Johann Friedrich Karcher, auch Johann Friedrich Karger,z. B. bei Jean-François Félibien des Avaux, Paul Jacob Marperger (Hrsg.): Historie und Leben der berühmtesten europäischen Baumeister: so sich vor und nach Christi Geburt biß auff diese unsere Zeiten, durch ihre vortreffliche Gebäude und verfertigte sonderbahre Wercke, bekand gemacht. Schiller, Hamburg 1711, S. 452„Hr. Ober-Land-Baumeister Karger“ in: Heinrich Spilner: Kurtze Beschreibung und Ursprung Alt-Dreßden, auch itziger Churfl. Sächß. Residentz- und Haupt-Vestung Neu-Dreßden. J. Ch. Miethen, Dresden 1708, S. 113. (* 8. September 1650; † 9. Februar 1726 in Dresden) war ein deutscher Gartenarchitekt und Architekt. Er gilt als Sein Hauptwerk war die Neuanlage des Großen Gartens in Dresden ab 1683. mini|Karcher-Epitaph, mit Büste Karchers (links) in der Kirche Leubnitz-Neuostra
Leben mini|hochkant|Grundriss des Großen Gartens aus dem Jahr 1714 Frühe Jahre Karcher kam 1650 zur Welt. Seine Herkunft ist unbekannt. Es ist möglich, dass er in der Pfalz geboren wurde,Hermann Heckmann: Johann Friedrich Karcher. In: Hermann Heckmann: Baumeister des Barock und Rokoko in Sachsen. Verlag für Bauwesen, Berlin, 1996, S. 64. sein Sprachgebrauch mit im Niederdeutschen genutzten Worten lässt auf einen längeren Aufenthalt in Norddeutschland schließen.Stephan Reinert: Überlegungen zum bau- und gartenkünstlerischen Schaffen Johann Friedrich Karchers (1650–1726). In: Sächsische Schlösserverwaltung (Hrsg.): Der Große Garten zu Dresden. Gartenkunst in vier Jahrhunderten. Sandstein, Dresden 2001, S. 43. Karcher, der nach zeitgenössischen Quellen „in seiner Jugend die Gärtnerkunst gelernet hatte“Der Kern-Historie aller Freien Künste und Schönen Wissenschaften Vierter Theil, Welcher in sich hält die Geschichte der Bürgerlichen Bau-Kunst und Säulen-Ordnung. Wolfgang Deer, Leipzig 1749, S. 341., war zunächst als Gärtner tätig. Anfang 1683 kam Karcher über Hamburg nach Dresden, um als einer von vier Gärtnern – neben ihm der Lustgärtner des Der Herzogin Gartens Johann (Hans) Peter Kurz, Martin Göttler und René Dahuron,Harald Blanke: Die Entwicklungsgeschichte des Großen Gartens zu Dresden. In: Sächsische Schlösserverwaltung (Hrsg.): Der Große Garten zu Dresden. Gartenkunst in vier Jahrhunderten. Sandstein, Dresden 2001, S. 22. ein Gutachten über den Zustand des 1676 von Hofgärtner Martin Göttler entworfenen und in Teilen angelegten Jagdgartens, des späteren Großen Gartens, abzugeben. Sein Gutachten ist in einer Abschrift erhalten und enthält Vergleiche zur Gartenkunst in Italien und Frankreich, was darauf schließen lässt, dass ein Teil seiner Ausbildung im Ausland erfolgte. Dabei muss Karcher zwischen 1672 und 1683 auch den Garten von Schloss Versailles gesehen haben, da der Gestaltungsvorschlag einer Brunnenanlage eng an die Gestaltung der Bassins des Saisons in Versailles angelehnt ist.Harald Blanke: Der Große Garten zu Dresden. Geschichte und Gestaltung im Zeitalter August des Starken 1676–1733. Band 1: Text. Dissertation, Technische Universität Dresden. Dresden 1999, S. 57. Fritz Löffler bezeichnete Karcher als einen „Schüler … Le Nôtres“Karcher, Johann Friedrich. In: Fritz Löffler: Das alte Dresden. Sachsenverlag, Dresden 1955, S. 388. und auch Ernst Sigismund schrieb, dass Karcher „seine Ausbildung in Frankreich in der Schule Lenötres [sic!] empfangen zu haben“ scheint.
