Die altgriechische Phonologie ( (Dimotiki), (Katharevusa)) ist die Phonologie (bzw. Lehre von der Aussprache) des Altgriechischen.

Dabei ist zunächst zu berücksichtigen, dass der Begriff Altgriechisch als solcher problematisch ist, da es sich hierbei um eine sowohl ortsbezogen als auch im Zeitverlauf betrachtet sehr heterogene Sprachform handelt, die in zahlreichen unterschiedlichen Dialekten existierte und in Texten von Homer bis in die Gegenwart geschrieben wurde und wird. Damit ist klar, dass es ein Altgriechisch nicht gibt; vielmehr gibt es eine Vielzahl von altgriechischen Dialekten, die an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Laute und eine unterschiedliche Aussprache des griechischen Alphabets besaßen. Gemeinhin wird der attische Dialekt als das Altgriechisch schlechthin bezeichnet, was jedoch die Gefahr birgt, der irrigen Annahme einer homogenen altgriechischen Sprache zu erliegen, die es zu keiner Zeit gab, auch wenn sich seit dem Hellenismus die Koine herausbildete. Da aber das Attische aufgrund der vielen Textdokumente der griechischen Klassik der bekannteste und am besten erforschte altgriechische Dialekt ist, stützt sich dieser Artikel in erster Linie auf die Phonologie des Attischen.

Drei verschiedene Aussprachemodelle Es gibt drei verschiedene (nachklassische) Systeme, nach denen altgriechische Texte vorgelesen wurden beziehungsweise werden: Das System von Erasmus von Rotterdam, das heute in seiner ursprünglichen Form nicht mehr üblich ist. Die heutige Schulaussprache des Altgriechischen, die sich an das erasmische System anlehnt und Modifikationen durch die phonologischen Gegebenheiten des jeweiligen Landes unterworfen ist. Die neugriechische Aussprache, die nur in griechischsprachigen Ländern üblich ist.

Keine dieser drei Aussprachevarianten erfasst die altgriechische Phonologie tatsächlich so, wie sie jemals an einem bestimmten Ort im griechischen Sprachraum Wirklichkeit war oder wie sie nach dem Stand der Wissenschaft auch nur plausibel gewesen sein könnte. Durch die große zeitliche Distanz zur griechischen Antike und die Begrenztheit der erhaltenen Schriftbelege sind der vollständigen Aufdeckung der altgriechischen Phonologie Grenzen gesetzt. Es wird nach derzeitigem Stand niemals möglich sein, die authentische Aussprache aller altgriechischen Dialekte zu verschiedenen Zeiten mit hundertprozentiger Sicherheit zu beschreiben.

Vokale Das Altgriechische unterschied zwischen langen und kurzen Vokalen. Soweit rekonstruiert, enthielt der attische Dialekt, der als klassische Form des Griechischen gilt, fünf kurze und sieben lange Vokale. Ihre exakte Aussprache zu einer bestimmten Zeit zu rekonstruieren ist schwierig, doch das nachstehende Schema von W. Sidney Allen (1968) ist gemeinhin akzeptiert.

+ Kurze Vokale Vorne Hinten ungerundet gerundet ungerundet gerundet Geschlossen [] [] Mitte [] [] Offen []

+ Lange Vokale Vorne Hinten ungerundet gerundet ungerundet gerundet Geschlossen [] [] Halbgeschlossen [] ( + ) [] ( + ) Halboffen [] [] Offen []

Bei den a-, i- und y-Lauten wurde die Länge also nicht in der Schrift unterschieden, die Kürze- bzw. Längezeichen wurden erst in der Neuzeit eingeführt und auch nur sporadisch verwendet – und dann auch nur im sprachwissenschaftlichen Kontext, nie im Schulunterricht. Bei den e- und o-Lauten gab es je ein kurzes und zwei lange Phoneme, die auch unterschiedlich geschrieben wurden. Die kurzen Vokale wurden mit Epsilon und Omikron wiedergegeben, es wird angenommen, dass sie eher halbgeschlossen ([], []) waren, es ist jedoch auch gut möglich, dass sie auch die halboffenen Allophone [] und [] umfassten. Bei den Langvokalen wurde zwischen den offenen Lauten [] und [] (geschrieben mit Eta und Omega) sowie den geschlossenen Lauten [] und [] unterschieden. Der Laut [] könnte unter Umständen auch noch offener ausgesprochen worden sein, also [].

