mini|hochkant|P. G. Wodehouse (1904) P. G. Wodehouse [], kurz für Sir Pelham Grenville Wodehouse KBE, Spitzname Plum (* 15. Oktober 1881 in Guildford, Surrey; † 14. Februar 1975 in Southampton, New York), war ein Schriftsteller, Bühnen- und Drehbuchautor, der als typischer britischer Humorist gilt und sein „eigenes englisches Märchenland“ und seinen eigenen Slang erfand.Lejeune, Anthony (11 December 1995). "Jeeves's England", National Review: 132, quoted in Pavlovski and Darga, S. 333 Im englischsprachigen Raum gilt er als einer der meistgelesenen Humoristen des 20. Jahrhunderts.
Wodehouse zog aus Steuergründen 1934 nach Frankreich und wurde im Zweiten Weltkrieg nach der deutschen Invasion Frankreichs 1940 erst interniert und später in einem Hotel in Berlin auf eigene Kosten komfortabel festgehalten. Dort nahm er 1941 fünf Rundfunkbeiträge auf,Robert McCrum: Wodehouse. A Life. Norton, New York 2004, ISBN 0-393-05159-5, S. 301 ff. die in seinem Heimatland, das zu der Zeit sehr unter der deutschen Bombardierung The Blitz litt, mit großem Ärger und Hass aufgenommen wurden. Wodehouse sollte sein Heimatland nicht wiedersehen; 1946 wurde ihm genehmigt, von Frankreich in die USA auszureisen, wo er 1955 die amerikanische Staatsbürgerschaft annahm und 1975 im Alter von 93 Jahren starb.
Wodehouse hinterließ ein umfangreiches Werk: Zwischen 1902 und 1974 publizierte er mehr als 90 Romane, 40 Theaterstücke und 200 Kurzgeschichten und Essays. Zu seinen bekanntesten literarischen Figuren gehören Bertram Wooster, sein Kammerdiener Jeeves, seine Tanten Agatha und Dahlia sowie die auf Blandings Castle spielenden Romane mit Lord Emsworth, Galahad Threepwood und dem Mastschwein, der „Kaiserin von Blandings“ als wesentliche Protagonisten.
Einige seiner Romane gelten als Klassiker des 20. Jahrhunderts. Die britische Zeitung The Guardian nahm 2009 mehrere seiner Romane in die Liste der 1000 Romane auf, die jeder gelesen haben muss.1000 Novels everyone must read: the definitive List, abgerufen am 4. April 2016. Robert McCrum führt Ohne mich, Jeeves! in der im Guardian veröffentlichen Liste der 100 besten englischsprachigen Romane auf. 2015 wählten 82 internationale Literaturkritiker und -wissenschaftler Alter Adel rostet nicht zu einem der bedeutendsten britischen Romane.The best British novel of all times – have international critics found it? The Guardian, aufgerufen am 6. Februar 2016. John le Carré hat sogar in einem 1996 veröffentlichten Zeitungsartikel festgehalten, dass jede Büchersammlung ein wohlgelesenes Exemplar von Dann eben nicht, Jeeves mit der meisterlichen Beschreibung einer missratenen Preisvergabe durch den betrunkenen Gussie Fink-Nottle enthalten müsse. John le Carré; Personal Best: Right Ho, Jeeves, Salon, 30. September 1996, aufgerufen am 24. April 2016.
Mehrere Wodehouse-Romane wurden für das Fernsehen bearbeitet. Unter anderem wurde im britischen Fernsehen The World of Wooster zwischen 1965 und 1967 ausgestrahlt, in der die Hauptrollen von Ian Carmichael und Dennis Price gespielt wurden. 1990 bis 1993 wurde Jeeves and Wooster – Herr und Meister (original: Jeeves and Wooster, UK 1990–1993,Herr und Meister auf Wunschliste.de. Abgerufen am 9. April 2016.) mit Hugh Laurie als Bertie und Stephen Fry als Jeeves gezeigt.
Nachdem deutschsprachige Übersetzungen von Wodehouse-Romanen lange Zeit vergriffen waren, hat der Schweizer Verlag Edition Epoca im Jahr 2000 damit begonnen, die Romane in neuen Übersetzungen von Thomas Schlachter aufzulegen.
Leben Geburt mini|Emmeline Deane: Porträt von Kardinal Newman, 1889. Newman zählte zu den britischen Geistesgrößen des 19. Jahrhunderts. Er war ein Onkel 2. Grades von P. G. Wodehouse. Die Porträtistin war eine Tante von Wodehouse.
