mini|hochkant|Reichsführer SS Heinrich Himmler (1942)

Die Posener Reden waren zwei Geheimreden, die der Reichsführer SS Heinrich Himmler am 4. und am 6. Oktober 1943 in der damals deutsch besetzten polnischen Stadt Posen (Poznań) hielt. Die Rede-Aufzeichnungen sind die ersten bekannten Dokumente aus der Zeit des Nationalsozialismus, in denen ein hochrangiges Regierungsmitglied die „Endlösung der Judenfrage“ vor ausgewähltem Publikum zur Sprache brachte und glorifizierte. Sie belegen, dass das NS-Regime den Holocaust, also die Vernichtung der europäischen Juden, gewollt, geplant und durchgeführt hat.

Überblick Die Posener Reden vom Oktober 1943 sind zwei von 132 in verschiedener Form erhaltenen Reden, die Himmler zwischen 1925 und 1945 vor Funktionsträgern der NSDAP und des NS-Regimes hielt.Bradley F. Smith, Agnes F. Peterson (Hrsg.): Heinrich Himmler, Redeverzeichnis S. 268–278. Die erste Rede mit einer Länge von drei Stunden hielt er vor 92 SS-Offizieren, die zweite mit einer Länge von anderthalb Stunden vor Reichs- und Gauleitern sowie weiteren Regierungsvertretern. Sie gehören zu seinen wichtigsten Reden während des Krieges, die seine Rolle als „Architekt der Endlösung“Richard Breitman: Der Architekt der „Endlösung“, Paderborn 1996. und Visionär eines von einer „Rasse-Elite“ getragenen künftigen „SS-Staates“ zeigen.Joachim Fest, Einführung zu Bradley F. Smith, Agnes F. Peterson (Hrsg.): Heinrich Himmler, S. 15 ff.

Obwohl der Völkermord an den Juden in ihnen nicht das zentrale Thema war, erhielten beide Reden seit 1945 als dessen Dokumente ihre historische Bedeutung. Himmler verzichtete hier auf die sonst üblichen Tarnbegriffe dafürRaul Hilberg: Die Quellen des Holocaust. Entschlüsseln und Interpretieren. S. Fischer, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-10-033626-7, S. 123 ff. (Drastische und verschleiernde Sprache). und sprach ausdrücklich über die „Ausrottung der Juden“, die er als historische Mission des Nationalsozialismus darstellte. Auch in fünf weiteren Reden zwischen Dezember 1943 und Juni 1944 vor Befehlshabern der Wehrmacht wurde er diesbezüglich deutlich.

In der Literatur war bis 1970 nur der erste Vortrag als „Posener Rede“ bekannt. Die damals entdeckte zweite Rede wird oft mit der ersten verwechselt oder gleichgesetzt.

Historischer Kontext Himmler trug die Posener Reden zu einem Zeitpunkt vor, als die deutsche Kriegsführung im Zweiten Weltkrieg ständige Rückschläge erlitt, die die NS-Führungseliten zunehmend verunsicherten. Die Alliierten hatten auf der Casablanca-Konferenz im Januar 1943 die bedingungslose Kapitulation Deutschlands als einzig akzeptables Kriegsziel beschlossen. Der Sieg der Sowjetunion am 2. Februar 1943 in der Schlacht von Stalingrad hatte die Kriegswende eingeleitet. US-Präsident Franklin D. Roosevelt hatte am 12. Februar die Strafverfolgung der Hauptverantwortlichen für Krieg und Völkermord angekündigt; dem folgte der Kongress der Vereinigten Staaten am 18. März. Nach der alliierten Landung auf Sizilien am 10. Juli und der italienischen Kapitulation am 8. September rückte die alliierte Invasion in Italien allmählich nach Norden vor. Am 1. Oktober befreite sich Neapel in einem Volksaufstand von der deutschen Besatzung.

Die Heeresgruppe Süd erlitt am 16. Juli im Unternehmen Zitadelle eine entscheidende Niederlage gegen die Rote Armee, die auch durch Teilerfolge in der folgenden Sommeroffensive ab 17. Juli nicht kompensiert werden konnte. In der Woche vom 27. Juli bis 3. August zerstörten alliierte Luftangriffe mit der Operation Gomorrha Hamburg, am 18. August mit der Operation Hydra auch die Heeresversuchsanstalt Peenemünde. Zugleich wuchs der Widerstand gegen die deutschen Besatzer, die in Norwegen (17. August) und Dänemark (29. August) den Ausnahmezustand verhängten. Oppositionelle Deutsche planten Deutschlands Neuordnung (Kreisauer Kreis) und ein Attentat auf Adolf Hitler („Unternehmen Walküre“). Dieser befahl am 4. September die Strategie der „verbrannten Erde“ für den absehbaren Rückzug der Ostfront und ein Standrecht für Befehlsverweigerer in der Wehrmacht, das am 2. Oktober zunächst im Generalgouvernement eingeführt wurde.

