Die Linie der Karmapas ist nach der Sichtweise der Karma-Kagyü-Schule die älteste Tulkulinie im tibetischen Buddhismus. Die Linie ist eine bedeutende, da die Karmapas die traditionellen Hauptlinienhalter der Karma-Kagyü-Schule sind. Es gibt jedoch einen Konflikt darüber, wer der 17. Karmapa ist. Einige Jahre nach dem Tod des 16. Karmapa 1981 wurden zwei mögliche Kandidaten gefunden.

Zusammenfassung mini|Karmapa Orgyen Trinley Dorje Es gibt zwei Anwärter – Orgyen Trinley Dorjealternative Schreibweise: Ogyen Trinley Dorje und Thaye Dorje – jeder wird durch mehrere angesehene Lamas der Karma-Kagyü Linie unterstützt. Beide sind als 17. Karmapa inthronisiert, d. h. durch eine Zeremonie zum Ausüben der Karmapa-Praxis ermächtigt worden, und nehmen zeremonielle und rituelle Aufgaben wahr. Am 11. Oktober 2018 haben sie sich das erste Mal persönlich getroffen, um sich kennenzulernen.

Die offizielle Inthronisierung zweier Menschen als 17. Karmapa hat zu strittigen Debatten unter den weltweiten Karma-Kagyü-Anhängern geführt. Man wirft sich teils gegenseitig die Spaltung der Linie, Lügen und Fehlverhalten vor. Daher ist es sehr schwer, ein objektives Bild der Vorgänge darzustellen, weil die wichtigsten Entwicklungen nur die zerstrittenen Beteiligten kennen. Wiederum wird von einigen Stimmen auch auf frühere Fälle von der mehrfachen Inkarnation eines Lamas im tibetischen Buddhismus hingewiesen, ohne dass die Lehre beschädigt worden sei. Es gibt aber auch noch weitere doppelte Linienhalter im tibetischen Buddhismus.

Anerkennung der Karmapas Genau wie in jeder anderen Tulkulinie ist die Frage der Anerkennung der neuen Wiedergeborenen entscheidend für die Fortführung der Linie. Manchmal sind alle betroffenen Parteien sicher, dass ein bestimmtes Kind tatsächlich eine Reinkarnation eines bestimmten Meisters ist. Manchmal ist das nicht der Fall, wie beim 8., 10. und 12. Karmapa (jeder Fall konnte geklärt werden). Ein Unterstützer Urgyen Trinley Dorjes über frühere Kontroversen Eine erneute Debatte kam nunmehr mit der Ernennung des 17. Karmapa auf. mini|150px|Karmapa Thaye Dorje Historisch betrachtet, haben sich viele Karmapas selbst zu erkennen gegeben. Das bedeutet, dass viele Karmapas (mindestens 7 von den bisherigen 16 Karmapa-Inkarnationen) schon in jungen Jahren von sich behaupteten, der wiederverkörperte Karmapa zu sein, meist, indem sie auch Gefährten und Kollegen aus früheren Inkarnationen wiedererkannten. Auch haben die meisten Karmapas Hinweise zu ihrer nächsten Wiedergeburt hinterlassen, häufig in Briefform. Solche Briefe beschreiben Ort und Elternhaus der nächsten Inkarnation, oft jedoch in poetischer Form, was die Deutung und Auffindung erschwert. Jedenfalls spielten die engsten spirituellen Gefährten der vorhergehenden Inkarnation eine entscheidende Rolle im Anerkennungsprozess des nächsten Karmapas. Schließlich sind es sie, die verwirklichten und voll ausgebildeten buddhistischen Meister, die eng mit der vorhergehenden Inkarnation verbunden waren, die den neuen Karmapa ausbilden und lehren.

Seit der ersten Anerkennung im frühen 13. Jahrhundert nehmen mehrere Lamas am Anerkennungsprozess teil. Diejenigen, die die Inkarnation erkennen, sind nicht unbedingt diejenigen, die des Karmapas wichtigste Schüler waren oder die eine Vorhersage über seine Wiedergeburt erhalten. Von den vorhergehenden Karmapas erkannte Situ Rinpoche den 8. Karmapa. Zusammen mit Shamarpa erkannte er den 9. Karmapa, zusammen mit Gyaltsap Rinpoche den 14. Karmapa und gemeinsam mit dem 2. Jamgon Kongtrul anerkannte er den 16. Karmapa. Gyaltsap Rinpoche erkannte den 7. und 13. Karmapa an.

