mini|Kellypalik Qimirpiq (1948–2017, Cape Dorset): Gesichter (1997) Der Begriff Inuit-Kunst umschreibt die künstlerischen Aktivitäten kanadischer Inuit, die um die Mitte des 20. Jahrhunderts begannen und in der Folgezeit auf dem internationalen Kunstmarkt einen eigenen Sektor eroberten, den Sektor „Zeitgenössische kanadische Inuit-Kunst“. Vor dieser Zeit von den Inuit geschaffene künstlerische Gegenstände, die überwiegend als „funktionsbezogene Kunst“ einzustufen sind, werden dagegen im Allgemeinen der Ethnologie oder Völkerkunde zugeordnet, und sie sind dementsprechend vor allem in deren Sammlungen zu finden.
Funktionsbezogene Kunst Skulpturelle Arbeiten mini|Inuit-Künstler Tony Atsaniq (* 1960) mit Narwalzahn (Qikiqtarjuaq 2001) Solange die Inuit als Nomaden lebten, konnten sie sich künstlerische Aktivitäten nur erlauben, wenn diese keine Transportprobleme nach sich zogen. Daher schufen sie praktisch keine Kunstgegenstände nur um der Kunst willen („l’art pour l’art“); sie besaßen auch kein Inuktitut-Wort für Kunst. Wenn sie sich auf diesem Gebiet betätigten, dann galt das meist dem Verzieren von Gegenständen des täglichen Lebens mit ästhetischen Dekorationen. Diese Art von Design ist jedoch eher kunsthandwerklichem und weniger künstlerischem Gestalten zuzurechnen, selbst wenn die Inuit dabei neben traditionellem technischem Können auch gutes geschmackliches Gefühl bewiesen.
Für solche funktionsbezogene künstlerische Arbeiten kamen bei den isoliert von der übrigen Welt lebenden Inuit naturgemäß nur in der Arktis vorhandene Materialien in Betracht, also in erster Linie Serpentin („Schlangenstein“, Steatinit) und Serpentinit (Serpentinschiefer), seltener das sehr weiche Steatit („Speckstein“ oder Talk). Auch Materialien tierischen Ursprungs wie Karibugeweihteile und (je nach Vorkommen der Tiere) Elfenbein von Walrosszähnen und Narwalstoßzähnen sowie Wal- und Walrossknochen fanden Verwendung. Tierfelle wurden durch Schabetechniken verziert.
Zeichnerische Arbeiten Von der Zeit vor den ersten Begegnungen mit den Weißen im 16. Jahrhundert, der „Prä-Kontakt-Zeit“, bis weit ins 20. Jahrhundert ließ ihre Kosmologie die Inuit an eine magische Kraft des Zeichnens glauben, der zufolge aus einem Bild durch den Zeichenakt allein Realität werden konnte. Zeichnen im Schnee oder z. B. auf reifbedeckten Flächen war tabuisiert und demgemäß Kindern streng verboten.
Offenbar hat jedoch die Aufforderung von Weißen, bestimmte Fakten oder Zustände zeichnerisch darzustellen (z. B. Landkarten zu skizzieren), dieses Tabu durchbrochen, zumal nun auch erstmals völlig neue Materialien – Papier und Zeichenstifte – zur Verfügung standen. Erzählendes Steinschnitzen und Zeichnen, eine bis heute geübte Kunst des Erinnerns an persönliche Erfahrungen des Künstlers, die eigentliche Kunst der „Post-Kontakt-Zeit“ fand hier ihren Ursprung, ohne allerdings sofort greifbare Realität (Schaffung von Kunstwerken) zu werden.
Kunsthandwerkliche Arbeiten mini|Traditionelle Inuit-Bekleidung; links Amauti (Frauen-Parka) aus Robbenfell, rechts aus Karibufell (Iglulik-Region) mini|Rachel Uyarasuk (1914–?, Iglulik): Inuit-Stiefel In den Inuit-Camps gehörte es bis weit in das 20. Jahrhundert hinein zu den typischen Aufgaben einer Frau, Bekleidung auf traditionelle Weise aus Tierhäuten und Fellen herzustellen, in vielen Sommercamps wird diese Tradition noch heute gepflegt. Um Farbdifferenzierungen zu erhalten, wurden die Tierhäute unterschiedlichen Bearbeitungen unterworfen. Durch Abschaben oder Schneiden der Fellhaare gelang es, die gewünschte Wirkung noch hervorzuheben. Bei Robbenfellen entstanden Schatten- und Farbeffekte dadurch, dass das Haar unterschiedlich kurz geschoren wurde. Auch nähte man ausgeschnittene Lederteile auf das eigentliche Kleidungsstück oder fügte sie in Aussparungen ein. Auf gleiche Weise wurden allerlei Felltaschen verziert.
