alternativtext=|mini|Volkskundemuseum Wien, Haupteingang alt=Volkskundemuseum Wien|mini|Volkskundemuseum Wien, Außenansicht Das Österreichische Museum für Volkskunde (Volkskundemuseum Wien) ist das größte volkskundliche Museum Österreichs und befindet sich im Gartenpalais Schönborn (Laudongasse 15–19) in der Wiener Josefstadt. Seit Januar 2025 wird das Gebäude generalsaniert, das Museum eröffnet wieder im September 2027 mit einem überarbeiteten Konzept.

Geschichte K. u. K. Monarchie mini|Vexierkrug, ein Geschenk der bos­nischen Landes­regierung im Jahr 1898 Das Museum wurde 1895 von Michael Haberlandt und Wilhelm Hein, beides Beamte an der Prähistorisch-Ethnograhischen Abteilung des k.k. naturhistorischen Hofmuseums (heute Naturhistorisches Museums Wien) und führende Mitglieder der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, gegründet. Rechtsträger ist der von Haberlandt und Hein 1894 gegründete Verein für Volkskunde. Die Sammlungsbestände lagerten zunächst in Wohnungen und Magazinen, ehe das Museum 1898 seine erste Unterkunft im großen Saal der Wiener Börse fand. 1917 übersiedelte es in das barocke Gartenpalais Schönborn, die Eröffnung erfolgte 1920.

Die Sammlungen waren für das Gesamtgebiet der cisleithanischen Reichshälfte der österreichisch-ungarischen Monarchie gedacht, es sollten sämtliche Völker, die unter der österreichischen Krone vereint waren, repräsentiert werden. Im Einklang mit einer (vielvölker)-staatserhaltenden Leitlinie griff man auf weitere europäische Regionen aus und folgte der Richtung einer „vergleichenden“ Volkskunde.

Erste Republik In der Zwischenkriegszeit intensivierten sich die Wechselbeziehungen zwischen Museum und Stadt. Eine neue Generation von Volkskundlern sah ihr Fach zunehmend als „politische“ Wissenschaft, die ein nationales, regionales und/oder völkisches Selbstverständnis fördern sollte. Deutsch-Österreich stand nun im Fokus der Sammlungs- und Ausstellungsarbeit. Austrofaschismus und Nationalsozialismus Mit der Etablierung des austrofaschistischen „Ständestaates“ 1933/34 wurden Volkskultur und Volkskunst in den Dienst „ständestaatlicher“ Kulturpolitik gestellt. Volkskundliche AkteurInnen signalisierten ihren Willen, an dieser Politik mitzuwirken und profitierten von den Zugriffsmöglichkeiten des Regimes. Das Volkskundemuseum erhielt vermehrt finanzielle Zuwendungen und wurde zur Anlauf- und Auskunftsstelle für kulturpolitische Interessen.

Der „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich bedeutete für das Museum eine weitere reibungslose Transformation gemäß den Wünschen und Vorgaben der neuen Machthaber. Der NSDAP-Anwärter Arthur Haberlandt positionierte das Museum für Volkskunde als „Haus des deutschen Volkstums im Südosten“ und wollte so die neue Stellung Wiens im Deutschen Reich für sich und sein Museum nutzen. Volkskunde wurde zum Zwecke einer ideologischen Festigung des „germanisch-deutschen Erbes“ instrumentalisiert. Die Verantwortlichen des Museums stellten sich für die Vorhaben des Regimes bereitwillig zur Verfügung, mit Aussicht auf besonders günstige Bedingungen für das Sammeln und Forschen. Vor allem in den ersten Jahren der NS-Herrschaft erhielt das Volkskundemuseum vermehrte Aufmerksamkeit und finanzielle Zuwendungen.

Nach 1945 folgte die Wiederaufstellung der Sammlungen und neue Ausrichtung auf die Zweite Republik, im Fokus stand nun wieder das Österreichische. Arthur Haberlandt arbeitete trotz seiner NSDAP-Mitgliedschaft zunächst weiter. Er beantragte bei den Behörden eine Titeländerung in „Österreichisches Museum für Volkskunde“ und wollte so seinem Bekenntnis zu Österreich Ausdruck verleihen. Er wurde schließlich vom Dienst enthoben und musste per 20. Oktober 1945 die Leitung übergeben.

Neuorientierung in der Zweiten Republik Nach umfangreichen Baumaßnahmen am Museumsgebäude in den Jahren 1956 bis 1959 erfolgte unter dem Direktor Leopold Schmidt eine Neuorientierung und somit Konsolidierung des Museums. Die durchgängige Gliederung nach Landschafts- und Sachgruppenräumen im Sinne einer regionalen Struktur diente der Formierung einer identitätsstiftenden österreichischen Volkskultur und der Begegnung mit vornehmlich österreichischer Volkskunst zum Zwecke der „Gesundung“ des österreichischen Volkes.

