mini|Margaret Sanger (1928) mini|hochkant|alt=The cover of a 1919 magazine, titled „The Birth Control Review“. On the cover a suffering mother asks a nurse for help to prevent more pregnancies.|Die Birth Control Review wurde als eugenisches Propaganda-InstrumentVgl. Sanger: The Eugenic Value of Birth Control Propaganda, Birth Control Review, Oktober 1921: “The potential mother is to be shown that maternity need not be slavery but the most effective avenue toward self-development and self-realization. Upon this basis only may we improve the quality of the race.”Sangers „Birth Control Propaganda“ wurde von Rockefeller jr. und ihrem zweiten Mann J. Noah Slee finanziert. Vgl. Angela Franks: Margaret Sanger’s Eugenic Legacy. The Control of Female Fertility, Jefferson und London 2005, S. 39. von 1917 bis 1929 von Sanger herausgegeben. Margaret Higgins Sanger (geboren 14. September 1879 in Corning, New York; gestorben 6. September 1966 in Tucson, Arizona) war eine US-amerikanische Krankenschwester und Frauenrechtlerin. Sie war eine Aktivistin der Bewegung für Geburtenkontrolle und Zwangssterilisation und begründete 1921 die American Birth Control League, aus der 1942 die Organisation Planned Parenthood (deutsch Geplante Elternschaft) und später auch die deutsche Pro Familia hervorgingen, bei der sie Gründungsmitglied war. Sie war außerdem Gründungsmitglied der International Planned Parenthood Federation (IPPF), deren Präsidentin sie mehrere Jahre blieb.
In den USA war und ist sie eine umstrittene Persönlichkeit, die einerseits als Vorreiterin für das Recht der Frauen auf Empfängnisverhütung gefeiert wird, andererseits jedoch nicht zuletzt wegen ihres Einsatzes für die Zwangssterilisation und Eugenik als problematisch eingeschätzt wird.„‘Imbeciles’ and ‘Illiberal Reformers’“, in: New York Times, 14. März 2016.
Biografie Margaret Louise Higgins wurde 1879 in Corning, New York, als sechstes Kind der streng katholischen Anne Purcell Higgins und des atheistischen irischstämmigen Steinmetzen Michael Hennessey Higgins geboren. Ihr Vater war politisch aktiv und setzte sich für Arbeitsreform und soziale Gerechtigkeit ein.Amy M. Hay, Julia Woesthoff: Margaret Sanger, in: Volkmar Sigusch, Günter Grau (Hrsg.): Personenlexikon der Sexualforschung. Frankfurt am Main : Campus, 2009, ISBN 978-3-593-39049-9, S. 609–612 Ihre Mutter überlebte achtzehn Schwangerschaften (davon elf Lebendgeburten), bevor sie 1899 an Tuberkulose und Gebärmutterkrebs starb. Mit der finanziellen Unterstützung durch ihre zwei älteren Schwestern besuchte Margaret das Claverack College. 1900 begann sie in einem Krankenhaus von White Plains eine Ausbildung zur Krankenschwester. Am 18. August 1902 heiratete sie den jungen Architekten William Sanger (* 1873 in Berlin; † 1961). An Tuberkulose leidend, brachte sie im November 1903 ihren Sohn Stuart – das erste von drei Kindern (Grant * 1908; Margaret Louisa * 1910) – zur Welt. Wegen ihrer Krankheit und der geplanten Familie brach sie auf Druck ihres Ehemannes ihre Ausbildung im dritten Jahr nur wenige Monate vor dem Abschluss ab.Margaret Sanger, Esther Katz, Cathy Moran Hajo, Peter Engelman: The Selected Papers of Margaret Sanger (2002, University of Illinois Press, ISBN 0-252-02737-X)
Die ersten Anklagen 1912 zog sie mit ihrer Familie nach New York City um, wo sie in den Slums von Manhattan als Krankenschwester arbeitete, indem sie bei Hausbesuchen Schwangerschafts- und Geburtshilfe leistete. Durch ihre Arbeit sah sie viel vom Elend der armen Bevölkerung, vor allem dem der Frauen. Wegen dieser Erfahrungen und geprägt durch die Erinnerungen an ihre Mutter, schrieb sie eine Kolumne für die Zeitung New York Call, in der sie über die Verhütung unerwünschter Schwangerschaften informierte. Da sie zu diesem Thema auch eine Broschüre (Family Limitation) an arme Frauen verteilten, riskierten sie und William Haftstrafen, da sie sich damit dem Comstock Law von 1873 widersetzten, das die Weitergabe von Verhütungsinformationen und -mitteln wegen Unanständigkeit verboten hatte. In den ersten Monaten wurden ihre Rundschreiben vom Postministerium allerdings nur zensiert.
