Die Spracherkennung oder auch automatische Spracherkennung ist ein Verfahren und ein Teilgebiet der angewandten Informatik, der Ingenieurwissenschaften und der Computerlinguistik. Sie beschäftigt sich mit der Untersuchung und Entwicklung von Verfahren, die Automaten, insbesondere Computern, die gesprochene Sprache der automatischen Datenerfassung zugänglich macht. So lassen sich beispielsweise aus Tonspuren durchsuchbare Transkripte erstellen.

Die Spracherkennung ist zu unterscheiden von der Stimm- bzw. Sprechererkennung, einem biometrischen Verfahren zur Personenidentifikation. Allerdings ähneln sich die Realisierungen dieser Verfahren.

Geschichtliche Entwicklung Die Forschung an Spracherkennungssystemen begann in den 1960er Jahren, verlief damals allerdings weitestgehend erfolglos: Die von privaten Firmen entwickelten Systeme ermöglichten unter Laborbedingungen die Erkennung von einigen Dutzend Einzelwörtern. Dies lag einerseits an dem begrenzten Wissen in diesem neuen Forschungsgebiet, aber auch an den zur damaligen Zeit begrenzten technischen Möglichkeiten.

Erst Mitte der 1980er Jahre kam die Entwicklung weiter voran. In dieser Zeit entdeckte man, dass man durch Kontextprüfungen Homophone unterscheiden konnte. Indem man Statistiken über die Häufigkeit bestimmter Wortkombinationen erstellte und auswertete, konnte man bei ähnlich oder gleich klingenden Wörtern entscheiden, welches gemeint war. Diese sogenannten Trigrammstatistiken wurden anschließend ein wichtiger Bestandteil aller Spracherkennungssysteme. Ein von Dragon Systems entwickeltes System war zu seiner Zeit sehr fortschrittlich: Dieses ließ sich auf einem tragbaren PC verwenden.

Zwischen 1988 und 1993 demonstrierte das europäische Projekt SUNDIAL auch die Spracherkennung der Zugfahrpläne in deutscher Sprache.Peckham, Jeremy: Speech Understanding and Dialogue over the telephone: an overview of the ESPRIT SUNDIAL project. HLT. 1991. SUNDIAL studierte auch Bewertungskennzahlen der Spracherkennungen.Danieli, Morena; Elisabetta Gerbino: Metrics for evaluating dialogue strategies in a spoken language system. Proceedings of the 1995 AAAI spring symposium on Empirical Methods in Discourse Interpretation and Generation. Vol. 16. 1995.Ciaramella, Alberto: A prototype performance evaluation report. Sundial workpackage 8000 (1993).Charpentier, F., Micca, G., Schukat-Talamazzini, E., Thomas, T. (1995): The recognition component of the SUNDIAL project. In: Speech Recognition and Coding (pp. 345–348). Springer Berlin Heidelberg.

IBM 1984 stellte IBM ein erstes Echtzeit-Spracherkennungssystem vor, das etwa 5.000 englische Einzelwörter erkennen konnte, das allerdings sehr anfällig für Störgeräusche war. 1991 stellte IBM erstmals auf der CeBIT ein Spracherkennungssystem vor, das 20.000 bis 30.000 deutsche Wörter erkennen konnte. Die Präsentation des TANGORA 4 genannten Systems musste jedoch in einem speziell abgeschirmten Raum stattfinden, da der Lärm der Messe das System sonst gestört hätte. Ende 1993 stellte IBM das erste für den Massenmarkt entwickelte Spracherkennungssystem vor: Das IBM Personal Dictation System genannte System lief auf normalen PCs und kostete unter 1000 Dollar. Als es unter dem Namen IBM VoiceType Diktiersystem auf der CeBIT 1994 präsentiert wurde, stieß es auf hohes Interesse seitens der Besucher und der Fachpresse. 1997 erschienen für den PC-Endbenutzer sowohl die Software IBM ViaVoice (Nachfolger von IBM VoiceType) als auch die Version 1.0 der Software Dragon NaturallySpeaking. 1998 brachte Philips Speech Recognition Systems mit FreeSpeech 98 eine Spracherkennung für PC-Endbenutzer auf den Markt, dessen Steuerung auf das hauseigene digitale Diktiergerät SpeechMike angepasst war, stellte die Produktlinie aber nach der zweiten Version FreeSpeech 2000 wieder ein. 2004 gab IBM Teile seiner Spracherkennungsanwendungen als Open Source frei und sorgte damit für Aufsehen. Branchenkenner vermuteten als Grund taktische Maßnahmen gegen die Firma Microsoft, die ebenfalls in diesem Bereich tätig ist und seit 2007 mit Erscheinen ihres PC-Betriebssystems Windows Vista als integralen Bestandteil erstmals Spracherkennungsfunktionen für die Steuerung wie auch für das Diktat anbot, die bis heute in Windows 10 weiterentwickelt wurden.

