mini|Anton Reichenow Georg Anton Eugen Reichenow (* 1. August 1847 in Charlottenburg; † 6. Juli 1941 in Hamburg)siehe Geburtsregistereintrag des StA Berlin 4a Nr. 1797/1883 war ein deutscher Ornithologe. Er galt im ausgehenden 19. Jahrhundert und Anfang des 20. Jahrhunderts als einer der bedeutendsten Vogelsystematiker Deutschlands und darüber hinaus Europas und spezialisierte sich insbesondere auf afrikanische Vögel aus den damaligen deutschen Kolonien.
Leben und Wirken Anton Reichenow lebte zeit seines Lebens bei oder in Berlin und war der Sohn eines Lehrers und Direktors am Charlottenburger Progymnasium, das auch er selbst besuchte, bevor er auf das Friedrichs-Gymnasium Berlin wechselte. Für Ornithologie interessierte er sich schon als Jugendlicher. Er studierte zunächst Chemie in Berlin und dann mit seinem Freund und späteren Reisegefährten Wilhelm Lühder Zoologie in Greifswald. Nachdem er am Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 teilgenommen hatte, wurde er 1871 in Rostock promoviert mit der Dissertation Die Fußbildungen der Vögel. Er wurde 1874 Assistent am Museum für Naturkunde in Berlin. Bis zum Tod des Museumsdirektors Wilhelm Peters 1883 assistierte er zusätzlich in der Abteilung Fische und Reptilien. 1888 wurde er Kustos mit der Zuständigkeit für die Schausammlung an Fischen, Vögeln und Reptilien im neuen Museumsgebäude. Die ornithologische Abteilung konnte er erst nach dem von diesem bis 1892 hinausgezögerten Abschied seines Schwiegervaters Jean Louis Cabanis (1816–1906) eigenverantwortlich übernehmen und wurde Kustos der ornithologischen Abteilung. 1906 wurde er schließlich stellvertretender Direktor des Museums. 1895 erhielt er den Professorentitel und 1912 wurde er Geheimer Regierungsrat. 1910 war er Präsident des fünften internationalen Ornithologenkongresses in Berlin (wozu er schon 1905 in London bestimmt worden war).
1893 wurde er Generalsekretär der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft ebenfalls als Nachfolger von Jean L. Cabanis. Der Gesellschaft gehörte er seit ihrer Gründung 1868 an.
Von 1872 bis 1873 unternahm er eine wissenschaftliche Expedition zur Elfenbeinküste sowie nach Gabun und Kamerun zusammen mit seinem Freund Wilhelm Lühder (der im März 1873 an Malaria starb) und Reinhold Wilhelm Buchholz, bei der die Grundlagen zur Kenntnis der Fauna des Kamerungebiets gelegt wurden. Reichenow erkrankte selbst an Malaria und musste deshalb zurückkehren.
Nach dem Nachruf von Erwin Stresemann (Journal für Ornithologie 1943) war er in den letzten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts der bedeutendste Vogelsystematiker Deutschlands, und in Europa nur mit Richard Bowdler Sharpe und Tommaso Salvadori zu vergleichen (und in der späteren Wirkungsphase mit Ernst Hartert). Von ihm stammten 539 Veröffentlichungen (ohne Referate) und er setzte hinter die Beschreibung von 950 Vogel-Taxa seinen Autorennamen „Rchw“.
Er baute insbesondere eine der Forschung und Systematik dienende Balgsammlung am Naturkundemuseum auf. Zuvor hatte sich eine große, rund 29.000 Vogel-Exemplare umfassende Schausammlung am Naturkundemuseum gebildet, da Cabanis darauf bestand, fast jedes Exemplar für die Schausammlung herzurichten und auszustellen (was bis 1886 so blieb). Reichenow trennte Schau- und Balgsammlung und reduzierte die Schausammlung erheblich. Er begann mit einer Balgsammlung von 1000 Exemplaren die überwiegend aus Exemplaren bestand, die für die Schausammlung seinerzeit als nicht tauglich befunden wurden. In der Zwischenzeit war das Museum daher vom Britischen Museum für Naturgeschichte weit überholt worden, die vier Jahrzehnte vorher mit ihrer Balgsammlung begannen. Reichenow baute besonders den Bereich Afrika erheblich aus und bei seinem Ausscheiden 1921 war die Balgsammlung auf 60.000 Exemplare angewachsen.
