277x277px|mini|alt=Hölzerne Baracken im Vordergrund, im Hintergrund der Steinbruch|Wirtschaftsbereich des KZ Gusen nach der Befreiung Mit dem Namen Konzentrationslager Gusen werden drei unterschiedliche Häftlingslager in Oberösterreich östlich von Linz in der Zeit des Nationalsozialismus zusammengefasst, die von der SS als Außenlager des KZ Mauthausen geführt wurden. Der Lageraufbau begann im Dezember 1939 und das Konzentrationslager wurde am 5. Mai 1945 von US-Soldaten befreit. In den fünf Jahren des Bestehens des Lagers sind ca. 60.000 bis über 70.000 Häftlinge aus ganz Europa in das Lagersystem Gusen verschleppt worden, die Hälfte davon, ca. 35.000, wurde durch die grausamen Lebensbedingungen und die schwere Arbeit in den Steinbrüchen und der Rüstungsindustrie getötet. Das Lager Gusen hatte mit seiner Größe eine Sonderstellung im Lagersystem Mauthausen und ist insbesondere bezüglich der Größe bzw. Anzahl der Häftlinge und Ermordeten mit den großen Stammlagern im NS-Regime vergleichbar.Bertrand Perz: Gusen I und II. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Bd. 4: Flossenbürg, Mauthausen, Ravensbrück. Red.: Angelika Königseder. München 2006, S. 293–346.

Das Lagersystem Gusen bestand aus den Lagern«Die einen schwiegen, weil sie Täter waren, die anderen, weil sie schlimme Dinge erlebten»: Österreich und sein vergessenes Vernichtungslager. In: Neue Zürcher Zeitung, 18. Mai 2021.

Konzentrationslager Gusen I (in der Ortschaft Gusen, Gemeinde Langenstein); Gründung 1938/1940, Konzentrationslager Gusen II (in der Ortschaft Gusen, Gemeinde Langenstein, mit Zwangsarbeit im Stollen „Bergkristall“ in der Ortschaft St. Georgen an der Gusen, Gemeinde St. Georgen an der Gusen); Gründung 1944, Konzentrationslager Gusen III (in der Ortschaft Lungitz, Gemeinde Katsdorf); Gründung 1944.

Geschichte Aufbau alt=Häftlinge beim Verlegen von Steinen|mini|Häftlinge beim Aufbau des Lagers Gusen I im Jahr 1940 Ende Mai 1938, nur einige Wochen nach dem „Anschluss Österreichs“, erwarb die SS-eigene Firma Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH, die kurz davor für die Nutzung der Steinbrüche in der Region Mauthausen-Gusen-St. Georgen sowie im KZ Flossenbürg gegründet wurde, Grundstücke und Schürfrechte in Gusen. Bereits zu diesem Zeitpunkt war ein Lager in Gusen geplant. Vorstellbar wäre es auch gewesen, dass sich Gusen zum Stammlager entwickelt hätte. Das Stammlager entstand dann jedoch im Sommer 1938 in der Nachbargemeinde Mauthausen. Der Aufbau des Lagers begann im Dezember 1939, direkt neben den gepachteten Steinbrüchen. Mehrere hundert deutsche, österreichische und später auch polnische Häftlinge aus dem Lager Mauthausen wurden täglich mehrere Kilometer zu Fuß nach Gusen getrieben und bauten bis Mai 1940 den Großteil des sogenannten Schutzhaftlagers, in dem die Wohnbaracken der Häftlinge standen, in Gusen I und SS-Unterkünfte südlich des Lagers. Bereits am Tag der Einrichtung am 25. Mai 1940 kam ein erster Transport mit ca. 1000 polnischen Gefangenen nach Gusen. Da die Häftlingszahl in Gusen stetig stieg, waren Häftlinge ständig mit dem Lagerausbau beschäftigt. alt=Baumaterial vor hölzernen Häftlingsbaracken und Unterkunftsbaracken|mini|Aufbau des Lagers Gusen I im Jahr 1940. Rechts sind die Häftlingsbaracken sichtbar, hinter diesen die Unterkunftsbaracken der SS-Wachmannschaften Zunächst war das Lager mit einem Stacheldrahtzaun und hölzernen Wachtürmen umzäunt. Im Sommer 1940 mussten Häftlinge dann eine drei Meter hohe Steinmauer und steinerne Wachtürme errichten. Innerhalb der Steinmauer gab es noch einen mit Starkstrom geladenen Stacheldrahtzaun, dazwischen patrouillierten Wachmänner. Den Eingang zum Lager bildete das sogenannte Jourhaus, wo sich auch die Büros der Lagerleitung und im Keller ein Gefängnis, Bunker genannt, befand. Nach und nach wurden im Norden und Osten des Lagers Produktionsstätten für die Steinbrüche, wie Steinmetzhallen und ein Steinbrecher gebaut. Diese wurden später ab 1943 teilweise für die Nützung durch Rüstungsindustrie, u. a. die Steyr-Daimler-Puch AG und die Messerschmitt AG, umfunktioniert. Ab 1941 mussten Häftlinge ein Anschlussgleis vom Bahnhof St. Georgen an der Gusen in den Steinbruch verlegen. Westlich des Schutzhaftlagers wurde ein Kleidermagazin der Waffen-SS errichtet.Stanislaw Dobosiewicz: Vernichtungslager Gusen. Mauthausen-Studien. Schriftenreihe der KZ-Gedenkstätte Mauthausen, Band 5. Wien 2007.