1972 wurde das Ethnographische Museum in Kittsee gegründet, mit einer Schausammlung zur Volkskunde Ost- und Südosteuropas. 2008 musste diese Außenstelle wegen mangelnder Finanzierung geschlossen werden.

Unter Klaus Beitl wurde die Dauerausstellung neu konzipiert und 1994 nach etwa zehnjährigen Erneuerungsarbeiten eröffnet. Die Ausstellungen integrierten seither wieder vermehrt die Sammlungen aus Europa, die ständige Schausammlung war ebenfalls überregional ausgerichtet.

In der Ära Franz Grieshofer (Direktor von 1995 bis 2005) wurde die Ausstellungstätigkeit intensiviert, das Museum erfuhr eine fachliche Öffnung und internationale Ausrichtung. Bis zum Jahr 2001 wurde das Museum analog zu den Bundesmuseen im Kulturbericht des zuständigen Ministeriums geführt. mini|Schausammlung (2018) Von 2006 bis 2012 leitete Margot Schindler das Museum. In diese Zeit fiel die Debatte um eine Fusion mit dem Wiener Völkerkundemuseum (heute Weltmuseum Wien), die von 2010 bis 2012 andauerte. Der Verein für Volkskunde entschied damals, aus diesem Projekt auszusteigen, da seitens des Kunsthistorischen Museums und des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur nicht die notwendigen Rahmenbedingungen für das Entstehen eines der größten Ethnologischen Museen Europas geschaffen wurden. Seit 2013 leitet Matthias Beitl das Volkskundemuseum Wien. Heute beschäftigt sich das Museum mit historischer Volkskunst und Volkskultur sowie deren aktuellen Erscheinungsformen, vorwiegend im europäischen Raum. 2017–18 fand am Volkskundemuseum eine intensive Auseinandersetzung zu den Themen Flucht, Migration und Ankommen in seinen Forschungs-, Sammlungs-, Ausstellungs- und Vermittlungstätigkeiten statt. Im Rahmen eines Fellowship-Programms für hochqualifizierte Asylwerber:innen bauten fünf Geflüchtete gemeinsam mit zwei Kuratoren einen eigenen Sammlungsbestand mit Flucht-Objekten auf, der vom Museum angeworben wurde. Unter dem Titel „Die Küsten Österreichs. Die neue Schausammlung des Volkskundemuseum Wien“ wurde die Daueraustellung von 1994 um Auszüge aus diesem Bestand erweitert.

Von Januar 2022 bis August 2023 war das Queer Museum Vienna als temporäres Gastprojekt im Volkskundemuseum Wien untergebracht.

Institutionelle Struktur Das Museum wird seit seiner Gründung 1895 vom ein Jahr zuvor ins Leben gerufenen Verein für Volkskunde getragen. Der Verein gibt halbjährlich die Österreichische Zeitschrift für Volkskunde heraus und ist Mitglied beim Verband der wissenschaftlichen Gesellschaften Österreichs. Die Museumsaktivitäten und ein Großteil der Personalstellen werden über staatliche Gelder des Bundesministeriums für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport finanziert. 2021 wurde bekannt, dass die längst fällige Gebäudesanierung budgetiert ist. Von Herbst 2024 bis Mitte 2027 ist das Museum wegen der Sanierung geschlossen.

Sammlung mini|Schausammlungmini|Madonna (um 1500) Der Grundstock der Sammlungen stammt aus der Zeit der Habsburgermonarchie, zum Inventar gehören aber auch Objekte zahlreicher anderer europäischer Länder (z. B. die Sammlung Eugenie Goldstern). Der Bestand umfasst heute über 150.000 dreidimensionale Objekte und mehr als 200.000 Fotografien und Grafiken. Ca. 23.000 Objekte, Fotografien und Publikationen sind in der Online Sammlung Plus des Museums digital abrufbar, dieser Bestand wird laufend erweitert.

2014 beschloss der Vorstand des Vereins für Volkskunde, freiwillig systematische Provenienzforschung und Restitution im Sinne des Kunstrückgabegesetzes in den Sammlungen des Museums durchzuführen. Rund 600 Objekte wurden seither restituiert.

Die seit 1994 bestehende ständige Schausammlung im Erdgeschoß wurde im Herbst 2023 in Vorbereitung auf die Sanierung abgebaut.

Das Volkskundemuseum Wien beherbergt eine umfangreiche Fachbibliothek für Volkskunde/Europäische Ethnologie und verwandten Fächern. Diese umfasst in etwa 100.000 Bände.

