Die negative Theologie (, ) ist ein aus dem Platonismus stammendes Verfahren bei Aussagen über Gott bzw. über das Eine als erstes Prinzip der Metaphysik. Dabei wird das Denken und Reden über Gott beschränkt, indem alle positiven Aussagen konsequent als unsicher kritisiert und verworfen werden. Nur negative Aussagen können als wahr betrachtet werden (z. B. der un-endliche Gott).
Die Begriffe „positiv“ und „negativ“ sind dabei nicht in einem wertenden Sinn gemeint. Als „positiv“ gelten alle Aussagen, mit denen das Wesen Gottes bestimmt werden soll, indem festgestellt wird, was er ist. Dies geschieht, indem ihm bestimmte Eigenschaften wie beispielsweise Güte oder Weisheit zugeschrieben werden oder indem er mit diesen Eigenschaften identifiziert wird (z. B. Gott ist gut oder Gott ist das Gute). Dabei werden Vorstellungen, die aus dem Bereich menschlicher Erfahrung stammen, auf Gott übertragen. Die negative Theologie lehnt eine solche Vorgehensweise ab und begründet dies mit der Behauptung, es sei prinzipiell unmöglich, bei positiven Aussagen Gottes absolute Transzendenz angemessen zu berücksichtigen. Die Unangemessenheit menschlicher Vorstellungen und die Unwahrheit der auf ihnen basierenden Aussagen über Gott sei das einzige, was bezüglich Gott als zutreffend bestimmt werden könne. Somit seien nur negative Aussagen, also Verneinungen positiver Aussagen, legitim. Die systematische Beseitigung der irrigen positiven Vorstellungen sei eine unerlässliche Voraussetzung für ein wirklichkeitsgemäßes Verhältnis des Menschen zu Gott.
Die Verneinung positiver Bestimmungen ist nicht als Bejahung von ihnen entgegengesetzten Bestimmungen zu verstehen. Die Aussage, Gott könne nicht als gut bezeichnet werden, bedeutet nicht, dass er als schlecht bezeichnet wird. Vielmehr lehrt die negative Theologie, Begriffe wie „gut“ und „schlecht“ seien auf Gott nicht anwendbar.
Antike und Spätantike Platon Den Ausgangspunkt für die negative Theologie bilden Bemerkungen Platons über die Unsagbarkeit des Höchsten. Im Dialog Politeia weist er der Idee des Guten den höchsten Rang zu, denn das Gute überrage das Sein und alle anderen Bestimmungen wie Erkenntnis und Wahrheit. Er meint, das Gute als Idee sei die Ursache der erkennbaren Wahrheit in den erkennbaren Dingen und daher ontologisch der Wahrheit, der Erkenntnis und allen anderen Ideen übergeordnet. Als Ursache des Seins der Dinge sei das Gute selbst nicht das Sein, sondern überrage das Sein an Würde und Kraft.Platon, Politeia 508a–509b. Im Dialog Timaios schreibt Platon, es sei schwer, den Urheber und Vater des Weltalls aufzufinden, und es sei unmöglich, ihn allen zu verkünden, wenn man ihn gefunden hat.Platon, Timaios 28c. Im Dialog Kratylos lässt Platon Sokrates feststellen, dass „wir nämlich von den Göttern nichts wissen, weder von ihnen selbst noch von ihren Namen, wie sie sich untereinander nennen“.Platon, Kratylos 400d. Im Siebten Brief kritisiert er die schriftliche Verbreitung von Lehren über das „Erste und Höchste in der Natur“ und stellt fest, wer wirklich etwas davon verstanden habe, der scheue davor zurück, es schriftlich zu fixieren; solches Wissen lasse sich in keiner Weise wie andere Kenntnisse in Worte fassen.Platon, Siebter Brief 341b–e, 344d–345b.
Grundlegend für die Auseinandersetzung der antiken Platoniker mit der Problematik der absoluten Transzendenz des ersten Prinzips, des Urgrunds aller Dinge, sind Überlegungen, die Platon im Dialog Parmenides anstellt. Die Argumentation im Parmenides wird zum Ausgangspunkt für die Ausformung einer platonischen Metaphysik des „überseienden“ (ontologisch über allem Seienden stehenden) Einen, das sich in die Welt der seienden Dinge entfaltet. Schon Platons Schüler Speusippos greift den Grundsatz der begrifflichen Negativität des überseienden Einen auf.Jens Halfwassen: Der Aufstieg zum Einen, Stuttgart 1992, S. 264–297.