Er untersuchte unter anderem Tiere, die sein kurz nach der Rückkehr verstorbener Freund Gustav Adolf Fischer (1848–1886) aus dem nördlichen Ostafrika mitgebracht hatte, und aus den Sammlungen von Richard Böhm im südlichen Ostafrika. Da er vom Gehalt eines Assistenten am Museum für Naturkunde allein nicht leben konnte, entfaltete er bald eine rege publizistische Tätigkeit. Unter anderem gründete er 1879 die Zeitschrift Deutsche Acclimatisation. Zwanglose Blätter für Eingewöhnung, Pflege und Zucht der Vögel. Sie konnte sich aber neben der Zeitschrift Gefiederte Welt von Karl Ruß nicht halten. Er veröffentlichte Bücher über exotische Vögel und Papageien und schrieb Referate über ornithologische Neuentdeckungen für die Zoologischen Jahresberichte und das Archiv für Naturgeschichte.
Von 1893 bis 1921 war Reichenow Chefredakteur des Journal für Ornithologie. Einflussreiche Mitglieder der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft setzten die Übernahme der Zeitschrift in den Besitz der Gesellschaft durch und die Absetzung (1893) des greisen Cabanis, in dessen Besitz sie vorher war. In dieser Zeit brachte Reichenow auch die Ornithologischen Monatsberichte heraus. Reichenow war vorzugsweise auf den Gebieten der Systematik und Faunistik der Vögel tätig, entwarf ein ornithologisches System zur Begrenzung der zoologischen Regionen vom ornithologischen Standpunkt. Ab 1875 rief er die Errichtung von Beobachtungsstationen für Vögel in Deutschland ins Leben. Nach seiner Pensionierung 1921 (sein Nachfolger am Naturkundemuseum wurde sein Schüler Ernst Hartert) ging er nach Hamburg, wo sein Sohn lebte und wo er am dortigen Zoologischen Museum weiter aktiv mitarbeitete. 1934 wurde er als Nachfolger von Hartert Ehrenvorsitzender der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft.
Als Spezialist für die afrikanische Vogelwelt brachte er drei Bände Die Vögel Afrikas heraus (1900 bis 1905). Diese eröffneten die Grundlage für die Studien der Tierwelt dieses Kontinents. Die Sammlungen des Naturkundemuseums in Berlin wurden deutlich erweitert. Er spielte auch eine wichtige Rolle bei der Gründung der Vogelwarte Rossitten.Spektrum Lexikon Biologie, Artikel Anton Reichenow Über sein Fachgebiet der Ornithologie hinaus beschäftigte er sich auch mit Reptilien und Amphibien.
Er war Ehrenmitglied der wichtigsten ornithologischen Vereinigungen.
1878 heiratete er Marie Cabanis, die älteste Tochter von Jean Cabanis. Sie starb 1940. Er war der Vater des Zoologen Eduard Reichenow (Professor für Parasitologie am Tropeninstitut Hamburg).
Dedikationsnamen
Franz Poche führte 1904 eine Gattung Reichenowia für die Bambuspapageiamadine (Erythrura hyperythra (, 1862))Franz Poche, S. 26. ein, allerdings hat der Gattungsname Erythrura , 1837 aufgrund der früheren Erstbeschreibung Priorität.