Die langen halbgeschlossenen Vokale [] und [] hatten eine komplexe Geschichte. In einigen Fällen haben sie sich aus den Diphthongen [] und [] entwickelt, worauf auch die Schreibweisen und hinweisen. Jedoch sind sie in anderen Fällen auch durch eine Ersatzdehnung der kurzen Laute [] und [] entstanden, um einen ausgefallenen Konsonanten wieder auszugleichen. Zum Beispiel gehen und auf und zurück. In einem noch anderen Fall hat sich [] aus einer Synärese von und [] aus einer aus oder entwickelt, wobei die unverbundenen Formen in anderen Dialekten erhalten sind. Als die ursprünglichen Diphthonge ihre diphthongische Aussprache verloren und, wahrscheinlich in vorklassischer Zeit, zu [] und [] wurden, stellten die Schreibungen und eine recht einfache Methode der schriftlichen Wiedergabe dar, unabhängig von ihrem Ursprung. Wo die Schreibungen und mit einem ehemaligen Diphthong übereinstimmen, werden sie „echte Diphthonge“ genannt, in anderen Fällen „unechte Diphthonge“.

Die Laute [] und [] (wie deutsches ü) hatten ursprünglich den Lautwert [] und []. Es ist schwer, mit Genauigkeit zu sagen, wann sich diese Lautverschiebung ereignete. Sie ereignete sich auch nicht in allen griechischen Dialekten, wurde aber von der Koine als Standard übernommen.

In nachklassischer Zeit durchlebten die griechischen Vokale zahlreiche Änderungen, die schrittweise zu dem neugriechischen System mit nur fünf Vokalphonemen führte. Noch während der klassischen Periode oder kurz danach verschoben sich sowohl [] als auch [] und wurden zu [] bzw. []. [] () fiel mit dem ursprünglichen [] zusammen, wohingegen [] den Platz des ursprünglichen [] einnahm, das sich bereits vorher zu [] verschoben hatte (siehe oben). Die Tatsache, dass und niemals verwechselt wurden, lässt darauf schließen, dass sich die Verschiebung von vor der von ereignete, oder dass sich die Lautverschiebungen parallel ereigneten. Die Entrundung von [] zu [] ereignete sich in byzantinischer Zeit. Auch die Unterscheidung zwischen langen und kurzen Vokalen wurde aufgegeben, so dass am Ende nur noch die Phoneme [], [], [], [] und [] übrigblieben.

Diphthonge Im Altgriechischen gab es viele Diphthonge. Alle waren schließende Diphthonge, sie endeten entweder auf [] oder [], wie in einem halbvokalischen Auslaut. Der erste Teillaut konnte entweder lang oder kurz sein, was die nachstehende Tabelle zeigt (in der ersten Zeile einer Zelle ist die Aussprache in IPA angegeben, darunter ihre klassische Schreibweise):

Vorderer Auslaut Hinterer Auslaut Kurzer erster Laut [], [], [], ([]) [], [], ([]) Langer erster Laut [], [], []() [], ([])

Diese Diphthonge entwickelten sich während und nach der klassischen Periode (und ihrer teilweisen Übernahme in der Koine) verschieden. Zwei davon, und , wurden bereits früh monophthongiert (siehe oben). Die restlichen Diphthonge, die zuvor auf Iota geendet hatten, wurden kurz darauf auch zu Monophthongen. Dies geschah früh, noch während oder kurz nach der klassischen Periode. Hierbei veränderten sich diejenigen Diphthonge mit langem Anlaut ( und ) dahingehend, dass der i-Laut verstummte und lediglich der Anlaut übrig blieb: . Das Iota wurde (später) nur noch durch ein bloßes Iota sub- bzw. adscriptum wiedergegeben.

Die kurz anlautenden Diphthonge ( und ) veränderten sich hingegen eigenständig: [] verschob sich zunächst zu [] und fiel nach der Aufgabe der langen und kurzen Vokale mit [] zusammen. Die Differenz zur mittelgriechischen Aussprache des Eta als [] lässt darauf schließen, dass sich die Verschiebung von [] zu [] im Falle des Eta vor der genannten Verschiebung von zu [] und dem folgenden Zusammenfall von Lang- und Kurzvokalen (also im Falle des : [] > []) ereignete. und verschoben sich dagegen beide zu [] und später auch zusammen mit dem einfachen <υ> zu [].

