Als Nierentransplantation (Abkürzungen: NTx, NTPL) bezeichnet man die operative Übertragung einer Niere in einen anderen Organismus. Früher verstand man dagegen unter einer Nierentransplantation die „Verlagerung einer Niere an eine andere Stelle des Körpers“ beim selben Patienten,Maxim Zetkin, Herbert Schaldach: Wörterbuch der Medizin. Verlag Volk und Gesundheit, Berlin 1956, S. 622. damals wie heute ohne operative Nervenanastomose.
Die Nierentransplantation ist neben der Dialyse (Hämodialyse und Peritonealdialyse) eine Behandlungsmöglichkeit in der Nierenersatztherapie und wird durchgeführt bei terminaler Niereninsuffizienz (endgültigem Nierenversagen) beziehungsweise beim Verlust beider Nieren.
Indikationen Eine Nierentransplantation ist bei Patienten mit fortgeschrittener Niereninsuffizienz – soweit individuell möglich und gewünscht – meist das erstrebenswerte Ziel, da sie gegenüber der Dialyse deutlich stärker zur Wiederherstellung der körperlichen Leistungsfähigkeit, Lebensqualität und sozialen Integration der Betroffenen beiträgt. Im Coma uraemicum kann der Tod nur mit einer Nierenersatztherapie verhindert werden.
Vorgehen Transplantiert werden Organe von hirntoten Organspendern und von Lebendspendern. Die Lebendspende findet im Idealfall präemptiv, das heißt noch vor einer Dialyse statt.
Die Erfolgsaussichten einer Nierentransplantation sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Nahezu alle Patienten mit einer chronischen Niereninsuffizienz im Endstadium (end stage kidney disease) profitieren nach herrschender Lehre von einer Nierentransplantation hinsichtlich Lebenserwartung und Lebensqualität.J. Larry Jameson, Dennis Kasper, Stephen Hauser, Dan Longo, Anthony Fauci, Joseph Loscalzo: Harrison’s Principles of Internal Medicine. 21. Auflage. McGraw-Hill, New York 2022, Band 2, ISBN 978-1-264-26848-1, S. 2325.
Die Operation ist inzwischen ein häufiger Eingriff; z. B. werden jährlich in den USA 25.000 Nieren und in Deutschland über 2000 transplantiert. Die durchschnittliche Funktionszeit einer transplantierten Niere liegt bei etwa neun Jahren, es gibt aber auch Nieren, die nach 20 oder mehr Jahren noch eine gute Funktion aufweisen. Die Überlebenszeiten der transplantierten Patienten sind heute deutlich größer als die der Dialysepatienten. Nierentransplantierte Menschen müssen – sofern das Spenderorgan nicht das gleiche genetische Material besitzt (Spende an eineiigen Zwilling) – ein Leben lang Medikamente nehmen, die die Abstoßung verhindern (Immunsuppression).
Zuletzt ist die Nierentransplantation auch aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten zurzeit die günstigste Lösung: Eine erfolgreiche Nierentransplantation kostet inklusive der Nachsorge im ersten Jahr etwa so viel wie zwei Jahre Dialyse.
Kontraindikationen Als absolute Kontraindikationen für eine Nierentransplantation gelten auf Seite des Empfängers chronische Krankheiten mit einer voraussichtlichen Lebensdauer von weniger als zwei Jahren, eine aktive bösartige Krankheit, eine schwere aktive Infektionskrankheit, ein aktiver Alkoholabusus, ein aktiver Drogenmissbrauch und psychosoziale Probleme hinsichtlich der Compliance bei der notwendigen medizinischen Weiterbehandlung. Als relative Kontraindikationen beim Empfänger gelten eine aktive Hepatitis, eine Tuberkulose, eine HIV-Infektion, eine periphere arterielle Verschlusskrankheit, eine koronare Herzkrankheit, eine zerebrovaskuläre Erkrankung, eine Malnutrition, eine Tumoranamnese und ein schwerer Hyperparathyreoidismus.Barbara Suwelack: Vorbereitung von Transplantatempfängern und Lebendspendern. In: Akademie Niere (Hrsg.): Lehrbuch für Nieren- und Hochdruckkrankheiten 2019. Universitätsklinikum Münster, Papst-Verlag, Lengerich 2019, ISBN 978-3-95853-485-8, S. 636 f.
