Das Dorf Bechtersbohl ist ein Ortsteil der baden-württembergischen Gemeinde Küssaberg im Landkreis Waldshut in Deutschland. Der Ort liegt am Fuß des Küssenberges mit der Küssaburg und war seit ‚Urzeiten‘ Passhöhe einer direkten Süd-Nord-Verbindung aus den Alpen durch die heutige Schweiz zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb ins Rhein-Main-Gebiet. Heute ist die Landesstraße L 162 Zubringer zur Rheinbrücke Zurzach–Rheinheim.
Lage und Bedeutung mini|Neubaubereich am Hang des Küssenberges, 2015 Der Burgberg besteht aus Gesteinen des Weißen Jura, aus dem auch die Burgmauern erstellt sind.
Bechtersbohl liegt in der Senke zweier Hügel des Südausläufers des Randengebirges an der einzigen Stelle der parallel zum Hochrhein verlaufenden Bergkette, die eine relativ bequeme Überquerung erlaubte. Hier verlief vom Süden in den Norden schon ein „uralter Handelsweg“, ein Begriff der Heimatforschung, der auf Verkehrsverbindungen schon vor der römischen und gar keltischen Zeit verweist. Diese Routen nehmen immer die geografisch optimalen Verbindungen, nach Norden unterhalb des Ortes durch das westliche Ende der Klettgau-Ebene zum Wutachtal hin, das die Fortsetzung östlich des Südschwarzwaldes in die Baar durch die jeweils niedrigsten Passagen erlaubte.
Durch die Position auf der Passhöhe besaß Bechtersbohl strategische Bedeutung, die durch die Lage an einer römischen Reichs- oder Heeresstraße und durch Existenz und Geschichte der Küssaburg verdeutlicht wird.
mini|Römerstraße aufwärts aus dem Klettgau zur Passhöhe Entsprechend „uralt“ ist der Ort, denn der Pass war die Stelle, die eine Rast oder Übernachtung ermöglichen musste und der heutige Gasthof war Station. Vor allem musste dem Handel mit schweren Transportwagen Hilfe bei der Überquerung in beide Richtungen geboten werden, zumal die Passhöhe vermutlich nur ‚eingleisig‘ zu bewältigen war. Dafür gab es Fuhrleute, die mit Ochsengespannen Vor- oder Nachspanndienste lieferten. Da nach der römischen Besetzung und Kultivierung Süddeutschlands auch der Handelsverkehr stark zunahm, wurde dies staatlich geregelt und die steil in den Klettgau abfallende Wegführung – das „Heidengäßle“ – mit Spursteinen ausgelegt, von denen noch zwei im Baumaterial der Küssaburg zu erkennen sind.
Die Bedeutung der ‚uralten Verbindung‘ blieb bis ins 19. Jahrhundert erhalten – erst 1876, anlässlich des wachsenden Verkehrsaufkommens im Zuge der Industrialisierung wurde die steil abfallende römische Teilstrecke von der mit Serpentinen geführte Landesstraße L 162 abgelöst.
Das Gelände bis kurz vor Bechtersbohl mit der Römerstraße und dem Bildstock an der Kreuzung mit der Landesstraße gehört zur Gemarkung von Oberlauchringen.
Auch heute ist das Verkehrsaufkommen durch den Pendlerverkehr in die Schweiz über die Rheinbrücke Zurzach-Rheinheim enorm. Da sich die moderne Ortschaft flächig den Burgberg hinauf verschoben hat, ist für die Bewohnerschaft der Verkehrslärm erträglich.
Dorfleben Die wichtigste Errungenschaft der letzten Jahre ist der Mehrgenerationsplatz, für den über 16.000 Euro an Spenden zusammenkamen. „Die regelmäßigen Arbeitseinsätze der Mitglieder der Interessengemeinschaft waren immer gut besetzt.“Tina Prause: Freude über Spendensumme, Alb-Bote, 20. Dezember 2018.
Das Gasthaus Hirschen mit dem großen Garten auf der Passhöhe ist ein beliebtes Ausflugsziel und auch Treffpunkt der Einheimischen.
Im Gasthaus des Dorfes werden mehrere Fundstücke von der Küssaburg aufbewahrt. (Eisenkugel, Schmelztiegel u. a. m.) Ein Haus (35) hat in einer eingemauerten Kalksteintafel ein St. Blasianer Wappen von 1642. Ein Steinbildstock nördlich vor dem Ort trägt wieder das Wappen der Grafen von Sulz (1605). (Mayer, 207).
„Wegen ihrer Volkstümlichkeit und Tüchtigkeit war die 1936 verstorbene Hirschen-Wirtin Verena Döbele geb. Bauer, im Volksmund das Vreneli genannt, sehr beliebt.“ (Chronik WT, 16).
mini|Kapelle des Klosters St. Blasien Auch die heute 90-jährige Maria Vogelbacher war Hirschenwirtin und wurde vom Heimathistoriker Wolf Pabst befragt – so teilte sie mit, dass das große Gebäude links an der Abfahrt von der Passhöhe in den Klettgau ein dem Kloster St. Blasien zugehöriges Frauenkloster gewesen sei. Nach anderer Angabe sei der heutige kleine ‚Schopf‘ direkt an der Abfahrt eine Kapelle des Klosters gewesen.