Neben dem Jourhaus an der südlichen Lagermauer wurde im Herbst 1942 ein gemauertes Häftlingsbordell errichtet. Das Lagerbordell war für die besser gestellten Häftlinge im Lager, beispielsweise Funktionshäftlinge, geplant, und mehrere Frauen aus dem KZ Ravensbrück wurden dabei zur Prostitution gezwungen.

Im Norden des Lagers mussten Häftlinge vermutlich ab November 1943 eine erste Stollenanlage mit dem Tarnnamen „Kellerbau“ in den Sandsteinhügel treiben. Ab Anfang 1944 errichteten Häftlinge unter Aufsicht von SS-Gruppenführer Hans Kammler eine deutlich größere Anlage mit dem Tarnnamen B8 Bergkristall im Nachbarort St. Georgen an der Gusen. Zu diesem Zweck wurde das Bekleidungswerk im Westen des Lagers umgebaut und erweitert. Dieses wurde am 9. März 1944 als KZ Gusen II eröffnet, war aber organisatorisch sehr eng mit dem ursprünglichen KZ Gusen I verbunden. Beispielsweise wurden kranke Häftlinge von Gusen II in die Krankenstation, das sogenannte Lagerrevier, nach Gusen I gebracht. Beide Lager teilten sich u. a. auch eine Lagerschreibstube und die Politische Abteilung. alt=Steinerne Wachtürme, steinerne Mauer und Stacheldrahtzaun. Baracke im Vordergrund|mini|hochkant|Wachtürme, Mauer und Zaun des Lagers Gusen, etwa 1942 Ab 1940 mussten zwei Gusener Häftlingskommandos im wenige Kilometer entfernten Lungitz in einer Bäckerei arbeiten und ein Ziegelwerk errichten. Dort wurde 1944 eine Wohnbaracke errichtet und das KZ Gusen III offiziell am 16. Dezember 1944 eröffnet. In Gusen III lebten ca. 300 Häftlinge und das Lager war damit im Vergleich zu den vielen tausenden Gefangenen in Gusen I und Gusen II deutlich kleiner.

Sonderstellung im Lagersystem Mauthausen Das Lager Gusen wurde offiziell als Außenlager des Stammlagers Mauthausen geführt, unterschied sich aber in mehreren Punkten von den übrigen Außenlagern. Bis 1944 hatte das Lager teilweise eine Autonomie vom Stammlager. So wurden beispielsweise bis Anfang 1944 Häftlinge in Gusen gesondert nummeriert, wohingegen in anderen Außenlagern eine gemeinsame Nummernregistratur erfolgte. Auch der erste Lagerführer von Gusen, Karl Chmielewski, hatte weitgehende Autonomie. Das Lager Gusen entstand sehr früh, Gusen war das erste Außenlager von Mauthausen. Ab 1942 wurden bis zu Kriegsende über 40 Außenlager des Konzentrationslagers Mauthausen eingerichtet. Diese befanden sich insbesondere an Orten der Rüstungsindustrie. Gusen war dabei mit Abstand das größte Außenlager. Von den insgesamt ca. 95.000 Häftlingen, die im Lagersystem Mauthausen gestorben sind, ist ca. ein Drittel der Gefangenen im Stammlager Mauthausen, ein weiteres Drittel, ca. 35.000, in Gusen und der Rest in den anderen Außenlagern gestorben. Damit bildete das Lager Mauthausen-Gusen eine Art Doppellagersystem mit industriellem Zentrum in Gusen und St. Georgen an der Gusen und einem Verwaltungszentrum in Mauthausen. Aufgrund der hohen Todesraten in Gusen wurde das Lager von Häftlingen auch als Vernichtungslager bezeichnet. Vor allem in den ersten Jahren diente das Lager Gusen tatsächlich auch als Ort der Vernichtung für die Gefangenen im Lagersystem Mauthausen.

