mini|Titelseite der Schrift (1520) Von der Freiheit eines Christenmenschen (lateinischer Titel: De libertate christiana) ist der Titel einer Denkschrift Martin Luthers aus dem Jahr 1520. Das Werk zählt zu den sogenannten reformatorischen Hauptschriften Luthers und zu den bedeutendsten Publikationen der Reformationszeit. Die lateinische und deutsche Variante der Denkschrift unterscheiden sich der Länge und dem Inhalt nach.
Anlass Anlass für die Schrift war die gegen Martin Luther gerichtete päpstliche Bannandrohungsbulle Exsurge Domine vom 15. Juni 1520.Reinhold Rieger: Von der Freiheit eines Christenmenschen, De libertate christiana. Mohr Siebeck, Tübingen 2007, S. 2. Der frühere päpstliche Gesandte Karl von Miltitz aus Sachsen versuchte im Streit zwischen Luther und dem Papsttum zu vermitteln, indem er Luther zur Abfassung eines Versöhnungsbriefs an Papst Leo X. und einer kleinen, dem Papst gewidmeten Schrift aufforderte. Die deutsche Variante der Schrift richtete Luther nach eigener Aussage an Hermann Mühlpfordt, den Stadtvogt von Zwickau in Sachsen, weil er von ihm gehört hatte und ihn kennenlernen wollte.Weimarer Ausgabe (Luther) Band 7, S. 20.
Ursache und Zielrichtung Im Mittelalter rebellierten zahlreiche Neuerer gegen eine moralisch verkommene Kirche. Sie wollten die fehlgelaufene Geschichte korrigieren (lateinisch corrigere), die Kirche der Frühzeit wiederherstellen (restituere), eine verkrustete Lehre erneuern (renovare) und die kirchlichen Ämter umgestalten (reformare).Burkhard Weitz: Was bedeutet Reformation?. In: chrismon spezial. Das evangelische Magazin zum Reformationstag, Oktober 2012. Abgerufen am 31. März 2013. Im Jahr 1520 war die Reformation schon einige Jahre im Gange. Martin Luthers Schrift Von der Freyheyt eyniß Christen menschen ist die Dritte seiner reformatorischen Hauptschriften.
Der alte Begriff der „Gerechtigkeit Gottes“ war Martin Luther zutiefst verhasst. Seinem alten Gerechtigkeitsbegriff lag die Vorstellung der iustitia distributiva („verteilende Gerechtigkeit“) zugrunde. Nach dieser Gerechtigkeitskonzeption bekommt jeder das, was ihm zusteht (suum cuique – jedem das Seine). Es gab eine Fülle überlieferter Richtlinien, Bräuche und Vorschriften, die derart missverstanden wurden, dass ein Mensch in der Lage sei, durch die Erfüllung von Beichtauflagen sowie Frömmigkeitsübungen die Lebensantwort auf das Rechtfertigungswerk Christi geben zu können (Taten der Liebe, aber auch Reliquienverehrung, Ablasszahlungen oder Messen). Martin Luther glaubte dies nicht. Im Gegenteil – er selbst hatte bis zur Entdeckung der Gnade immer am Bewusstsein seiner Sündhaftigkeit und des drohenden Gerichts gelitten. Er kannte das schlechte Gewissen, das Scheitern an den Geboten und Angst vor Verdammnis.
Im zweiten Absatz des Abschnitts „Rechtfertigung und Reformation“ im Artikel „Rechtfertigung (Theologie)“ ist dargelegt, wie Luther gründlich recherchiert hatte und sich auf Paulus und die Kirchenväter berief. Dazu kamen sein eigenes Erleben und seine Gewissensstärke, sodass er beim Reichstag zu Worms (1521), selbst wenn es seinen Tod hätte bedeuten können, nicht widerrief.