Zwei Jahrhunderte zuvor wurde die Anerkennung der Inkarnation von Shamar Rinpoche, historisch gesehen der zweitwichtigste Linienhalter der Karma-Kagyü nach dem Karmapa,Zur Stellung der Shamarpas in der Linie, siehe: https://kagyuoffice.org/gyalwang-karmapas-teachings-on-the-vajradhara-lineage-prayer-session-one-great-masters-of-the-karma-kamtshang-lineage/ aufgrund eines politischen Streits mit der damals politisch herrschenden Gelug-Schule verboten. Diese behauptete, dass der 10. Shamarpa an einer nepalesischen Invasion in Tibet beteiligt gewesen sei.Neuere historische Untersuchungen sprechen Shamarpa in dem Konflikt eher eine vermittelnde Rolle zu. Vergl. (Der Bann wurde 1963 auf Bitten des 16. Karmapas vom derzeitigen 14. Dalai Lama aufgehoben). Shamar Rinpoche hatte historisch alleine den 5., 6., 10. und 11. Karmapa anerkannt. Eine von ihm zusammengestellte Gruppe anerkannte unter seiner Direktive den 12. Karmapa. Gemeinsam mit dem damaligen Situpa erkannte er den 8. Karmapa an. Die anderen Inkarnationen wurden von anderen Lamas aufgefunden.

Gegenwärtiger Anerkennungskonflikt des 17. Karmapa

Von den beiden Anwärtern wird Orgyen Trinley Dorje vom 12. Situ Rinpoche, vom 12. Gyaltsap Rinpoche, vom 14. Dalai Lama (höchster Trülku der Gelug-Schule), von Sakya Trizin (Oberhaupt der Sakya-Schule) sowie von Mindroling Trichen Rinpoche (Oberhaupt der Nyingma-Schule) anerkannt.Ken Holmes: Karmapa Urgyen Trinley Dorje. ISBN 3-89568-027-3, S. 56. Die Bestätigung durch den Dalai Lama erfolgte, nachdem Situ Rinpoche und Gyaltsap Rinpoche ihn am 7. Juni 1992 offiziell baten, deren Anerkennung zu prüfen und zu bestätigen. Andere prominente Kagyü Lamas, die die Erkennung von Orgyen Trinley Dorje akzeptieren, sind der 9. Traleg Kyabgon Rinpoche, der 9. Khenchen Thrangu Rinpoche, der 7. Dzogchen Ponlop Rinpoche und seine Nalandabodhi-Organisation, der 7. Yongey Mingyur Rinpoche (der jüngste Sohn von Tulku Urgyen Rinpoche), der 3. Tenga Rinpoche, Khenpo Tsultrim Gyamtso Rinpoche, Bokar Rinpoche, der 3. Bardor Tulku Rinpoche, Khenpo Karthar Rinpoche,Vorsteher des Sakyong Mipham Rinpoche und seine Organisation,Shambhala International Drupon Rinpoche, Akong Rinpoche und sein Kloster,Samye Ling Lama Norlha Rinpoche und weitere. Orgyen Trinley ist auch bei mehreren hochangesehenen wiedergeborenen Lamas, die derzeit minderjährig sind, anerkannt darunter der 4. Jamgön Kongtrul Rinpoche, der 11. Pawo Rinpoche, der 3. Kalu Rinpoche und der 12. Surmang Trungpa Rinpoche. Jeder dieser jungen Lamas wird im Gegenzug von Orgyen Trinley selbst oder in Abstimmung mit ihm von Karma-Kagyü Lamas anerkannt. Der Anwärter Trinley Thaye Dorje wurde vom 14. Shamarpa (Künzig Shamar Mipham Tschökyi Lodrö, 2014 verstorben), von Drikung Kyabgon Chetsang Rinpoche (Oberhaupt der Drikung-Kagyü-Schule), Chogye Trichen Rinpoche (Oberhaupt der Tshar-Tradition der Sakya-Schule), Ludhing Khenchen Rinpoche (Oberhaupt der Ngor-Tradition der Sakya-Schule), Khenchen Trinley Paljor Rinpoche, Lama Jigme Rinpoche (Bruder von Shamar Rinpoche), Gendün Rinpoche (1997 verstorben), Sherab Gyaltsen Rinpoche, Khenpo Chodrak Tenphel Rinpoche, Shangpa Rinpoche, Lopön Tsechu Rinpoche (2003 verstorben) sowie weiteren hochrangigen spirituellen und weltlichen Würdenträgern anerkannt. Zu den bekannten Unterstützern Trinley Thaye Dorjes im Westen gehört Ole Nydahl.

Beru Khyentse Rinpoche hat eine deutlich weniger verbreitete Ansicht. Er erklärt, beide Karmapas seien legitim. Chökyi Nyima Rinpoche ist ebenfalls dieser Ansicht und erklärt, „wenn es nach meinem Vater (Tulku Urgyen Rinpoche) ginge, würden beide geachtet werden und reine Anerkennung erfahren“.

Für beide Seiten ist die Kontroverse eine unerfreuliche Angelegenheit. Praktizierende beider Seiten der Kontroverse sind allerdings auch meist überzeugt, dass die zukünftigen Handlungen und spirituellen Erkenntnisse der Anwärter klar zeigen werden, wer die wahre Reinkarnation des 16. Karmapa sei. Die richtige Person werde durch ihr Auftreten und ihr Handeln für alle deutlich werden.