In Bechtersbohl gibt es ein Gemeindehaus im Talweg 2 mit Bücherei (mittwochs von 18.30 bis 19 Uhr); das Feuerwehrhaus wird für den „Vatertagshock“ genutzt.
Eine aufwendige Erneuerung von zwei Straßenzügen wurde ebenfalls 2019 ausgeführt.
Das Dorfbild mitgeprägt wird seit einigen Jahren von den Bauten der Elektronikfirma Semitron. Auch die Firma Keller-Elektronik hat hier ihr Domizil.
mini|Katholische Kirche (Februar 2019) Die katholische Kirche Bechtersbohl wurde 1670 als Kapelle erbaut und trägt über dem Eingang das Sulz-Brandis’sche Wappen.
Der Schlosshof und der Stüdlehof auf dem Küssenberg sowie das Gasthaus Küssaberg und das Ferienhaus kurz vor dem Aufgang zur Burg zählen ebenfalls zu Bechtersbohl.
Geschichte Die günstige Verkehrslage und die schnelle Rückzugsmöglichkeit auf den Küssenberg bot schon in Urzeiten einen geeigneten Siedlungsplatz. Frühgeschichte Als Neolithikum oder Jungsteinzeit wird die Epoche etwa 6.500 bis 5.000 v. Chr. bezeichnet.
„‚Ebene‘, 485 m. 1896 und 1942 neolithische Lesefunde auf einer kleinen als Ackerland genutzten Verebnung. Die Fundstelle liegt auf der mit Lößlehm bedeckten Ostspitze des Klettgauer Höhenrückens dicht über der Paßhöhe von Bechtersbohl“. Funde waren Klingen, Kratzer (Jaspis und Jurahornstein), ein Beil und Teile von Beilen (Diorit), Steinmeißel, unverzierte Keramik. „Verbleib: Heimatmuseum Waldshut, Inv. Nr. Wa 5–7; 596.“ Dazu Literaturangaben.Egon Gersbach: Urgeschichte des Hochrheins. Funde und Fundstellen in den Landkreisen Säckingen und Waldshut. (Katalogband), Badische Fundberichte. Sonderheft 11, Hrsg.: Staatliches Amt Für Ur- und Frühgeschichte Freiburg und Staatliches Amt für Denkmalpflege, Abt. Ur- und Frühgeschichte, Karlsruhe. Freiburg 1969, S. 126.
Zu Bronzezeit oder zur Zeit der Kelten gab es in und um Bechtersbohl keine Befunde, doch ist anzunehmen, dass jede Möglichkeit durch die spätere intensive Nutzung und Bebauung der Passhöhe frühe Anlagen zerstört hat. Das gilt auch für den „im 9. Jahrhundert (seit 876) urkundlich genannten Küssenberg […] Die geographischen Gegebenheiten und die damit verbundene strategische Bedeutung legen die Wahrscheinlichkeit nahe, daß hier wie auf dem Hornbuck bei Riedern am Sand, auf dem Semberg bei Schwerzen oder unterhalb von Berau sich eine vor-oder frühgeschichtliche Fliehburg befand, deren Graben auch der späteren Burg als Halsgraben diente, und die Römer zur Sicherung der über den Bergsattel bei Bechtersbohl von Windisch (Vindonissa) nach Schleitheim (Juliomagus) und weiter bis Rottweil (Arae Flaviae) führenden Militärstraße einen Wachturm auf der Berghöhe errichtet hatten.“Brigitte Matt-Willmatt, Karl-Friedricht Hoggenmüller: Lauchringen – Chronik einer Gemeinde, Hrsg.: Gemeinde Lauchringen, Lauchringen 1985, S. 41. In der Folge ist die Quelle mit Chronik Lauchringen = ‚LN‘ bezeichnet.
Römer Ueber diesen Hügel führte einst die römische Reichsstraße. Am nördlichen Abhang des Hügels, im sogenannten Heidengäßchen wurden römische Ziegel, Tonscherben, Nägel und Münzen gefunden. (Fundstücke sind im Museum in Freiburg i. Br.)H. W. Mayer (Hrsg.): Heimatbuch für den Amtsbezirk Waldshut, Verlag R. Philipp, Waldshut 1926, S. 207. Die Fundstücke gingen vermutlich mit vielen anderen beim Bombenangriff auf Freiburg 1944 verloren. In der Folge ist die Quelle mit ‚Mayer‘ bezeichnet.
„Unterhalb von Bechtersbohl kreuzten sich die nach Rottweil und die von Basel in den Klettgau und den Hegau führenden Hochstraßen, wie der Verlauf der einstigen Römerstraßen auch heute noch bezeichnet wird. (Chronik Lauchringen, 48 f.).“
Ersterwähnung und Name „Durch den Albgaugrafen Gotsbert wurde es im Jahre 876 an das Kloster Rheinau vergabt.“Hans Matt-Willmatt, Hrsg.: Landkreis Waldshut: Chronik des Kreises Waldshut, Vocke-Verlag, Waldshut 1957, S. 16. In der Folge ist die Quelle mit ‚Chronik WT‘ bezeichnet.