Jan Willem Boudewyn Gunning ehrte ihn 1909 im Namen des Blaukehl-Nektarvogels (Anthreptes reichenowi)Jan Willem Boudewyn Gunning, S. 173., Hermann Grote (1882–1951) 1911 im Namen des Reichenowschnäppers (Batis reichenowi)Hermann Grote (1911), S. 162., Richard Bowdler Sharpe 1891 im Namen des Preussnektarvogels (Cinnyris reichenowi)Richard Bowdler Sharpe (1891), S. 444., Tommaso Salvadori 1888 im Namen des Reichenowgirlitzes (Crithagra reichenowi)Tommaso Salvadori, S. 272., Gustav Hartlaub 1874 im Namen des Reichenowastrilds (Cryptospiza reichenovii)Gustav Hartlaub (1874), S. 166., Gustav Adolf Fischer 1884 im Namen des Goldschwingen-Nektarvogels (Drepanorhynchus reichenowi)Gustav Adolf Fischer u. a. (1884), S. 56., Ferdinand Heine junior 1884 im Namen des Blaubrustpapageis (Pionus reichenowi) bzw. Unterart des Schwarzohrpapageis (Pionus menstruus reichenowi)Ferdinand Heine junior, S. 264., Gyula Madarász 1901 im Namen der Grünbrustpitta (Pitta reichenowi)Gyula Madarász (1901), S. 133. und Carlo von Erlanger 1901 im Namen der Reichenowtaube (Streptopelia reichenowi)Carlo von Erlanger (1901), S. 182.. Wilhelm Peters nannte 1874 die Skinkeart Lacertaspis reichenowiiWilhelm Peters, S. 160–161. zu seinen Ehren. Hermann Dewitz beschrieb 1879 die neue Schmetterlingsart Lepidochrysops reichenowiiHermann Dewitz, S. 203, Tafel 26, Figur 14., Carl Plötz nannte im gleichen Jahr einen Schmetterling Plastingia reichenowiCarl Plötz, S. 357., ein Name der heute als Synonym für Pardaleodes tibullus , 1793 steht.
Außerdem fand sein Name Eingang in den Unterarten der Weißbürzelsalangane (Aerodramus spodiopygius reichenowi , 1912)Erwin Stresemann, S. 350., der Sumpftschagra (Bocagia minuta reichenowi (, 1900))Oscar Neumann (1900), S. 120., dem Kurzflügel-Zistensänger (Cisticola brachypterus reichenowi (, 1911))Edgar Alexander Mearns, S. 6., dem Gabunspecht (Dendropicos gabonensis reichenowi , 1893)Yngve Sjöstedt, S. 138., dem Grayraupenfänger (Edolisoma schisticeps reichenowi , 1917)Oscar Neumann (1917), S. 153., dem Braundrongoschnäpper (Melaenornis chocolatinus reichenowi (, 1902))Oscar Neumann (1902), S. 10., dem Helmperlhuhn (Numida meleagris reichenowi , 1894)William Robert Ogilvie-Grant, S. 536, Figur 1., dem Maskenpirol (Oriolus larvatus reichenowi , 1916)Otto Eduard Graf von Zedlitz und Trützschler (1916), S. 1–4., dem Rostbauch-Dickkopf (Pachycephala hyperythra reichenowi & , 1911)Lionel Walter Rothschild, 2. Baron Rothschild u. a., S. 178., dem Goldbugpapagei (Poicephalus meyeri reichenowi , 1898)Oscar Neumann (1898), S. 501., dem Miombosägeflügel (Psalidoprocne orientalis reichenowi , 1904)Oscar Neumann (1904), S. 144., dem Ost-Rotnackenarassaril (Pteroglossus bitorquatus reichenowi , 1907)Maria Emilie Snethlage, S. 195., dem Arafurafächerschwanzl (Rhipidura dryas reichenowi , 1901)Otto Finsch, S. 257, Tafel 4, Figur 3., der Tropfenralle (Sarothrura elegans reichenovi (, 1894))Richard Bowdler Sharpe (1894), S. 121., dem Rötelmausspecht (Sasia ochracea reichenowi (, 1911))Erich Hesse, S. 181., der Weißkehlprinie (Schistolais leucopogon reichenowi (, 1890))Gustav Hartlaub (1890), S. 151–152., dem Livingstoneturako (Tauraco livingstonii reichenowi (, 1880))Gustav Adolf Fischer (1880), S. 174., dem Glanzhaubenschnäpper (Trochocercus nitens reichenowi (, 1904))Richard Bowdler Sharpe (1904), S. 630., dem Waldheckensänger (Cercotrichas leucosticta reichenowi (, 1907))Ernst Hartert (1907), S. 95. und dem Senegalbrillenvogel (Zosterops senegalensis reichenowi , 1911)Alphonse Joseph Charles Dubois, S. 18.. Ángel Cabrera widmete ihm 1918 die Leopardenunterart Panthera pardus reichenowiÁngel Cabrera, S. 481–482..