Mittelplatoniker Der jüdische Philosoph Philon von Alexandria (1. Jahrhundert), der platonische Philosophie mit jüdischer Theologie verbindet, betont die Unbegreiflichkeit Gottes.Philon von Alexandria, Quod deus sit immutabilis 62, hrsg. André Mosès, Paris 1963, S. 94 f.; zu weiteren einschlägigen Stellen bei Philon siehe Josef Hochstaffl: Negative Theologie, München 1976, S. 33–35. Er stellt fest, man sei, wenn man Gott finden will, auf der Suche nach etwas schwer Erreichbarem, „(…) das immer zurückweicht und in der Ferne stehen bleibt und mit einem unendlichen dazwischenliegenden Abstand vor den Verfolgern hereilt“. Daher müsse der menschliche Geist „in unermesslichen Abständen hinter der Erfassung des Urgrundes zurückbleiben“.Philon von Alexandria, De posteritate Caini 18–19, hrsg. Roger Arnaldez, Paris 1972, S. 54–57. Allerdings nimmt Philon im Gegensatz zu Platon an, dass man vom ersten Prinzip, das er mit dem Gott der jüdischen Religion gleichsetzt, das Sein aussagen könne; Gott habe sich im Tanach als der Seiende geoffenbart. Philon meint, Gott bestimmte Eigenschaften beizulegen sei unzulässig; man könne nicht sagen, was er sei, sondern nur, dass er existiere und seine Existenz frei von allen Eigenschaften sei. Gott sei nicht benennbar, sprachlich nicht fassbar.
Im Mittelplatonismus werden Platons Hinweise auf die Transzendenz des ersten Prinzips aufgegriffen. Der Philosoph Alkinoos schreibt in seinem Lehrbuch Didaskalikos, Gott sei unaussprechlich (árrhētos). Erläuternd bemerkt Alkinoos, Gott komme nichts zu, weder Schlechtes noch Gutes. Wäre er gut, so hätte er Anteil am Guten, dann wäre das Gute ein ihm übergeordnetes Prinzip. Weder komme ihm eine Beschaffenheit zu (sonst wäre sie ihm von ihrer Quelle verliehen worden) noch Nichtbeschaffenheit (sonst hätte er einen Mangel an Beschaffenheit und bedürfte der Vervollkommnung). Er sei weder ein Teil von etwas noch wie ein Ganzes, das Teile hat; weder bewege er noch werde er bewegt.Alkinoos, Didaskalikos 10, hrsg. John Whittaker und Pierre Louis: Alcinoos: Enseignement des doctrines de Platon, Paris 2002, S. 23 f. Auch der Mittelplatoniker Numenios schlägt den Weg der Verneinung ein. Er umschreibt das erste Prinzip, das er wie Platon „das Gute“ nennt, mit negativen Ausdrücken. Nach seiner Überzeugung ist es dort zu finden, wo eine unaussprechliche und unbeschreibliche Einsamkeit herrscht.Siehe dazu Josef Hochstaffl: Negative Theologie, München 1976, S. 72 f. Der Mittelplatoniker Kelsos bezeichnet mit Berufung auf Platons Timaios das Erste als unnennbar. Trotz dieser Begrenztheit der sprachlichen Möglichkeiten ist Kelsos der Ansicht, Gott entziehe sich dem menschlichen Verstand nicht gänzlich. Von dem, was sonst unsagbar bleibe, könne man auf drei Wegen eine gewisse Vorstellung gewinnen: „durch Zusammenstellung mit anderen Dingen oder durch die Unterscheidung von ihnen oder durch einen Vergleich mit ihnen“.Kelsos, Alethes logos 7,42. Siehe dazu Horacio E. Lona: Die ‚Wahre Lehre’ des Kelsos, Freiburg 2005, S. 410–412. Mit dem an zweiter Stelle genannten Weg meint er die negative Theologie. Kelsos’ christlicher Kritiker Origenes wirft ihm vor, er habe über das Höchste nur „in leeren Verneinungen“ gesprochen.Siehe dazu Heinrich Dörrie: Die platonische Theologie des Kelsos in ihrer Auseinandersetzung mit der christlichen Theologie, Göttingen 1967, S. 28–30, 36–38.
Neuplatoniker Im 3. Jahrhundert nennt Plotin, der Begründer des Neuplatonismus, das von Platon als das Gute bezeichnete ontologisch Höchste „das Eine“ (griechisch τὸ ἕν to hen). Damit drückt er aus, dass es das schlechthin Einfache ist. Das Eine enthält als äußerster Gegensatz zum Differenzierten und Mannigfaltigen keine Unterscheidung, weder eine Zweiheit noch sonstige Pluralität. Es ist wie Platons Gutes der Ursprung und Existenzgrund aller Dinge und als solcher das Höchste, was es geben kann.