Karcher verband seine Reise nach Dresden 1683 auf Anweisung des Oberlandbaumeisters Heinrich SchrammHarald Blanke: Der Große Garten zu Dresden. Geschichte und Gestaltung im Zeitalter August des Starken 1676–1733. Band 1: Text. Dissertation, Technische Universität Dresden. Dresden 1999, S. 48. mit einem mehrwöchigen Aufenthalt in Hannover, wobei es sehr wahrscheinlich ist, dass er den dortigen Großen Garten besichtigte.
Karcher und der Große Garten in Dresden mini|links|Kavaliershaus (Pavillon F), Bau ab 1693 mini|links|Parktheater, Anlage um 1718 Am 6. August 1683Harald Blanke: Der Große Garten zu Dresden. Geschichte und Gestaltung im Zeitalter August des Starken 1676–1733. Band 1: Text. Dissertation, Technische Universität Dresden. Dresden 1999, S. 61. (Sigismund nennt abweichend das falsche Datum 24. Mai 1684) ernannte ihn Johann Georg III. zu seinem Obergärtner – ein neugeschaffener Posten, der dem Oberbauamt zugeordnet warHarald Blanke: Der Große Garten zu Dresden. Geschichte und Gestaltung im Zeitalter August des Starken 1676–1733. Band 1: Text. Dissertation, Technische Universität Dresden. Dresden 1999, S. 62–63. – und betraute ihn unter anderem mit der besonderen Pflege und Weiterentwicklung des Großen Gartens, der vom damaligen Oberlandbaumeister Johann Georg Starcke beaufsichtigt wurde. Karcher hatte sich in seinem Gutachten 1683 gegen den sternförmigen Entwurf Göttlers ausgesprochen, der Jagd-, Lust- und Küchengarten miteinander zu verbinden versucht hatte. Er begann ab 1683 mit der Umgestaltung des Großen Gartens nach französischem Vorbild, wobei die Größe und die äußere Sternform des ursprünglichen Gartens erhalten bleiben sollten, mit Haupt- und Querallee jedoch eine Neuordnung des Innenbereichs erfolgen sollte. Karcher legte in seinem Neuentwurf dabei direkte Blickachsen zum im Bau befindlichen Palais im Großen Garten an, das seit Ende der 1670er-Jahre von Johann Georg Starcke und Wolf Caspar von Klengel errichtet wurde. Langwierige Bauarbeiten und die Größe des umzugestaltenden Bereichs verhinderten jedoch die Umsetzung der ursprünglich angedachten Neuordnung des Gartens.
Johann Georg III. verstarb 1691; sein Nachfolger Johann Georg IV. ließ den Großen Garten verkleinern, wodurch Karcher eine vollständige Neuplanung des Großen Gartens vornahm. Dabei entfielen die zunächst von Göttler übernommenen Orthogonal- und Diagonalwege vollständig; das Parterre, der nach dem Vorbild französischer Gärten anzulegende innere Bereich, wurde stark verkleinert: Der Große Garten wurde zum „längsrechteckigen Ebenengarten nach französischem, streng geometrischem Vorbild“.Großer Garten. In: Barbara Bechter, Wiebke Fastenrath, Heinrich Magirius et al. (Bearb.): Georg Dehio. Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Dresden. Deutscher Kunstverlag, München und Berlin 2005, S. 85. Das Palais blieb weiterhin zentraler Fixpunkt der Anlage. Karcher wird von seinem Zeitgenossen Paul Jacob Marperger als Erbauer der „andern nach der neuesten Art in bemeldten Garten aufgeführten Gebäude…“Jean-François Félibien des Avaux, Paul Jacob Marperger (Hrsg.): Historie und Leben der berühmtesten europäischen Baumeister: so sich vor und nach Christi Geburt biß auff diese unsere Zeiten, durch ihre vortreffliche Gebäude und verfertigte sonderbahre Wercke, bekand gemacht. Schiller, Hamburg 1711, S. 452–453. aufgeführt, wobei es sich bei diesen Gebäuden um die acht Kavaliershäuser handelt, die ab 1693 um das Palais errichtet worden waren. Seine Kenntnisse der Baukunst hatte Karcher durch Wolf Caspar Klengel Vgl.: Versuch einer Dresdner Kunstgeschichte. Zweite Probe. In: Johann Christian Hasche: Magazin der Sächsischen Geschichte. Nr. 4, 1784, S. 147., aber auch durch Bildungsreisen erworben; umgesetzt wurden die Werke durch Johann Georg Starcke. In der Gegenwart haben sich fünf der acht Häuser erhalten,Ein sechstes Haus, Kavaliershaus A, ist als Ruine erhalten. wobei diese jedoch im 19. Jahrhundert baulich verändert wurden. Aus der frühen Gestaltungsphase des Großen Gartens hat sich bis in die Gegenwart zudem die Grundstruktur des Gartens samt Anlage der Herkules- und Südallee erhalten. Auch die Struktur des Parterre um das Palais stammt aus dem Ende des 17. Jahrhunderts.Harald Blanke: Die Entwicklungsgeschichte des Großen Gartens zu Dresden. In: Sächsische Schlösserverwaltung (Hrsg.): Der Große Garten zu Dresden. Gartenkunst in vier Jahrhunderten. Sandstein, Dresden 2001, S. 24.