Auch mit seiner Schrift Von der Freyheyt eyniß Christen menschen appellierte er im Oktober 1520 an ein neues Konzil, um die damalige Fachwelt der Theologen von der Gnade Gottes zu überzeugen (vgl. Heidelberger Disputation 1518). Martin Luther vertrat hier radikal die Auffassung aus der Bibel:
Von der Freyheyt eyniß Christen menschen markiert eine geistesgeschichtliche Grenze zwischen Mittelalter und Neuzeit. In den Thesen postulierte er die Summe der christlichen Freiheiten. Diese stehen nicht unabhängig nebeneinander, sondern stellen nach heutigem Verständnis eher eine Argumentationsreihenfolge dar. Der zentrale Gedanke besteht in einer Umkehrung der bis dahin geltenden Grundauffassung der Beziehung zwischen Religion und Freiheit.
Luthers Text hatte – von ihm selbst ungewollt – bedeutenden Einfluss auf den Deutschen Bauernkrieg, da die aufständischen Bauern den Begriff Freiheit (von Luther in rein theologischem Sinn verwendet) auf ihre weltliche Lebenssituation bezogen und deshalb in den Zwölf Artikeln das Ende der Leibeigenschaft von ihren Grundherren forderten. Luther distanzierte sich 1525 mit seiner Schrift Wider die mörderischen Rotten der Bauern jedoch scharf von dieser Gewalt rechtfertigenden Lesart seines Textes. Mittelbar rechtfertigte er durch die Schrift von 1525 die Gewalt „von oben nach unten“, gegen die Bauern.
Aus dem Inhalt dieser Luther-Schrift Die folgenden Zitate wurden dem Modernisierten Text der Luther-Schrift entnommen. Die jeweiligen Abschnitte der Schrift sind folgendermaßen nummeriert: „Zum 1.:“ bis „Zum 30.:“.
Die Evangelische Freiheit wird durch folgende Stellen der Luther-Schrift oft zitiert:
+In den weiteren Absätzen „Zum x.:“ ordnet Luther diesen gegensätzlichen Aussagen folgende Begriffe und Sachverhalte zu:FreiheitDienstbarkeitBibelstellenZum 2.:Geistliche Natur, neuer innerlicher MenschFleischliche Natur, leiblich Fleisch und BlutZum 6.:Evangelium und GlaubeEigene WerkeZum 7.:SeligkeitUnseligkeitZum 8.:Verheißung oder ZusageGebot oder Gesetz GottesZum 9.:Glaube an Christus: Gnade, Gerechtigkeit, Frieden und FreiheitScheitern an den Geboten, Unvermögen und AngstZum 15.:Könige und Priester mit Christus, „dies ist eine geistliche Herrschaft“, „eine wertvolle Freiheit und Macht der Christen!“Keine leibliche (o. weltliche) Herrschaft, „wir müssen leiblich sterben“ – betroffen von leiblicher Unterdrückung, Tod und Leiden. Zum 30.:„Durch den Glauben fährt er über sich in Gott [hinaus]“, „Siehe, das ist die rechte christliche Freiheit, die das Herz frei macht von allen Sünden, Gesetzen und Geboten, welche alle andere Freiheit übertrifft, wie der Himmel die Erde.“„aus Gott fährt er wieder unter sich durch die Liebe“ etwa: Durch göttliche Liebe jedem freundlich dienend.
Der zentrale Bibeltext, auf den sich die gesamte Luther-Schrift stützt, ist:
Der Text Luthers lehrt mit hochzählendem „Zum x.:“ den immer tiefer werdenden Christlichen Glauben, der am Schluss in eine wunderbare Freiheit mündet. Die obige – unvollständige – Tabelle zeigt diese Weiterentwicklung und Zunahme des Glaubens.
Stufe: Sachlich nüchterne Auseinandersetzung mit Fakten Stufe: Erschrecken über die hohen Erwartungen Gottes. Seine moralischen und ethischen Maßstäbe können von fehlbaren Menschen nicht erfüllt werden. Auch die Frage, ob wir genügend Liebe für Feinde aufbringen, müssen wir oft mit „nein“ beantworten. Die Aussicht, mit diesen Maßstäben im jüngsten Gericht gemessen zu werden, macht eine Höllenangst. Stufe: Die liebende Hand Gottes richtet uns auf, befreit uns und befähigt uns – Beispiele: und . Nun mit Gott verbunden, können wir in tiefer Geborgenheit mit Leichtigkeit und Kraft laufen. So belebt von Gott, können wir Großes leisten und vieles besser machen. Auch dann wenn wir auf dieser Erde niemals perfekt werden, haben wir millionenfache neue Chancen. Auf diese Weise sind wir fest in seiner Gnade verankert.