Weiterhin stimmen die Anhänger beider Lager darin überein, dass eine strittige Auseinandersetzung nicht förderlich ist und die Praxis Vorrang habe. Für den Umgang mit der Karmapa-Frage gebe es dabei zwei Varianten: Viele Anhänger der Schule warten mit ihrer persönlichen Entscheidung bezüglich des Karmapa als direktem Vajrayana-Lehrer ab, bis sich die Lage geklärt hat. Bis dahin sind die Karmapas für ihre Anhänger als Meditations-Lehrer ohnehin voll verfügbar, da es aus dieser Sicht nicht um die Person geht, sondern um das menschlich-geistige Potential der mitfühlenden Tatkraft, für welche die Person des Karmapa nur stellvertretend stehe. Anderen Praktizierenden geht es mehr um die Person als um das Prinzip der erleuchteten Tatkraft, denn ansonsten könne jedermann zum Karmapa erklärt werden, der tatkräftig mitfühlend ist: Karmapa sei einzigartig und habe sich in seinen vergangenen Inkarnationen nur in einem Individuum reinkarniert. Auch wenn grundsätzliche Hingabe zur Rolle. des Karmapa hilfreich sein könne, könne doch das Einsetzen in diese Rolle keine echte Realisation und in Folge auch nicht das segensreiche Wirken und die spirituelle Kraft des Karmapa ersetzen.

Kandidat Orgyen Trinley Dorje Orgyen Trinley Dorje wurde am 26. Juni 1985 in einem Nomadenstamm in Osttibet geboren. Im Alter von sieben Jahren wurde er im Kloster Tsurphu zeremoniell inthronisiert, welches traditioneller Sitz der Karmapa Lamas in Tibet ist. Ende Dezember 1999 entkam er seinen kommunistischen chinesischen Bewachern, die ihn von den meisten seiner traditionellen Studien und Lehrtätigkeiten abhielten, und floh über das Himalayagebirge nach Indien ins Exil.

Nach dem Tod des 16. Karmapa vereinbarten Shamar Rinpoche, Tai Situ Rinpoche, Jamgon Kongtrul Rinpoche und Goshir Gyaltsab Rinpoche die Gründung eines Herrschaftsrats, um gemeinsam Verantwortung für die spirituellen Angelegenheiten der Karma-Kagyü-Linie zu übernehmen. Dabei wird die Regentschaft alle drei Jahre gewechselt.

Die Unterstützer Orgyen Trinley Dorjes behaupten, dass seine Geburt und Abstammung mit der Vorhersage Chogyur Lingpas übereinstimmen, welcher prophetische Visionen über verschiedene Ereignisse, die Leben des 14. bis 21. Karmapa betreffend, hatte. Viele glauben, dass sich Lingpas Aussage, die Geister Tai Situpas und Karmapas seien „unzertrennlich zu einer Einheit verbunden“, auf den 17. Karmapa und den derzeitigen Tai Situ Rinpoche bezieht. „Die Bezeichnung … ist dazu gedacht, zu zeigen, dass Uneinigkeit in dieser Reinkarnation besteht und der Geist des 17. Karmapa und der Geist des Tai Situ Rinpoche unzertrennbar voneinander sind“, erklärt Kagyü Lama Thrangu Rinpoche, einer von Orgyen Trinley Dorjes Lehrern. Obwohl der 16. Karmapa zwei Briefe hinterließ, in denen er seine Wiedergeburt in Tibet angibt, sind es nicht die beiden Briefe, sondern ein anderes prophetisches Dokument, versteckt in einem Medaillon und an Tai Situ übergeben, welches Shamar Rinpoche später zur Kritik veranlasste.

Im Januar 1981, neun Monate vor seinem Tod, gab der 16. Karmapa dem 12. Tai Situpa ein Amulett mit einem gelben Brokatüberzug und sagte zu ihm: „Dies ist dein Schutzamulett. In Zukunft wird es große Wohltat vollbringen.“ Obwohl Tai Situpa das Medaillon noch für ungefähr ein Jahr nach dem Tod des Karmapas an einer Goldkette trägt, steckt er es in eine Seitentasche, ohne dessen Bedeutung oder die darin enthaltene Botschaft wahrzunehmen. 1989 folgt Tai Situpa einer Intuition, öffnet das Amulett und findet die dritte Vorhersage in einem Brief, auf dessen Umschlag „Im Jahr des eisernen Pferdes öffnen“ geschrieben ist. In dem Brief steht, dass der Karmapa „nördlich, im Osten der Schneeregion“ wiedergeboren würde. Bei einer Interpretation dieses Satzes auf einer Beratung der vier Regenten im März 1992 wurde angenommen, dass er in einem bestimmten Tal in Osttibet wiedergeboren würde. Der Brief ist auf der Webseite des Kagyü Zentrums abgebildet und enthält unter anderem Folgendes: