mini|hochkant|alt="Das Gemälde zeigt das Atelier einer Künstlerin. Eine unbekleidete Frau mit blondem Haar trägt schwarze Handschuhe und schlägt mit der rechten Faust auf ein Gemälde an der Wand. Dahinter mit Farbe bespritzte Leinwände. Auf dem Boden liegt ein Gemälde eines weiblichen nackten Oberkörpers, der nach vorn gebeugt ist, das Gesicht ist mit roten Haaren oder einem roten Tuch bedeckt."|Agnès Thurnauer: Selbstporträt (2015) mini|hochkant|alt=Ein Model läuft in einem Kleidungsstück über den Laufsteg, das mit weißer Farbe grob überstrichen ist, auch das Gesicht ist mit weißer Farbe verfremdet, was einen surrealen Effekt erzeugt.|Mary Schepisi: Beauty Interrupted (2011)

Feministische Kunst (englisch feminist art) ist eine Kunstbewegung der zeitgenössischen bildenden Kunst. Der Begriff entstand Ende der 1960er Jahre in den USA und war mit der zweiten Frauenbewegung verknüpft. In der feministischen Kunst befassen sich Künstlerinnen mit weiblicher Identität sowie kollektiven Erfahrungen von Frauen und setzen sich mit konventionellen Geschlechterkonstruktionen und Kunstnormen auseinander.

Begriff Bereits im 19. und frühen 20. Jahrhundert artikulierten bildende Künstlerinnen feministische Themen und Forderungen in ihren Werken, darunter Hannah Höch, Claude Cahun und Alice Lex-Nerlinger. Der Begriff „feminist art“ tauchte jedoch erst in den späten 1960er Jahren in den USA auf. Bereits Anfang der 1970er Jahre gab es am San Francisco Art Institute ein „Feminist Art Program“, das von den Künstlerinnen Judy Chicago und Miriam Schapiro entwickelt worden war. Im deutschsprachigen Raum hat den Begriff „feministische Kunst“ Ulrike Rosenbach zunächst nur für ihre eigene Arbeit geprägt. Neben ihr war Valie Export die einzige, die sich in den 1960er und '70er Jahren selbst als „feministische Künstlerin“ bezeichnete. Der Begriff verbreitete sich im deutschsprachigen Raum durch ein 1976 erschienenes Essay von Silvia Bovenschen über die Frage, ob es eine „‚weibliche’ Ästhetik“ gibt.Silvia Bovenschen: Über die Frage: gibt es eine ‚weibliche’ Ästhetik? In: Ästhetik & Kommunikation. Band 26, 1976, S. 60–75.Meike Rotermund: Metamorphosen in inneren Räumen. Video- und Performancearbeiten der Künstlerin Ulrike Rosenbach. Universitäts-Verlag Göttingen 2012, ISBN 978-3-86395-051-4, S. 441.

Feministische Kunst ist nicht gleichzusetzen mit „Frauenkunst“ oder „weiblicher Kunst“, nicht jede Kunst von Frauen ist feministisch. Die Kunsthistorikerin Margarethe Jochimsen, Kuratorin der Ausstellung Frauen machen Kunst 1976/77 in Bonn, schrieb im Ausstellungskatalog, feministisch sei Kunst, „wenn Künstlerinnen in ihr Gedanken zur Anschauung bringen, die sich im weitesten Sinne aus der diskriminierenden gesellschaftlichen Situation der Frau, aus dem gesellschaftlichen Diktat so genannter weiblicher Funktionen, Eigenschaften und Verhaltensweisen usw. ableiten lassen, gegen die sich Künstlerinnen in irgendeiner Form wenden“.zitiert von Monika Kaiser, S. 135 Nach Jochimsen ist feministische Kunst ihrem Charakter nach transitorisch. Es gebe sie nur so lange, wie die gesellschaftliche Gleichstellung der Geschlechter nicht verwirklicht ist. Dies beträfe auch die Lebenswege von Künstlerinnen, die sich in Lebensphasen, in denen sich der Konflikt zwischen gesellschaftlich zugewiesener Frauenrolle und der Kunstausübung als besonders gravierend erwies, stärker mit feministischen Themen befasst hätten. Daher seien Künstlerinnen nicht ein für alle mal mit einem „feministischen Stempel“ zu versehen.Monika Kaiser: Was ist feministische Kunst? In: dies.: Neubesetzungen des Kunst-Raumes. Feministische Kunstausstellungen und ihre Räume, 1972-1987, Transcript Verlag, Bielefeld 2013, ISBN 978-3-8376-2408-3, S. 135.