Nuance Communications Während die Entwicklung von IBM ViaVoice eingestellt wurde, entwickelte sich Dragon NaturallySpeaking zur meistverbreiteten sprecherabhängigen Drittanbieter-Spracherkennungssoftware für Windows-PCs; sie wurde ab dem Jahr 2005 von Nuance Communications hergestellt und vertrieben. Nuance hatte 2008 mit dem Erwerb der Philips Speech Recognition Systems, Wien, auch die Rechte an dem Software Development Kit (SDK) SpeechMagic erlangt, welches insbesondere im Gesundheitsbereich Verbreitung gefunden hatte. Für iMac-Personal Computer von Apple wurde von dem Unternehmen MacSpeech seit 2006 eine Drittanbieter-Spracherkennungssoftware unter dem Namen iListen vertrieben, die auf Philips-Komponenten basierte. 2008 wurde diese durch MacSpeech Dictate unter Verwendung der Kernkomponenten von Dragon NaturallySpeaking abgelöst und nach dem Erwerb von MacSpeech durch Nuance Communications 2010 in Dragon Dictate (Version 2.0 – ab 2012 wurde die Version 3.0 vertrieben) umbenannt. 2020 wurde für medizinische Anwendungen die Software Dragon Medical One vorgestellt. Nuance Communications wurde im März 2022 von Microsoft übernommen.

Situation heute (2024) Alternativen zu Dragon Medical One sind im Jahr 2024 u. a. die Produkte Indicta von DFC Systems, M*Modal Fluency Direct von Solventum (ehemals 3M) oder Speaking von Media Interface.

Aktuelle Spracherkennungssysteme müssen nicht mehr trainiert werden. Entscheidend für eine hohe Treffsicherheit außerhalb der Alltagssprache ist dabei die Plastizität des Systems. Um hohen Ansprüchen gerecht werden zu können, bieten professionelle Systeme dem Anwender die Möglichkeit, durch Vorschreiben oder Vorsprechen das persönliche Ergebnis zu beeinflussen.L. Lamel, J.-L. Gauvain: Speech Recognition. Oxford Handbooks Online (Vol. 14). Oxford University Press, 2005. doi:10.1093/oxfordhb/9780199276349.013.0016

Spracherkennung auf Mobilgeräten 2007 wurde die Firma Siri Inc. gegründet und im April 2010 von Apple gekauft. Im Oktober 2011 stellte Apple die Spracherkennungssoftware Siri für das iPhone 4s vor, die der Erkennung und Verarbeitung von natürlich gesprochener Sprache (unter Nutzung von Apple Servern) dient und so Funktionen eines persönlichen Assistenten erfüllen soll. Die Entwicklung bei der Spracherkennung schreitet sehr schnell voran. 2016 wurden Spracherkennungssysteme in Form von Siri, Google Now, Cortana und Samsungs S Voice in Smartphones eingesetzt.

Grundlagen

Es kann zwischen zwei Arten der Spracherkennung unterschieden werden: Sprecherunabhängige Spracherkennung Sprecherabhängige Spracherkennung

Charakteristisch für die „sprecherunabhängige“ Spracherkennung der Einsatz in Anwendungen mit häufig wechselnden Benutzern (z. B. Call-Center in automatischen Dialogsystemen wie etwa einer Fahrplanauskunft), wobei die vorhergehende Trainingsphase relativ kurz ist. Überall dort, wo nur ein begrenzter Wortschatz verwendet wird, wird die sprecherunabhängige Spracherkennung mit Erfolg praktiziert. So erreichen Systeme zur Erkennung der gesprochenen englischen Ziffern von 0 bis 9 eine nahezu 100-%-Erkennungsquote.

