Der Flachlandtapir (Tapirus terrestris) ist eine Säugetierart aus der Gattung der Tapire (Tapirus), die die einzige Gattung der gleichnamigen Familie ist. Dabei stellt der Flachlandtapir den größten Vertreter der beiden südamerikanischen Tapirarten dar. Er lebt in tiefer gelegenen Regionen des Kontinents und bewohnt hier vor allem Wald-, teilweise aber auch offenere Landschaften, wo er überwiegend einzelgängerisch auftritt und sich überwiegend von weicher Pflanzenkost ernährt. Zwar zählt der Flachlandtapir noch zu den häufigeren Vertretern seiner Gattung, aufgrund von starker Bejagung und Landschaftszerstörung gelten seine Bestände allerdings als gefährdet.
Beschreibung Habitus mini|links|Flachlandtapir im Pantanal Der Flachlandtapir stellt den größeren der beiden südamerikanischen Tapirvertreter dar und erreicht eine Kopf-Rumpf-Länge von 205 (männliche Tiere) bis zu 220 cm (weibliche Tiere), wobei der Schwanz nur ein Stummel von 8 Zentimetern Länge ist. Die Tiere erreichen eine Schulterhöhe von 77 bis 108 cm. Das Gewicht variiert zwischen 150 und 250 kg; weibliche Tiere sind in der Regel 25 bis 100 kg schwerer als die Männchen. Die Haut ist vor allem am Nacken sehr dick und mit einem am Rücken schwarzbraun gefärbten Fell bedeckt, welches an Brust, Bauch und Beinen eine eher dunkelbraune Tönung annimmt. Am Nacken ist zusätzlich eine deutliche Mähne ausgebildet. Typisch sind auch die weißen Ränder an den Ohren. Beim Gesicht wirkt es fast so, als wäre es nachträglich gezeichnet, die Fellfarben verstärken den charakteristischen Kopf dieses Tieres. Das Fell ist an Kehle und Wangen manchmal, aber nicht immer, weiß.Miguel Padilla und Robert C. Dowler: Tapirus terrestris. Mammalian Species 481, 1994, S. 1–8 Gelegentlich treten vollständig albinotische Tiere auf.Mariana Bueno Landis, Luciano Candisani, Leticia Prado Munhoes, João Carlos Zecchini Gebin, Frineia Rezende, Miguel Martins Flores de Jesus, Emília Patrícia Medici und Katia Maria Paschoaletto Micchi de Barros Ferraz: First record of albino lowland tapirs (Tapirus terrestris Linnaeus 1758) in an important Brazilian Atlantic Forest hotspot. Mammalia, 2020, doi:10.1515/mammalia-2019-0084
Der Körperbau gleicht dem der übrigen Tapire, charakteristisch ist vor allem der stark gewölbte Kopf und die sehr bewegliche rüsselartige Nase, die mit der Oberlippe verbunden ist. Der Körperbau wirkt gedrungen, ist aber sehr muskulös. Die Beine sind stämmig und kurz. Die Vorderbeine enden beim Flachlandtapir, wie bei allen Tapiren, in vier Zehen, die Hinterbeine in nur drei. Die Zehen sind mit Hufen verkleidet und spreizen sich beim Gehen auseinander, wodurch das Einsinken in weiche Böden verhindert wird. Die Augen sind relativ klein und seitlich am Kopf.
Schädel- und Gebissmerkmale Der Schädel des Flachlandtapirs wird rund 37 cm lang und ist dabei langgestreckt geformt und eher flach. Charakteristisch ist der hohe Scheitelkamm, der nur beim Flachlandtapir stark ausgeprägt ist und den konvex geformten Kopf bewirkt. Im Gegensatz zu anderen Säugetieren mit einer derartigen Knochenbildung ist diese aber nicht paarig in der frühen Individualentwicklung angelegt, sondern entsteht offensichtlich postnatal durch Knochenanreicherung und unterscheidet sich dadurch von den Scheitelkämmen der anderen heutigen Tapirarten.Luke T. Holbrook: The unusual development of the sagittal crest in the Brazilian tapir (Tapirus terrestris). Journal of Zoology 256, 2002, S. 215–219 Das Hinterhauptsbein weist eine deutlich kurze und rechtwinklige Form auf. Das Nasenbein ist eher schwach gebaut und liegt, wie bei allen Tapiren, weit hinter dem Zwischenkieferknochen. Beide Knochen sind nicht miteinander verbunden.Luke T. Holbrook: Comparative osteology of early Tertiary tapiromorphs (Mammalia, Perissodactyla). Zoological Journal of the Linnean Society 132, 2001, S. 1–54
Der Unterkiefer besitzt eine Länge von 29 cm, wobei der Unterkieferkörper relativ niedrig ist. Die Zahnanzahl ist wenig reduziert und weist bei erwachsenen Tieren folgende Gebissformel auf: . Im Oberkiefer sind die jeweils dritten Schneidezähne vergrößert und dolchartig geformt, die restlichen dagegen eher klein, so wie auch alle Incisiven des Unterkiefers. Zum nachfolgenden Eckzahn besteht ein kleines Diastema. Der Eckzahn des Unterkiefers ist sehr groß und konisch spitz gebaut. Er steht dem dritten Schneidezahn des Oberkiefers gegenüber, wodurch beide Zähne ein kräftiges Beißwerkzeug bilden. Der Oberkiefereckzahn dagegen ist markant reduziert. Allgemein weisen die Eckzähne wenig Zahnzement auf. Zur hinteren Bezahnung besteht ein deutlich größeres Diastema. Die Prämolaren sind deutlich molarisiert, das heißt, sie ähneln den hinteren Backenzähnen, den Molaren. Diese sind durch zwei querstehende Zahnschmelzleisten gekennzeichnet (bilophodont) mit jeweils höckerigen Bildungen an den Enden. Allgemein sind die Backenzähne sehr niederkronig (brachyodont).