Leitung 1895–1924: Michael Haberlandt 1924–1945: Arthur Haberlandt 1945–1960: Heinrich Jungwirth 1960–1977: Leopold Schmidt 1978–1994: Klaus Beitl 1995–2005: Franz Grieshofer 2006–2013: Margot Schindler Seit August 2013: Matthias Beitl

Sonderausstellungen (Auswahl) 1946: Österreichische Trachten in der Volkskunst und im Bilde 1946: Volksschauspiel in Österreich 1959: Votivbilder aus Österreich. Neuerwerbungen 1946–1958 1960: Volkskunst der Ostkirche 1960: Volkstümliche Holzplastik der Gotik 1960: Südtiroler Volkskunst 1967: Arts populaires d'Autriche 1969: Alte Weihnachtskrippen aus dem Sudeten- und Beskidenraum 1970: Osteuropäische Volkskunst 1971: Häuser und Menschen des Burgenlandes in der zeitgenössischen Graphik und Malerei 1971: Volk und Schrift – Geschriebene Gebet- und Gesangbücher und andere ABC-Volkskunst 1972: Lebzeltenmodel aus Österreich 1972: Bemalte Bauernmöbel aus Österreich 1973: Häuser und Menschen in Kärnten 1973: Häuser und Menschen in Osttirol 1973: Bauernmöbel aus Österreich 1975: Häuser und Menschen im Lungau 1975: Volkstümlich geformtes, bemaltes und geschliffenes Glas 1975: Volkstümliche Trachten und Textilien aus Österreich 1976: Gutes altes Puppenspiel 1976: Volkskunst aus Friaul 1977: Wegkreuze und Bildstöcke im Umkreis von Gobelsburg 1978: Jagd und Jäger in der Volkskunst 1979: Volksmusikinstrumente – Neuerwerbung der Sammlung Georg Kotek 1980: Volkskunst aus dem Ausseerland 1982: Volkskundliches aus Italien 1995: 150 Jahre Josef Pommer (1845–1918) 1995: Der eiserne Faden. Rastelbinder und ihre Waren. Drahtbinderarbeiten aus Europa 1996: Fastentuch und Kultfiguren 1996: Kunst-Spiel-Zeug 1996: Paška čipka. Die hohe Kunst der kroatischen Spitzen 1997: Mit dem Gefühl der Hände. Zeitgenössische Töpfer 1999: … aus der Reihe – Phono-Inventionen 2000: 2000: Zeiten/Übergänge. Die Ausstellung zur Jahrtausendwende 2001: Produkt: Muttertag. Zur rituellen Inszenierung eines Festtages 2002: Aller Anfang – birth – Geburt – naissance – parto 2003: Messerscharf. Reflexionen über einen Alltagsgegenstand 2003: Körpergedächtnis. Unterwäsche einer sowjetischen Epoche 2003: Hilf Himmel! Götter und Heilige in China und Europa 2003: Weihnachtskrippen 2004–2005: Ur-Ethnographie. Auf der Suche nach dem Elementaren in der Kultur. Die Sammlung Eugenie Goldstern. 2004–2005: Weihnachtliches Träumen. Christbaumschmuck vom Biedermeier bis 1950 2004: Valuable Links. Schmuck aus den OSZE-Mitgliedsländern 2004: 15 + 10. Europäische Identitäten 2005: Ur-Ethnographie. Auf der Suche nach dem elementaren in der Kultur. Die Sammlung Eugenie Goldstern 2005: Tigermütze – Fraisenhaube. Kinderwelten in China und Europa 2005: Weihnachtliches Träumen 2006: Currachs. Boote aus Irland – Vom Arbeitsgerät zum Nationalsymbol 2006: Papageno backstage. Perspektiven auf Vögel und Menschen 2007: museum inside out. Arbeit am Gedächtnis. 2008: Zeit Raum Beziehung. Menschen und Dinge im Konzentrationslager Dachau. 2010: Heilige in Europa – Kult und Politik 2011: Feste. Kämpfe. 100 Jahre Frauentag. 2012: Die Textilmustersammlung Emilie Flöge im Österreichischen Museum für Volkskunde. 2012: Mikrofotografisches Bibelstechen. Eine Ausstellung als Einblick und Kommentar. 2012: Weihnachten – Noch Fragen? 2013: Gelehrte Objekte? – Wege zum Wissen. Aus den Sammlungen der historisch-kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien 2013: Hieb. Stich. Schuss – Waffen in der Sammlung des Volkskundemuseums 2014: Gestellt. Fotografie als Werkzeug in der Habsburgermonarchie. 2015: Freud's Dining Room. Möbel bewegen Erinnerung. 2015: Klimesch – Das Geschäft mit den Dingen. Der Nahversorger im Museum. 2015: Startfeld Bethlehem. Die barocke Jaufenthaler Krippe aus Tirol. 2016: Vertriebene und Verbliebene erzählen. Tschechoslowakei 1937–1948.