mini|hochkant=1.3|Modell des rekonstruierten Quadrifrons vor den Originalüberresten des Heidentors, Ansicht von Norden

Das Heidentor ist ein spätantikes Siegesdenkmal aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. in der niederösterreichischen Marktgemeinde Petronell-Carnuntum. Es steht in unmittelbarer Nähe des römischen Carnuntum, eines bedeutenden Legionslagers am Limes Pannonicus und Hauptstadt der Provinz Oberpannonien. Obwohl zu zwei Dritteln zerstört, hinterlässt die Ruine bei ihren Besuchern auch heute noch einen imposanten Eindruck; sie hat besser als alle anderen Bauwerke der antiken Stadt die Zeiten überdauert. Zwischen den Jahren 1998 und 2001 wurde das Denkmal aufwändig untersucht und anschließend nach den damals neuesten wissenschaftlichen Methoden von Grund auf restauriert und konserviert. Das Heidentor ist heute eines der bekanntesten Monumente am pannonischen Limes und Symbol des römischen Österreich.

Name Die Benennung des Monumentes als heydnisch Tor kam im Mittelalter auf, da der Volksglaube alles römische als heidnisch bezeichnete; in weiterer Folge nahm man an, dass es das Grabmal eines Riesen sei.Rudolf Noll: Das „Heidentor“ von Carnuntum im Mittelalter. In: Unsere Heimat (Niederösterreich). NF 21, 1950, S. 147–149. Der Colmarer Dominikanerchronist verfasste im 13. Jahrhundert eine Beschreibung der deutschen Lande, in der auch das Heidentor erwähnt wird:Monumenta Germaniae Historica, Scriptores in Folio, Band 17, Hannover 1861, S. 238 (Digitalisat).

Der Vierpfeilerbau muss zu dieser Zeit etwas besser oder vielleicht noch vollständig erhalten gewesen sein und wurde deshalb wohl als Mausoleum angesehen. In der Umgebung Wiens gab es damals kein Gebäude, das mit dem Heidentor vergleichbar gewesen wäre.Jobst, 1983, S. 15; Obermayer 1967, S. 222.

Datierung und Funktion mini|Solidus Constantius’ II. mini|Weihealtar für Jupiter

Historischer Kontext und Funktion des Bauwerkes konnten lange nicht geklärt werden. Frühere Deutungsversuche als Stadt- oder eine Art Straßentor, das eine Kreuzung überspannte, oder als Grabmonument und Ehrenbogen zur Erinnerung an die historisch bedeutsame Kaiserkonferenz von Carnuntum im Jahr 308 n. Chr. (auch der ungarische Wissenschaftler Sándor Soproni hielt es für ein Denkmal: „von unbedingt kultischem und symbolischem Charakter“) mussten wieder verworfen werden. Die Kreuzung der beiden Lagerhauptstraßen war in einem römischen Kastell auch immer der Standort für die Aufstellung eines Vermessungsgerätes (locus gromae), der Groma. Wie die Bauinschrift des Jahres 267/268 im Legionslager Lambaesis zeigt, wurde Groma auch als Begriff für ein dort errichtetes Bogenmonument verwendet. Eine ähnliche Lösung wie beim Heidentor in Form eines hohen Rundsockels liegt bei keinem Groma-Bau in keinem der bekannten Legionslager vor. Die Verbauung eines stark frequentierten Verkehrsraums würde man sich in einem Militärlager auch kaum erwarten. Auch das Heidentor kann, alleine schon wegen des zentralen Rundsockels, nicht über einer Straßenkreuzung gestanden haben. Die Wahl eines Quadrifrons als Inszenierung des Mittelpunkts lassen es aber als durchaus denkbar erscheinen, dass das er eventuell auch als Groma-Gebäude konzipiert wurde. So könnte das Monument z. B. bei der Neuausmessung des Legionslagers als Bezugspunkt eine Rolle gespielt haben. Das Heidentor knüpft zwar auch in punkto seiner Architektur an Vorbauten der Principia in einigen Legionslagern an, muss aber als ein isoliert im suburbanen Umfeld platziertes Monument eine andere Funktion erfüllt haben.Michael Doneus, Christian Gugl, Nives Doneus: Die Carnuntiner canabae – ein Modell für römische Lagervorstädte? Von der Luftbildprospektion zur siedlungsarchäologischen Synthese (= Der römische Limes in Österreich. 47). Wien 2013, S. 203ff.