Der Organspender soll keine Krebserkrankung haben und weder an einer Hepatitis leiden noch mit dem HI-Virus infiziert sein. Außerdem sollte der Organspender nicht zu alt sein und kein akutes Nierenversagen (acute kidney injury) haben.J. Larry Jameson, Dennis Kasper, Stephen Hauser, Dan Longo, Anthony Fauci, Joseph Loscalzo: Harrison’s Principles of Internal Medicine. 21. Auflage, McGraw-Hill, New York 2022, Band 2, ISBN 978-1-264-26848-1, S. 2326.
Die geringen Erfolgsaussichten bei den sehr häufigen Fällen einer prärenalen Niereninsuffizienz gelten nicht als Kontraindikation. Ebenso gilt ein hohes Lebensalter von Spender oder Empfänger heutzutage nicht mehr als Kontraindikation.G. Schlieper, K. Ivens, A. Voiculescu, B. Luther, W. Sandmann, Bernd Grabensee: Eurotransplant Senior Program 'old for old': Results from 10 Patients. In: Clinical Transplantation, April 2001, 5. Jahrgang 5, Nummer 2/2001, S. 100–105. doi:10.1034/j.1399-0012.2001.150204.x.Renana Yemini, Ruth Rahamimov, Ronen Ghinea, Eytan Mor: Long-Term Results of Kidney Transplantation in the Elderly: Comparison between Different Donor Settings. In: Journal of Clinical Medicine, 10. Jahrgang, 15. November 2021, Nummer 22/2021, S. 5308. doi:10.3390/jcm10225308.
Postmortale Organvergabe In den Benelux-Staaten, Deutschland, Kroatien, Österreich und Slowenien werden die Nieren nach den Kriterien der Organisation Eurotransplant vergeben. Kriterien für die Organvergabe sind dabei unter anderem die Wartezeit (ab Beginn der Dialyse) sowie die Übereinstimmung der Gewebsverträglichkeitsmerkmale (HLA-Merkmale) von Spender und Empfänger. Darüber hinaus werden das Herkunftsland von Spender und Empfänger sowie die Entfernung zwischen dem Ort der Organentnahme und dem Transplantationszentrum berücksichtigt. Die Wartezeit für eine postmortale Spender-Niere beträgt in Deutschland etwa 6 bis 10 Jahre. auf der Homepage der Uniklinik Gießen und Marburg Allein auf der Warteliste des Universitätsklinikums Freiburg waren im November 2021 rund 320 Patienten für eine Nierentransplantation bei Eurotransplant angemeldet.
Auch außerhalb von Eurotransplant können alte Empfänger Organe von alten Spendern bekommen, wenn Eurotransplant eine Vermittlung wegen des Spenderalters ablehnt (Programm „old for old“).
Eine schwere Niereninsuffizienz ist eine Kontraindikation für eine Lebendspende. Diese Kontraindikation gilt nicht für postmortale Spenden. Sogar Dialysepatienten können nach dem Tod beide Nieren erfolgreich spenden,Miriam Sonnet: Nieren dialysepflichtiger Spender: Für Transplantation geeignet? In: Das war der Tag. In: Ärzte-Zeitung von Donnerstag, 23. Mai 2024. emailing.aerztezeitung.de.Yumeng Wen, Sherry G. Mansour, Nityasree Srialluri, David Hu, Heather Thiessen Philbrook, Isaac E. Hall, Mona D. Doshi, Sumit Mohan, Peter P. Reese, Chirag R. Parikh: Kidney Transplant Outcomes From Deceased Donors Who Received Dialysis. In: The Journal of the American Medical Association (JAMA). Published online May 23, 2024. doi:10.1001/jama.2024.8469. zum Beispiel wenn ihre Dialysepflicht auf extrarenalen Ursachen beruhte (Nonnenbruch-Syndrome: Kardiorenalsyndrom, Pulmorenalsyndrom, Hepatorenalsyndrom).
Lebendspende → Näheres zur Lebendspende im Allgemeinen im Artikel Organspende
Rechtliches Eine Alternative zur Listung bei Eurotransplant für eine postmortale Spender-Niere ist die Lebendnierenspende (Lebendorganspende), welche an einige Voraussetzungen gebunden ist: Zunächst sollten in der Regel die Blutgruppen von Spender und Empfänger verträglich und die Kreuzprobe negativ sein, d. h., es sind auf Seiten des Empfängers keine Antikörper gegen Zellen des Spenders vorhanden. Es werden jedoch inzwischen auch Nierentransplantationen trotz Blutgruppenunverträglichkeit und trotz positiver Kreuzprobe durchgeführt.Neues Verfahren: Nierentransplantation trotz Blutgruppenunverträglichkeit und positiver Kreuzprobe. In: JournalMed vom 28. November 2006. Daneben werden bei verschiedenen Voruntersuchungen Ansprüche an den Gesundheitszustand des Spenders gestellt. Der Spender muss außerdem ein naher Angehöriger sein (er spendet eine sogenannte VerwandtenniereRudolf Gross, Paul Schölmerich (Hrsg.): 1000 Merksätze Innere Medizin. 2. Auflage. Schattauer Verlag, Stuttgart / New York 1978, ISBN 3-7945-0511-5, S. 160.) oder zumindest in einer besonderen Beziehung zum Empfänger stehen. Um dies zu gewährleisten und um etwaige finanzielle Interessen auszuschließen, muss in Deutschland der Spender vor der Operation vor einer Ethikkommission vorsprechen.Sabine Wöhlke: Geschenkte Organe? Ethische und kulturelle Herausforderungen bei der familiären Lebendnierenspende. Campus, Frankfurt am Main / New York 2015, ISBN 978-3-593-50279-3.
