mini|Bleyle’s Knabenanzüge (1905) mini|Bleyle-Firmensitz bis ca. 1912 in der Stuttgarter Lindenspürstraße (2012)

Bleyle ist eine Modemarke, die am Ende des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts für ihre Strick- und Wirkwaren, insbesondere ihre Matrosenanzüge für Knaben, bekannt war. Sie geht zurück auf die 1889 in Stuttgart gegründete Wilhelm Bleyle oHG, die 1988 Konkurs anmeldete. Heute gehört die Marke Bleyle der EFC Beteiligungs GmbH mit Sitz in Sindelfingen, deren Lizenznehmer unter diesem Namen Damenunterwäsche und Bettwäsche produzieren.

Unternehmensgeschichte Gründerjahre mini|Der Firmengründer Wilhelm Bleyle (vor 1915) Im März 1889 gründete der aus dem österreichischen Feldkirch stammende Wilhelm Bleyle (1850–1915) in Stuttgart eine Garnhandlung mit „Fabrikation und Verkauf von gestrickten Waren“. Bleyle besaß fünf Strickmaschinen, etwa 5000 Goldmark Eigenkapital und beschäftigte acht Angestellte: einen Schneider, eine Näherin sowie fünf Stricker und Strickerinnen. Zuvor hatte er eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann im Zigarrenhandel in Ulm und berufliche Erfahrungen als Buchhalter und Handelsvertreter für die Stuttgarter Gold- und Silberwarenfabrik Märcklin & Co. gemacht, und führte von 1877 den Gemischtwarenladen eines Bruders in Feldkirch weiter, als dieser in die USA auswanderte. Im selben Jahr heiratete er Wilhelmine Veigel (1852–1910) aus Untertürkheim, mit der er sechs Kinder hatte, einer davon der Komponist Karl Bleyle. 1885 kaufte sich Bleyle eine Strickmaschine, zunächst nur für den privaten Gebrauch, um seine Kinder preiswert einzukleiden. Daraus entwickelte sich seine Geschäftsidee, die er 1889 in Stuttgart umsetzte. Im Unterschied zu anderen Strickwarenherstellern dieser Zeit ließ Bleyle keine kompletten Kleidungsstücke am Stück stricken, sondern große Bahnen, aus denen er die einzelnen Teile zuschneiden und dann zusammennähen ließ. Dieses Verfahren erwies sich in der Folgezeit als sehr erfolgreich.

Erfolgsjahre Zu den ersten Produkten, die die Firma Bleyle herstellte, gehörten gestrickte Matrosenanzüge für Knaben, die zu dieser Zeit sehr populär waren. Die Produktion weitete sich bald aus, und 1901 bezog der Betrieb die erste eigene Fabrikhalle. 1903 folgte ein Zweigbetrieb in Brackenheim, 1905 in Ludwigsburg. 1912 wurde ein neuer Firmensitz in der Rotebühlstraße (Ecke Röte- und Seyffertstraße) in Stuttgart bezogen. Ein Jahr später übergab Bleyle die Geschäftsführung an seine Söhne Max und Fritz; die Firma firmierte nun unter „Wilhelm Bleyle oHG“. 1905 betrug der Umsatz des Unternehmens eine Million Goldmark, im Jahr 1913 waren es fünf Millionen. Auch die Mitarbeiterzahl hatte zugenommen: 1910 hatte Bleyle zirka 1000 Mitarbeiter, 1918 waren es gut 2000.

Erster Weltkrieg Vor Kriegsbeginn hatte Bleyle Werke in Stuttgart, Ludwigsburg und Brackenheim und beschäftigte 1700 Arbeitnehmer.Urteil des Sondergerichts für den Oberlandesgerichtsbezirk in Stuttgart vom 13. Dezember 1938, Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg B68, Bü162 Der Erste Weltkrieg hatte spürbare Auswirkungen auf die Qualität der Wolle. Bleyles Vorräte waren im Herbst 1914 für die Armee beschlagnahmt worden. Die danach zugeteilte Wolle war meist von relativ schlechter Qualität, so dass das Unternehmen ab 1916 bis in die 1920er Jahre keine Kleidung mehr unter seinem Markennamen verkaufte, um seinen Ruf nicht zu beschädigen.

In den beiden ersten Kriegsjahren war die Firma mit Aufträgen der Wehrmacht mit Kleidungsstücken, Zeltbahnen und ähnlichem beschäftigt. Infolge Verknappung der Rohstoffe und sonstiger Kriegseinflüsse ging die Produktion erheblich zurück. Max Bleyle, der zu diesem Zeitpunkt allein den Betrieb als Geschäftsführer leitete – sein Vater war 1915 gestorben, sein Bruder Fritz und sein Schwager Weber waren im Feld –, entschloss sich 1916, den Betrieb auf die Herstellung von Zündern und Teilen von Sprengminen umzustellen. Diese Umstellung gelang ihm in kurzer Zeit, da er die dafür notwendigen Grundmaterialien mit Devisen beschaffen konnte, die er im Ausland hielt.

