Der Islam gehört zu den traditionellen Religionen auf dem Gebiet der heutigen Russischen Föderation und ist in einigen Regionen wie dem Nordkaukasus seit über 1300 Jahren verbreitet. Politisches und kulturelles Zentrum des Islams in Russland war und ist Kasan. Kasan gilt als die heimliche „islamische Hauptstadt“ neben der offiziellen Hauptstadt Moskau. mini|Die Kuppel der neu erbauten Moskauer Kathedralmoschee

Gegenwärtige Situation

Demographie und Geographie mini|Gebiete in Russland mit einer muslimischen Mehrheit Über die Gesamtzahl der in der Russischen Föderation lebenden Muslime gibt es keine Einigkeit. Offizielle Statistiken existieren darüber nicht. Auch staatliche Organisationen verfügen nicht über solche Daten. Alle offiziellen Zahlen sind von Zählungen der ethnischen Gruppen abgeleitet, die als muslimisch gelten. Ein Problem besteht allerdings darin, dass viele sogenannte ethnische Muslime jedoch in Wirklichkeit Atheisten bzw. Konfessionslose sind.Nach Fischer Weltalmanach 2008, S. 394 und Spiegel Almanach 2002, S. 328 sind bis zu 33–35 % aller Staatsbürger konfessionslos. Da es unmöglich ist, eine genaue Zahl praktizierender Islamanhänger gegenüber „ethnischen Muslimen“ und Anhängern der anderen Religionen zu ermitteln, gibt es nur Schätzungen, die allerdings sehr stark schwanken. Nach dem Fischer-Weltalmanach von 2008 beträgt die Anzahl der Muslime 19–22 Millionen, was 13–15 % der Gesamtbevölkerung entspricht.Vgl. Fischer Weltalmanach 2008, S. 394 und 617, aber auch Präsident Putin sprach von 2003 gegenüber „Gaseta“ (Nr. 148 vom 15. August 2003) von 20 Mio. Die US-Amerikanerin Shireen Hunter schätzte die Anzahl der Muslime 2002 auf 18 bis 20 Millionen, womit sie 12 bis 13,8 Prozent der Bevölkerung der Russischen Föderation bildeten.Vgl. Hunter: Islam in Russia. 2004, S. 44.

Die muslimischen Gemeinschaften leben über die 85 Föderationssubjekte der Russischen Föderation verteilt. Sogar auf der Kamtschatka-Halbinsel leben 30.000 Muslime. Die meisten Muslime leben allerdings im Nordkaukasus sowie an der mittleren Wolga und im Ural.Vgl. Hunter: Islam in Russia. 2004, S. 45f. Die größte Konzentration von Muslimen in der Wolga-Ural-Region besteht in den Republiken von Tatarstan und Baschkortostan, die zusammengenommen eine geschätzte muslimische Bevölkerung von vier Millionen haben. Weitere 3,2 Millionen Muslime leben in Zentralrussland. Zusätzliche zwei bis drei Millionen leben in und um Moskau und Sankt Petersburg.Vgl. Hunter: Islam in Russia. 2004, S. 46.

Ethnische Verteilung Der Islam ist vor allem die Religion von zahlreichen ethnischen Minderheiten in Russland. Das zahlreichste muslimische Volk in Russland sind die Tataren. Mit rund 6 Millionen Angehörigen sind sie das nach den Russen (80 %) zweitgrößte Volk (4 %) und zugleich auch die größte Minderheit des Vielvölkerstaates. Nur ein Drittel der Tataren lebt in Tatarstan (Kasan), wo sie gut 50 % der Bevölkerung stellen, knapp 40 % sind Russen. Außerhalb der autonomen Republik erstreckt sich ihr Siedlungsgebiet entlang der Wolga und des Ural, zusammen mit den anderen muslimischen Völkern bis zum Nordkaukasus bzw. bis nach Mittelasien.

Weitere bedeutende muslimische Völker sind die den Tataren verwandten und benachbarten Baschkiren (1,5 Millionen), von denen zwei Drittel in ihrer autonomen Republik leben (Baschkortostan ist die flächenmäßig größte und bevölkerungsreichste der muslimischen Autonomien Russlands), dort aber nur knapp 30 % der Bevölkerung ausmachen (gegenüber 40 % Russen und 25 % Tataren).

Größtenteils aus ihren ehemals sowjetischen Nachbarstaaten in Mittelasien und im Kaukasus nach Russland eingewandert sind Kasachen und Aserbaidschaner. Weitere zahlenmäßig große mehrheitlich muslimische Völker sind die Tschetschenen und die ihnen nahe verwandten Inguschen, die auf drei Kaukasusrepubliken verteilten Tscherkessen, die Awaren und die Darginer in Dagestan, sowie die in Dagestan und im benachbarten Aserbaidschan lebenden Lesgier.