mini|Ehemalige Zwangsarbeiter der Sonderaktion 1005 demonstrieren die Funktion einer Knochenmühle im Zwangsarbeitslager Lemberg-Janowska (August 1944)

Im gleichen Zeitraum wurde die Judenvernichtung für das NS-Regime zum wichtigsten Kriegsziel.Peter Longerich: Der ungeschriebene Befehl, München 2001, S. 175–184. Im Frühjahr 1943 wurden in der Sonderaktion 1005 die Leichen der Einsatzgruppen-Massaker an der gesamten Ostfront exhumiert und verbrannt, um die Spuren des Völkermords an bis dahin 1,8 Millionen Juden zu tilgen. Himmler befahl am 11. Juni die „Liquidierung“ aller Ghettos in Polen und am 21. Juni aller in der Sowjetunion. Am 25. Juni waren vier neue Krematorien im KZ Auschwitz-Birkenau fertiggestellt. Am 1. Juli wurden alle Juden im Deutschen Reich unter Polizeirecht gestellt, so polizeilicher Willkür ausgeliefert und völlig entrechtet, ebenso wie ihre Helfer.Wolfgang Benz: Überleben im Dritten Reich: Juden im Untergrund und ihre Helfer. Beck, München 2003, ISBN 3-406-51029-9, S. 14. Am 24. August wurde Himmler zum Reichsinnenminister ernannt, so dass ihm alle Polizeikräfte im Reich und in den eroberten Gebieten unterstanden. Bis zum 19. Oktober sollte die „Aktion Reinhardt“ beendet und sollten drei der dazu eingerichteten Vernichtungslager aufgelöst werden.

In Polen kam es 1943 zum Aufstand im Warschauer Ghetto (19. April bis 16. Mai), zum Aufstand in Treblinka (2. August) und zum Aufstand von Sobibór (14. Oktober), jüdische Insassen des Ghettos Bialystok widersetzten sich dessen Auflösung (16.–23. August). In Dänemark verhalf die lokale Bevölkerung den meisten zur Verhaftung vorgesehenen dänischen Juden zur Flucht nach Schweden (1./2. Oktober). Im Inland verurteilten Kirchenvertreter die Tötung unschuldigen Lebens (katholischer Hirtenbrief, 19. August) aus Alters- und Krankheitsgründen (Bekennende Kirche, 16. Oktober).Christoph Studt: Das Dritte Reich in Daten. Beck, München 2002, ISBN 3-406-47635-X, S. 212–221.

Rede vom 4. Oktober 1943 Ton- und Schriftaufzeichnungen mini|Ausschnitt aus Himmlers Rede am 4. Oktober 1943 in Posen

Himmler arbeitete die meisten seiner Reden nicht vorher aus, sondern hielt sie anhand knapper handschriftlicher Notizen. Seit Ende 1942 wurden seine mündlichen Vorträge nicht mehr stenografiert, sondern auf Wachsschallplatten aufgezeichnet. Diese Tonaufnahmen tippte Untersturmführer Werner Alfred Venn ab und korrigierte dabei einige offenkundige grammatische Fehler oder ergänzte fehlende Wörter. Himmler korrigierte diese Rohfassung handschriftlich nochmals; der so autorisierte Text wurde auf einer Schreibmaschine mit großen Typen erneut kopiert und dann abgelegt.Bradley F. Smith, Agnes F. Peterson (Hrsg.): Heinrich Himmler, S. 251 f.

Die maschinenschriftliche Endfassung von Himmlers Rede am 4. Oktober 1943 (115 Seiten; ein Blatt ging verloren) wurde in den SS-Akten gefunden und als Dokument 1919-PS beim Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vorgelegt.IMT: Band 29, S. 110–173. Am 23. Verhandlungstag wurde eine Passage daraus zitiert, die jedoch nicht den Holocaust betraf.IMT: Band 4 (Verhandlungsniederschriften, 19. Dezember 1945), S. 197. Auch der Tonmitschnitt dieser Rede ist erhalten. Diese gesprochene Version unterschied sich von der redigierten Textfassung nur geringfügig, und die Unterschiede waren in keinem Fall sinnverfälschend.The Complete Text of the Poznan Speech. Holocaust History, 16. März 2004 (Transkription des Redetextes, Deutsch und Englisch).