Die Auswertung der Grabungsergebnisse und die Analyse seiner Baustruktur ergaben, dass das Monument eindeutig der spätrömischen Periode zuzurechnen ist und nicht vor der Mitte des 4. Jahrhunderts n. Chr. entstanden sein kann. Die Fundzusammensetzung bestätigte auch, dass der Bauplatz überwiegend im späten 4. und frühen 5. Jahrhundert frequentiert wurde. Auch wäre es undenkbar, dass ein im Heidentor verbauter Weihealtar des Oberhauptes des römischen Pantheons, des Jupiter Optimus Maximus, vor der Regierungszeit des Kaisers Constantius II. (337–361) und dem Erlass seiner antiheidnischen Gesetze (354? und 356) dafür verwendet werden konnte. Es wird angenommen, dass die Errichtung des Monumentes 60 bis 80 Jahre später, in die Zeit der Alleinregierung des Constantius, genauer in die 350er Jahre, zu datieren ist. Darauf weist auch eine Textpassage bei Ammianus Marcellinus hin, in der erwähnt wird, dass Constantius

Dies fiel auch in die Zeit der Usurpation des Magnentius, 353 n. Chr.; nach seiner Beseitigung versuchte Constantius die Reichseinheit wieder herzustellen. 357 bis 359 hielt sich der Kaiser in Sirmium auf, von wo aus er Feldzüge gegen die Stämme der Quaden, Sarmaten und Limiganten führte. Nach deren erfolgreichen Abschluss hielt er dort einen Triumphzug ab und ließ einige Kastelle am mittleren Donaulimes wieder instand setzen. Mit dem Bau dieses Siegesdenkmals wurde zum letzten Mal ein markantes Zeichen der uneingeschränkten Macht und Unbesiegbarkeit Roms an diesem Abschnitt des hart umkämpften pannonischen Limes gesetzt, in einer Zeitperiode, in der das Römische Reich großen Umwälzungsprozessen in der Gesellschaft und dramatischen politischen bzw. militärischen Veränderungen ausgesetzt war. Nach den antiken Schriftquellen unternahm Constantius ab 357 bis zu seinem Abmarsch in den Osten im Jahr 359 von Sirmium aus Feldzüge, die sich auf die Teilprovinzen Pannonia Secunda, Valeria, Moesia Prima und deren Vorfeld beschränkten. Sein Aktionsradius im Nordteil Pannoniens reichte bis nach Aquincum und Brigetio, nicht jedoch bis Carnuntum. Als Alternative könnte man daher auch eine etwas spätere Entstehung des Monuments, eventuell unter Valentinian I. (364–375 n. Chr.), in Erwägung ziehen. Gerade unter der Herrschaft dieses Kaisers wurden in Carnuntum Bauvorhaben unbekannten Ausmaßes umgesetzt. Bei den Altgrabungen fand man im Legionslager eine Inschrift, entstanden zwischen den Jahren 367–375, das mit Bauarbeiten unter den Kaisern Valentinianus, Valens und Gratianus zu verbinden ist. Auch an zahlreichen anderen Plätzen des pannonischen und norischen Limes kann man eine Bautätigkeit in dieser Zeit nachweisen.Doneus/Gugl 2013, S. 210–211.

