Edmond-Charles Édouard Genêt [] (auch Genet, selten Genest geschrieben; geboren am 8. Januar 1763 in Versailles, Frankreich; gestorben am 14. Juli 1834 in East Greenbush, New York, USA) war ein französischer Diplomat. Als französischer Botschafter in den Vereinigten Staaten zur Zeit der Französischen Revolution löste er 1793 eine diplomatische und politische Krise aus, als er versuchte, die Neutralitätspolitik der USA zu Gunsten Frankreichs zu beeinflussen. Den Gepflogenheiten der französischen Revolutionäre folgend, ließ er sich stets nur als „Bürger“ anreden und ist so als Citizen Genêt (englisch) bzw. Citoyen Genêt (französisch) in die Geschichtsschreibung eingegangen.

Nach seiner Ankunft in den USA unterminierte Genêt die amerikanische Neutralitätspolitik im Ersten Koalitionskrieg und begann, in amerikanischen Häfen Kaperschiffe für Angriffe auf britische Handelsschiffe auszurüsten. Weiterhin versuchte er erfolglos, amerikanische Freiwillige für militärische Expedition gegen die spanischen und britischen Kolonien in Nordamerika anzuwerben. Diese Aktionen kamen einer Verletzung der amerikanischen Neutralitätsproklamation gleich und stießen auf die entschiedene Ablehnung des Präsidenten George Washington. Durch sein unnachgiebiges und impulsives Auftreten sah sich die amerikanische Regierung schließlich veranlasst, Paris die Abberufung Genêts nahezulegen. Genêts Rückkehr nach Frankreich zur Zeit der jakobinischen Terrorherrschaft hätte jedoch wohl zu seiner Hinrichtung geführt, weshalb ihm Washington politisches Asyl gewährte. Bis zu seinem Tod 1834 lebte Genêt als Landwirt im Staat New York und kehrte nie wieder nach Frankreich zurück.

Wird Genêts Mission in Darstellungen der Französischen Revolution meist nur als Fußnote vermerkt, so setzte sie im politischen System der Vereinigten Staaten folgenschwere Entwicklungen in Gang. Die Debatte um „Citizen Genêt“ wurde in einer breiten politischen Öffentlichkeit lebhaft diskutiert und führte zu einer klaren Polarisierung im politischen Spektrum. Aus dem profranzösisch-egalitären und dem probritisch-konservativen Lager, die sich in dieser Debatte herausbildeten, gingen wenig später die ersten modernen politischen Parteien der USA, die Demokraten-Republikaner unter Thomas Jefferson und die Föderalisten unter John Adams, hervor.

Leben Diplomatische Karriere bis 1792 Genêt wurde am 8. Januar 1763 in Versailles in eine gutsituierte bürgerliche Familie geboren. Sein Vater Edmé Jacques Genêt hatte sich in der Bürokratie des Pariser Hofes hochgearbeitet und 1762 die Leitung des im Verlauf des Siebenjährigen Krieges neu geschaffenen Übersetzungsdienstes des französischen Außenministeriums übernommen. Dabei spezialisierte er sich auf die Beziehungen mit Großbritannien. Seinem Ressort oblagen auch nachrichtendienstliche Tätigkeiten wie das Zusammenstellen von Dossiers zur außenpolitischen Lage. Während der Amerikanischen Revolution, in deren Verlauf Frankreich wiederum einen Krieg gegen Großbritannien führte, gingen bei ihm die amerikanischen Gesandten – erst Benjamin Franklin, dann John Adams – ein und aus. Franklin wie Edmé Genêt trugen auch einige Artikel zum hauseigenen Propagandablatt des Ministeriums in diesen Jahren bei, den Affaires d’Angleterre et de l’Amerique. Seinen Sohn Edmond-Charles bereitete er von frühester Kindheit an auf den diplomatischen Dienst vor. Schon im Alter von dreizehn Jahren beherrschte dieser vier Fremdsprachen und übersetzte Olof Celsius’ Konung Erik XIV:s historia aus dem Schwedischen ins Französische. Das Werk wurde veröffentlicht und brachte ihm eine Goldmedaille des schwedischen Königs ein.

miniatur|hochkant|Genêts älteste Schwester Henriette, Kammerfrau Marie-Antoinettes.Ölgemälde von Joseph Boze, 1786

Bereits ein Jahr darauf begann Genêt seine Karriere im Außenministerium im Büro seines Vaters. Der diplomatische Dienst war jedoch traditionell eine Domäne des Adels. Dass es Genêt in den nächsten Jahren dennoch gelang, in hohe Positionen aufzusteigen, hatte er mehr noch als der Position seines Vaters der persönlichen Patronage der Königin Marie-Antoinette zu verdanken. Seine Schwester Henriette Genêt war ab 1770 königliche Kammerfrau und stand ihr auch persönlich sehr nahe. 1780 wurde Genêt zur weiteren Karrierevorbereitung auf eine Grand Tour durch Europa geschickt, wobei die Königin persönlich dafür sorgte, dass er in den französischen Gesandtschaften in den europäischen Hauptstädten untergebracht, versorgt und auch unterrichtet wurde. Er verbrachte einige Monate in Frankfurt, versuchte sich mit wenig Begeisterung an der Universität zu Gießen und setzte seine Tour über Berlin und Wien fort, bis er 1781 wegen des Todes seines Vaters nach Paris zurückkehren musste. Von der Erbschaft blieb ihm kaum etwas, da er seinen vier Schwestern die Mitgift finanzieren musste, doch konnte er mit seinem beträchtlichen Salär im Ministerium seiner Familie dennoch ein komfortables Leben ermöglichen. Dort spezialisierte er sich wie zuvor sein Vater auf britische und amerikanische Belange und wurde 1783 sowie 1784 auch auf nachrichtendienstliche Missionen nach England entsandt.

