisch“ Synonyme für die früheste Sprachstufe des Niederländischen. Die darauf folgende historische Sprachstufe wird ausschließlich als „Mittelniederländisch“ bezeichnet.A. Quak, J.M. van der Horst, Inleiding Oudnederlands, Löwen 2002 Einige Autoren unterscheiden zwischen „Altniederländisch“ und „Altniederfränkisch“, wobei sie „Altniederfränkisch“ für die Sprachform vor der Assimilation einiger nordseegermanischer Merkmale durch die dominanten Dialekte des Binnenlandes verwenden. Andere verwendete Begriffe für diese Unterscheidung sind „Frühaltniederländisch“ und „Spätaltniederländisch“.

In der Literatur werden manchmal auch die Begriffe „Altniederländisch“ und „Altfränkisch“ synonym verwendet; aber es ist üblicher und genauer, erst ab dem 6. Jahrhundert vom Altniederländischen zu reden, da sich das Altfränkische in dieser Zeit in eine verschobene und eine unverschobene Variante teilte. Die Unterkategorie „Altwestfränkisch“ ist jedoch weitgehend gleichbedeutend mit dem Altniederländischen, da es keine verschobene Form des Westfränkischen gibt.Luc de Grauwe: Amsterdamer Beiträge zur älteren Germanistik, Band 57: Westfrankisch: bestaat dat? Over Westfrankisch en Oudnederlands in het oud-theodiske variëteitencontinuüm. 2003, S. 94–95.Alfred Klepsch: Der Name Franken. In: Fränkisches Wörterbuch (WBF), Bayerische Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 31. Juli 2020.

Sprachgebiet Das Gebiet, in dem das Altniederländische gesprochen wurde, ist nicht identisch mit dem heutigen niederländischen Sprachgebiet: Im Raum Groningen und in Friesland sowie an der holländischen Küste sprach man Friesisch oder wenigstens nordseegermanische („ingwäonische“) Dialekte. Im Osten der heutigen Niederlande (Achterhoek, Overijssel, Drenthe) wurden altsächsische Dialekte gesprochen. Im Süden und Südosten war das damalige altniederländische Sprachgebiet etwas größer als heute das neuniederländische: Französisch-Flandern und die nördliche und mittlere Gegend zwischen der Provinz Limburg und dem Rhein gehörten damals noch zum niederländischen Sprachgebiet.

Abgrenzungen Abgrenzung gegenüber dem Mittelniederländischen Obwohl es teils große Unterschiede gibt, gehen Altniederländisch und Mittelniederländisch fließend ineinander über. Die Grenze zwischen den beiden Sprachstufen ist kaum zu ziehen. Im Allgemeinen nimmt man die Jahre 1150 oder 1200.

Der auffälligste Unterschied ist die Vokalreduktion: Im Altniederländischen gibt es volle Vokale in unbetonten Silben, im Mittelniederländischen werden die zu einem „Schwa“ reduziert.

Beispiele:verändert nach A. Quak, in: Van den Toorn e.a. (1997) anl. fogala ‚Vögel‘ → mnl. vogele anl. daga ‚Tage‘ → mnl. daghe anl. brekan ‚brechen‘ → mnl. breken anl. giskrivan ‚geschrieben‘ → mnl. gheschreven

Unterschiede gegenüber dem Altfriesischen Ein charakteristischer Unterschied zum Friesischen der damaligen Zeit war das germanische au. Im Altniederländischen war das germanische au zu ō (also zu einem langen o) geworden, während es im Altfriesischen zu ā (zu einem langen a) geworden war. Beispiel: Der neuniederländische Ortsname Akersloot heißt in alten friesischen Urkunden Ekerslat.

Unterschiede gegenüber dem Althochdeutschen Der deutlichste Unterschied zwischen dem Altniederländischen und dem Althochdeutschen bestand darin, dass im Althochdeutschen die zweite Lautverschiebung stattgefunden hatte, im Altniederländischen hingegen nicht.

Unterschiede gegenüber dem Altsächsischen Unterschiede zwischen dem Altniederländischen und dem Altsächsischen:

Der germanische Laut hl (chl) am Anfang des Wortes ist im Altsächsischen erhalten geblieben, aber im Altniederländischen zu l vereinfacht. Das Altsächsische hat beim Verb eine Einheitsform für 1., 2. und 3. Person Plural, während das Altniederländische dort drei unterschiedliche Formen hat (-un, -et/it und -unt). Beispiel: anl. bilīvun ‚wir bleiben‘ - bilīvet ‚ihr bleibt‘ - bilīvunt ‚sie bleiben‘ gegenüber asächs. bilīvad ‚wir/sie bleiben, ihr bleibt‘. Das Altniederländische hat das germanische ō (das lange o) diphthongiert, das Altsächsische nicht. So steht anl. suoken ‚suchen‘ gegenüber asächs. sōkian. Das Altsächsische hat beim Substantiv Mehrzahlendungen auf -as und -os, während das Altniederländische meist -a hat. Das Altniederländische hat schon früh eine Auslautverhärtung gehabt, also den Lautwandel von stimmhaften zu stimmlosen Konsonanten am Ende des Wortes. Beispiel: anl. fluot ‚Flut‘ gegenüber asächs. flōd.