Weimarer Republik Nach Kriegsende wurde die Firma wieder auf die Textilfertigung umgestellt. Allerdings gab es immer noch große Schwierigkeiten bei der Rohstoffbeschaffung. Neben dem Matrosenanzug produzierte Bleyle ab 1930 vermehrt Damen- und Mädchenkleidung. Ende des Jahres 1930 betrug die Belegschaft 5830 Arbeitnehmer. 1936 kaufte Bleyle ein Brauereigelände in Ludwigsburg; das Unternehmen beschäftigte zu dieser Zeit rund 6000 Arbeiterinnen, Arbeiter und Angestellte.

Nationalsozialismus Der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda Joseph Goebbels berief Fritz Bleyle im Oktober 1933 in den Verwaltungsrat des Werberats der deutschen Wirtschaft.

1939 wurden die Geschäftsführer wegen Volksverrats, Devisenvergehen und Steuerhinterziehung angeklagt, die Familienmitglieder Max Bleyle und Artur Weber wurden inhaftiert. Am 13. Dezember 1938 wurden die beiden Gesellschafter und Geschäftsführer Max Bleyle und Arthur Weber von einem Sondergericht in Stuttgart wegen Verbrechen des Volksverrats und gegen die Devisengesetzgebung zu einer Zuchthausstrafe von fünf Jahren und einer Geldstrafe von einer Million Reichsmark verurteilt. Die bürgerlichen Ehrenrechte wurden für die Dauer von drei Jahren aberkannt und außerdem wurden eine Million Reichsmark eingezogen. Das Urteil wurde mit seiner Verkündigung rechtskräftig. Der Grund für die Verurteilung war, dass beide 1925 bei Schweizer Banken rund 1,2 Millionen Franken angelegt und auch nach Hitlers Machtergreifung und verschärften Devisenvorschriften die Konten beibehalten hatten. Bei der Strafzumessung führte das Urteil aus, dass beide Angeklagten erhebliche nationale Verdienste hätten.Das Urteil im Devisenschieberprozeß Bleyle: Fünf Jahre Zuchthaus und hohe Geldstrafe, Ludwigsburger Zeitung vom 14. Dezember 1938. Sie hätten beide im Krieg, Weber auf militärischem, Max Bleyle auf kriegswirtschaftlichem Gebiet, hervorragendes geleistet und hätten durch ihren persönlichen Einsatz ein Unternehmen von Weltbedeutung geschaffen, das über 6000 Deutschen Arbeit und Brot gab, das durch seine Qualitätserzeugnisse den Ruf deutscher Wertarbeit in der ganzen Welt verkündete und das seinerseits durch seine Ausfuhr der deutschen Wirtschaft Devisen verschaffte.Fünf Jahre Zuchthaus für Bleyle und Weber, Württembergische Landeszeitung Nr. 292 vom 14. Dezember 1938, Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg B 68, Bü 163 Auch gegen den Mitgesellschafter und Geschäftsführer Fritz Bleyle war wegen des gleichen Sachverhaltes ein Strafverfahren anhängig. Das Sondergericht hat jedoch mit einem Urteil vom 8. März 1939 seine Unzurechnungsfähigkeit festgestellt und seine Unterbringung in einer Heil- und Pflegeanstalt angeordnet.In Heil- und Pflegeanstalt untergebracht, Schwäbischer Merkur, Nr. 61 vom 12. März 1939, Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg B 68, Bü 163

Bereits vor dem Gerichtsverfahren hatte Familie Bleyle befürchtet, dass das Nazi-Regime sie enteignen und das Unternehmen einer der Partei nahestehenden Stiftung übertragen würde. Dem wollten sie zuvorkommen. Im Jahr 1938 befanden sich Adolf Mann (1890–1971) und Erich Hummel (1893–1984) in leitender Funktion bei Bleyle. Adolf Mann begann bei Bleyle am 1. Mai 1921. Er war von Beruf Lehrer und beschäftigte sich bei Bleyle mit den Zahlen. Erich Hummel, Volljurist, begann 1924 als Syndikus bei Bleyle. Diese beiden leitenden Angestellten gründeten die Wilh. Bleyle KG. Auf diese Firma übertrug und verpachtete die Familie Bleyle mit einem komplexen Vertragswerk vom 12. Dezember 1938 das Vermögen einschließlich der Belegschaft der Wilh. Bleyle GmbH. Das Umlaufvermögen einschließlich der Kundenforderungen wurde mit einem Kaufvertrag übertragen. Dieser Vertrag regelte auch die Übernahme der Belegschaft. Mit einem Pachtvertrag wurde das Anlagevermögen, also Immobilien und Betriebseinrichtungen, zur Verfügung gestellt. Dieser Pachtvertrag hatte eine Dauer von 10 Jahren und endete am 30. September 1948. In komplizierten Vertragsklauseln wurde geregelt, wie dann auch das Umlaufvermögen zurück zu übertragen ist.Stellungnahme der Herren Max Bleyle und Arthur Weber zum Kauf- und Pachtvertrag vom 12. Dezember 1938, Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg, B 68, Bü 167