Wodehouse wurde als Sohn von Eleanor Wodehouse (geb. Deane) und Henry Ernest Wodehouse (1845–1929) während eines Besuchs seiner Mutter in Guildford geboren. Sein Vater war Kolonialbeamter, der in Hongkong als Richter diente.
Familienhintergrund Auf der väterlichen Seite lässt sich die Familie zu Mary Boleyn, der Schwester von Anne Boleyn, zurückführen. Bereits 1623 wurde Philip Wodehouse zum erblichen Baronet erhoben. Der Vater von P. G. Wodehouse war einer der Enkel des zweiten Sohnes von Sir Armine Wodehouse, 5. Baronet.Donaldson: P. G. Wodehouse: A Biography. S. 39. Dessen älterer Bruder Sir John Wodehouse, 6. Baronet, wurde 1797 zum erblichen Baron Wodehouse erhoben. Zwei Generationen später, im Jahre 1866, wurde John Wodehouse, 3. Baron Wodehouse, der erbliche Titel des Earl of Kimberley verliehen. Wodehouse gehört damit zum weitverzweigten Familienkreis einer alten englischen Adelsfamilie und war zumindest theoretisch Anwärter auf den Titel des Baronet. Der Schriftsteller Anthony Powell hat in einer Besprechung der Wodehouse-Biografie von Richard Usborne kritisiert, dass dieser in seiner Biografie diese Abstammung völlig vernachlässigt habe.Anthony Powell, Besprechung in The Daily Telegraph, 20. Oktober 1961. Powell sah in der Familienabstammung den Grund für die aristokratische Fantasiewelt, in der die Romane und Erzählungen von Wodehouse spielen. Frances Donaldson hält dagegen fest, dass es eigentlich nichts im Leben oder Nachlass von Wodehouse gebe, das darauf hinweise, dass er an seiner Abstammung auch nur das geringste Interesse gehabt habe. Lediglich in einem Brief an seine Stieftochter Leonora über einen aus Sicht von Wodehouse lächerlichen Streit mit dem US-amerikanischen Komponisten Jerome Kern hält Wodehouse fest, dass dessen Reaktion das Blut der Boleyns in seinen Adern zum Kochen gebracht habe.Donaldson: P. G. Wodehouse: A Biography. S. 40. Die Abstammung hält Donaldson nicht für besonders bemerkenswert: Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hätten viele Familien der gehobenen Mittelschicht eine verwandtschaftliche Nähe zu einer der Familien der britischen Aristokratie für sich beanspruchen können.
Die Wodehouse-Biografin Donaldson hält es für interessanter, dass Wodehouse über die mütterliche Seite mit dem britischen Kardinal Newman verwandt war, der durch sein akademisches und literarisches Wirken sowie durch seine Konversion zum Katholizismus das geistige Leben Großbritanniens und Europas im 19. und 20. Jahrhundert tief beeinflusste. Wodehouses Großmutter war eine geborene Fourdrinier und Schwester von Kardinal Newmans Mutter.Donaldson: P. G. Wodehouse: A Biography. S. 41. Sofern man überhaupt nach einem Ursprung für das Talent von Wodehouse suchen wolle, wäre dies aus Sicht von Donaldson eher auf der mütterlichen Seite zu finden. P. G. Wodehouses Mutter Eleanor wies auch eine physische Ähnlichkeit zu ihrem Cousin Newman auf, galt aber innerhalb ihrer Familie als keine Geistesgröße.Donaldson: P. G. Wodehouse: A Biography. S. 42. Ihre Schwester Mary Deane war jedoch eine ernstzunehmende Schriftstellerin, und ihre Schwester Emmeline Deane war Malerin, deren Porträt von Kardinal Newman heute zum Bestand der National Gallery gehört.
Kindheit Wodehouse wurde zwar in Großbritannien geboren, verbrachte jedoch die ersten zwei Jahre seiner Kindheit in Hongkong. Er wurde dann gemeinsam mit seinen zwei älteren Brüdern Peveril und Armine nach Großbritannien verschickt, wo sie zunächst bei einer Pflegemutter in Bath lebten.
