mini|Angehöriger des Volks der Quechua in traditioneller Kleidung. Quechua oder KetschuaJesús Lara: Volksdichtung der Ketschua. In den Tälern von Cochabamba gesammelt. Ketschua und Deutsch. Deutsch von Ludwig Flachskampf und Hermann Trimborn. Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1959. (in Bolivien Qhichwa, in Peru auch Qichwa, in Ecuador Kichwa), ist eine Sammelbezeichnung für die Angehörigen der Ethnien, deren Muttersprache das Quechua (bzw. eine der Quechua-Sprachen) ist. Die Eigenbezeichnung der Menschen, die Quechua sprechen, lautet Runakuna („Menschen“; in Junín und Teilen von Ancash: Nunakuna; Einzahl: Runa bzw. Nuna).
Ethnonym Das Wort Quechua bzw. Qhichwa (Südliches Quechua), Qichwa (Chanka-Quechua, Ancash-Quechua), Qiĉwa (Wanka-Quechua, Cajamarca-Quechua, Inkawasi-Kañaris), Kichwa (Quichua, nördliche Quechua) oder Qheswa (Schreibweise der Academia Mayor de la Lengua Quechua) bedeutet in den Quechua-Sprachen „Tal“ oder die Höhenlage „Quechua“, weshalb deren Bewohner traditionell Qhichwa runa bzw. Kichwa runa, „Menschen der Höhenzone Quechua“ (im Gegensatz etwa zu den Menschen der Yunka oder der Puna), genannt werden, woher sich wiederum die Sprachbezeichnung Qhichwa simi bzw. Kichwa shimi, „Sprache der Höhenzone Quechua“, ableitet. In modernen Quechua-Texten steht Qhichwa runa oder einfach Qhichwa (Mehrzahl Qhichwakuna)Libro de Ciencias Sociales y Naturales. Material de apoyo para la educación del Pueblo Quechua. Nivel de educación: Primaria comunitaria vocacional. Campo: Comunidad y Sociedad. Vida, tierra y territorio. 2° año de escolaridad. Qhichwakuna kanchik. Somos Quechuas. S. 12. dagegen für „Sprecher der Quechua-Sprache“ (Qhichwa simi parlaq, Qhichwa simi rimaq).. Ministerio de Educación, Chuqi Yapu (La Paz) 2011.Quechua. Serie Introducción histórica y relatos de los pueblos originarios de Chile. Fucoa, Santiago de Chile 2014. S. 108: Chiqa pachap kasqan. Gleiches gilt für den entsprechenden spanischen Ausdruck (los) quechuas.Nonato Rufino Chuquimamani Valer, Carmen Gladis Alosilla Morales: Reflexionando sobre nuestra lengua – Ayakuchu Chanka Qichwa simi. Ministerio de Educación, Lima 2005.
Historischer und soziopolitischer Hintergrund mini|Terrassen in den Anden (Region Cusco, Peru) mini|Sonntagsmarkt in Chinchero, Peru mini|Cachua-Tanz in Sarhua (Sarwa), Victor Fajardo, Region Ayacucho, Peru Die Sprecher der Quechua-Sprache, insgesamt ca. 9–14 Millionen in Peru, Bolivien, Ecuador, Kolumbien, Chile und Argentinien, haben bisher keine oder kaum eine gemeinsame Identität entwickelt. Die verschiedenen Quechua-Varianten unterscheiden sich zum Teil so stark, dass keine gegenseitige Verständigung möglich ist. Zu beachten ist, dass Quechua nicht nur von den Inkas gesprochen wurde, sondern z. T. auch von langjährigen Feinden des Inka-Reiches, so z. B. den Wanka (Wanka-Quechua ist eine noch heute im Raum Huancayo gesprochene Quechua-Variante), den Chanka (Chanca – Dialekt von Ayacucho) oder den Kañari (Cañar) in Ecuador. Das Quechua wurde von einigen dieser Völker, so den Wanka, bereits vor den Inkas in Cusco gesprochen, während andere Völker, insbesondere in Bolivien, aber auch in Ecuador, die Quechua-Sprache erst in der Inkazeit oder danach übernahmen. Von der spanischen Kolonialverwaltung und der Kirche wurde die Verbreitung des Quechua als lingua franca gefördert.
In Peru wurde Quechua unter der Militärregierung Juan Velasco Alvarados 1969 zur zweiten Amtssprache erklärt. In neuester Zeit gibt es Tendenzen einer Nationenbildung bei den Quechuasprachigen besonders in Ecuador (Kichwa), aber auch in Bolivien, wo die sprachlichen Unterschiede im Vergleich zu Peru nur gering sind. Ausdruck dessen ist z. B. die Dachorganisation der Kichwa-Völker in Ecuador, ECUARUNARI (Ecuador Runakunapak Rikcharimuy).ECUARUNARI - Confederación Kichwa del Ecuador, Confederación de los Pueblos de la Nacionalidad Kichwa. Doch auch einige christliche Organisationen (z. B. das evangelikale Radio HCJB, la „Voz de los Andes“) sprechen von einem „Quichua-Volk“. (frühere quichuasprachige Seite von Radio HCJB). In Bolivien wiederum taucht der Begriff „Quechua-Nation“ z. B. im Namen des „Bildungsrates der Quechua-Nation“ (Consejo Educativo de la Nación Quechua, CENAQ) auf, der für den Quechua-Unterricht bzw. die interkulturelle zweisprachige Erziehung in den quechuasprachigen Gebieten Boliviens zuständig ist., Consejo Educativo de la Nación Quechua / Qhichwa Suyu Yachachiymanta Umalliq: Currículo Regionalizado de la Nación Quechua. Sucre 2012. Im Rahmen der Politik Boliviens als Plurinationaler Staat wird die Identifikation der Schüler als Quechua im quechuasprachigen bzw. bilingualen Unterricht gefördert. In Peru gibt es dagegen keine vergleichbaren nationalen oder überregionalen Quechua-Organisationen, so dass sich dies auch nicht in einer koordinierten Sprachpolitik für das Quechua niederschlägt. Wichtig ist nach wie vor eine lokale oder regionale indigene Identität, so etwa zur Ethnie oder „Nation“ Qanchi in der Provinz Canchis (Region Cusco).Melquíades Quintasi Mamani: Más allin mejor kanankuta munanku. Visión educativa de la "Nación" Qanchi. Plural, PINSEIB, PROEIB Andes, La Paz 2006. 248 Seiten. Zusammenfassung (spanisch) In jüngster Zeit spielt aber auch hier die Identifikation indigener Politiker oder anderer öffentlicher Personen als Quechuas eine zunehmende Rolle, so etwa bei der aus Ayacucho stammenden Politikerin Tania Pariona Tarqui, die bei der Mandatsübernahme als Abgeordnete im peruanischen Kongress 2016 ihren Eid auf Chanka-Quechua für das Streben nach dem „Guten Leben“ (allin kawsayninta maskaspa) der Quechua und der anderen indigenen Völker ablegte,Congresista Tania Pariona juramentó en quechua y por los pueblos indígenas. Diario Correo, 22. Juli 2016. ebenso Oracio Pacori Mamani aus Puno, der „für die Quechuas und Aymaras“ seiner Region schwor.Congreso: cinco parlamentarios juraron en lenguas originarias. El Comercio, 22. Juli 2016. Eine Studie von 2006 über die von Indigenen der Region Cajamarca getragene Regionale Akademie der Quechua-Sprache in Cajamarca (ARIQC) kommt zu dem Ergebnis, dass die Wiederaneignung der diskriminierten und in den Hintergrund gedrängten indigenen Sprache die Zurückweisung einer aufgezwungenen herabwürdigenden Identität bei gleichzeitiger Herausbildung einer neuen, positiven indigenen Quechua-Identität bedeute.Yina Miliza Rivera Brios: Quechua language education in Cajamarca (Peru): History, strategies and identity. University of Toronto, 2006. ISBN 0-494-16396-8, 9780494163962 In der Stadt Huamanga/Ayacucho wird eine von Frauen in Zeiten des bewaffneten Konflikts gegründete Organisation, Chirapaq („Regenbogen“ oder auch „Regen von Sternschnuppen“), und die mit ihr verbundene Jugendorganisation Ñuqanchik („Wir“) mit der Herausbildung einer positiven Quechua-Identität in Zusammenhang gebracht.Tapio Keihäs: ¿Ser y hablar quechua? La realidad sociolingüística de Ayacucho desde la visión subjetiva de los jóvenes indígenas. Ideologías e identidades en el discurso metalingüístico. Masterarbeit, Universität Helsinki 2014. Chirapaq Ayacucho, abgerufen am 20. März 2017. Diese Organisation (in der auch Tania Pariona aktiv war) startete unter ihrer Vorsitzenden, der Quechua-Aktivistin Tarcila Rivera Zea, im Zusammenhang mit dem Census 2017 eine Kampagne für ein offenes Bekenntnis zu einer indigenen Identität.Censo 2017: Tarcila Rivera disertará sobre identidad indígena. Chirapaq Ayacucho, abgerufen am 20. März 2017.