Sinnesleistungen und Lautäußerungen Die bestentwickelten Sinne des Flachlandtapirs sind der feine Geruchssinn ebenso wie der exzellente Tastsinn. Fast genauso gut funktionieren seine Ohren mit ihrem guten Gehör, wobei der Flachlandtapir zwischen den unterschiedlichsten Geräuschen (Fressfeinde, Artgenossen) differenzieren kann und dementsprechend reagiert.Susanne Zenzinger: Experimentelle Untersuchungen zur akustischen Kommunikation bei im Zoo gehaltenen Schabracken- und Flachlandtapiren (Tapirus indicus und Tapirus terrestris). Der Zoologische Garten N.F. 79, 2010, S. 254–267 Die Augen dagegen sind schwach, das Tier ist eher kurzsichtig. Allerdings zeigten Untersuchungen, dass der Sehsinn für die Tiere im Nahbereich auch eine wichtige optische Kommunikationshilfe darstellt, da sie auf bestimmte Schlüsselreize wie den Rüssel oder die weißen Ohrränder reagieren.Susanne Zenzinger: Experimentelle Untersuchungen zur optischen Kommunikation bei im Zoo gehaltenen Schabracken- und Flachlandtapiren (Tapirus indicus und Tapirus terrestris). Der Zoologische Garten N.F. 79, 2010, S. 162–174
Der Flachlandtapir nutzt verschiedene Lautäußerungen zur Kommunikation. Bekannt sind zwei schrille Laute, die die Tiere bei Gefahr oder Schmerz ausstoßen. Ein Klicklaut, der mit der Zunge und dem Gaumen erzeugt wird, dient der Erkennung von Artgenossen, während ein Schnauben Aggression oder Wut ausdrückt.Don Hunsaker II und John C. Hahn: Vocalisation of the South American tapir, Tapirus terrestris. Animal Behaviour 13, 1969, S. 69–74
Verbreitung und Lebensraum mini|hochkant|Verbreitungsgebiet; orange: heutiges Vorkommen, gelb: mögliches Vorkommen, rot: ausgestorben Der Flachlandtapir ist in weiten Teilen Südamerikas östlich der Anden beheimatet, hauptsächlich lebt er im Amazonasbecken, im Llanos und im Pantanal. Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich dadurch von Kolumbien und Venezuela bis in das südliche Brasilien, Paraguay und das nördliche Argentinien. Der typische Lebensraum des Flachlandtapirs zeichnet sich durch tropisches Klima mit einer hohen Niederschlagsrate und großer Luftfeuchtigkeit aus. Überwiegend ist die Tapirart in Wäldern, in erster Linie tropische Regenwälder, anzutreffen, wo er sich stets in der Nähe von Flüssen, Seen oder Sümpfen aufhält. Teilweise besiedelt er auch offenere Landschaften, die aber von Dickichten durchsetzt sein müssen. In neuerer Zeit dringt der Flachlandtapir auch aufgrund von Landschaftszerstörungen häufiger in Plantagengebiete vor, die er entweder zur Nahrungssuche oder als Korridor zwischen verschiedenen Waldgebieten nutzt.Luana D’Avila Centoducatte, Danielle de O. Moreira, Jardel B. Seibert, Maria Fernanda N. Gondim, Igor da C. L. Acosta und Andressa Gatti: Tapirus terrestris occurrence in a landscape mosaic of Atlantic Forest and Eucalyptus monoculture in southeast Brazil. Tapir Conservation 20 (1/2), 2011, S. 17–21