Mit den von Jacques Necker umgesetzten Verwaltungsreformen wurde das Übersetzungsbüro des Außenministeriums 1787 aufgelöst. Durch die Einflussnahme der Königin wurde Genêt darauf zum Sekretär der französischen Gesandtschaft in der russischen Hauptstadt St. Petersburg ernannt. Im Sommer 1789, kurz nach dem Beginn der Französischen Revolution, begab sich der Botschafter Louis-Philippe de Ségur nach Paris, um sich in die Nationalversammlung wählen zu lassen und ließ Genêt als Geschäftsträger (frz. chargé d’affaires) zurück. In den folgenden drei Jahren leitete Genêt so die französische Gesandtschaft in Russland. In diesen Jahren radikalisierte sich nicht nur die Revolution in Frankreich, sondern auch die politische Gesinnung Genêts, der trotz seiner guten Beziehungen zum Hof die Revolution begeistert begrüßte. In seinen zahlreichen Depeschen warnte er das bald von Revolutionären geleitete Ministerium vor Verschwörungen französischer adeliger Emigranten, die sich nach St. Petersburg wie in andere europäische Metropolen geflüchtet hatten und ausländische Monarchien zum militärischen Eingreifen gegen die Revolution bewegen wollten. Zarin Katharina schloss sich der ersten Koalition zwar nicht an, doch verweigerte sie Genêt ab August 1791 den Zutritt zum Hof und verwies ihn schließlich im Juli 1792 des Landes.

Genêt erreichte Paris im September 1792, als die nun von den Girondisten dominierte Nationalversammlung die Abschaffung der Monarchie beschlossen hatte. Von den Führern der Gironde wurde er mit offenen Armen empfangen. Brissot würdigte ihn als den einzigen französischen Diplomaten, der es gewagt habe, „zu handeln wie ein freier Mann“ und als Zuarbeiter der Revolution im Ausland, und Madame Roland lud ihn bald in ihren Salon. Schon im Oktober wurde Genêt zum französischen Botschafter in Den Haag ernannt, doch zeichnete sich mit dem Vorrücken der französischen Revolutionsarmee an der Nordfront ab, dass die Niederlande ohnehin bald erobert würden, so dass sich dieser Posten erübrigte. Am 19. November wurde er von der Nationalversammlung dann als Nachfolger Jean Baptiste de Ternants zum neuen Botschafter in den Vereinigten Staaten ernannt.Ammon: The Genet Mission. 1973, S. 10–19. Seine Abreise verzögerte sich jedoch noch um einige Wochen durch das nun gegen den abgesetzten König eingesetzte Tribunal Dumouriez: Der einstige Außenminister und nun einer der Heerführer der Revolutionsarmee, verweigerte sich, wie zunächst viele Girondisten, einem absehbaren Todesurteil und schmiedete stattdessen einen Plan, die Königsfamilie im Gefolge des Botschafters Genêt ins amerikanische Exil zu verbannen. Erst nachdem auch Brissot aus Furcht vor den erstarkenden Jakobinern für die Hinrichtung des Königs gestimmt hatte, gab er dieses Vorhaben auf, für das sich auch der zuvor in die Nationalversammlung gewählte Thomas Paine starkgemacht hatte. Genêt verließ Paris am 21. Januar 1793, also an dem Tag, als Ludwig XVI. unter der Guillotine starb. In Rochefort wartete die Fregatte Embuscade auf ihn, die ihn nach Amerika befördern sollte, doch verzögerte sich die Abfahrt durch ungünstige Winde noch bis zum 20. Februar 1793.Ammon: The Genet Mission. 1973, S. 29–31.

1793: „Citizen Genêt“ Genêts diplomatische Mission währte nur einige Monate – schon im Spätsommer sah sich die amerikanische Regierung veranlasst, Paris um Rückruf des Botschafters zu bitten. Wie die Historiker Elkins und McKitrick in ihrem Standardwerk über die 1790er Jahre anmerken, schließt jede Darstellung der Affäre um den Botschafter „mit einer gewissen Verwunderung über die Vollkommenheit des Scheiterns dieses Mannes und seiner Mission.“Elkins, McKitrick: The Age of Federalism. 1993, S. 341. Zwar hat Genêts impulsives und undiplomatisches Auftreten nicht unwesentlich zu diesem diplomatischen Desaster beigetragen, doch sind die tieferen Gründe für sein Scheitern in der Unvereinbarkeit der französischen und amerikanischen Außenpolitik dieser Zeit zu suchen.

Die französische Amerikapolitik