Rietberg ist eine Stadt an der oberen Ems im Nordosten Nordrhein-Westfalens und gehört zum ostwestfälischen Kreis Gütersloh im Regierungsbezirk Detmold. Am zählte die circa 25 Kilometer südwestlich von Bielefeld liegende Stadt Einwohner.
Menschliche Besiedlung lässt sich erstmals im 12. Jahrhundert v. Chr. nachweisen. Erstmals erwähnt wurde Rietberg um 1100 unter der Bezeichnung Rietbike. Der heutige Name Rietberg leitet sich von Reet ab, aufgrund der im Stadtgebiet vorhandenen Moore, und von Bike (Bach). Die Stadt mit ihren Ortsteilen entwickelte sich in der Grafschaft Rietberg, die bis 1807 ein eigenständiges Territorium war. Die Kernstadt entstand nördlich des Schlosses Rietberg. 1815 geriet Rietberg an Preußen, das die Stadt 1816 dem Kreis Wiedenbrück zuordnete. Im Kreis Wiedenbrück war die Stadt Sitz des Amtes Rietberg. Die Gemeinden des Amtes wurden am 1. Januar 1970 bei der nordrhein-westfälischen Gebietsreform zur heutigen Stadt Rietberg zusammengelegt.
Im Stadtkern befinden sich viele erhaltene Häuser, die im 16. und 17. Jahrhundert entstanden, weshalb sich Rietberg auch „Stadt der schönen Giebel“ nennt.Webseite der Stadt Rietberg: Stadtportrait Im Jahr 2008 war Rietberg Ausrichter der Landesgartenschau. Seit Juni 2009 trägt die Kernstadt das Gütesiegel „Staatlich anerkannter Erholungsort“.: Kurorte
Geografie mini|Luftbild Rietberger Innenstadt mini|Häuser im historischen Stadtkern von Rietberg
Geografische Lage Rietberg liegt im Süden des Kreises Gütersloh, der politisch zum Regierungsbezirk Detmold in Nordrhein-Westfalen, Deutschland, gehört. Naturräumlich liegt die Stadt in der Emssandebene im Osten der Westfälischen Bucht an der Ems. Weitere nennenswerte Fließgewässer sind die Wapel und der Sennebach. Der überwiegende Teil der Bäche und Flüsse im Stadtgebiet mündet in die Ems. Die im äußersten Süden gelegenen Fließgewässer führen jedoch über die Glenne in die Lippe und somit letztendlich in den Rhein.
Nächste größere Städte sind im Nordwesten Rheda-Wiedenbrück in 10 km, im Norden Gütersloh in 14 km und Bielefeld in 26 km, im Südosten Paderborn in 27 km und im Süden Lippstadt in 18 km Entfernung.
Der höchste Punkt im Stadtgebiet befindet sich auf , der niedrigste auf .
Geologie mini|Geothermische Karte von Rietberg Das Gebiet der Gemeinde ist flach und nur schwach gegliedert. Die tiefliegende Erdschicht wird von einem Sockel aus gefalteten Gesteinen des Erdaltertums (Devon, Karbon) gebildet. Darüber liegen Schluffmergel- und Tonmergelsteine des Erdmittelalters (Oberkreide), die bis über 800 m Stärke erreichen können und vereinzelt bis zur Erdoberfläche reichen, zum Beispiel an den Kreidehügeln von Westerwiehe.
Die Oberflächenschicht ist fast vollständig aus feinkörnigen Lockergesteinen aufgebaut. Diese Sande und Schluffe wurden von der Ems und ihren Zuflüssen während des Eiszeitalters und in der geologischen Gegenwartsepoche, also seit etwa 10.000 Jahren abgelagert und durch Erosion zu flachen Niederungen geformt. Beispielsweise kam es in der Emsaue östlich des Stadtgebietes in der Nacheiszeit zur Vermoorung tiefliegender Bereiche.
Rietberg eignet sich mittelmäßig bis gut, in kleinen Teilen des östlichen Gemeindegebietes sehr gut, zur Nutzung von geothermischen Wärmequellen mittels Erdwärmesonde und Wärmegewinnung durch Wärmepumpenheizungen (vgl. dazu die nebenstehende Karte). (PDF; 369 kB)
Ausdehnung und Nutzung des Gemeindegebiets Die als kleine Mittelstadt klassifizierte Gemeinde umfasst eine Fläche von 110,31 km². Die größte Ausdehnung in Nord-Süd-Richtung beträgt rund 14 km, in Ost-West-Richtung etwa 18 km.
Der überwiegende Teil des Gemeindegebiets besteht aus landwirtschaftlich genutzter Fläche mit 72,3 %. Dies ist um 20 Prozentpunkte höher als der Landesdurchschnitt, liegt aber durchaus im Durchschnitt des ländlich geprägten Kreises Gütersloh. Die Waldfläche ist im Gegenzug um 22 Prozentpunkte unter dem Landesdurchschnitt. Die übrigen Flächenanteile sind auf Landesniveau.