Zweiter Weltkrieg Während des Kriegs produzierte Bleyle als Subunternehmer textile Filter für das Unternehmen Mahle; aus dieser Produktion entstand 1941 Mann+Hummel. Kriegsbedingt florierte bei der Stuttgarter Mahle KG das Geschäft. Deshalb beauftragte Mahle ab Oktober 1940 die Wilh. Bleyle KG mit der Lohnfertigung von Filtern für Diesel- und Benzinmotoren. Diese Fertigung nahm Bleyle in ihrem Werk in Stuttgart auf. Nachdem Mahle zu Beginn des Jahres 1941 die Filterfertigung in Stuttgart ganz aufgeben wollte, gründeten die Herren Mann und Hummel unter ihrem Namen am 6. Januar 1941 die Firma Filterwerk Mann & Hummel GmbH in Ludwigsburg. Als Produktionsstandort wählten sie das Bleyle-Werk in der Hindenburgstraße in Ludwigsburg aus. Diese nahm ihre Tätigkeit am 1. September 1941 mit 438 Arbeitnehmern auf, die von Bleyle und Mahle übernommen wurden. Ein kleinerer Teil der Belegschaft wurde zusätzlich neu eingestellt. Auch der Maschinenpark kam von Bleyle und von Mahle. Die Firma war aufgrund der Kriegswirtschaft erfolgreich, denn die Motorenfilter wurden in die deutschen Panzerkampfwagen Panther und Tiger eingebaut. 1944 beschäftigte das Filterwerk 825 Arbeitnehmer.Stellungnahme der Nebenintervenienten zur Gründung des Filterwerks, Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg, B 68, Bü.16

Nachkriegszeit Nach Kriegsende setzte das Ludwigsburger Amt für Vermögenskontrolle Karl Weinbacher als Treuhänder für die Wilhelm Bleyle KG ein, der nach Auslaufen der Pachtverträge die alten Firmenstrukturen wiederherstellen sollte (Restitution). Er setzte zunächst Max Bleyle und Arthur Weber als Geschäftsführer ein. In dieser Funktion waren sie jedoch nur von Juni bis September 1945 tätig, denn Weinbacher forderte nun die Rückgabe des Unternehmens an die Alteigentümer. Die Übertragung des Unternehmens an die Familie Bleyle erfolgte jedoch erst mit Auslaufen des Pachtvertrages im September 1948. Für die Fortführung des Unternehmens gründeten die Altgesellschafter, Max und Fritz Bleyle, sowie dessen Schwager Artur Weber, sein Sohn Erich Weber und Albert Griesinger die Wilh. Bleyle oHG. Danach war der Streit jedoch noch nicht beigelegt. In einem langwierigen Schiedsgerichtsverfahren, das erst 1951 endete, erhielten Adolf Mann und Erich Hummel für Investitionen in das Unternehmen von der Familie Bleyle noch 450.000 DM.

Nach dem Zweiten Weltkrieg produzierte Bleyle Damenbekleidung und Unterwäsche. Die Produktpalette wurde um die Kollektionen Vetrix und Nixe erweitert. Vetrix umfasste Damenkleider, -röcke, -hosen, Strümpfe und Strumpfhosen. Unter dem Markenzeichen Nixe, das 1953 eingetragen wurde, entstand eine Bademodenkollektion. Ab den 1950er Jahren wurden in ganz Westdeutschland Bleyle-Filialen mit Bekleidung für die ganze Familie eröffnet, darunter auch in West-Berlin.Bleyle in Berlin, zeit.de, 15. Dezember 1955. Bleyle beschäftigte inzwischen 3200 Mitarbeiter, unterhielt fünf Produktionsstandorte, exportierte in 35 Länder und erzielte 1955 einen Jahresumsatz von 75 Millionen DM. Ab Anfang der 1960er Jahre begann Bleyle mit dem Aufbau eines Netzes von Franchise-Ladengeschäften. In den 1980er Jahren unterhielt Bleyle elegante Einzelhandelsgeschäfte, so auf der Königstraße 68 in Stuttgart, in Osnabrück, Baden-Baden oder Konstanz, wo zuletzt im puristisch-eleganten Ambiente hochpreisige Bekleidung angeboten wurde. Bleyle versuchte mit hochpreisigen Marken wie Escada oder Bogner zu konkurrieren.

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