„Sprecherabhängige“ Spracherkenner müssen vom Benutzer auf die eigenen Besonderheiten der Aussprache länger trainiert werden. Ein zentrales Element ist die individuelle Interaktionsmöglichkeit mit dem System, um ein optimales sprecherabhängiges Ergebnis zu erzielen (eigene Begrifflichkeiten, Abkürzungen, Kürzel usw.). Eine häufige Anwendungen waren zunächst Diktier- und später auch Übersetzungssysteme. 2010 erreichten aktuelle Systeme beim Diktat von Fließtexten auf Personal Computern Erkennungsquoten von ca. 99 Prozent und erfüllen damit für viele Einsatzgebiete die Anforderungen der Praxis, z. B. für wissenschaftliche Texte, Geschäftskorrespondenz oder juristische Schriftsätze. An Grenzen stößt der Einsatz dort, wo der jeweilige Autor ständig neue, von der Software zunächst nicht erkennbare Wörter und Wortformen benötigt, deren manuelle Hinzufügung zwar möglich, aber bei nur einmaligem Vorkommen in Texten desselben Sprechers nicht effizient ist. Daher profitieren z. B. Dichter weniger vom Einsatz der Spracherkennung als z. B. Ärzte und Rechtsanwälte.

Neben der Größe und Flexibilität des Wörterbuches spielt auch die Qualität der akustischen Aufnahme eine entscheidende Rolle. Bei Mikrofonen, die direkt vor dem Mund angebracht sind (zum Beispiel bei Headsets oder Telefonen) wird eine signifikant höhere Erkennungsgenauigkeit erreicht als bei weiter entfernten Raummikrofonen.

Wesentlichste Einflussfaktoren in der Praxis sind allerdings eine präzise Aussprache und das zusammenhängende flüssig gesprochene Diktat, so dass Wortzusammenhänge und Wortfolgewahrscheinlichkeiten optimal in den Erkennungsprozess einfließen können.

Lippenlesen Um die Erkennungsgenauigkeit noch weiter zu erhöhen, wird teils auch versucht, mithilfe einer Videokamera das Gesicht des Sprechers zu filmen und daraus die Lippenbewegungen abzulesen. Indem man diese Ergebnisse mit den Ergebnissen der akustischen Erkennung kombiniert, kann man gerade bei verrauschten Aufnahmen eine signifikant höhere Erkennungsquote erreichen.Malaka, Rainer; Butz, Andreas; Hußmann, Heinrich: Medieninformatik: Eine Einführung. Pearson Studium, München 2009, ISBN 978-3-8273-7353-3, S. 263.

Dies entspricht Beobachtungen bei der menschlichen Spracherkennung: Harry McGurk hatte 1976 festgestellt, dass auch Menschen aus der Lippenbewegung auf die gesprochene Sprache schließen (McGurk-Effekt).

Sprachausgabe Da es sich bei Kommunikation mit menschlicher Sprache meist um einen Dialog zwischen zwei Gesprächspartnern handelt, findet man die Spracherkennung häufig in Verbindung mit Sprachsynthese. Auf diesem Weg können dem Benutzer des Systems akustische Rückmeldungen über den Erfolg der Spracherkennung und Hinweise über eventuell ausgeführte Aktionen gegeben werden. Auf die gleiche Weise kann der Benutzer auch zu einer erneuten Spracheingabe aufgefordert werden.

Problemstellung Um zu verstehen, wie ein Spracherkennungssystem arbeitet, muss man sich zuerst über die Herausforderungen klar werden, die zu bewältigen sind.

Diskrete und kontinuierliche Sprache Bei einem Satz in der Alltagssprache werden die einzelnen Wörter ohne wahrnehmbare Pause dazwischen ausgesprochen. Als Mensch kann man sich intuitiv an den Übergängen zwischen den Wörtern orientieren – frühere Spracherkennungssysteme waren dazu nicht in der Lage. Sie erforderten eine diskrete (unterbrochene) Sprache, bei der zwischen den Wörtern künstliche Pausen gemacht werden müssen.

Moderne Systeme sind jedoch auch fähig, kontinuierliche (fließende) Sprache zu verstehen.

Diskrete Sprache mini|545px|Grafik des Satzes: „Die freie Enzyklopädie“, diskret ausgesprochen Bei der diskreten Sprache erkennt man deutlich die Pausen zwischen den Wörtern, die länger und deutlicher ausfallen als die Übergänge zwischen den Silben innerhalb des Worts Enzyklopädie.

Kontinuierliche Sprache mini|362px|Grafik des Satzes: „Die freie Enzyklopädie“, kontinuierlich ausgesprochen Bei der kontinuierlichen Sprache gehen die einzelnen Wörter ineinander über, es sind keine Pausen erkennbar.

Größe des Wortschatzes Durch die Flexion, also die Beugung eines Wortes je nach grammatikalischer Funktion, entstehen aus Wortstämmen (Lexemen) eine Vielzahl von Wortformen. Dies ist für die Größe des Wortschatzes von Bedeutung, da alle Wortformen bei der Spracherkennung als eigenständige Wörter betrachtet werden müssen.