Häftlinge

alt=Abgemagerter lebender Häftling, nackt in Decke gehüllt|mini|hochkant|Ehemaliger Häftling von Gusen, kurz nach der Befreiung (12. Mai 1945) Die Zahl der nach Gusen eingewiesenen Häftlingen schwankt in der wissenschaftlichen Literatur. Vermutlich wurden ca. 60.000 bis über 70.000 Häftlinge aus ganz Europa in das Lagersystem Gusen eingewiesen, ca. 35.000 davon sind gestorben. Die Anzahl der Häftlinge im Lager stieg von ca. 6000 Ende 1940 bis zu ca. 25.000 im Herbst 1944 und Beginn 1945. Ungefähr 20.000 Häftlinge erlebten die Befreiung am 5. Mai 1945.

Zu Beginn wurden bis zum Sommer 1940 ca. 8000 polnische Gefangene aus dem KZ Dachau und KZ Sachsenhausen nach Gusen verlegt, die dort für die Arbeit in den Steinbrüchen eingesetzt wurden. Im Jahr 1941 wurden dann ca. 4000 republikanische Spanier deportiert. Bis Herbst 1943 wurden weitere ca. 4400 sowjetische Kriegsgefangene nach Gusen eingewiesen, in den letzten beiden Jahren nochmals mindestens 2000. Wegen der hohen Todesraten in den Steinbrüchen in Gusen wurden im Jahr 1942 mehr als 2000 polnische Häftlinge vom KZ Auschwitz nach Gusen verlegt und tausende Jugoslawen sowie sowjetische Zivilisten nach Gusen gebracht. Ab 1943 wurden immer mehr Gefangene in der Rüstungsindustrie eingesetzt und nun wurden auch französische (insgesamt über 2400) und italienische Häftlinge (insgesamt mehr als 3000) nach Gusen gebracht. Im Jahr 1944 musste ein großer Teil der Häftlinge im Stollenbau arbeiten. Dafür wurden mehrheitlich polnische und ungarische jüdische Gefangene, u. a. aus Auschwitz, nach Gusen zum Stollenbau überstellt. Ab Anfang 1945 kamen vorwiegend jüdische Gefangene aus den liquidierten Lagern im Osten an. In den letzten vier Monaten kamen damit nochmals mindestens 14.000 Häftlinge nach Gusen. Die größte Opfergruppe in Gusen waren die mindestens 25.000 polnischen politischen Gefangenen, von denen mehr als 13.000 gestorben sind.

In der Endphase des Lagers war Gusen Zielort vieler Evakuierungstransporte aus Lagern im Osten. Im Jänner und Februar 1945 kamen Transporte mit mehrheitlich jüdischen Gefangenen aus den Lagern Auschwitz, Groß-Rosen und Sachsenhausen. Im April 1945 trafen auch Transporte aus den Außenlagern von Mauthausen in Ostösterreich in Gusen ein. Aufgrund der daraus resultierenden Überfüllung des Lagers wurden tausende Häftlinge zum Sterben in das Stammlager Mauthausen überstellt.

Die nächste Tabelle zeigt die heute bekannten Häftlings- und Opferzahlen der Lager Gusen. Die Zahlen sind alle als Mindestanzahl zu verstehen. Neben den aufgeführten Gruppen gab es noch Häftlinge von beinahe allen anderen europäischen Ländern. + Häftlingszahlen und Opfer im Lager Gusen Häftlingsgruppe Anzahl der Häftlinge Anzahl der Opfer Polnische politische Häftlinge 25.000 13.000 Sowjetische Zivilisten 9.000 2.700 Sowjetische Kriegsgefangene 6.400 4.000 Häftlinge aus dem deutschen Reich 5.400 3.300 Republikanische Spanier 5.000 4.200 Ungarische jüdische Häftlinge 3.500 2.100 Jugoslawen 3.200 1.300 Italiener 3.000 1.700 Polnische jüdische Häftlinge 2.700 1.600 Franzosen 2.400 1.000 Gesamt 65.500 34.900

Ermordung der Häftlinge Ein großer Teil der Häftlinge starb durch die schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen. Es gab einen extremen Mangel an Essen bei gleichzeitig schwerer körperlicher Arbeit, häufig keine medizinische Versorgung und schlechte hygienische Bedingungen, die Krankheiten wie Durchfall, Typhus, Flecktyphus oder Tuberkulose verursachten. Das Lager Gusen wurde 1940 in die „Lagerstufe III“ eingeteilt. D.h. eingewiesene Häftlinge hatten nur sehr geringe Überlebenschancen und das Lager wurde bis 1942 auch vor allem für die Ermordung der Häftlinge genutzt. Häftlinge wurden häufig auch direkt ermordet. So kam es ab Herbst 1941 bis Jänner 1942 zu sogenannten Totbadeaktionen. Dabei wurden bis zu 300 Häftlinge gleichzeitig mit eiskaltem Wasser „geduscht“. Kranke und schwache Gefangene starben dabei häufig sofort an Kreislaufversagen. Andere Häftlinge, die die Aktion zunächst überstanden, starben oft an den nächsten Tagen an Lungenentzündungen.