Nach dem Tod Johann Georgs IV. im Jahr 1694 kam Kurfürst August der Starke an die Macht. Er trieb den Ausbau des Großen Gartens voran, bestätigte Karchers Umgestaltungskonzept und 1696 auch Karcher in seiner Funktion als Obergärtner. Im Jahr 1699 wurde Karcher von August dem Starken zum Oberlandbaumeister ernannt. Karcher hatte zuvor neben einer Reise nach Italien (1693) auch eine Bildungsreise nach Frankreich absolviert, so war er ab September 1698 in Paris gewesen.Stephan Reinert: Überlegungen zum bau- und gartenkünstlerischen Schaffen Johann Friedrich Karchers (1650–1726). In: Sächsische Schlösserverwaltung (Hrsg.): Der Große Garten zu Dresden. Gartenkunst in vier Jahrhunderten. Sandstein, Dresden 2001, S. 45. Karcher war zu der Zeit neben Christoph Beyer zweiter Oberlandbaumeister, wobei ihm wie auch Beyer die „Inspektion über alle Unsere Civil- und Gartengebäude“ oblag.Text der Bestalltung lt. Akten aus dem Jahr 1701; zit. nach Hermann Heckmann: Johann Friedrich Karcher. In: Hermann Heckmann: Baumeister des Barock und Rokoko in Sachsen. Verlag für Bauwesen, Berlin, 1996, S. 65. Im Jahr 1702 wird er neben Beyer als Oberlandbaumeister geführt, wobei er im Gegensatz zu ihm „zugl. Inspector der Königl. Lust-Gärten“ war.Königliches Dreßden in Meissen, vorstellend den voritzo darin befindlichen Resp. Königl. und Chur-Sächs. Regierungs- Hof- Militz- Cammer- Steuer- und Kirchen-Staat, benebenst dem Stadt-Magistrat und einig andern Conditionierten Personen. Dresden 1702, S. 67. Ab 1706 war Karcher nach Entlassung BeyersKlaus Mertens: Das kursächsische Oberbauamt und Matthäus Daniel Pöppelmann. In: Kurt Milde (Hrsg.): Matthäus Daniel Pöppelmann und die Architektur der Zeit Augusts des Starken. Verlag der Kunst, Dresden 1990, S. 33. erster Oberlandbaumeister;Hermann Heckmann: Johann Friedrich Karcher. In: Hermann Heckmann: Baumeister des Barock und Rokoko in Sachsen. Verlag für Bauwesen, Berlin, 1996, S. 67. der damalige Oberinspektor des Bauwesens August Christoph von Wackerbarth lobte ihn in einer Nachricht an August den Starken als Gartenkünstler, der „sich auf diese Profession so wohl als vielleicht keiner in Teutschland verstehe“.Zit. nach Harald Blanke: Der Große Garten zu Dresden. Geschichte und Gestaltung im Zeitalter August des Starken 1676–1733. Band 1: Text. Dissertation, Technische Universität Dresden. Dresden 1999, S. 79.
mini|Der Große Garten um 1709 auf einer Zeichnung von Johann Samuel Mock, noch mit seitlichen Bosketts und aufwändigem Parterre Ab 1709 nahm Karcher weitere Anpassungen an der Umgestaltung des Großen Gartens vor, so wurden Lustwäldchen, sogenannte Bosketts, in das Parterre einbezogen und umgestaltet. Ab 1709 wurde hinter dem Palais zudem die Anlage des großen Palaisteichs geplant, der schließlich bis 1715 angelegt wurde.Fritz Löffler: Das alte Dresden. Sachsenverlag, Dresden 1955, S. 60. Bereits 1714 hatte Karcher eine weitere Frankreichreise unternommen und neben Paris auch die Gartenanlagen von Versailles besucht.Kathrin Reeckmann: Anfänge der Barockarchitektur in Sachsen: Johann Georg Starcke und seine Zeit. Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2000, S. 153.