mini|Höchst sonderbar, Karikatur des Studentenlebens von 1884

Bummelstudent ist die umgangssprachliche Bezeichnung für einen Studenten, der die Freiheiten des Studentenlebens nicht dazu verwendet, seinem Studium nachzugehen, sondern den Verlockungen der Möglichkeiten einer intensiven Freizeitgestaltung nachgibt. Bummelstudenten zeichnen sich durch eine überdurchschnittlich lange Studiendauer und geringe Studienleistungen aus. Sie legen oftmals kein Examen ab (Studienabbrecher) oder legen es erst später als andere ab.

Der Ausdruck Langzeitstudent umfasst dagegen Studenten, die die Regelstudienzeit überschreiten.

Bummelstudenten in der Geschichte

mini|links|200px|Manuskript der Jobsiade von Carl Arnold Kortum von 1783 An den spätmittelalterlichen Universitäten war das Studium vielfach in gemeinschaftliche Lebensformen eingebunden. Eine wichtige Einrichtung war die Burse, die Unterkunft und Verpflegung mit akademischen Übungen verband und unter Leitung und Aufsicht eines Magisters stand.Rainer Christoph Schwinges: Sozialgeschichtliche Aspekte spätmittelalterlicher Studentenbursen in Deutschland. In: Johannes Fried (Hrsg.): Schulen und Studium im sozialen Wandel des hohen und späten Mittelalters. Sigmaringen 1986, S. 527–564, hier S. 531, 534 f. Durch diese Bursengemeinschaft stand der Student mit Lehrern und Mitschülern in so engem Kontakt, dass ein Ausbrechen aus der Studiendisziplin nicht so leicht möglich war.

In der Frühen Neuzeit entwickelte sich eine eigenständige studentische Kultur, die neben dem Studium unter anderem gemeinschaftliche Feste, Wirtshausbesuche, Trinkgelage und andere Formen der Geselligkeit umfasste.Kirsten Bernhardt, Barbara Krug-Richter, Ruth-E. Mohrmann (Hrsg.): Gastlichkeit und Geselligkeit im akademischen Milieu in der Frühen Neuzeit. Waxmann, Münster 2013, S. 7–12. Universitäten und Landesherren versuchten, diese studentische Lebensführung durch akademische Gesetze und Disziplinarvorschriften zu reglementieren.Christin Veltjens-Rösch: „Ob Wir nun wohl davon weit entfernt sind, Unsere Studiosos von erlaubten Vergnügen abzuhalten“. Akademische Gesetze und die Reglementierung studentischer Geselligkeit in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts am Beispiel der Universitäten Marburg und Jena. In: Kirsten Bernhardt, Barbara Krug-Richter, Ruth-E. Mohrmann (Hrsg.): Gastlichkeit und Geselligkeit im akademischen Milieu in der Frühen Neuzeit. Waxmann, Münster 2013, S. 113–131. Der nachlässige oder ausschweifend lebende Student wurde daneben zu einem wiederkehrenden Motiv der frühneuzeitlichen Literatur, wie etwa in der Studentenkomödie Studentes (1545), dem Cornelius Relegatus (1600) und später in den bildlichen Darstellungen Johann Georg Puschners (1680–1749).

mini|300px|Pflanzschule der Büreaukratie, ungeregelte Trinkexzesse deutscher Studenten in einer Karikatur von 1851

Im 19. Jahrhundert waren die Lebens- und Studienbedingungen an den deutschen Universitäten durch ein hohes Maß individueller Freiheit gekennzeichnet. Mark Twain, der sich 1878 in Heidelberg aufhielt, beschrieb in seinem Reisebericht A Tramp Abroad die große Freiheit des deutschen Universitätslebens. Neben der nach seiner Darstellung überwiegenden Zahl arbeitsamer Studenten beobachtete er eine kleinere Gruppe von Müßiggängern, die ihre Zeit mit Spaziergängen, Kutsch- und Bootsfahrten sowie Bier und Kaffee im Schloßgarten verbrachten und ein „bequemes, sorgloses“ Leben führten. Zugleich warnte er davor, diese Studenten deshalb für ungebildet zu halten, sondern führte ihre Freizeit teilweise auf die große Freiheit des Universitätsstudiums nach der strengen Gymnasialzeit zurück.Mark Twain: A Tramp Abroad. American Publishing Company, Hartford 1880, S. 46f., 49f.