Materielle Kultur und Sozialgeschichte
mini|Bauern mit Trittgrabscheit (chakitaklla), Waman Puma de Ayala (1616) mini|Statue von Juan Velasco Alvarado zum Gedenken an die Landreform ab 1969, davor Quechua-Bauern in Volkstracht, Uyurpampa, Distrikt Inkawasi, 2010 Trotz der ethnischen Vielfalt und sprachlichen bzw. mundartlichen Unterschiede haben die Quechua-Ethnien eine Reihe gemeinsamer kultureller Merkmale, die sie jedoch im Wesentlichen auch mit den Aymara bzw. allen indigenen Völkern der Zentralanden teilen.
Traditionell ist die – lokal ausgerichtete – Quechua-Identität untrennbar mit der altherkömmlichen Wirtschaftsweise verbunden. Deren Basis ist in den tiefer gelegenen Regionen die Landwirtschaft, in der hoch gelegenen Region der Puna die Weidewirtschaft. Dabei umfasst die typische Andengemeinde mehrere Höhenstufen und somit auch den Anbau einer Vielfalt von Feldfrüchten und Viehhaltung. Das Land gehört traditionell der Dorfgemeinde (ayllu) und wird gemeinsam bewirtschaftet oder jedes Jahr zur Bewirtschaftung verteilt. Die Äcker wurden vor der Ankunft der Europäer ausschließlich mit menschlicher Muskelkraft mittels eines Trittgrabscheit (chakitaklla) umgegraben. In schwer zugänglichen Gegenden wie beispielsweise Q'ero (Region Cusco, Peru) hat sich diese Technik bis heute gehalten, wenn auch die Bearbeitung mit Pflug und Ochsengespann häufiger anzutreffen ist.
In der Kolonialzeit wurden das Encomienda-System eingeführt, in dessen Rahmen die spanische Krone Adligen Ländereien zur Nutzung – nicht jedoch als Eigentum – überließ, wobei die dort lebenden Indigenen zu Arbeitsleistungen für die Encomenderos verpflichtet waren. Wiederholt führten die harten Ausbeutungsbedingungen zu Aufständen der indigenen Bauern, die gewaltsam niedergeschlagen wurden. Der größte dieser Aufstände fand 1780–1781 unter Führung von José Gabriel Kunturkanki statt.
Die Gründung der unabhängigen Republiken in Südamerika durch die Criollos Anfang des 19. Jahrhunderts begünstigte die Aneignung vormals indigener Ländereien durch Großgrundbesitzer, weil entsprechende Gesetze aus der Kolonialzeit, die dies zum Ärger der Criollos unterbunden hatten, beseitigt wurden. Simón Bolívar verfügte 1825 für Peru und Bolivien, dass die kommunalen Ländereien unter den Indios aufzuteilen seien und verbot – befristet bis 1850 – deren Weiterverkauf. Bereits 1847 erklärte jedoch der Präsident Boliviens José Ballivián diese Ländereien zu Staatsbesitz, der rasch in die Hände privater Interessenten überging. Waren bei der Unabhängigkeit Boliviens noch drei Viertel des Ackerlandes in indigener Hand, so war dies 1847 nur noch die Hälfte, wobei 3.100 Comunidades 5.100 Haciendas gegenüberstanden.Inge Sichra. La vitalidad del quechua, Kap. 2.3: Bolivia independiente – conservación del feudalismo agrario y consolidación de estructuras, S. 86–89. Cochabamba 2003. Die Großgrundbesitzer eigneten sich so das Land der Indigenen bzw. einen Großteil desselben an und drängten die Ureinwohner in die Schuldknechtschaft (in Ecuador als Huasipungo bezeichnet, von Kichwa wasipunku, „Haustür“).
Landbesetzungen und Vertreibungen der Hacendados durch indigene Bauern, die in Peru in der Confederación Campesina del Perú organisiert waren, begleiteten die Regierungsübernahme reformfreudiger Juntas Mitte des 20. Jahrhunderts, so 1952 in Bolivien (Víctor Paz Estenssoro) und 1968 in Peru (Juan Velasco Alvarado). Mit den von diesen eingeleiteten Landreformen kam es zu einer Enteignung der Großgrundbesitzer und, besonders in Bolivien und – nach einer Übergangszeit mit großen, von den Quechua-Bauern überwiegend abgelehnten Genossenschaften – in Peru, zu einer Verteilung des Landes an die indigenen Bauern als individuelles Eigentum. Dies bedeutete einen Bruch mit der überkommenen Quechua- und Aymara-Kultur. Andererseits haben sich Ayllus in entlegenen Gebieten bis heute gehalten (vgl. beispielhaft die peruanische Quechua-Gemeinde Q'ero).
mini|Luis Macas, ecuadorianischer Politiker und Kichwa-Aktivist, in Quito 2004