Ausgaben Es existieren folgende Erstdrucke des Traktats: Von der Freyheyt eyniß Christen menschen, erschienen bei Johann Grünenberg, Wittenberg 1520.Weimarer Ausgabe (Luther) Band 7, S. 15. Tractatus de libertate Christiana, erschienen bei Johann Grünenberg, Wittenberg 1520.Weimarer Ausgabe (Luther) Band 7, S. 39. Die deutsche Fassung ist adressiert an Hermann Mühlpfordt, den Stadtvogt von Zwickau in Sachsen.Zu dieser Ausgabe und ihren weiteren Druckorten vgl. Burkhard Kunkel: Die Kunst der lutherischen Kirchen im 16. Jahrhundert. Medien, Mitteldinge, Monumente – eine Geschichte der materiellen Kultur. Gebr. Mann Verlag, Berlin 2020, ISBN 978-3-7861-2848-9, S. 306. Sie gliedert sich in dreißig Thesen. Die lateinische Fassung ist länger und nach Sinneinheiten gegliedert. Luther richtete sie an Papst Leo X. In der Forschung ist umstritten, welche Variante Luther zuerst schrieb. Nach Reinhold Rieger ist die lateinische Fassung als eine zweite, verbesserte Auflage der deutschen anzusehen.Reinhold Rieger: Von der Freiheit eines Christenmenschen, De libertate christiana. Mohr Siebeck, Tübingen 2007, S. 5–12.
Überlieferung 2015 fand der amerikanische Forscher James Hirstein im Bestand der Bibliothek des Beatus Rhenanus in der Humanistenbibliothek in Schlettstadt ein Exemplar der Erstausgabe von 1520 mit Luthers eigenen handschriftlichen Anmerkungen und Änderungen für die zweite Auflage, welche 1521 in Basel erschienen war.Werk von Martin Luther in einer Bibliothek im Elsass entdeckt, Kleine Zeitung vom 21. Mai 2015, abgerufen am 21. Mai 2015
Literatur Martin Luther: Von der Freiheit eines Christenmenschen. In: Hutten-Müntzer-Luther. Werke in zwei Bänden, zweiter Band. Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, 2. Auflage 1975, S. 112–136. Martin Luther: Von der Freiheit eines Christenmenschen. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2006, ISBN 978-3-579-05427-8. Martin Luther: Von der Freiheit eines Christenmenschen. Hörbuch. Schmidt Hörbuchverlag, Schwerin 2008, ISBN 978-3-937976-95-2 (1 CD, gelesen von Hans J. Schmidt). Reinhold Rieger: Von der Freiheit eines Christenmenschen, De libertate christiana. Mohr Siebeck, Tübingen 2007, ISBN 978-3-16-149362-1 (Kommentar). [Eintrag] Martin Luther In: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Kindlers Literatur Lexikon. 3., völlig neu bearbeitete Auflage. 18. Bde. Metzler, Stuttgart/Weimar 2009, ISBN 978-3-476-04000-8, Bd. 10, S. 386–387 [Werkartikel zu Von der Freyheyt eynisz Christen Menschen von Eberhard H. Pältz].
Weblinks Von der Freiheit eines Christenmenschen, neu ediert mit Erläuterungen (Projekt „freiheit2017.net“ 2017)
Ausführliche Analyse des Textes (Evangeliums-Zentrum e. V., Wien) Von der Freiheit eines Christenmenschen, neu ediert mit englischer Übersetzung (Taylor Editions: Reformation Pamphlet Series November 2020)
Einzelnachweise
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