Sanger trennte sich 1913 von ihrem Ehemann, um ihre Vorstellung von sexueller Freiheit auszuleben. 1914 gründete sie The Woman Rebel, einen monatlichen Rundbrief, in dem sie sich für Empfängnisverhütung und das Recht der Frau auf ihren Körper einsetzte. In diesen Rundbriefen prägte sie das Wort „birth control“ (engl. für Geburtenkontrolle). Im August 1914 wurde gegen sie wegen der Veröffentlichung „unanständiger Inhalte“ ein Haftbefehl erlassen, woraufhin sie unter dem Pseudonym „Bertha Watson“ vor der Vollstreckung an Bord der RMS Virginian über Kanada nach Europa flüchtete.
Während sie sich in London weiter fortbildete und mit bekannten Sexualwissenschaftlern diskutierte, hatte sie auch einige Affären. Sie verbrachte zudem einige Zeit in den Niederlanden, die zu dieser Zeit die niedrigste Kindersterblichkeitsrate weltweit hatten. Im September 1915 verbrachte William Sanger 30 Tage im Gefängnis, da er Kopien von Family Limitation verteilt hatte. Kurz danach – im Oktober 1915 – kehrte Sanger vorbereitet in die USA zurück, um sich der Anklage zu stellen. Das Verfahren war für den folgenden Januar angesetzt, als am 6. November 1915 ihre Tochter Peggy im Alter von fünf Jahren an einer Lungenentzündung starb. Die öffentlichen Sympathiebekundungen aus dem ganzen Land und der Druck von prominenten Unterstützern auf die Behörden zeigten Wirkung. Die Anklage wurde abgelehnt. Offizielle Begründung war, dass die Anklage bereits zwei Jahre alt sei und Margaret Sanger aus der Verteilung von illegalem Material keine Gewohnheit gemacht habe.West’s Encyclopedia of American Law. The Gale Group, Inc.
Mittlerweile auch in den Vereinigten Staaten eine Berühmtheit begab sich Margaret Sanger 1916 auf ihre erste Tour durch das Land und hielt an vielen Orten und vor unterschiedlichstem Publikum Vorlesungen über Geburtenkontrolle. Solche Reisen unternahm sie in den folgenden Jahren immer wieder. Allein bis 1926 erhielt sie über eine Million Briefe von Frauen, die um Informationen zur Geburtenkontrolle baten.
Die Brownsville-Klinik Am 16. Oktober 1916 eröffnete Margaret Sanger gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester Ethel Byrne und der gleichgesinnten Fania Mindell die erste US-amerikanische Klinik für Familienplanung und Geburtenkontrolle in Brownsville, Brooklyn. Neun Tage später wurde durch die Polizei eine Razzia durchgeführt und die drei Frauen wurden verhaftet. Mindell wurde für die Verteilung von What Every Woman Should Know zu einer Geldstrafe von 50 US-Dollar verurteilt. Sanger und ihre Schwester wurden wegen der Verbreitung von Informationen zur Geburtskontrolle zu je 30 Tagen Gefängnis verurteilt. Während Ethel Byrne einen Hungerstreik antrat, als erste Frau in den USA zwangsernährt wurde und nach zehn der 30 Tage Haft vom Gouverneur begnadigt wurde, verbrachte Margaret ihre Haftstrafe in einem Arbeitshaus, wo sie die anderen Insassen über Geburtenkontrolle aufklärte und ihnen die Grundlagen von Lesen und Schreiben beibrachte. Sie legte gegen das Urteil Berufung ein, bekam aber nicht Recht. Im Jahr 1918 erlaubte jedoch ein Berufungsgericht die Verschreibung von Verhütungsmitteln durch Ärzte.