Das Schicksal, sehr früh von den Eltern getrennt zu werden und bei einer Pflegefamilie aufzuwachsen, teilt Wodehouse mit zahlreichen Nachkommen britischer Kolonialbediensteter. Es sollte so eine angemessene Erziehung im Heimatland sichergestellt werden. Ebenso wichtig war es jedoch, dass die Kinder vor den Folgen tropischer Krankheiten geschützt wurden. Zu den britischen Schriftstellern, die als sogenannte Raj-Waisen eine ähnliche, teils sehr traumatische Kindheit in einer häufig lieblosen Umgebung durchlebten, zählen Rudyard Kipling und Saki.Donaldson: P. G. Wodehouse: A Biography. S. 46.
Wodehouse und seine beiden Brüder blieben drei Jahre in der Obhut der Pflegemutter in Bath. Sie wurden dann 1886 auf eine Art Grundschulinternat in Croydon geschickt, das von zwei Schwestern geführt wurde. Der Bruder Peveril erkrankte drei Jahre später an einer Lungenkrankheit, weswegen die Eltern entschieden, die Kinder auf eine Privatschule auf der Kanalinsel Guernsey zu senden.Donaldson: P. G. Wodehouse: A Biography. S. 44. 1891 wurde dann der Bruder Armine auf das Dulwich College, ein Jungeninternat in London, geschickt.
P. G. Wodehouse wurde 1891 auf die Malvern House Preparatory School geschickt. Das ist eine vorbereitende Schule für den Eintritt in das Britannia Royal Naval College. Wegen Augenproblemen war für Wodehouse jedoch eine berufliche Laufbahn in der königlichen Marine unmöglich, so dass er seinen Vater bat, ihn gleichfalls auf das Dulwich College zu schicken.
mini|Dulwich College. Wodehouse besuchte dieses Jungeninternat ab 1894 Es gibt Indizien, dass sich P. G. Wodehouse nach der strengen Erziehung bei der Pflegemutter in Bath und dem Internat in Croydon bereits auf der Schule auf Guernsey wohl fühlte, die ihren Schülern vergleichsweise viel Freiraum ließ.Donaldson: P. G. Wodehouse: A Biography. S. 48. Eine glückliche Kindheit in einem stabilen Umfeld hatte er jedoch erst ab seinem Eintritt in das Dulwich College. Wodehouse hielt später sogar fest, dass die Jahre 1894 bis 1900, die er dort verbrachte, zu den glücklichsten seines Lebens zählten.Donaldson: P. G. Wodehouse: A Biography. S. 53.
Er war ein überdurchschnittlicher Sportler, der sich im Fußball, beim Cricket und beim Boxen auszeichnete. Auf Grund seiner sportlichen Leistungen nahm er unter seinen Mitschülern eine wichtige Rolle ein. Seine schulische Leistung war zwar uneinheitlich, er gehörte jedoch dem Schulchor an und war einer der Herausgeber der Schulzeitschrift. In William Townend fand er einen engen Freund, dem er ein Leben lang verbunden blieb.Donaldson: P. G. Wodehouse: A Biography. S. 49 bis S. 52.
Wodehouse blieb dem Internat weit über seine Schulzeit eng verbunden. Bis er Großbritannien kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges für immer verließ, war er regelmäßiger Gast der Schule und ließ es sich nicht nehmen, für die Schulzeitschrift Alleynian Artikel über die Fußballturniere der Schulmannschaft zu schreiben. Die Wodehouse-Biografin Donaldson sieht den Grund für diese außerordentlich lang anhaltende Verbundenheit darin, dass Wodehouse dort erstmals in einem stabilen Umfeld mit nachvollziehbaren und verlässlichen Regeln lebte.Donaldson: P. G. Wodehouse: A Biography. S. 54.
Heranreifender Autor Der Vater von P. G. Wodehouse sah sich finanziell außer Stande, nach seinem ältesten Sohn Armine einem zweiten Sohn eine universitäre Laufbahn zu ermöglichen. P. G. Wodehouse war deshalb gezwungen, im September 1900 eine Einstiegsposition im Londoner Büro der Hongkong and Shanghai Banking Corporation anzunehmen.Donaldson: P. G. Wodehouse: A Biography. S. 57.
In späteren Erinnerungen von Wodehouse taucht immer wieder auf, wie heruntergekommen das möblierte Einzimmer-Apartment war, in dem er nun lebte, und wie sehr ihm seine Arbeit bei der Bank zuwider war. In seinen Erinnerungen Over Seventy schrieb Wodehouse über diese Zeit