Die Operation Lifeline Sudan (kurz OLS), , war eine humanitäre Operation der Vereinten Nationen in Sudan. Die OLS wurde im März 1989 angesichts einer sich ab Mitte der 1980er Jahre abzeichnenden Hungersnot in Südsudan auf dem Höhepunkt des zweiten Sezessionskrieges beschlossen. Unter Führung der UNICEF wurden Hilfeleistungen verschiedener humanitärer Organisationen koordiniert. Bekannt wurde die OLS durch tägliche Nahrungsmittelflüge von der Basis Lokichoggio in Kenia in verschiedene Orte Südsudans. Es war die erste großangelegte Hilfsaktion, bei der die Bevölkerung während eines Bürgerkrieges innerhalb des Kampfgebietes versorgt wurde.
Vorgeschichte Mit der Friedensvereinbarung von 1972 in Addis Abeba (Addis Abeba Peace Agreement), der den ersten Bürgerkrieg in Südsudan beendete, war für Südsudanesen die Hoffnung auf wirtschaftliche Entwicklung verknüpft. Es wurden in den folgenden Jahren zwar einige Entwicklungsmaßnahmen durchgeführt, aber diese waren deutlich zu gering und regional ungleichmäßig verteilt. Geld für Infrastrukturverbesserungen floss nur in den Straßenbau der Distrikte von Torit, Yambio und Yei in den südlichen Äquatoria-Provinzen und vor allem in den Bau des von der lokalen Bevölkerung abgelehnten Jonglei-Kanals. Der Export von Rindern und Trockenfischen in den Norden, der für einige Regionen einen hohen Marktanteil hatte, konnte zwar gesteigert werden, die grundsätzliche Unterentwicklung und Unzufriedenheit des Südens wurde damit nicht behoben.Douglas H. Johnson: Deconstruction and Reconstruction in the Economy of Southern Sudan. In: Sharif Harir, Terje Tvedt (Hrsg.): Short-cut to Decay. The Case of the Sudan. The Scandinavian Institute of African Studies, Uppsala 1994, S. 125–142 ()
Nach einem Jahrzehnt Frieden begann der zweite Bürgerkrieg in Südsudan konkret mit einem Aufstand des in Bor stationierten Bataillons 105 im Mai 1983. Der von Khartum aus zur Untersuchung der Angelegenheit losgeschickte Oberst John Garang schlug sich bei der Ankunft in Bor auf die Seite der Meuterer. Am 31. Juli 1983 wurde offiziell die SPLA gegründet, die anfangs nur mit wenigen Waffen Anschläge auf Regierungseinrichtungen verübte, ab 1984 aber von Muammar al-Gaddafi und Äthiopiens Staatschef Mengistu unterstützt wurde.Burr und Collins, S. 17 Hintergrund für das Wiederaufflammen des Bürgerkrieges war die Islamisierung des Staates mit der Einführung der Scharia im September 1983 durch Präsident Numeiri, die sich vor allem gegen die Christen im Süden richtete. In den folgenden Jahren stattete die Regierung arabischsprachige Baggara-Nomaden (islamische Milizen allgemein: Murahileen) mit Waffen aus und ermunterten diese zu Plünderungen und Grausamkeiten an der schwarzafrikanischen Bevölkerung (Dinka und Nuer). Ebenso verhielten sich betrunkene Militärs. Es begann eine Massenflucht der Bevölkerung zur SPLA und damit eine Ausweitung der Kämpfe.