Der Name des Ortes bedeutet ‚Hügel des Berchtold‘. (Mayer, 207).
„1462 wird das Dorf in Urkunden ‚Berchtenspuel‘ und 1497 ‚Berchtelspol‘ genannt.“ (Chronik WT, 16).
Mittelalter Nach dem Übergang der Küssaburg von den Geschichte der Küssaburg# Küssenberger Grafen an das Bistum Konstanz 1251 wurden die umliegenden Ortschaften Bechtersbohl, Küßnach, Dangstetten, Rheinheim und Reckingen zur Herrschaft Küssenberger Schloß und Tal zusammengefasst. Die Herrschaft blieb auch nach dem Übergang an die Grafen von Sulz erhalten. In der Verwaltung des Klosters Rheinau mit Sitz in Rheinheim gehörten außer der Herrschaft auch Ober- und Unterlauchringen. (LN, 118, 121, 73).
mini|Die „Vorburg“ der Küssaberg, die Stadtrecht besaß. (Zeichnung W. Pabst) „Unter bischöflich konstanzischer Herrschaft wurde der im Osten angelegten Vorburg im Jahre 1346 von Bischof Ulrich III. (1345–51) das Stadtrecht verliehen. Vermutlich geht die in der Landgrafschaft Klettgau sonst nirgend anzutreffende Bezeichnung Schultheiß für den Ortsvorgesetzten von Bechtersbohl auf den einstigen Schultheiß der Vorburg oder Stadt Küssenberg zurück. Diese bereits von den Bauern zerstörte Vorburg wurde jedoch beim Ausbau der Burg (1525–29) nach dem Bauernkrieg aus waffentechnischen Gründen niedergelegt, das zur 1360/70 erwähnten Kaplanei gehörige Haus nun in Dangstetten („Pfaffenhuus“) erbaut und die Kaplanei Küssenberg […] der 1622 von den Grafen von Sulz gestifteten Pfarrei Oberlauchringen einverleibt.“ (LN, S. 41 und 44).
Neuzeit Zum Geschehen in der Raumschaft siehe: Geschehen im Klettgau
Überliefert ist gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges eine Zusammenkunft im Hirschen, als am 6. April 1647 beim Einrücken des „französischen Regiment Baumgarten […] bis zum Abend des folgenden Tages 1500 Pfund Brot, 10 Faß Wein und 60 Sack Hafer aus dem Klettgau angeliefert werden“ mussten. Bei der Zusammenkunft „wurde der jeweilige Anteil der einzelnen Gemeinden festgelegt.“ (LN, 135).
mini|Wappen von Abt Franz I., Chullot, des Klosters St. Blasien 17. Jahrhundert Ein Sandsteinwappen des Abtes Franz Chullot mit der Jahreszahl 1642 von der vorderen Trotte in Bechtersbohl (abgebrochen 1898) ist erhalten geblieben und befindet sich heute eingemauert an einem Wohnhaus im Ort.
1643 wird in einer Grundzins-Aufzeichnung im Interesse des Klosters St. Blasien der Bechtersbohler Wirt Markus Mathis genannt (LN, 86).
„Die Linie der auf dem Adler in Lauchringen sitzenden und durch Generationen in öffentlichen Ämtern vertretenen Würtenberger geht auf Uli und Verena Würtenberger geborene Mathis von Bechtersbohl und deren 1658 in Bechtersbohl geborenen Sohn Carl zurück.“ (LN, 329).
„Bechtersbohl gehört zur Pfarrei Rheinheim. Die Kapelle im Ort, 1670 erbaut, ist dem hl. Martin geweiht. (11.11.) Ueber dem Eingang in der Kapelle ist das Sulz-Brandis’sche Wappen von 1670.“ (Mayer, 207).
Der heutige Schopf am Ortsausgang neben dem Abstieg ins Heidengässchen (der Römerstraße) soll früher eine St. Blasianische Kapelle gewesen sein (Auskunft vor Ort).
18. Jahrhundert Die verschwundene Trotte zu Bechtersbohl ist dokumentiert: „Das pfarreigene Rebgelände [der Pfarrei von Oberlauchringen, der lange die Kaplaneien von Dangstetten, Küssenberg und Grießen inkorporiert waren], das dank der Gnade der Sulzer Grafen zehnt- und trottweinfrei war, lag zwischen Bechtersbohl und Küßnach oben an der herrschaftlichen sogenannten Weißentrotte und neben den Reben des Klosters Berau.“ (Um 1720, LN, 396).
Von 1727 bis 1729 stritten Bechtersbohler und Oberlauchringer um Abgaben, die sie jeweils auf ihre, auf der anderen Gemarkung liegenden Grundstücke zu zahlen hätten. (LN, 139 f.).