Adressaten, Anlass und Zweck Zum Ort, an dem Himmler die erste dieser Rede hielt, gibt es in der Fachliteratur unterschiedliche Angaben. Genannt werden das Residenzschloss Posen,z. B. in Posen – Poznan der Website www.deutsche-und-polen.de das Posener RathausHeinrich Schwendemann, Wolfgang Dietsche: Hitlers Schloß. Die 'Führerresidenz' in Posen, Berlin 2003, S. 133; Lisa Hauff: Deutsches Reich und Protektorat Böhmen und Mähren April 1943 – 1945 (= Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945), Bd. 11, Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2020, ISBN 978-3-11-041265-9, S. 278., und das Posener Hotel Ostlandhttps://www.deutschlandfunkkultur.de/matthias-uhl-et-al-hrsg-die-organisation-des-terrors-wie.1270.de.html?dram:article_id=476274 - "Lesart" in Deutschlandfunk Kultur am 9. Mai 2000 gemäß der 2013 entdeckten Tagesprotokolle Himmlers aus Matthias Uhl et al. (Hrsg.) „Die Organisation des Terrors“, S. 184..

Bei der SS-Gruppenführertagung (Leitungsebene der SS) waren 33 Obergruppenführer, 51 Gruppenführer und acht Brigadeführer der SS aus dem ganzen Reich anwesend. Viele davon kamen aus den besetzten Gebieten Osteuropas. Weite Teile der Rede betrafen daher die prekäre Situation an der Ostfront. Die Kriegs- und Widerstandserfolge der „Slawen“ als angeblicher Untermenschen bedurften einer Erklärung, um die SS-Offiziere auf die bevorstehenden harten Kämpfe im dritten Winter des Russlandkrieges einzustimmen.

Nur etwa zwei Minuten befasste sich Himmler mit den Judenmorden, wobei er die Erfahrungen seiner Zuhörer mit Massenerschießungen, Ghettoauflösungen und Vernichtungslagern beziehungsweise ihre Kenntnis davon voraussetzte. Seine Rede sollte bereits verübte Verbrechen rechtfertigen und die Hörer auf deren „höheren Zweck“ einschwören. Dazu mussten auch die 51 nicht anwesenden Gruppenführer die Kenntnisnahme des redigierten Redetextes schriftlich bestätigen.Matthias Uhl et al. (Hrsg.) „Die Organisation des Terrors“, S. 184. Die schonungslose Darstellung des Völkermords wird daher als Mittel gedeutet, die hohen SS- und NSDAP-Funktionäre formell zu Mitwissern und Komplizen ihrer Durchführung zu machen.Peter Longerich: Heinrich Himmler – Biographie. München 2008, ISBN 978-3-88680-859-5, S. 710 / s. a. Gitta Sereny: Albert Speer…, S. 468.

Zum Kriegsverlauf Nach einer Totenehrung stellt Himmler seine Sicht des Kriegsverlaufs dar. Der zähe russische Widerstand sei auf die Politkommissare zurückzuführen. Man sei einem russischen Angriff knapp zuvorgekommen, durch Versagen der Bundesgenossen sei der Sieg 1942 verschenkt worden. Himmler spekuliert über das Potential der russischen Armee, äußert sich abfällig über den „Wlassow-Rummel“, verbreitet sich über die Minderwertigkeit der „slawischen Rasse“ und schließt Gedanken an, wie eine deutsche Minderheit dort herrschen könne.

In späteren Passagen spricht Himmler über Italien, dessen Armee kommunistisch verseucht und anglo-amerikanisch eingestellt sei, und streift die Verhältnisse auf dem Balkan und in den übrigen besetzten Gebieten, deren Widerstandshandlungen er als lästige Nadelstiche geringschätzt. Kurz geht er auf den Luft- und Seekrieg ein und wendet sich dann der „inneren Front“ zu. Feindsender und Luftangriffe verursachten Defätismus, zur Abschreckung müsse man Exempel statuieren, womit Hinrichtungen gemeint sind.

Anschließend widmet sich Himmler der „Lage auf der Feindseite“; spekuliert über das Verhältnis zwischen England (gemeint: Vereinigtes Königreich) und den USA sowie über deren Belastbarkeit und Kriegsbereitschaft. Ausführlich geht er auf Personalveränderungen in der SS, einzelne Divisionen und Polizeiverbände ein, skizziert seine Aufgaben als Reichsminister und die der SS-Wirtschaftsbetriebe.

Zur Behandlung der Völker Osteuropas In seiner Skizze des Kriegsverlaufs im Osten nimmt Himmler auch zum millionenfachen Massensterben sowjetischer Kriegsgefangener und Zwangsarbeiter Stellung. Wie schon in Vorkriegsreden und in Übereinstimmung mit Hitlers Ausführungen in Mein Kampf schildert er die Ausmerzung der slawischen „Untermenschen“ als historische und natürliche Notwendigkeit. Hier sei „Gemüt am falschen Platze“:IMT: Band 29 (Urkunden und anderes Beweismaterial), S. 123.

„Ausrottung des jüdischen Volkes“