Für die Millionen Rinder in Südsudan wurden ab 1983 die staatlichen Impfprogramme eingestellt, der bisherige Viehhandel kam zum Erliegen. Mangels Geld wurden nun in privaten Transaktionen Rinder gegen Hirse getauscht. Tierkrankheiten und Diebstähle reduzierten die Viehbestände. Regierungssoldaten zerstörten als strategisch wertvoll eingestufte Dorfbrunnen. 1983 war der Niederschlag in Südsudan geringer als üblich, im Sommer 1984 fiel abgesehen von den südlichsten Provinzen fast kein Niederschlag. Sechs Millionen Einwohner von Kordofan und Darfur begannen zu hungern, eine Kommission von USAID untersuchte die Ernteausfälle, fand die Lage in den beiden Regionen verzweifelt und veranlasste die Lieferung von 82.000 Tonnen Sorghum, von dem ab November nur wenig über Port Sudan ins Land kam. Wegen der Dürre wurde im Winter 1984 auch in den mechanisierten Feldbaugebieten der Gezira-Ebene nur die Hälfte der Getreidemenge geerntet. Im Mai und Juni 1985 wurden 400.000 Tonnen Durra im Hafen von Port Sudan abgeladen, der mit dieser Menge völlig überfordert war. Der Weitertransport per Bahn oder LKW verlief wegen unzureichender Transportkapazitäten, schlechter Straßen und verbreiteter Korruption nur schleppend. So kam auf dem Höhepunkt der Hungersnot im zentralen Sudan einmal ein völlig leerer Güterzug in Nyala (Darfur) an. Für diese Verluste wurde USAID kritisiert, obwohl diese Organisation für die von ihr zur Verfügung gestellten 425.000 Tonnen Nahrungsmittel andere Transportunternehmen beauftragte und bezahlte. Etwa 250.000 Menschen wurden ernährt, ebenso hoch könnte die Zahl der Todesopfer gewesen sein. Möglicherweise einige 10.000 wurden vor dem Tod bewahrt.Burr und Collins, S. 26f
mini|Solche Lagerhallen für Baumwolle im Hafen von Port Sudan wurden als Umschlagplätze für Hilfsgüter angemietet. 1985 konnten pro Tag 15.000 Tonnen Nahrungsmittel abgeladen werden, die Eisenbahn konnte nur 2000 Tonnen wegschaffen. Präsident Numairi wurde im Zusammenhang mit der Hungersnot Gleichgültigkeit und Missmanagement vorgeworfen; keine der Südprovinzen hatte Hilfe aus Khartum erhalten. Das gehörte zu den Gründen, weshalb er am 6. April 1985 gestürzt wurde. Die anderen Gründe waren: die Entlassung der Muslimbrüder unter Hasan at-Turabi aus der Regierungskoalition, die hohe Inflation und eine durch die andauernden Kämpfe demoralisierte Armee. Der im April 1986 zum Nachfolger gewählte Sadiq al-Mahdi äußerte sich gegenüber der Hungersnot im Süden ähnlich indifferent und erklärte, die Hungerhilfe liege allein „in der Verantwortlichkeit des reichen Westens, nicht irgendeiner sudanesischen Regierung.“Robert Kaplan: Surrender or Starve: Travels in Ethiopia, Sudan, Somalia, and Eritrea. Vintage Books 1988, S. 15. Übersetzt nach: Burr und Collins, S. 45 Der „reiche Westen“ war, abgesehen von USAID, in Südsudan in Gestalt der Hilfsorganisationen Oxfam, Band Aid, Norwegian Church Aid, ACROSS (African Committee for the Relief of the Southern Sudanese) und protestantischen Kirchen vertreten. Es darf als Vorstufe der OLS gewertet werden, dass diese Organisationen sich ab 1985 unter dem Titel CART (Combined Action Relief Team) koordinierten.
Wie im Verlauf des Bürgerkrieges Kämpfe um knappe Ressourcen entlang ethnischer Trennlinien ausgetragen wurden, zeigt sich besonders am Beispiel von El Diein (Ed Daein), einer Kleinstadt an der Bahnlinie östlich von Nyala. Der Ort war früher einer der Umschlagplätze für Sklaven,James Astill: Sudan’s stolen children. Guardian, 3. März 2002 wurde wegen des 2003 ausgebrochenen Darfur-Konflikts Ende 2007 von USAID als für Hilfsorganisationen besonders gefährlich eingestuft (PDF; 82 kB) USAID und war 20 Jahre zuvor, Anfang 1987, Schauplatz eines Massakers. Bis Mai 1986 waren 17.000 Dinka aus dem Süden in das vermeintlich ruhige El Diein geflohen, wo es an den knappen Wasserstellen gelegentlich Streit mit den ansässigen Fur und Zaghawa gab. Zur Eskalation kam es, als Baggara im Januar 2007 Dinka-Dörfer überfielen. SPLA-Kämpfer griffen daraufhin diese arabischen Milizen an, töteten über 150 Baggara und brachten 4000 Rinder wieder in Dinka-Besitz. Am 27. März 1987 griff zunächst eine Gruppe bewaffneter Baggara Dinka an, die sich in einer Kirche versammelt hatten. Es bildete sich ein Mob, der durch Dinka-Stadtviertel wütete und mit Stöcken auf die Fliehenden einschlug. Am nächsten Tag wurde Feuer an einen zur Abfahrt bereiten und mit Dinka vollbesetzten Zug gelegt. UNICEF schätzte die Zahl der Todesopfer auf bis zu 1500, Amnesty International bestätigte später 426 getötete Dinka. Davon waren die meisten Frauen und Kinder.Rainer Tetzlaff: Ethnische Konflikte in Sudan. In: Sigrid Faayth, Hanspeter Mattes: Wuquf 7–8. Beiträge zur Entwicklung von Staat und Gesellschaft in Nordafrika. Hamburg 1993, S. 156–158. / Burr und Collins, S. 92–97