Flächenach Nutzungsart Landwirt-schaftsfläche Wald-fläche Gebäude-, Frei-und Betriebsfläche Verkehrs-fläche Wasser-fläche Sport- undGrünfläche sonstigeNutzung Fläche in km² 79,78 3,93 14,15 6,85 3,20 2,14 0,26 Anteil an Gesamtfläche 72,3 % 3,6 % 12,8 % 6,2 % 2,9 % 1,9 % 0,2 %
Nachbargemeinden Beginnend im Süden, grenzt die Stadt Rietberg an Lippstadt (Kreis Soest), im Südwesten an Langenberg, im Westen an Rheda-Wiedenbrück, im Norden an Gütersloh und im Nordosten an Verl (alle Kreis Gütersloh) sowie im Osten an Delbrück (Kreis Paderborn).
Stadtgliederung Nach § 3 der Hauptsatzung (PDF; 61 kB) wird das Gebiet der Stadt Rietberg in folgende sieben Ortschaften eingeteilt: + Gliederung von Rietberg Ortschaft EinwohnerStand 1. Januar 2026 Fläche 220px|zentriert Bokel 1.839 10,1 km² Druffel 1.143 9,8 km² Mastholte 6.688 28,0 km² Neuenkirchen 5.803 8,2 km² Rietberg 10.018 21,5 km² Varensell 3.115 17,7 km² Westerwiehe 2.463 15,0 km² gesamt 31.049 110,3 km²
Klima mini|Klimadiagramm für Rietberg 1961–1990 mini|Wetterdaten auf dem Gelände der Landesgartenschau
→ Siehe auch: Klima in Ostwestfalen-Lippe
Geschichte mini|Historische Ansicht von Rietberg (1647) mini|Grafschaft Rietberg, erstellt zwischen 1645 und 1662
Erste Besiedlung und die Burg Rietberg Das Gebiet um Rietberg war bereits in der Altsteinzeit von Menschen besiedelt. Das bezeugen Funde, die 1973 am Südrand der Stadt gemacht wurden. In der Großen Höppe fand man Überreste von Wohnplätzen. Das Inventar wurde in die Allerödzeit um 11.800 v. Chr. datiert.Jürgen Richter (Hrsg.): Rietberg und Salzkotten-Thüle. Anfang und Ende der Federmessergruppen in Westfalen, Kölner Studien zur prähistorischen Archäologie 2, Rahden 2012 (Datierung laut Michael Baales: Jäger und Sammler am Ende der letzten Kaltzeit in Mitteleuropa. Ein Überblick zum aktuellen Forschungsstand, in: Eiszeitjäger. Leben im Paradies. Europa vor 15 000 Jahren, 2014, S. 44–61, hier: S. 54.)
Die erste Nennung von Rietberg erfolgte als Rietbike um 1100.A. Hanschmidt: 700 Jahre Stadt Rietberg. 1989, S. 41. Der Name entstand aus der Zusammenfügung von Ried (für Schilfrohr) und Bach. Bereits im 11. Jahrhundert war hier Rietberg als eine Burganlage errichtet worden – wohl als Grenzburg der Grafen von Werl-Arnsberg gegen Paderborn. Im Schatten der Burg siedelten sich Handwerker und Kaufleute an.A. Hanschmidt: 700 Jahre Stadt Rietberg, 1989, S. 47 f. Später wurde diese Besiedlung befestigt, Hauptstraße war die heutige „Rügenstraße“.
Die Grafschaft Rietberg
Am 1. September 1273 kam es zur Erbteilung der Grafen Gottfried II. von Arnsberg und Konrad I. von Cuyk-Arnsberg. Graf Konrad machte das nördlich der Lippe gelegene Gebiet zu einem eigenständigen Territorium und benannte es nach der dortigen Burg „Grafschaft Rietberg“. Er selbst nannte sich Graf von Rietberg. Das Herrschaftsgebiet erstreckte sich von Schloß Holte/Liemke im Norden bis nach Mastholte im Süden. Im Osten grenzte es an das Hochstift Paderborn, im Westen an das zum Hochstift Osnabrück gehörende Amt Reckenberg mit seiner bischöflichen Verwaltung auf dem Reckenberg in Wiedenbrück.
Eine Urkunde vom 10. Oktober 1289, beginnend mit Nos judex, procosules et consules opidi Rethbergensis (übersetzt: Wir Richter, Bürgermeister und Ratmannen der Stadt Rietberg), ist der älteste Beleg, dass Rietberg eine Stadt mit eigener Ratsverfassung war. Daraus lässt sich schließen, dass die Burg und die Siedlung älter sind.A. Hanschmidt: 700 Jahre Stadt Rietberg. 1989, S. 12 f.
Trotz ihrer geringen Größe verfügte die Grafschaft über eigenes Militär und eine eigene Währung. Die Münzen wurden bis ins 17. Jahrhundert in der Müntestraße geprägt. Ferner gab es eigene Gesetze in der Grafschaft. Regiert wurde vom Schloss Rietberg aus, welches im 14. Jahrhundert etwa 1 km südlich der Stadt errichtet wurde.