Die übrigen nach hinten schließenden Diphthonge () veränderten sich dahingehend, dass der Auslaut während der hellenistischen Zeit konsonantisch wurde, was direkt zu den neugriechischen Lauten [], [] und [] führte, die sich jedoch vor stimmlosen Konsonanten und am Wortende zu [], [] bzw. [] quasi auslautverhärten. war selten und erschien nur im Ionischen, nicht aber im klassischen Attisch. Da es, aufgrund seiner Seltenheit, auch nicht von der Koine übernommen wurde, erscheint der Digraph auch im heutigen Griechischen nicht mehr.

Konsonanten Auch das Konsonantensystem des klassischen Attischen erfuhr in nachklassischer Zeit Veränderungen, büßte dabei aber – ungleich dem Vokalsystem – nicht an Komplexität ein. So zeigt sich im System der Plosive eine Tendenz zur Frikativierung. Dabei bildeten sich die ursprünglichen Plosivlaute teilweise aus anderen Lauten neu, sodass es im Neugriechischen geringfügig mehr Konsonanten gibt, von Allophonen der eigentlichen Laute abgesehen.

Plosive Von mehreren im Neugriechischen frikativisch ausgesprochenen Lauten kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass sie klassische attische Plosive waren. Die antiken Grammatiker, die als erste versuchten, die Laute zu klassifizieren, beginnend mit Aristoteles, bezeichneten die Plosive als .

Traditioneller Name Phonetische Beschreibung Bilabial Alveolar Velar , Tenues stimmlos [] [] [] , Mediae stimmhaft [] [] [] , Aspirata aspiriert und stimmlos [] [] []

Später wandelte sich die Aussprache der ursprünglichen Mediae und Aspirata: Die Mediae wurden zu stimmhaften ([], [] bzw. []), die Aspirata zu stimmlosen ([], [] bzw. []) Frikativen. Man geht davon aus, dass sich diese Veränderungen während des ausgehenden Altertums, im Wesentlichen dort, wo Koine gesprochen wurde, ereigneten und mit der Verschiebung von [] im 3. Jahrhundert nach Christus begannen und mit den Aspirata endeten. Von der klassischen Aussprache der aspirierten Plosive rühren die lateinischen Transkriptionen von und als „ph“, „th“ und „ch“, die bis heute bei der Fremdwortschreibung im Englischen, Französischen und großenteils auch noch im Deutschen gelten. In kyrillisch geschriebenen Sprachen wurde anfangs mit <ѳ> und beginnend mit der russischen Rechtschreibreform von 1918 mit <ф> wiedergegeben; beide Buchstaben wurden [] ausgesprochen.

Im Falle der Labialen müssen sich die Veränderungen über die Zwischenschritte der bilabialen Frikative [] und [] ereignet haben, da die modernen Lautwerte nicht bilabial, sondern labiodental sind.

Andere Konsonanten Außer den Plosiven kennt das klassische Altgriechische zwei Nasale ([] und []), zwei Liquide ([] und []) und zwei Frikative ([] und []), die in einzelnen Abschnitten separat behandelt werden. Antike Grammatiker klassifizierten die Nasale, Liquide und [] als , womit sie wahrscheinlich meinten, dass sie, im Gegensatz zu den áphōna, auch ohne vokalische Aussprachehilfe ausgesprochen werden konnten. So lässt sich beispielsweise der Laut [] allein nur schlecht artikulieren, er benötigt zu seiner Erzeugung immer noch einen Vokal, zum Beispiel [], die der Laut [] nicht benötigt.

Während sich die Terminologie der áphōna und hēmíphōna mehr auf die Phoneme denn auf die Buchstaben bezog, standen die Buchstaben Psi (), Xi () und Zeta () jeweils für Konsonantenverbindungen und wurden als („Doppelbuchstaben“) bezeichnet und – wahrscheinlich, weil sie alle [] als Element enthielten – in eine Gruppe mit den hēmíphōna gestellt. Die Aussprache des Zeta ist dabei nicht ganz klar. Zur Bildung von Metren wurde es als Doppelkonsonant behandelt, es bildete also lange Silben (siehe unten), doch bleibt unklar, ob es für die Konsonantenverbindung [] oder für [], oder vielleicht zu verschiedenen Zeiten für jeweils eine von beiden stand; sicher ist nur, dass es zur Zeit seiner Entlehnung ins Lateinische als [] übernommen wurde (vergleiche Italienisch z als [] und []). Die anderen beiden diplá wurden im klassischen Attisch wahrscheinlich [] und [] ausgesprochen, was man beispielsweise daran sieht, dass sie, als es sie im Attischen noch nicht als Einzelbuchstaben gab, als bzw. geschrieben wurden. Die Aspiration des ersten Lautes war allerdings für die phonologische Klassifikation irrelevant.

Nasale