In der Literatur und Illustration Archipoeta

mini|300px|Der sauffende Student, Kupferstich von Johann Georg Puschner, 1725

Aus dem Mittelalter liegen nicht viele Berichte über Bummelstudenten vor. Am ehesten könnten noch die Hinweise in den Dichtungen des Archipoeta als solche gewertet werden. In seinen auf Latein geschriebenen Liedern berichtet er in der Ich-Form, dass er an der Schule von Salerno Medizin studiert hätte, sein Studium aber wohl aus gesundheitlichen Gründen hätte abbrechen müssen. In seinem zehnten Lied, der heute so genannten „Vagantenbeichte“ berichtet er von seinem lasterhaften Leben, das er auch schon als Student geführt hätte.

Via lata gradior, more iuventutis, implico me vitiis, immemor virtutis, voluptatis avidus, magis quam salutis, mortuus in anima, curam gero cutis. Ich gehe den bequemen Weg nach Art der Jugend, Ich verstricke mich in Laster und denke nicht der Tugend, Gierig nach der Lust, mehr als nach dem Heil, Tot im Geiste, pflege ich meine Haut.

(Archipoeta, „Vagantenbeichte“, fünfte Strophe)

Der Archipoeta berichtet, dass er seinen Lastern nicht nur als junger Mann erlegen wäre, sondern ihnen auch im Berufsleben weiter nachgehangen sei. Speziell erwähnt er sexuelle Ausschweifungen und übermäßigen Alkoholgenuss.

Es ist allerdings eher unwahrscheinlich, dass dieser Text autobiografisch ist.

Studentes mini|Studentes, Titelblatt der Erstausgabe (1549) Im Jahr 1545 dichtete Christoph Stummel die welterste Studentenkomödie.Fritz Richard Lachmann: Die „Studentes“ des Christophorus Stymmelius und ihre Bühne. Als Anhang eine Übersetzung des Stückes und 44 Bilder aus Johann Rassers Christlich Spil von Kinderzucht auf 15 Tafeln. Inaugural-Dissertation zum Wintersemester 1925/26 an der Universität Leipzig, Verlag von Leopold Voss, Leipzig 1926. In seinen Studentes (lat. „Studenten“) sind gleich zwei Bummelstudenten die Protagonisten. Ihnen wird zum Vergleich ein lernwilliger Erstsemester zur Seite gestellt.

Die drei Freunde Philomathes, Akrates und Akolastus gehen zusammen auf die Universität. Doch während Philomathes (was „Gernlerner“ bedeutet) artig die Vorlesungen besucht, lassen sich Akolastus und Akrates von anderen Bummelstudenten zum Aufenthalt in Wirtshäusern verleiten. Dort bringt Akrates sein Geld mit Alkohol, Kartenspiel und Freudenmädchen durch, sein Freund Akolastus verführt die Wirtstochter Deleasthisa und schwängert sie. Als ihre Väter davon erfahren, machen sie sich auf den Weg in die Universitätsstadt, um das Treiben der verlorenen Söhne zu beenden. Akolastus muss Deleasthisa heiraten, Akrates bekommt von seinem Vater frisches Geld zum Studieren. Ob er jedoch seine Lektion gelernt hat, bleibt am Ende des Lustspiels offen.F. Hermann Meyer: Studentica. Leben und Sitten deutscher Studenten früherer Jahrhunderte. Meist aus literarischen Seltenheiten und Curiosen geschöpft. Als Anhang: „Die Studenten. Ein Lustspiel von Christoph Stymmel, geschrieben 1545“ (S. 63–100), Leipzig 1857.

Grobianus Besonders in der Frühen Neuzeit wurde der Bummelstudent ein Thema in der Literatur, im Theater und im Bild. Lebensgeschichten gescheiterter oder beinahe gescheiterter Studenten erlangten teilweise hohe Popularität. Diese Werke wurden auch zur Belehrung der jungen Akademiker eingesetzt, um sie vor den Folgen allzu großer Nachlässigkeit im Studium zu warnen.Drastisch: Der Ruchlose Student. Oder Der hochstraffbare und nichtswürdige Selbst⸗Ruhm/ Eines in allen Uppigkeiten und Lastern ersoffenen Welt⸗Bruders/ Dessen leichtsinniges und unverantwortliches Beginnen/ Aus seinem selbst⸗eigenen Lebens⸗Lauff/ Zu aller in dergleichen Sünden⸗Schrancken Lauffenden ewigem Spott und Schande/ ausgezeichnet und hervorgegeben/ Von Einem Ehr⸗ und Tugend⸗Gewidmetem. o. V., o. O. 1681 (Digitalisat der Herzog August Bibliothek; Reprint: Antiqua, Lindau 1979, ISBN 3-88210-006-0). Manche dieser Werke beziehen auch das Leben eines gescheiterten Studenten nach der Universitätszeit mit ein und schildern bescheidene und/oder abenteuerliche Karrieren.