Indigene, mehrheitlich muslimische Völker der Kaukasusrepubliken bilden die Bevölkerungsmehrheit in Tschetschenien, Inguschetien, Kabardino-Balkarien, Dagestan und Karatschai-Tscherkessien. Damit stellt der Nordkaukasus das zweitwichtigste, kompakte muslimische Siedlungsgebiet in Russland dar; etwa 10 % aller Muslime Russlands leben z. B. in Dagestan.

Die turkstämmigen Tschuwaschen (Tscheboksary an der Wolga) und die iranischstämmigen Osseten (Wladikawkas im Kaukasus) sind zwar mehrheitlich christlich-orthodox, eine Minderheit beider Völker bzw. ihrer beiden Republiken bekennt sich jedoch zum Islam. Zahlreiche Muslime leben auch in den russischen Großstädten Moskau, Sankt Petersburg, Iwanowo, Twer, Jaroslawl, Kaliningrad, Astrachan, Orenburg, Nischni Nowgorod und Troizk sowie in den Oblasten Tscheljabinsk, Kurgan und Tjumen und im Autonomen Kreis der Chanten und Mansen.

In Tatarstan gibt es außerdem einige russische Konvertiten – besonders in Kasan, wo etwa jede dritte Ehe eine Mischehe ist. Heute gibt es 7000 Moscheen in Russland, davon 5000 im Nordkaukasus, unter ihnen die (bis 2005) größte Moschee Russlands in Machatschkala (Dagestan).

Die Geburtenrate der muslimischen Völker Russlands ist höher als jene der Russen und christlichen Völker. Trotz Krieg soll seit der Unabhängigkeit Russlands die Zahl der Tschetschenen um 50 % gestiegen sein, die der Lesgier um 60 %, die der Inguschen sogar um 90 %. Diese offiziellen Zahlen werden jedoch von russischen Oppositionspolitikern angezweifelt. Tatsächlich liegt auch die Geburtenrate der Tataren als größte islamische Minderheit deutlich unter Reproduktionsniveau.demoscope.ru

Das DUM-System und der Muftirat mini|Präsident Putin 2001 beim Empfang verschiedener russisch-islamischer Würdenträger, darunter Rawil Gainutdin, dem er gerade die Hände schüttelt, und Talgat Tadschuddin (ganz rechts). Während in der sowjetischen Periode das religiöse Leben der muslimischen Regionen auf dem Gebiet der heutigen Russischen Föderation nur von zwei Institutionen organisiert wurde, nämlich der „Geistlichen Verwaltung der Muslime des Europäischen Teils der UdSSR und Sibiriens“ (Duchownoje uprawlenije Musulman ewropejskowo tschasti SSSR i Sibiri; DUMES) mit Sitz in Ufa und der „Geistlichen Verwaltung der Muslime des Nordkaukasus“ (Duchownoje uprawlenije Musulman Sewernowo Kawkasa; DUM SK) mit Sitz in Machatschkala, gibt es heute eine Vielzahl islamischer Organisationen, wodurch eine starke Fragmentierung der islamischen administrativen Strukturen eingetreten ist.Vgl. Hunter: Islam in Russia. 2004, S. 46f. So existierten Ende des Jahres 2000 allein in der Republik Dagestan 1.099 muslimische Organisationen.Vgl. Hunter: Islam in Russia. 2004, S. 50. Viele dieser Organisationen bezeichnen sich nach dem überkommenen Modell als „Geistliche Verwaltung der Muslime“ (Duchownoje uprawlenije Musulman; abgekürzt DUM) eines bestimmten Gebiets, um damit ihren allgemeinen Vertretungsanspruch für die Muslime dieser Region zum Ausdruck bringen.

Die beiden größten muslimischen Dachorganisationen der Russischen Föderation sind gegenwärtig die Zentrale Geistliche Verwaltung der Muslime Russlands (ZDUM), die in der Tradition der Orenburger Geistlichen Versammlung steht, und der Rat der Muftis Russlands (SMR), der den Anspruch erhebt, die Autorität aller Muftis der Russischen Föderation zu repräsentieren.Vgl. Michael Kemper: Mufti Ravil' Gainutdin: The Translation of Islam into Language of Patriotism and Humanism in Alfrid K. Bustanov und Michael Kemper (Hrsg.): Islamic Authority and the Russian Language: Studies on Texts from European Russia, the North Caucasus and West Sibiria. Pegasus, Amsterdam, 2012, S. 105–142. Hier S. 105–107. Beide Organisationen haben mehrere regionale Unterorganisationen. Zum Muftirat gehören zum Beispiel die DUM des europäischen Teils Russlands unter Leitung von Rawil Gainutdin, die DUM des asiatischen Teils Russlands unter Leitung von Nafigulla Aschirow, die DUM der Republik Tatarstan unter Kamil Samigullin und die DUM der Republik Baschkortostan unter Nurmuchamet Magafurowitsch Nigmatullin. Die ZDUM wird von Mufti Talgat Tadschuddin geleitet, der Muftirat von Mufti Rawil Ismagilowitsch Gainutdin. Die beiden Männer – der eine Baschkire, der andere Tatare – rivalisieren auch persönlich miteinander um Einfluss innerhalb der muslimischen Gemeinschaft und bei der russischen Führung.Vgl. Hunter: Islam in Russia. 2004, S. 103–112. Rawil Gainutdin hat seine bisher auf den europäischen Teil Russlands beschränkte DUM im September 2014 in Geistliche Verwaltung der Muslime der Russischen Föderation (Duchownoje uprawlenije musulman Rossijskoj Federazii; DUM RF) umbenannt, um auf diese Weise deren gesamtrussischen Vertretungsanspruch zum Ausdruck zu bringen.Vgl. den Bericht vom 21. August 2014 auf der Seite der DUM RF.