Mit den Walfängern, Forschern und Missionaren waren spätestens seit der Wende zum 20. Jahrhundert Wolle und Baumwolle in die Arktis gelangt. Als dann die Hudson’s Bay Company (HBC) ihre Handelsposten einrichtete, versetzte das die Inuit-Frauen in die Lage, alle möglichen Nähwaren im Tauschhandel zu erwerben. Es dauerte nicht lange, dann waren auf den Handarbeiten reiche Verzierungen mit bunten Wollfäden und Glasperlen zu finden; das Stickereimaterial aus dem Süden hatte die Phantasie angeregt und ganz neue Impulse gesetzt.
Traditionelle Kleidungsstücke der Inuit waren bei Besuchern der Arktis sehr beliebt, und sie fanden rasch Abnehmer. Sie wurden nicht nur hier im Norden ihrem Zweck entsprechend getragen: Ihre Besitzer brachten sie vor allem auch als Souvenirs mit in den Süden und sorgten so dafür, dass Inuit-Handarbeiten allgemein bekannt wurden. Mit den Jahren, in denen sich das Transportwesen in die arktischen Gebiete ständig verbesserte, wuchs auch das Interesse des breiten Handels an solchen Handarbeiten, vor allem an Kamik (Fellstiefeln), Handschuhen und Amauti (Frauen-Parkas). Auch Tragetaschen und Wandbehänge aus Robbenhaut und kunstvolle Puppen aus verschiedensten Materialien wurden von den Frauen für den Verkauf hergestellt und mit Glasperlenstickerei oder traditionellen Designs geschmückt.
Umwelteinflüsse Welche Auswirkungen Umwelteinflüsse auf das künstlerische Verhalten der Inuit ausübten, zeigt sich z. B. daran, dass sich im Laufe des 19. Jahrhunderts mit dem Verschlechtern der klimatischen und damit zugleich der Überlebensbedingungen auch die technischen Standards und jegliche Art künstlerischer Ausdrucksweise der Inuit rückläufig entwickelten. Schnitzereien und Dekorationen an Gebrauchsgegenständen wurden nun wesentlich seltener und deutlich weniger differenziert durchgeführt als zuvor.
Zeitgenössische Kunst – Anfänge im 20. Jahrhundert Bei solcher Vorgeschichte nimmt es nicht wunder, dass die heute als charakteristisch bekannte und allgemein übliche Bildhauerkunst (Steinschnitzerei, engl. „carving“) der Inuit ihren Anfang erst gegen Ende der 1940er Jahre nahm – zu der Zeit, als die Inuit aus traditionellen Camps in feste Siedlungen zogen. Zunehmende Kontakte mit Weißen („Qallunaat“ in Inuktitut) – auch als Auftraggeber – und gezielte Förderung durch die kanadische Bundesregierung, der daran gelegen war, den Inuit andere Einkommensquellen als nur das Jagen zu erschließen, gaben den Anstoß für die neuartige Kunstrichtung.
mini|Inuit-Steinschnitzer in seiner Arbeitshütte (Napatsi Ashuna, Cape Dorset 1999) mini|Kiugak Ashuna (1933–2014, Cape Dorset): Iglu zerstörender Riese (1999) Wer sich mit den damals neu entfalteten Kunstformen auseinandersetzt, ist beeindruckt von deren Ursprünglichkeit, Detailgenauigkeit und Ausdruckstiefe. Inuit haben ein fast unbegrenztes, auf Erfahrung gegründetes Vertrauen in ihre schöpferischen Fähigkeiten, und ihre Einfühlsamkeit in technische Strukturen und Abläufe ist für Außenstehende verblüffend. Man mag zu Recht bedauern, dass sich die Lebensweise der Inuit in den vergangenen Jahrzehnten unter eurokanadischem Einfluss wesentlich verändert hat und dabei kaum Zeit für abfedernde Anpassung blieb. Zudem mag man beklagen, dass viele der betroffenen Menschen derzeit weder in der neuen Kultur noch in der ihrer Vorfahren heimisch sind. Etwas Außergewöhnliches hat jedoch das Aufeinandertreffen der traditionellen Kultur der Inuit mit der einer westlichen Industrienation bewirkt: eine ungeheure Dynamisierung auf künstlerischem Gebiet, einen Aufbruch mit ungeahnter Kraft.