Der Town-Hall-Vorfall Am 10. November 1921 gründete sie gemeinsam mit Lothrop Stoddard und C. C. Little die American Birth Control League (ABCL), deren Präsidentin sie wurde. Am 13. November 1921 sollte in der Town Hall in Manhattan ein Treffen von Verfechtern der Geburtskontrolle stattfinden. Margaret und ihre Kollegen hatten es als Höhepunkt der Gründung der American Birth Control League geplant. Prominente Wissenschaftler, Physiker, Demographen und Eugeniker, aber auch Sozialarbeiter und Sozialisten sollten über die globalen Konsequenzen der Geburtenkontrolle diskutieren. Ein Freund Sangers, der englische Parlamentarier und Zeitungseditor (Edinburgh Review) Harold Cox, sollte die Keynote präsentieren.
Kurz vor Beginn des Treffens ließ Polizeichef Thomas Donahue die Türen des Theaters versperren. Da noch Leute im Gebäude waren, mussten die Türen wieder geöffnet werden. Diesen Moment nutzte die vor dem Gebäude wartende Menge und stürzte hinein. Sanger stellte sich auf das Podium und begann mit einer Rede. Daraufhin ordnete der Polizeichef ihre Verhaftung an. Sie und eine weitere Aktivistin, Mary Winsor, wurden verhaftet und weggetragen. Sie wurden zur Polizeistation gebracht, wo ihnen Ruhestörung vorgeworfen wurde. Wegen fehlender Beweise wurden sie kurz danach wieder freigelassen.
Am nächsten Tag wurde bekannt, dass es Patrick Joseph Hayes, der Erzbischof von New York, gewesen war, der die Razzia veranlasst hatte. Er hatte den Polizeichef angerufen und seinen Sekretär Monsignor Joseph P. Dineen zu einem persönlichen Treffen mit diesem geschickt. Die Aufregung über den Vorfall war in der New Yorker Presse groß. Der Bischof musste viel Kritik einstecken. Prominente Bürger der Stadt waren über die Verletzung des Rechts auf Redefreiheit verärgert und unterzeichneten eine Petition, in der sie gegen die Verhaftung protestierten. Sanger schrieb später in ihrer Autobiografie, dass dieser Vorfall ihrer Bewegung von großem Nutzen gewesen sei, da er die Prominenten und Reichen auf sie aufmerksam gemacht habe.Time Magazine – Birth Control’s 21stThe Town Hall Raid
Ab 1922 mini|hochkant|Margaret Sanger (Mitte) mit ihrem Sohn (rechts) und Katō Shizue (links) 1922 in Japan 1922 reiste Margaret Sanger zum ersten Mal nach Japan, um dort gemeinsam mit der japanischen Frauenrechtlerin Shizue Katō Geburtenkontrolle zu bewerben. Am 18. September 1922 heiratete sie den aus Südafrika eingewanderten, verwitweten Ölmagnaten James Noah Henry Slee (* 12. September 1861; † 21. Juni 1943 mit 81 Jahren), was sie zunächst auch vor Freunden verheimlichten. Erst im Februar 1924 lüfteten Zeitungen das Geheimnis und die Öffentlichkeit erfuhr von der Hochzeit.
Im Jahre 1923 richtete sie unter der Schirmherrschaft der ABCL das Clinical Research Bureau ein, die erste legale Klinik für Geburtenkontrolle in den USA. Im selben Jahr rief sie das National Committee on Federal Legislation for Birth Control ins Leben, das sich für die Legalisierung der Geburtenkontrolle auf Bundesebene einsetzte. Sie stand ihm bis zu seiner Auflösung wegen Zweckerfüllung 1937 als Präsidentin vor.
1927 half Sanger bei der Organisation der ersten Weltbevölkerungskonferenz in Genf. 1928 trat sie als Präsidentin des ABCL zurück und wurde zwei Jahre später die Präsidentin des Birth Control International Information Center. 1937 wurde Sanger Vorsitzende des Birth Control Council of America und begann mit der Veröffentlichung von The Birth Control Review und The Birth Control News.
Die letzten Jahre Im Oktober 1934 besuchte Sanger das erste Mal Arizona, da ihr Sohn Stuart wegen einer Atemwegserkrankung das trockene Wüstenklima bevorzugte. Obwohl sie Freunden gegenüber Abneigung gegen die Hitze äußerte, zog sie im Herbst 1937 mit ihrem kränkelnden Ehemann nach Tucson und legte auch einige ihrer Aufgaben und Ämter nieder. Von 1939 bis 1942 war sie deshalb ehrenamtliche Abgeordnete der Birth Control Federation of America.