Islamische Infrastruktur mini|Kadyrow-Moschee in Grosny Während zu Beginn des Liberalisierungsprozesses unter Gorbatschow nur 94 Moscheen auf dem Gebiet der heutigen Russischen Föderation bestanden, stieg ihre Anzahl bis zum Jahr 2000 auf insgesamt 7.000.Vgl. Hunter: Islam in Russia. 2004, S. 64. Allein in Dagestan wurden bis zum Jahr 2000 1.585 Moscheen errichtet.Vgl. Hunter: Islam in Russia. 2004, S. 66. Im Jahr 2005 entstand in Kasan (Tatarstan) die Kul-Scharif-Moschee als größte Moschee Russlands (nach der Auffassung der russischen Regierung die größte Moschee Europas); sie wurde durch die 2008 eröffnete Achmat-Kadyrow-Moschee in Grosny (Tschetschenien) übertroffen.

Des Weiteren sind seit 1990 zahlreiche islamische Bildungsinstitutionen gegründet worden, so zum Beispiel das Russische Islamische Institut in Kasan. In Baschkortostan gab es 2002 insgesamt 419 muslimische Organisationen, die eine basale islamische Ausbildung anboten.Vgl. Hunter: Islam in Russia. 2004, S. 71. Auch Moskau verfügt über eine Anzahl islamischer Bildungsinstitutionen, so zum Beispiel das Moskauer Islamische Kolleg, das eine Imam-Ausbildung anbietet und mit der DUMER verbunden ist.Vgl. Hunter: Islam in Russia. 2004, S. 72. Seit der Machtübernahme Putins bemüht sich die russische Führung darum, das muslimische Erziehungssystem stärker unter staatliche Kontrolle zu bringen.Vgl. Hunter: Islam in Russia. 2004, S. 74.

Darüber hinaus gibt es eine große Anzahl islamischer Medien. Zu den bedeutendsten muslimischen Zeitschriften, die in Moskau erscheinen gehören die monatliche Zeitschrift Islam Minbare, die 1994 gegründet wurde, von DUMER herausgegeben wird und die Sicht des Russischen Mufti-Rats wiedergibt, sowie Tribuna Islam, die seit 1994 ebenfalls von DUMER herausgegeben wird und eine Auflage von 10.000 hat.Vgl. Hunter: Islam in Russia. 2004, S. 75. Die DUMER unterhält auch ein eigenes Radio- und Fernsehprogramm.Vgl. Hunter: Islam in Russia. 2004, S. 77f. Die muslimischen Journalisten der Russischen Föderation haben sich 2003 in der Union der muslimischen Journalisten zusammengeschlossen, einer Organisation, die dem Russischen Mufti-Rat nahesteht.Vgl. Hunter: Islam in Russia. 2004, S. 76. Für den Informationsaustausch unter den Muslimen Russlands sind außerdem die beiden Websites Islam.ru und Islamnews.ru von großer Bedeutung.Weitere Websites nennt Akhmetova: „Russia“. 2013, S. 563. Islamnews.ru ist seit 2007 eine Informationsagentur und tritt auch als Sponsor von Konzerten auf.Vgl. Dm. W. Makarow: „Islamnews.ru“ in Damir Z. Chajretdinov (Hrsg.): Islam w Moskwe: enziklopeditscheskij slowarj. ID „Medina“, Nischnij Nowgorod, 2008, S. 92b-93a.

In den frühen 1990er Jahren wurden verschiedene Bemühungen unternommen, in Russland auch einen islamischen Wirtschaftssektor mit islamischen Banken, islamischen Versicherungen, Waqf-Stiftungen sowie Organisationen zur Einsammlung und Verteilung der Zakāt aufzubauen. Die meisten dieser Bemühungen blieben jedoch erfolglos.Vgl. Renat I. Bekkin: Islamskaja ekonomika: kratkij kurs. AST, Moskva, 2008, S. 216–244.

Unterschiedliche Schattierungen des Islams