Somit wäre in einem religiösen Kontext das Eine Plotins mit Gott bzw. in einer polytheistischen Religion mit der obersten Gottheit gleichzusetzen. Eine solche Bestimmung ist aber aus neuplatonischer Sicht problematisch, da sie zur Konsequenz haben kann, dass dem Höchsten Merkmale zugeschrieben werden, die als göttlich gelten, etwa indem es als „gut“ bezeichnet bzw. mit dem Guten identifiziert wird. Auf diesem Weg würde ein Unterschied und damit eine Nicht-Einheit in das absolut undifferenzierte Eine hineingetragen, so dass es nicht mehr das Eine wäre. Daher ist für Plotin nicht einmal die von Platon vorgenommene Gleichsetzung des Guten mit dem Höchsten (dem ersten Prinzip) angemessen. Nur aus der menschlichen Perspektive erscheint das Eine als etwas Höheres, Erstrebenswertes und damit Gutes, aber für sich selbst ist es nicht gut. In der neuplatonischen Philosophie ist das Eine weder gut noch schlecht und wie schon bei Platon weder seiend noch nichtseiend, sondern jenseits von beidem. Es „ist“ eigentlich nicht, denn das Sein als Gegenteil des Nichtseins oder das vollkommene Sein im Gegensatz zu einem geminderten Sein setzt bereits eine Unterscheidung voraus und damit etwas, was dem Einen nachgeordnet ist. Genau genommen ist auch die Bestimmung des Einen als „Eines“, als einfach oder einheitlich im Sinne eines Gegensatzes zur Pluralität eine Verkennung seiner wahren, gegensatzfreien Natur, über die paradoxerweise überhaupt keine zutreffende Aussage möglich ist. Das Eine ist „unsagbar“ (ἄρρητον árrhēton).Plotin: Enneaden V,3,13,1 f. Zwar macht Plotin dennoch Aussagen über das Eine, doch pflegt er solche Feststellungen mit Einschränkungen wie „gleichsam“, „gewissermaßen“ (hoíon) zu versehen. Damit stellt er klar, dass die verwendeten Begriffe hier nicht in ihrer gewöhnlichen Bedeutung gemeint sind, sondern nur etwas eigentlich nicht verbal Ausdrückbares andeuten sollen. Das Eine bleibt einem verstandesmäßigen, diskursiven Begreifen prinzipiell entzogen.
Der spätantike Neuplatoniker Proklos ist der erste Autor, der die Begriffe „Negation“ (apóphasis) und „Theologie“ verbindet. Er verwendet den Ausdruck trópos tēs aphairéseōs („Vorgehensweise des Entfernens“); die Bestimmungen müssen auf dem Weg zum Einen entfernt werden.Proklos, In Platonis Parmenidem 1128. Dirk Westerkamp: Via negativa, München 2006, S. 21. In seinem Kommentar zu Platons Parmenides empfiehlt er, nach Platons Vorbild bei den Negationen zu bleiben und durch sie das erhabene Übermaß des Einen zu zeigen. Durch die Negationen kann ein theologischer Hymnus auf das Eine emporgesandt werden.Proklos, In Platonis Parmenidem 1108 und 1191. Die Funktion aller positiven Ausdrücke besteht darin, dass sie als „Hinzufügungen“ die Merkmale eines geformten Etwas angeben sollen. Daher greifen sie ins Leere, wenn sie auf das formlose Erste und Eine angewendet werden. Da das Eine jedem Gegensatz entzogen ist, ist es auch nicht als Zusammenfall der Gegensätze zu begreifen.Dirk Westerkamp: Via negativa, München 2006, S. 17 f. Proklos legt eine negative Dialektik vor, die er insbesondere anhand der Parmenides-Auslegung als Methode des metaphysischen Philosophierens präsentiert und einübt. Sie wird für die mittelalterliche negative Theologie wegweisend.Siehe dazu Werner Beierwaltes: Proklos. Grundzüge seiner Metaphysik, 2. Auflage, Frankfurt am Main 1979, S. 339–366. Nicht nur auf das Eine als erstes Prinzip wendet Proklos den Ansatz der negativen Theologie an, sondern auch auf das zweite Prinzip, den Nous, der als rein geistige Sphäre den obersten Bereich der intelligiblen Welt und der seienden Dinge bildet. Er bestreitet, dass das diskursive Denken mit seinen positiven Aussagen den Nous angemessen erfassen und beschreiben kann. Daher ist für Proklos nicht nur hinsichtlich des Einen, sondern auch hinsichtlich des Nous ein schweigendes Betrachten die überlegene Herangehensweise.Arthur H. Armstrong: The Negative Theology of Nous in Later Neoplatonism. In: Horst-Dieter Blume, Friedhelm Mann (Hrsg.): Platonismus und Christentum, Münster 1983, S. 31–37. Dennoch wird vom Einen gesprochen; den Grund dafür sieht Proklos im natürlichen Streben der Seele zum Einen hin.Proklos, In Platonis Parmenidem 1191.
Kirchenväter