Im Jahr 1456 musste Graf Konrad V. die bisher reichsunmittelbare Grafschaft dem hessischen Landgrafen Ludwig I. für 600 rheinische Gulden zu Lehen auftragen. Damit verlor Rietberg seine Unabhängigkeit und lag unter der Lehnsherrschaft der Landgrafen von Hessen.
1533 ließ Graf Otto III., der in zweiter Ehe mit Onna von Esens, Tochter des ostfriesischen Häuptlings Hero Omken, verheiratet war, in den Pfarrkirchen St. Johannes Baptist und St. Margareta von zwei Lippstädter Predigern die Reformation verkünden. Durch Verbindung Ottos mit Onna erwarb er die Anwartschaft auf das Harlingerland.A. Hanschmidt: 700 Jahre Stadt Rietberg. 1989, S. 78 ff.
Sein Sohn aus erster Ehe, Graf Otto IV., starb 1552, ohne einen Erben zu hinterlassen. Damit fiel die Grafschaft an dessen Halbbruder Graf Johann II., der aus der zweiten Ehe seines Vaters stammte. 1540 wurde Johann II. auch Herrscher des Harlingerlands. Johann II. starb 1562 in einem Gefängnis in Köln, hinterließ zwei Töchter und die männliche Linie der Grafen von Rietberg starb aus. Zunächst zog der hessische Landgraf sein Lehen ein, die Töchter Armgard und Walburgis protestierten und bekamen die Grafschaft 1565 zugesprochen. Walburgis heiratete 1581 Graf Enno III. von Ostfriesland, der damit Herrscher über Rietberg und das Harlingerland wurde. Im Berumer Vergleich verzichtete er zu Gunsten seiner Tochter Sabina Catharina auf die Grafschaft Rietberg. Sabina Catharina erbte die Grafschaft und heiratete ihren Onkel Johann III. von Ostfriesland. Sie begründeten das Haus Ostfriesland in Rietberg und rekatholisierten die Grafschaft.
1690 starb auch die männliche Linie des Hauses Ostfriesland aus. 1699 fiel Rietberg durch die Heirat der Erbtochter Maria Ernestine Franziska an die Grafen von Kaunitz.
Unter Napoleon und den Preußen Von 1807 bis 1813 gehörte die Grafschaft Rietberg zum napoleonischen Königreich Westphalen unter König Jérôme Bonaparte. Die Stadt war dort Hauptort des Kantons Rietberg im Distrikt Paderborn des Departements der Fulda.
Dennoch wurde der Titel Graf zu Rietberg weiterhin vom jeweiligen Fürsten von Liechtenstein geführt, aktuell von Hans Adam II. von Liechtenstein und vom Prinzregenten Alois. 1815 wurde die Grafschaft durch den Wiener Kongress Preußen zugesprochen und erhielt den Status einer Standesherrschaft. Neben der Haupt- und einzigen Stadt Rietberg bestand die Grafschaft nur aus einer Anzahl von Bauerschaften, die unter der Preußenherrschaft Landgemeinden wurden. Seit 1816 gehörte Rietberg zum Kreis Wiedenbrück.
Im Jahr 1822 erwarb der Kaufmann Friedrich Ludwig Tenge sämtliche Güter der mediatisierten Grafschaft. Die Tengesche Domänengutsverwaltung wurde im Haus Münte untergebracht. Nach englischem Vorbild bauten bald Kötter ihre Häuser auf dem gepachteten Grund.
1843 wurde mit der Einführung der Westfälischen Landgemeindeordnung aus dem alten Kanton Rietberg das Amt Rietberg mit Sitz in Rietberg. Es umfasste außer der ehemaligen Landeshauptstadt die sieben Landgemeinden Bokel, Druffel, Mastholte, Moese, Neuenkirchen, Varensell und Westerwiehe. Auf Grund der zu niedrigen Einwohnerzahl von 2500 Personen erhielt Rietberg nicht die preußische Städteordnung, sondern blieb bis in die 1930er Jahre eine Titularstadt.territorial.de: Gemeindeverzeichnis Stand 1939
Seit den 1830er Jahren ging die Garnspinnerei, die auch in Rietberg betrieben wurde, deutlich zurück, so dass der Schlesische Weberaufstand 1844 bis hierher wirkte. 1845 beteiligten sich Rietberger Weber, Spinner, Handwerker und Bauern an einer Gründungsversammlung des Vereins für die arbeitenden Klassen in Bielefeld. Die Armut der Bauern gipfelte 1848, als zwei- bis dreitausend Bauern aus dem Rietberger Raum nach Niederbarkhausen, dem Wohnsitz des Tuchkaufmanns Tenge, zogen, der daraufhin die bäuerlichen Abgaben um 50 Prozent senkte.
Um Ruhe und Ordnung aufrechtzuerhalten, rief der Amtmann Pelizaeus am 24. März 1848 zur Gründung einer Bürgergarde auf, die von neun Uhr abends bis vier Uhr morgens patrouillieren sollte. 260 Mann meldeten sich für diesen Dienst, jedoch wurden die Bürgerwehren per Gesetz am 24. Oktober 1849 wieder aufgehoben.
Kulturkampf in Rietberg