Das wachsende Kaufinteresse an künstlerischen Arbeiten mit typischem Inuit-Charakter weckte zu Bemühungen politischer, insbesondere aber an der Vermarktung interessierter Kreise, künstlerische Talente in möglichst allen Inuit-Siedlungen zu entdecken und zu fördern. Kunst sollte zukünftig eine wichtige Rolle bei der wirtschaftlichen Wertschöpfung übernehmen. Im Laufe der Zeit bildeten sich so infolge der verhältnismäßig abgeschiedenen Lage der einzelnen Siedlungsgebiete regionale Charakteristika heraus, die insbesondere vom Vorhandensein bestimmter Rohmaterialien, aber auch von Schulung und Beratung, Geschmack und Verkaufserfolg der Künstler geprägt wurden. Den Bedürfnissen folgend entwickelt sich zunächst das herkömmlich-funktionsgebundene Gestalten weiter, vor allem als Design für traditionelle Gebrauchs- und kunstgewerbliche Gegenstände. Daneben entstehen jedoch bald auch nicht zweckgebundene, echte Kunstwerke. mini|links|Qaunaq Mikkigak (* 1932, Cape Dorset): Mann und Mutter mit Kind (2000) mini|links|Annie Ainirlik Parr (* 1961, Cape Dorset): Steinzeichnungen (1997)
Skulpturen
mini|Itulu Itidluie (* 1946, Cape Dorset): Seetaucher (1998) Dieses neue künstlerische Schaffen konzentrierte sich anfangs auf Skulpturen. Als Rohstoffe dienen vor allem traditionell verwendete, in der Arktis vorkommende Materialien: Serpentin („Schlangenstein“) und Serpentinit (Serpentinschiefer) sowie Marmor (Kalziumkarbonat), aber auch andere Gesteinsarten wie Dolomit (Kalzium-Magnesium-Karbonat) und Quarz (Siliziumdioxid) – seltener der für künstlerische Figuren zu weiche „Speckstein“ (Steatit), obwohl sich gerade diese Mineralienbezeichnung im Handel am ehesten durchgesetzt hat und sich bis heute hält. Auch Materialien tierischen Ursprungs wie Karibugeweihteile und (je nach Vorkommen der Tiere) Elfenbein von Walrosszähnen und Narwalstoßzähnen sowie Tierknochen finden nach wie vor verbreitet Anwendung. Eine Besonderheit bilden die in Rankin Inlet ausgeführten keramischen Arbeiten, die Tonminerale als Rohstoff benötigen – eine importierte Technik.
Anfangs wurden die Skulpturen in Handarbeit mit Beil, Meißel und Hammer ausgeführt; inzwischen haben sich allgemein Elektrogeräte durchgesetzt (nur manche ältere Frauen arbeiten weiterhin ohne elektrisches Werkzeug). Poliert wird mit Schleifpapieren verschiedenster Körnung.
Die Motive für die Skulpturen sind durch Tradition und Alltag der Inuit bestimmt, aber auch durch Verlockungen des Kunstmarkts. Eisbären finden derzeit besonderen Anklang, und so überwiegt zahlenmäßig deren Darstellung in immer neuen Varianten. Doch entstammen auch andere Motive der arktischen Tierwelt, etwa Robben, Karibus und Vögel. Viele Skulpturen stellen Menschen dar – Jäger, Fischer, Mutter und Kind, teils statisch-realistisch, teils narrativ (z. B. Campszenen). Breiten Raum nehmen Skulpturen ein, die auf der traditionellen animistischen Religion der Inuit beruhen, so die Darstellung von Schamanen oder von Verwandlungen (Menschen in Tiere und umgekehrt).
Das bildhauerische Schaffen der Inuit unterscheidet sich in einer Hinsicht wesentlich von dem europäischer Künstler: Bei Europäern steht das Motiv im Vordergrund; das Material (Stein, Bronze usw.) hat sich dem zu unterwerfen. Inuit sehen sich dagegen den Stein genau an, den sie zu einer Skulptur verarbeiten wollen, um ihm das Motiv zu entlocken, das in ihm verborgen ist; sie lassen sich durch das Material und dessen Form inspirieren. Wenn sie z. B. einen Gesteinsbrocken gefunden haben, der in ihren Augen einen Eisbären umschließt, dann entsteht unter ihren Händen eine entsprechende Skulptur. Anders als europäische Künstler halten Inuit-Künstler auch keines ihrer Werke bei sich vorrätig; die Skulptur wird unmittelbar nach Fertigstellung zur Kooperative oder zu einem ortsansässigen Händler gebracht, damit sie sich so rasch wie möglich in barer Münze auszahlt. Kunst dient dem Geldverdienen, nicht der Selbstverwirklichung.
Zeichnungen und Drucke