Geschichte Die zweite Frauenbewegung entwickelte sich zeitgleich mit einem Aufbruch in der Kunst. Neue Kunstformen wie Performance und Body-Art öffneten den Werkbegriff hin zu einem situations- und handlungsbetonten Prozess, lösten die strikten Grenzen zwischen Kunst und Alltag auf und thematisierten das Verhältnis von Künstler und Leben. Aus dem Zusammenspiel mit dem Feminismus entstand die neue Kunstbewegung feministische Kunst. Sie umfasste Künstlerinnen in Europa und in den USA, die begannen gegen die Vormachtstellung von Männern in der Kunstwelt kämpfen. Sie gründeten Aktionsgemeinschaften, demonstrierten vor Museen gegen den Ausschluss von Künstlerinnen, organisierten Symposien und kuratierten ihre Ausstellungen selbst, gründeten Verlage und Zeitschriften und verfassten Manifeste. Valie Export rief 1972 in ihrem Manifest Women's Art auf: „die kunst, die der mann uns aufdrängt, verändern, heißt, die facetten der frau, die der mann gebaut hat, zerstören“.Gabriele Schor: Feministische Avantgarde. Eine radikale Umwertung der Werte, In: dies. (Hrsg.): Feministische Avantgarde. Kunst der 1970er-Jahre aus der Sammlung Verbund, Wien, Prestel Verlag, München 2016, ISBN 978-3-7913-5627-3, S. 26

mini|alt="Ein dreieckiger Tisch mit aufwendig bestickten Gedecken und unterschiedlich gestalteten Gedecken, auf einer reflektierenden Oberfläche stehend, umgeben von dunkler, dramatischer Beleuchtung."|Judy Chicagos Kunstinstallation The Dinner Party (1974–1979) In ihren Arbeiten konzentrierten sich feministische Künstlerinnen auf Themen wie stereotype Weiblichkeitsbilder, Körperlichkeit, Sexualität, sexuelle Gewalt und stellten Machtverhältnisse und Hierarchien in Frage. Ein Thema war die Passivität, die seit Jahrhunderten mit der Rolle der Hausfrau und Mutter verbunden war. Sie trugen jedoch auch grundlegend zur Weiterentwicklung von Kunstformen bei. Sie nutzten als Ausdrucksmittel Medien wie Photographie, Film und Video, die ihnen weniger von der männlich bestimmten Kunstgeschichte vorgeprägt zu sein schienen als Malerei und Bildhauerei. Sie schufen Rauminstallationen, mit denen sie Frauen zugedachte private Räume besetzten und neu definierten, sowie Performances und Aktionen, für die sie ihren eigenen Körper zum Material ihrer Kunst machten.

Die Performance- und Aktionskunst war in den 1960er Jahren wesentlich von Frauen getragen. Diese Künstlerinnen zeigten früher als es in den Gender Studies diskutiert wurde, dass soziales Geschlecht (gender) mit dem Körper verbunden ist, und dass es der Körper ist, der mit heteronormativen Vorstellungen und Fantasien aufgeladen wird.Gabriele Klein: Kunstpraxis von Frauen: künstlerische Praxis und genderspezifische Kunstforschung, in: Beate Kortendiek et al. (Hrsg.): Handbuch Interdisziplinäre Geschlechterforschung, VS Springer, Wiesbaden 2019, ISBN 978-3-658-12495-3, S. 1363 Wegweisend war die Performance Cut Piece von Yoko Ono von 1964, deren Themen Marina Abramovic mit ähnlichen Strukturen in ihrer Performance Rhythm 0 1974 wiederaufnahm,Peggy Phelan: The Returns of Touchs. Feminist Performances, 1960–80, in: WACK! Art and the Feminist Revolution, MIT University Press, 2007, Cambridge/London 2007, ISBN 978-0-914357-99-5, S. 346–361, hier S. 350 und das Tapp- und Tastkino von Valie Export von 1968. Sie luden dazu ein mit unerschütterlich passiven weiblichen Körpern zu interagieren und konfrontierten mit der Objektifizierung von Frauen.Lara Shalson: Performing Endurance. Art and Politics since 1960, Cambridge University Press 2018, ISBN 978-1-108-42645-9, S. 44, S. 27

mini|alt="Drei große abstrakte Schwarzweißzeichnungen auf einer Leinwand, die aussehen wie riesige, zum Teil behaarte Schrauben. Zwei Personen stehen davor betrachten das Bild."|Judith Bernstein: Phallic Screws (1979) Die 1970er Jahre waren die Hochphase feministischer Kunst in den USA, vor allem in New York und Los Angeles, in Großbritannien und in Deutschland. Jeremy Strick, Direktor des Museum of Contemporary Art, Los Angeles (MOCA) nannte 2007 in der Rückschau die feministische Kunst dieser Jahre „die einflussreichste internationale Kunstbewegung der Nachkriegszeit“. Zu ihrer Zeit fand sie jedoch oft keine Präsenz in etablierten Kunstinstitutionen. Judith Bernstein begann 1969 Serien wandgroßer Kohlezeichnungen von behaarten Rundkopfschrauben. Mit der offensichtlichen Gleichsetzung von Schrauben und Phallus verspottete sie männliche Vorherrschaft. Die Zeichnungen drückten die Wut aus, die viele Frauen empfanden.Roberta Smith: Review: Judith Bernstein Weaves Feminist Messages. In: New York Times. 31. Juli 2015, S. 22 Als eines der Werke aus der Serie mit dem Titel HorizontalJudith Bernstein HORIZONTAL, 1973. Abbildung auf der Website der Art Basel 2015 für die Kunstausstellung Women's Work – American Art 1974 am Philadelphia Civic Center nominiert wurde, bestand dessen Direktor John Pierron darauf, dass das Kunstwerk ausgeschlossen wird. Es wurde als „moralisch verwerflich“ zensuriert.Daniela Hahn: Chronologie von 1968 bis 1980, in: Gabriele Schor (Hrsg.): Feministische Avantgarde. Kunst der 1970er-Jahre aus der Sammlung Verbund, Wien. Prestel Verlag, München 2015, ISBN 978-3-7913-5445-3, S. 477 Daraufhin gab es eine Petition zahlreicher Künstler, die jedoch Pierron ungerührt ließ. Erst anlässlich einer Solo-Ausstellung 2012 im New Museum of Contemporary Art wurden die Phallic Screws als „Meisterwerke feministischen Protestes“ gewürdigt.Ken Johnson: Once Banished, Never Silenced. ‘Judith Bernstein: HARD’ at the New Museum. In: New York Times. 21. Dezember 2012, S. C30

mini|alt="Kirchturm im Umbau, eingehüllt in ein Gerüst mit einem weißen Tuch, auf dem ein roter Text steht. Im Vordergrund: bronzenes Reiterdenkmal. Blauer Himmel, vereinzelte Wolken."|Katharina Cibulka: „Solange Machtpolitik unsere Lebens(t)räume zerstört bin ich Feminist:in.“, Transparent an der Johanneskirche Düsseldorf, Juni 2025 Nicht alle Künstlerinnen, die sich in ihrer Kunst mit Geschlechterrollen, Weiblichkeitsbildern und geschlechtsspezifischen Machtverhältnissen auseinandersetzten, sahen sich als feministische Künstlerinnen, wie Marina Abramović oder Niki de Saint Phalle.Gabriele Klein: Kunstpraxis von Frauen: künstlerische Praxis und genderspezifische Kunstforschung. In: Beate Kortendiek et al. (Hrsg.): Handbuch Interdisziplinäre Geschlechterforschung. VS Springer, Wiesbaden 2019, ISBN 978-3-658-12495-3, S. 1363. Gleichwohl werden Performances von Abramović aus den 1970er Jahren, mit denen sie die traditionelle Rolle von Frauen in der Kunst kritisierte und parodierte,Marina Abramović. In: WACK! Art and the Feminist Revolution, Museum of Contemporary Art, Los Angeles. MIT University Press Group, Cambridge/London 2007, ISBN 978-0-914357-99-5, S. 209–210. und die voluminösen Nanas von Niki de Saint PhalleNiki de Saint Phalle. In: WACK! Art and the Feminist Revolution, Museum of Contemporary Art, Los Angeles. MIT University Press Group, Cambridge/London 2007, ISBN 978-0-914357-99-5, S. 292–293. mit feministischer Kunst assoziiert.

Laut Gabriele Klein (2019) ist die aktuelle Situation in der Kunst durch eine „Musealisierung und Historisierung der Feministischen Avantgarde und dem Abflauen der genderspezifischen Kunstforschung“ geprägt. Es sei ambivalent, wenn ihre einstige gesellschaftliche Sprengkraft im Kanon der Künste zur Konvention werde, aber zugleich würden auch vergessene Künstlerinnen wiederentdeckt. Andrerseits sei die radikale Ästhetik der feministischen Avantgarde in die Kulturindustrie überführt und von Künstlerinnen wie Madonna, Lady Gaga oder Beyoncé als Pop in Video-Clips und Bühnenperformances aufbereitet und vermarktet oder in Protestaktionen wie von Pussy Riot oder Femen übersetzt worden.Gabriele Klein: Kunstpraxis von Frauen: künstlerische Praxis und genderspezifische Kunstforschung, in: Beate Kortendiek et al. (Hrsg.): Handbuch Interdisziplinäre Geschlechterforschung, VS Springer, Wiesbaden 2019, ISBN 978-3-658-12495-3, S. 1365