Lage Das Monument befindet sich auf einer etwas höher gelegenen Terrasse, der Standort wurde offensichtlich nach topografischen und städtebaulichen Gesichtspunkten ausgewählt. Das Achsenkreuz des Quadrifrons ist exakt an den Himmelsrichtungen ausgerichtet, was auch auf ein Gründungsritual schließen lässt. Man vermutete bisher, dass das Monument an einer stark befahrenen Straßenkreuzung im Stadtgebiet Carnuntums stand. Der zentrale Figurensockel schließt jedoch schon von vornherein eine Durchgangsfunktion aus, das Tor diente wohl nur als Baldachin für eine Kaiserstatue.Jobst, 2002, S. 6–10, 53–54. Der Standplatz des Monuments, „...der einen Zusammenhang mit den urbanistischen Gegebenheiten Carnuntums nicht erkennen ließ.“Jobst 2001, S. 20, hat zu zahlreichen Erklärungsversuchen geführt. Das das Heidentor umgebende Areal war jedenfalls keine komplett umbebaute Zone. Die Datierung von Gebäuderesten, die knapp 30 m südwestlich des Heidentors angeschnitten wurden, ist unklar. Auf den ersten Luftbildern der 1970er-Jahre zeichneten sich in der näheren Umgebung weder Grundmauern von Gebäuden noch Straßenzüge ab. Das nächste in einem Getreidefeld sichtbare Gebäude lag 200 m östlich des Monuments, 300 m westlich befanden sich ebenfalls Gebäudestrukturen, die als die einer Villa rustica gedeutet wurden. Neuere Luftbildauswertungen lassen annehmen, dass ein Straßenast östlich des Amphitheaters II in Richtung Heidentor führte, wobei aber unklar bleibt, wie die genaue Position des Monuments zu ihm war. Durch geophysikalische Messungen konnten zudem um das Heidentor zahlreiche Gräben entdeckt werden, die man zunächst als Überreste von drei temporären Marschlagern interpretierte. Eine zweite, detailliertere Auswertung der geophysikalischen Prospektionsdaten erbrachte jedoch zahlreiche weitere, unter Umständen auch nachantike Strukturen im südlichen Glacis der Zivilstadt, die berechtigte Zweifel an dieser Deutung aufkommen lassen. Weder die neueren Ausgrabungen, noch die in der Umgebung erfolgte geophysikalische Prospektion oder die Luftbildarchäologie konnten bisher beweisen, dass für den Standort des Monuments der Verlauf von Straßen oder gar eines Hauptverkehrswegs berücksichtigt wurde bzw. das Bauwerk in schon bestehende Siedlungsstrukturen hineingesetzt wurde. Die bei den jüngsten Grabungen beobachteten Kiesflächen könnte man auch als Reste einer Platzanlage deuten. Auch eine südwestlich des Quadriphons befindliche Straßenkreuzung lässt sich aus den veröffentlichten Grabungsunterlagen nicht nachvollziehen. Zusamengefasst handelte es sich beim Heidentor wohl um ein Memorialmonument in suburbaner Lage.Doneus/Gugl 2013, S. 201.

Entwicklung mini|hochkant=1.4|Lage des Heidentors in der Gegenwartslandschaft, Blick von Nordosten (2024)

Die Region um ein bis heute nicht lokalisiertes keltisches Siedlungs- und Machtzentrum wurde ab dem 1. Jahrhundert n. Chr. zum Sammelpunkt für die Expansion der Römer ins freie Germanien (Barbaricum). Der daran anschließende Aufstieg Carnuntums hing eng mit seiner günstigen Lage am Kreuzungspunkt zweier transkontinentaler Handelsrouten zusammen, der Donau und der Bernsteinstraße. Carnuntum entwickelte sich rasch zu einem der wichtigsten Siedlungs- und Verteidigungsschwerpunkte in den nördlichen Provinzen des Reiches. Bei geophysikalischen Untersuchungen wurden in der näheren Umgebung die Reste von temporären römischen Marschlagern identifiziert. Ihre zeitliche Einordnung muss erst durch weitere archäologische Grabungen geklärt werden. Vermutlich wurde das Gebiet um das Heidentor als Aufmarschzone bzw. zur Truppenkonzentration für die Grenzsicherung oder größere Feldzüge genutzt. Bemerkenswert ist auch, dass das Monument nicht direkt am Rand der Limesstraße (via iuxta Danuvium) oder an der Bernsteinstraße platziert, sondern vielmehr zwischen diesen beiden sehr stark frequentierten Verkehrswegen errichtet wurde. Bis ins frühe 5. Jahrhundert gelang es Rom unter großen Anstrengungen, die obere und mittlere Donaugrenze zu halten. Nach dem Untergang des weströmischen Reiches wurden Legionslager und Zivilstadt aufgegeben und verfielen. Die Gebäude wurden demoliert und ihr Baumaterial zweitverwendet – sogar im Mauerwerk des Wiener Stephansdoms konnten Steine aus Carnuntum nachgewiesen werden. Durch die jahrhundertelange Verwitterung von angewehtem Pflanzenmaterial wurden die meisten Fundament- und Mauerreste allmählich überdeckt; das heutige Bodenniveau liegt ca. eineinhalb Meter über dem antiken. Das Heidentor blieb im Gegensatz dazu über die Jahrhunderte weithin sichtbar.

Forschungsgeschichte mini|Umrissüberlagerung auf einer Schautafel (nach Klaus Müller) mini|Quadrifrons-Modell vor Ort (2024)