1987 gelangten, behindert durch Bürokratie und Sicherheitslage, nur wenige Nahrungslieferungen in die Städte im Süden; am Anfang des Jahres wurde besonders im Distrikt Aweil über Hungersnot berichtet. Sadiq hielt sich nicht nur an seine Aussage, die Versorgung der Bevölkerung den Hilfsdiensten zu überlassen, es gab auch gezielte Maßnahmen der Regierung gegen diese Hilfe. Im Februar 1988 wurden auf Anweisung aus Khartum 20 OXFAM-Lkw im Wert von 600.000 US-Dollar, die Nahrungsmittel in die südliche Region bringen sollten, in Juba von der Armee beschlagnahmt, um Truppen für einen Angriff auf das ganz im Südosten gelegene Kapoeta zu transportieren, das kurz zuvor an die SPLA gefallen war. Die Fahrzeuge waren von der britischen Regierung gekauft und OXFAM überlassen worden, weshalb es zu Schlagzeilen in der britischen Presse kam.Burr und Collins, S. 113
Als es im August 1988 im gesamten Zentrum des Landes zu einer ÜberschwemmungskatastropheInternational Notes Health Assessment of the Population Affected by Flood Conditions - Khartoum, Sudan. MMWR, 6. Januar 1989 kam, bei der 80 Prozent der Fläche Khartums unter Wasser stand und hunderttausende Menschen obdachlos wurden, traf in kürzester Zeit Nothilfe aus überwiegend arabischen Ländern ein. Saudi-Arabien flog mit 42 Militär- und 19 Zivilflugzeugen Nahrungsmittel ein, die von der Armee in Stadtteilen mit Regierungsanhängern verteilt und teilweise abgezweigt wurden. Auch USAID spendete 7100 Tonnen Nahrungsmittel, die über kirchliche Organisationen zu Flutopfern in den Randgebieten der Hauptstadt gelangten.Burr und Collins, S. 124f
OLS – Vorgespräche unter Präsident Sadiq Die mühseligen internationalen Verhandlungen Anfang 1989 bis zur Einführung der OLS-Hilfsaktion geschahen zu einer Zeit, als sich Sadiq innenpolitisch in einer Krise befand und wegen des andauernden Krieges und vor allem als nach Einbezug der National Islamic Front (NIF) von Turabi im Februar in die Regierungskoalition auch seine Legitimität im Ausland schwand. Sadiqs Regierung verfügte zwar über eine ausreichende Mehrheit, dennoch wurde ihm die Unfähigkeit zu Wirtschaftsreformen zur Bekämpfung der Inflation (im Februar 80 Prozent) und der Auslandsverschuldung vorgeworfen (seit 1982 nahm die Wirtschaftsleistung ab).Abdel Salam Sidahmed und Alsir Sidahmed: Sudan. RoutledgeCurzon, New York 2005, S. 101 Wegen zunehmender Kriegsmüdigkeit forderte die Armee im Februar in einem einwöchigen Ultimatum Friedensgespräche mit der SPLA. Im Süden benötigten im März 1989 1,6 Millionen Flüchtlinge Hilfe, über eine Million Flüchtlinge befanden sich in Khartum.Zahlen nach USAID Sudan, zitiert in: Burr und Collins, S. 176
Im März 1989 fand in Khartum eine UN-Konferenz statt, bei der James Grant, der Direktor von UNICEF und Leiter der geplanten OLS, seine Positionen durchsetzen konnte. Die Zugeständnisse der Regierung betrafen den Umtauschkurs in sudanesische Pfund für Spendenüberweisungen und Garantien für sichere Transportrouten, zu deren Einrichtung Sadiq einen Monat Ruhe versprach. Die SPLA unter John Garang erklärte sich ebenfalls mit der Einrichtung von Korridoren einverstanden, auf denen Hilfsgüter ab Malakal auf dem Nil, über die Eisenbahnverbindung von Norden nach Aweil und per LKW aus Uganda transportiert werden könnten, widersetzte sich aber einem Waffenstillstand. Der Beginn der Aktion wurde auf den 1. April festgelegt und sollte unter der Regie von UNICEF sechs Monate dauern. Das Sadiq aufgezwungene Hauptzugeständnis war die Zustimmung zu einem Friedensprozess, welcher auch in der von ihm am 25. März 1989 neu gebildeten Regierung (der fünften Regierung in drei Jahren) eine Mehrheit fand. Turabi verließ die Regierung und lehnte ein geplantes Treffen zwischen Sadiq und Garang ab.
OLS nach der Machtübernahme durch al-Baschir