Die Individuendichte im natürlichen Lebensraum insgesamt ist relativ gering, wie Untersuchungen im Pantanal ergaben. Im Durchschnitt kommt in Waldgebieten nur ein Flachlandtapir je Quadratkilometer vor, in offenen Landschaften ist die Dichte noch geringer und liegt bei einem Tier je zwei Quadratkilometern.Mogens Trolle, Andrew J. Noss, José Luis Passos Cordeiro und Luiz Flamarion B. Oliveira: Brazilian Tapir Density in the Pantanal: A Comparison of Systematic Camera-Trapping and Line-Transect Surveys. Biotropica 40 (2), 2008, S. 211–217 Trotzdem ist der Tapirvertreter eine wichtige ökologische Komponente, stellt er doch einen der größten Pflanzenfresser der Neotropis dar.Fabrice Hibert, Daniel Sabatier, Judith Andrivot, Caroline Scotti-Saintagne, Sophie Gonzalez, Marie-Françoise Prévost, Pierre Grenand, Jérome Chave, Henri Caron und Cécile Richard-Hansen: Botany, Genetics and Ethnobotany: A Crossed Investigation on the Elusive Tapir’s Diet in French Guiana. PLoS ONE 6 (10), 2011 Normalerweise überschneiden sich die Verbreitungsgebiete der einzelnen amerikanischen Tapirarten nicht, jedoch lebt der Flachlandtapir im Nordwesten Kolumbiens teilweise sympatrisch mit dem Mittelamerikanischen Tapir (Tapirus bairdii).
Lebensweise Territorialverhalten mini|Flehmender Flachlandtapir Der Flachlandtapir ist wie alle Tapirarten nachtaktiv. Tagsüber zieht er sich ins dichte Unterholz zurück, um in der Nacht auf Nahrungssuche zu gehen. Dabei wandert ein Tier zu den verschiedensten Plätzen, wie Futterstellen, Salzlecken oder Badeplätzen in seinem Areal und legt so Pfade an. Im normalen Laufschritt bewegt er sich mit gesenktem Kopf vorwärts, im Spurt oder auf der Flucht dagegen mit erhöhter Kopfhaltung. Der Flachlandtapir ist außerdem ein guter Schwimmer und vermag zu tauchen.
Als territorialer Einzelgänger lebt der Flachlandtapir solitär, kleine Gruppen, außer in der Paarungszeit, umfassen in der Regel Muttertiere mit Kalb. Begegnungen unter Artgenossen können mitunter sehr aggressiv verlaufen. Vor allem männliche Tiere markieren ihre Reviere und Pfade mit Urin und Dung, die häufig an dieselben Stellen gesetzt werden. Das Beschnüffeln der Fäkalien dient als eine der wichtigsten innerartlichen Kommunikationen. Sofern die Tiere fremde Hinterlassenschaften auffinden, beginnen sie zu flehmen.
Ernährung Der Flachlandtapir ist ein auf vorwiegend weiche Pflanzenteile spezialisiertes Tier, was sich auch in seiner Anatomie durch die stark bewegliche rüsselartige Oberlippe und die niederkronigen Backenzähne mit den charakteristischen Schmelzbuckeln widerspiegelt. Neben Blättern verzehren die Tiere auch Wasserpflanzen, Knospen, Zweige und Früchte. Dabei sind über 270 verschiedene Pflanzenarten bekannt, die der Flachlandtapir konsumiert. Hierzu gehören Hundsgift-, Palmen- und Sapotengewächse. Früchte wie Feigen oder Sumachgewächse nehmen insgesamt einen sehr hohen Anteil im Nahrungsspektrum ein, die aber abhängig von den Wuchszeiten verzehrt und somit nicht ganzjährig aufgenommen werden können. Da die Samen bei der Verdauung weitgehend intakt bleiben, trägt der Flachlandtapir durch seine Wanderungen zur Ausbreitung zahlreicher Pflanzenarten bei.Mathias W. Tobler, John C. Janovec und Fernando Cornejo: Frugivory and Seed Dispersal by the Lowland Tapir Tapirus terrestris in the Peruvian Amazon. Biotropica 42 (2), 2010, S. 215–222 Eine große Bedeutung haben auch Salzlecken oder offene Bodenstellen, an denen der Flachlandtapir Mineralien zu sich nimmt, einerseits um seinen Stoffkreislauf auszugleichen, andererseits um Pflanzengifte unschädlich zu machen.Igor Pfeifer Coelho, Luiz Flamarion B. Oliveira, Maria Elaine Oliveira und José Luís P. Cordeiro: The Importance of Natural Licks in Predicting Lowland Tapir (Tapirus terrestris, Linnaeus 1758) Occurrence in the Brazilian Pantanal. Tapir Conservation 17 (2), 2008, S. 5–10
Fortpflanzung mini|Jungtier im Dortmunder Zoo