Einer der frühen Autoren auf diesem Gebiet war Friedrich Dedekind. Sein Hauptwerk Grobianus (1549) erzählt zwar nicht explizit vom Leben an den Universitäten, aber die Tatsache, dass das Werk eindeutig erzieherischen Charakter hat und in Latein verfasst wurde, lässt auf die Zielgruppe Studenten schließen. Der Verfasser selbst war bei der Abfassung des Werkes Student in Wittenberg. Die Hauptfigur Grobianus zeichnet sich vor allem durch einen Mangel an zivilisierten Umgangsformen aus und wird als abschreckendes Beispiel dargestellt. Es geht hier nicht um eine Vernachlässigung der akademischen Studien, sondern darum, dass die Hauptfigur die von einem gebildeten Menschen erwarteten Handlungsweisen missen lässt und den jungen Lesern als eine Art von Gegenentwurf vorgeführt wird.

Das Werk wurde namengebend für die neue Literaturgattung des Grobianismus. Es wurde von Caspar Scheidt in deutsche Knittelverse übertragen und wurde so auch weiteren Bevölkerungskreisen zugänglich. Die eher volkstümliche deutsche Fassung erschien 1551 unter dem Titel Grobianus. Von groben Sitten und unhöfischen Gebärden. In einer neuen lateinischen Version von Dedekind aus dem Jahre 1552 erhielt Grobianus ein weibliches Gegenstück, das Werk hieß Grobianus et Grobiana. – Der Grobianus-Stoff erfreute sich großer Beliebtheit nicht nur in Deutschland, sondern auch in England. Im Jahre 1605 wurde der Grobianus als The Schoole of Slovenrie ins Englische übersetzt. Die Begeisterung hielt sich lange, noch im Jahre 1739 erschien eine neue englische Übersetzung.

Cornelius Relegatus mini|300px|Cornelius bin ich genant, allen Studenten wolbekant, Kupferstichblatt aus dem Speculum Cornelianum von 1608/1618 Ein weiteres wichtiges Beispiel ist Cornelius Relegatus (lat. „der von der Universität verwiesene Cornelius“), auch „der verbummelte Cornelius“. Das Stück ist eine im Jahre 1600 beim Universitätsjubiläum in Rostock uraufgeführte Theaterkomödie von Albert Wichgreve (um 1575–1619), die in lateinischer Sprache auf satirische Weise die unrühmliche Laufbahn eines gescheiterten Studenten des 16. Jahrhunderts schildert und für lange Zeit die Ansichten der Öffentlichkeit vom Leben eines Bummelstudenten prägte. Gleichzeitig ist das Stück ein Dokument der akademischen Sitten und Gebräuche des ausgehenden 16. Jahrhunderts.

Die Komödie behandelt satirisch die akademische Laufbahn eines jungen Mannes namens Cornelius, der als junger Student an der Universität sofort allen dort vorhandenen Lastern erliegt und kläglich scheitert. Ein glücklicher Zufall bringt dann aber noch eine Wende, und die Geschichte bekommt ein Happy End.

Das Stück beginnt damit, dass Cornelius von den Eltern an die Universität geschickt wird, obwohl schon böse Vorahnungen die Familie plagen. An der Universität hat der junge Mann dann die zeitüblichen Aufnahmerituale der Deposition zu erdulden, bevor die Aufnahmeprüfung durch einen Professor und die Immatrikulation durch den Rektor erfolgen. Kaum immatrikulierter Student, beginnt Cornelius mit dem Lotterleben. Gleich das erste Trinkgelage endet mit nächtlichen Exzessen, es folgen Verhaftung und Verurteilung durch die akademische Gerichtsbarkeit. Als Nächstes wird Cornelius von seinen Gläubigern beim Rektor verklagt.

Danach häufen sich weitere Unglücksfälle: Cornelius wird auf zehn Jahre relegiert, das heißt von der Universität verwiesen, er erfährt, dass seine Eltern tot sind und er enterbt ist und dass ihm gerade ein uneheliches Kind geboren worden ist, für das er zu sorgen hat. Als er sich an einem von der Decke herabhängenden Strick erhängen will, reißt der Strick ein Loch in die Decke, aus dem dort verborgene Geldsäcke auf ihn herabfallen.

Er beschließt, sich zu bessern und sich mit dem Geld ein neues Leben aufzubauen. Sein Fürst setzt sich für ihn ein und der Rektor nimmt ihn wieder an die Universität auf.

Das Stück erzielte einen enormen Publikumserfolg mit außergewöhnlicher Langzeitwirkung, war aber das einzige Erfolgsstück seines Autors. Die zweite Auflage des Stückes erschien bereits im Jahre 1601 in Rostock, weitere folgten, im Jahre 1602 erschien eine Auflage in Leipzig. Schon 1605 verfasste Johann Sommer eine deutsche Version, die in Magdeburg mit dem Titel erschien: