Robert von Pöhlmann (* 31. Oktober 1852 in Nürnberg; † 27. September 1914 in München) war ein deutscher Althistoriker, der als Professor an den Universitäten Erlangen und München lehrte.

Leben Pöhlmann war einziges Kind des Nürnberger Kaufmanns Moritz Pöhlmann und dessen Ehefrau Lona, geb. Barthelmeß. Nach Erwerb des Abiturs am Alten Gymnasium, dem heutigen Melanchthon-Gymnasium, in seiner Geburtsstadt NürnbergHelmut Berve: Robert von Pöhlmann und Walter Otto. In: Geist und Gestalt. Biographische Beiträge zur Geschichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften vornehmlich im zweiten Jahrhundert ihres Bestehens. Band 1: Geisteswissenschaften. C. H. Beck, München 1959, S. 186–195, hier S. 186–190, hier S. 195 (publikationen.badw.de). studierte er von 1870 bis 1876 (1874 bis 1875 unterbrochen vom Referendariat) an der Universität München (bei Wilhelm Giesebrecht und Heinrich Brunn) und der Universität Göttingen (bei Georg Waitz und Georg Hanssen) Geschichte, Klassische Philologie und Nationalökonomie. Wilhelm Roscher regte ihn zu sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Forschungen an, mit denen er, „frei von philologischer oder klassizistischer Einengung“ damals, zumal für den Bereich der Alten Geschichte, Neuland betrat und einer neuen Art moderner Kulturgeschichte den Weg bahnte.Helmut Berve: Robert von Pöhlmann und Walter Otto. In: Geist und Gestalt. Biographische Beiträge zur Geschichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften vornehmlich im zweiten Jahrhundert ihres Bestehens. Band 1: Geisteswissenschaften. C. H. Beck, München 1959, S. 186–195, hier S. 187 (publikationen.badw.de). Während seines Studiums wurde er Mitglied des AGV München im Sondershäuser Verband.Otto Grübel, Sondershäuser Verband Deutscher Studenten-Gesangvereine (SV): Kartelladreßbuch. Stand vom 1. März 1914. München 1914, S. 109. Nach der Ablegung des ersten und zweiten Staatsexamens für das Lehramt an Gymnasien wurde er 1875 mit der mediävistischen Arbeit Der Römerzug Kaiser Heinrichs VII. und die Politik der Curie, des Hauses Anjou und der Welfenliga von Waitz in München promoviert. Die Arbeit wurde mit „summa cum laude“ bewertet.Laetitia Boehm: Zum Geleit. Mit einigen Aspekten zur Frühgeschichte des Universitätslehrfaches Alte Geschichte im 19. Jahrhundert. In: Jakob Seibert (Hrsg.): 100 Jahre Alte Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München (1901–2001) (= Ludovico Maximilianea. Forschungen und Quellen. Band 19). Duncker & Humblot, Berlin 2002, ISBN 3-428-10875-2, S. 7–20, hier S. 16. Heute wird sie zwar nicht als spektakulär, aber als solide angesehen, gelobt wird die Nutzung neuer Quellen.

Drei Jahre nach seiner Promotion legte Pöhlmann eine weitere vielbeachtete Studie vor, diesmal eine im Bereich der Frühen Neuzeit angesiedelte Arbeit zur Wirtschaftsgeschichte der Renaissance in Florenz. Anschließend wechselte er mit seiner Habilitationsschrift aber in das Fachgebiet der Alten Geschichte, die für den Rest seines Lebens sein Forschungsschwerpunkt blieb. Trotzdem hielt er durch epochenvergleichende Fragestellungen und durch sein Bemühen um Gegenwartsbezug seiner Forschungen die Verbindung zu den nachantiken Geschichtsperioden, mit denen er sich in seinen früheren Arbeiten befasst hatte, weiterhin aufrecht. Ein solcher Wechsel „zwischen den Epochen“ war im 19. Jahrhundert anders als heute keineswegs gänzlich unüblich (so hatte etwa Johann Gustav Droysen zunächst über die Antike gearbeitet, bevor er sich der Neuzeit zuwandte). Die 1879 an der Universität Erlangen vorgelegte Habilitationsschrift trug den Titel Hellenistische Anschauungen über den Zusammenhang zwischen Natur und Geschichte. Dieser Einstieg in die Altertumswissenschaft gilt auch heute noch als sehr originell. Das Thema ging auf die Verteidigung seiner Doktorarbeit am 22. Juli 1875 zurück, bei welcher er bereits Thesen zu eben dieser Fragestellung diskutiert hatte.

1884 wurde er in Erlangen außerordentlicher Professor auf dem neu geschaffenen Lehrstuhl für Alte Geschichte, 1886 schließlich ordentlicher Professor. In dieser Zeit entstand auch sein Hauptwerk, die 1893–1901 in zwei Bänden erschienene Geschichte des antiken Kommunismus und Sozialismus, der er in der zweiten Auflage von 1912 den treffenderen Titel Geschichte der sozialen Frage und des Sozialismus in der antiken Welt gab (die dritte Auflage erschien postum 1925 in der Bearbeitung von Friedrich Oertel). Pöhlmann ging hier von einem grundsätzlichen Gegensatz zwischen „Kapital“ und „Arbeit“ in den griechischen Poleis und im Imperium Romanum sowie von der Existenz quasi-sozialistischer Gruppierungen in der Antike aus und setzte sich mit den Reformprojekten und Sozialutopien antiker Philosophen, Historiker und Sozialreformer wie Solon, Lykurg, Agis IV., Kleomenes III., Tiberius und Gaius Gracchus und Lucius Appuleius Saturninus auseinander, wovon er sich im folgenden Abschnitt näher behandelte politische Einsichten zu aktuellen politischen Auseinandersetzungen versprach. Zum Sommersemester 1901 wechselte er als Ordinarius für Alte Geschichte nach München auf einen dort ebenfalls neu eingerichteten Lehrstuhl, nachdem Eduard Meyer den Ruf dorthin abgelehnt hatte.Jens-Uwe Krause: Robert von Pöhlmann. Professor in München 1.4.1901 – 27.9.1914. In: Jakob Seibert (Hrsg.): 100 Jahre Alte Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München (1901–2001). Duncker & Humblot, Berlin 2002, ISBN 3-428-10875-2, S. 40–49, hier S. 41.

In der Linie seines großangelegten wirtschaftsgeschichtlichen und sozialkritischen Werks zum „antiken Sozialismus“ lag seine 1907 vorgelegte Studie über eines der bedeutendsten Kapitel der Sozialgeschichte der späten römischen Republik Zur Geschichte der Gracchen.Robert von Pöhlmann: Zur Geschichte der Gracchen. In: Sitzungsberichte der philosophisch-philologischen und der historischen Klasse der königlich bayerischen Akademie der Wissenschaften zu München 1907. Verlag der K.B. Akademie der Wissenschaften. München 1907, S. 443–494. 1913 übernahm Pöhlmann von Iwan von Müller die Herausgeberschaft des Handbuches der Altertumswissenschaft, eine Tätigkeit, die ein Jahr später durch seinen Tod ein frühes Ende fand. Er war der Vater des Dermatologen August Poehlmann.

Leistungen Pöhlmann beschäftigte sich intensiv mit Platon und Aristoteles sowie anderen antiken Autoren wie Cicero, Dikaiarchos, Ephoros, Hesiod, hippokratischen Schriften, Isokrates, Poseidonios, Sallust, Solon, Strabon und Theognis. Charakteristisch war die Auseinandersetzung nicht nur mit historischer, sondern auch mit geografischer, ethnographischer und philosophischer Literatur sowohl der Antike wie der Moderne. Ungewöhnlich und neu war seinerzeit der Schwerpunkt seiner Forschung auf Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschichte, der er eine hohe Gegenwartsrelevanz beimaß. Er beschäftigte sich mit der Demografie antiker Städte, römischer Wirtschaftsgeschichte und Gesellschaftsstruktur und ganz besonders mit dem antiken Kapitalismus. Hier setzte er sich vor allem mit den Theorien von Karl Marx auseinander.

Ein Antriebsgrund seiner Forschung war, dass Pöhlmann die Bedeutung der Altertumswissenschaften für die aktuellen Zeitfragen aufzeigen und das in die Kritik geratene humanistische Gymnasium als Idee stützen wollte, indem er ihm die Aufgabe politischer Bildung anhand des Studiums der antiken Gesellschafts- und Staatstheorie und einschlägiger Beispiele aus der Alten Geschichte zuwies. Diese hielt er für besonders geeignet, die Ursachen und Folgen gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen zu studieren und frei von persönlichen Interessen und Parteinahmen zu bewerten, wovon er sich eine Förderung der politischen Urteilskraft freier Bürger versprach.Robert von Pöhlmann: Die Bedeutung der Antike für staatsbürgerliche Belehrung und Erziehung. Festrede gehalten in der Eröffnungsversammlung des Münchner Vereins der Freunde des humanistischen Gymnasiums im Auditorium Maximum der Universität. In: Humanistisches Gymnasium 25, 1, 1914, S. 1–24, besonders S. 1–6, die folgenden Zitate S. 6, S. 10; S. 9; S. 14; S. 13; S. 19. Zur Bodenreform S. 8 f.; zur Bedrohung der Wehrhaftigkeit des Staates durch Landflucht und Pauperismus S. 9; zum Zensuswahlrecht S. 12–19, besonders S. 16; zur Toleranz S. 22–24. Dem erstrebten Zweck entsprechend widmete er sich intensiv der Erforschung antiker Reformkonzepte und Sozialutopien, die er nicht nur ausführlich und quellengesättigt darstellte, sondern auch quellen- und ideolologiekritisch analysierte. Die wichtigsten Punkte, an denen er seine Kritik festmachte, waren der romantische Irrationalismus, die Rückprojektion der eigenen Ziele in eine idealistisch verklärte Pseudohistorie zum Zweck der Legitimation, die rationalistisch respektive szientistisch begründete radikale Infragestellung alles Bestehenden und aller Tradition, die Überschätzung der Gestaltungsmöglichkeiten sozialer und ökonomischer Verhältnisse durch Gesetzgebung und die wirklichkeitsfremden Heilserwartungen der antiken und modernen Theoretiker. Durch methodisch wegweisende quellenkritische Überlegungen, ethnographische Vergleiche und Kontextualisierung gelang ihm zum einen der Nachweis des weitgehend fiktionalen, idealisierenden und von den Interessen der antiken Gesellschafts- und Staatstheoretiker und Sozialreformer geprägten Charakters der Darstellungen der Gesellschaften vormoderner Stammeskulturen, der Lykurgischen Reformen und der spartanischen Gesellschaftsordnung bei antiken Historikern, Philosophen und Dichtern. Zum anderen führte ihn sein methodischer Ansatz zur Widerlegung damals gängiger aus antiken Quellen kritiklos übernommenen Forschungsparadigmata, etwa der Lehre eines griechischen und gemeineuropäischen Urkommunismus ohne Privateigentum.