Überlieferung mini|300px|Fundorte von Texten und Glossen im Altniederländischen Sprachgebiet1. Runeninschrift von Bergakker2. Tournai (Geburtsort von Chlodwig I.): Lex Salica3. Utrecht: Sächsisches Taufgelöbnis4. Munsterbilzen: Wachtendoncksche Psalmen5. Kloster Egmond: Leidener Willeram6. Westflandern: Hebban olla vogala7. Werden: Rheinische Reimbibel Vom Altniederländischen sind nur einige Texte und Fragmente erhalten. Diese Texte und Fragmente sind im Corpus van Middelnederlandse teksten (tot en met het jaar 1200) von Maurits Gysseling herausgegeben. Die schriftliche Überlieferung ist also wesentlich geringer als die von verwandten Sprachen, wie z. B. Altenglisch oder Althochdeutsch.

Bei den altniederländischen Textfragmenten ist nicht immer eindeutig feststellbar, ob es sich um Altniederländisch, Altsächsisch oder Altfriesisch handelt. Dies liegt an der dürftigen Überlieferung und an der Tatsache, dass die germanischen Sprachen (oder Dialekte) sich damals stärker ähnelten. Es gab ein Dialektkontinuum, d. h. fließende Übergänge zwischen den kontinentalwestgermanischen Sprachen, aber auch innerhalb des Altniederländischen.

Die großen Texte Die Wachtendonckschen Psalmen

Die Wachtendonckschen Psalmen sind eine Psalmensammlung auf Altniederländisch. Sie sind benannt nach dem Besitzer Arnold Wachtendonck, einem Gelehrten aus Lüttich, der 1598 dem humanistischen Gelehrten Justus Lipsius eine Handschrift mit diesen Texten lieh. Lipsius untersuchte die Handschrift und schrieb einige Psalmen ab. Die Handschrift selber ist verschollen. Der ursprüngliche Text ist aus dem 9. oder 10. Jahrhundert.

Die Sprache des Textes ist altniederländisch, aber die Psalmen 1 bis 3 haben einen deutlichen mittelfränkischen Einschlag. Allgemein wird die Auffassung vertreten, dass der überlieferte Text die altniederfränkische Bearbeitung einer mittelfränkischen Vorlage ist.Arend Quak, "Die altmittel- und altniederfränkischen Psalmen und Glossen" (= Amsterdamer Publikationen zur Sprache und Literatur, Band 47), Rodopi, Amsterdam 1981

Ungeklärt ist die Frage, wo der ursprüngliche Text entstanden ist. Willy Sanders nimmt auf Grund von sprachlichen Eigenschaften ein Gebiet am Niederrhein an.Herman Vekeman und Andreas Ecke, "Geschichte der niederländischen Sprache" (= Langs Germanistische Lehrbuchsammlung, Band 83), Peter Lang, Bern 1993, ISBN 3-906750-37-X H.K.J. Cowan nimmt hingegen einen Ort in der niederländischen oder belgischen Provinz Limburg an.

Der Willeram

Der Leidener Willeram (auch Egmonder Williram genannt) ist der längste Text, der klar altniederländische Kennzeichen hat. Die Handschrift, die diesen Text enthält, befindet sich in der Universitätsbibliothek Leiden. Die Sprache des Textes ist eine Mischung aus Althochdeutsch und Altniederländisch. Der Text ist eine sprachlich oberflächliche Übersetzung eines Kommentares zum Hohelied aus der Bibel. Die Vorlage für diesen Text stammt von dem Mönch Williram von Ebersberg. Der altniederländische Text ist aus dem 11. Jahrhundert.

Die Rheinische Reimbibel Die Rheinische Reimbibel (auch genannt: Mittelfränkische Reimbibel) ist eine Bibel in Reimform, die wahrscheinlich im 12. Jahrhundert im Raum Werden entstanden ist. Sie ist in verschiedenen Fragmenten erhalten.

Einige kleinere Texte und Textfragmente Malbergische Glossen

Die malbergischen Glossen sind frühaltniederländischeSijs, Nicoline van der. Calendarium van de Nederlandse taal: de geschiedenis van het Nederlands in jaartallen. Niederlande: Sdu, 2006, pp. 32 (link)Nicoline van der Sijs: Chronologisch woordenboek. De ouderdom en herkomst van onze woorden en betekenissen. 2. Aufl., Veen, Amsterdam / Antwerpen 2002, S. 107 (online)Frits van Oostrom: Stemmen op schrift. Geschiedenis van de Nederlandse literatuur vanaf het begin tot 1300. 7. Aufl., Bert Bakker, Amsterdam 2016, S. 55–6 (online)Riemer Reinsma: Hoe zongen ‘olla vogala’? Frits van Oostrom over het oudste Nederlands, in: Onze Taal. Jahrgang 75. Genootschap Onze Taal, Den Haag 2006 (online) Einschübe im lateinischen Textumfeld in den ältesten Fassungen der Lex Salica, des fränkischen Stammesrechts.Jelle Stegeman: Grote geschiedenis van de Nederlandse taal, Amsterdam University Press, 2021, [Seite(n)?]. (Link)

Der Name ist neuzeitlich und wurde von den Einleitungen dieser Einschübe entlehnt, die durch ein mall. oder malb. für (in) mallobergo = „im Gericht“ oder „in der Gerichtssprache“ beginnen. Die Glossen sind Zusätze zum lateinischen Gesetzestext, die zu diesem in relativer Unabhängigkeit stehen. Die Gesetzestexte im „Pactus legis Salicae“ (6. Jahrhundert) und in der „Lex Salica“ (8. Jahrhundert) enthalten Wörter, Redeteile und kürze Sätze, die der Spruchpraxis der Satzungen entstammen.