Bei den sogenannten Verwandtenspenden bleibt ungeklärt, ob mit dem Begriff Verwandtschaft die biologische Blutsverwandtschaft oder bloß die rechtliche Verwandtschaft zum Beispiel zwischen Ehepartnern oder Schwiegerleuten gemeint ist. Zumindest früher war wegen der besseren genetischen Kompatibilität meistens die Blutsverwandtschaft gemeint, um das Abstoßungsrisiko zu verkleinern.Winfried Fassbender: Transplantation von Nieren verwandter Lebendspender. In: Horst Brass, Thomas Philipp, Walter Schulz (Hrsg.): Manuale nephrologicum. Loseblattsammlung, Dustri-Verlag Dr. Karl Feistle, Deisenhofen 1997, ISBN 3-87185-222-8, Band 2, Kapitel XI-7, S. 1–5. Heute wird mit Verwandtenspende dagegen wegen der geforderten persönlichen Verbundenheit meistens der juristische Verwandtenbegriff benutzt.
Ringtäusche (Ringspende) in Tauschringen oder Spenden an einen Organpool (Poolspende) werden derzeit nicht von Eurotransplant vermittelt; das deutsche Transplantationsgesetz verbietet einen solchen „Organtausch“ ebenso wie den Organhandel. Dagegen werden Überkreuzspenden (Cross-over-Spenden, Überkreuz-LebendnierenspendenDiatra: Überkreuz-Lebendnierenspende für zwei Patientinnen mit Zystennieren, Die Crossover-Spende: Ein Überblick, 31. Jahrgang, Nummer 4/2021, S. 26–29.) inzwischen vereinzelt in Deutschland durchgeführt. Voraussetzung ist, dass eine besondere persönliche Verbundenheit zwischen den beteiligten Paaren nachgewiesen wird. Das Bundessozialgericht hat in einem Fall der Klage auf Kostenerstattung durch die Krankenkasse stattgegeben (BSG 2003 – B 9 VS 1/01 R). Dennoch wird die Cross-over-Spende kritisiert, da die geforderte „persönliche Verbundenheit“ künstlich herbeigeführt wird. Im November 2021 hat sich der 125. Deutsche Ärztetag (DÄT) mehrheitlich dafür ausgesprochen, die Cross-over-Lebendspende auch ohne das Erfordernis einer persönlichen Verbundenheit zu ermöglichen.Deutsches Ärzteblatt: aerzteblatt.de: „Ärztetag spricht sich für Cross-over-Lebendspende aus.“ Meldung vom 3. November 2021, abgerufen am 4. November 2021.
Die Langzeitergebnisse einer Lebendspende sind besser als bei postmortaler Spende.Willibald Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch. 267. Auflage. Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2017, ISBN 978-3-11-049497-6, S. 1024. Der Verlust einer Niere beim Spender berechtigt zu einem Grad der Behinderung nach SGB IX von mindestens 25 vom Hundert; in Abhängigkeit von Vorschäden seiner nunmehrigen Restniere sind sogar jeweils bis zu 100 Prozent gerechtfertigt. Eine Minderung der Erwerbsfähigkeit nach SGB VII allein wegen des Verlustes der Niere kann nicht vergeben werden, da die Nierenentnahme Ziel des Eingriffs ist. Erst wenn es zu einem Gesundheitsschaden, der über die regelmäßig entstehenden Beeinträchtigungen hinausgeht, kommt, kann es zur Anerkennung eines Unfallschadens mit entsprechender Vergabe eines MdE kommen (§ 12 a SGB VII). Vorschäden an der verbleibenden Niere werden nur beim GdB berücksichtigt. Folgeschäden der Nierenentnahme auch an der Restniere hingegen können bei der MdE Berücksichtigung finden.
Risiken