Bei der „Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Friedensinitiativen“ (ARGE UFI) handelte es sich um die aktivste auf der Basis des 1980 in England erarbeiteten END-Appells („European Nuclear Disarmament“ – Bewegung für europäische atomare Abrüstung) arbeitende österreichische Unterstützergruppe. Sie existierte zwischen 1982 und 1989 – in einer Zeit, als Europa noch durch die Blockgrenze geteilt war und von den USA und der Sowjetunion militärisch und politisch dominiert wurde.

Durch die kaum vorhandene Struktur und die – trotz der zahlenmäßigen Kleinheit – sehr große Heterogenität ließ sich die ARGE UFI kaum „politisch schubladisieren“. In einer Selbstdarstellung, die sich in den „Mitteilungen der Friedensinitiative Unterland“ für die Teilnehmer eines internationalen Friedenscamps anlässlich der KSZE-Nachfolgekonferenz in Wien Anfang November 1986 befindet, stellte sich die ARGE UFI folgendermaßen vor:

„Die Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Friedensinitiativen (UFI) wurde am 18 April 1982 in Innsbruck auf Initiative der UFI Wien (die aus der Aktionseinheit für den Friedensmarsch vom 27. Juni 1981 hervorgegangen ist) und Friedensbewegter aus Westösterreich gegründet. Sie besteht aus Gruppen und Einzelpersonen in ganz Österreich, unabhängig von Blöcken und Parteien. Grundsatzdokument ist der END (European Nuclear Disarmament)-Appell, der die Menschen auffordert, ‚nicht gegenüber dem Osten oder Westen, sondern untereinander loyal‘ zu sein. In der UFI arbeiten Grünalternative (AKW-Gegner, Umweltbewegte), Gewaltfreie (Wehrdienstverweigerer und Antimilitaristen, christlich motivierte Pazifisten), und unabhängige Linke (ehemalige KPÖ-Mitglieder, die diese Partei 1968 aus Protest gegen den Einmarsch in Prag verlassen haben, ‚Eurokommunisten‘, undogmatische Sozialisten u. a.) zusammen.“

Die UFI Wien Die Entstehungsgeschichte der UFI Wien geht auf den sogenannten „Langen Marsch für den Frieden“ zurück, der am 27. Juni 1981 in Wien stattfand (Westbahnhof – Heldenplatz – Stephansplatz – Arenawiese) und an dem rund 5.000 Menschen teilnahmen. Der Heldenplatz wurde dabei in „Friedensplatz“ umbenannt und auf dem Stephansplatz wurde ein Atombombenangriff simuliert, bei dem sich die Demonstranten für zwei Minuten auf den Boden legten, um so der Opfer zu gedenken. Die fünf Hauptforderungen des Marsches waren: Für ein atomwaffenfreies und entmilitarisiertes Europa – vom Atlantik bis zum Ural; Für das Recht eines jeden Volkes auf Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung; Umstellung der Rüstungsindustrie – auf zivile und sozial nützliche Güter; Völliger Verzicht auf die „zivile“ Nutzung der Atomenergie; Gegen weitere Militarisierung unserer Gesellschaft.

Der Aufruf wurde vor allem von Gruppen aus dem Anti-AKW-Bereich (z. B. Initiative Österreichischer Atomkraftwerksgegner, Initiative Gewerkschafter gegen AKW), aus dem christlichen Bereich (z. B. Katholische Arbeiterjugend, Evangelische Studentengemeinde, Initiative Friedensarbeit in der Katholischen Hochschulgemeinde), aus dem pazifistisch-antimilitaristischen Bereich (Arbeitsgemeinschaft für Zivildienst, Versöhnungsbund) und der unabhängigen Linken (z. B. Gewerkschaftliche Einheit, Bewegung für Sozialismus) getragen. Ein Teil dieser Aktionseinheit nannte sich „Friedensmarschkomitee 81“ und organisierte u. a. vom 16.–18. Oktober 1981 ein „Seminar für Abrüstung und Frieden“ mit einer Podiumsdiskussion (Teilnehmer: der Publizist Paul Blau, der Eisenbahnergewerkschafter Fritz Prechtl, der Ökonom Kurt Rothschild und der deutsche Grüne Dieter Burgmann) und einem Fest „Künstler gegen den Krieg“ mit Otto Tausig und der Politrock-Gruppe „Die Schmetterlinge“ im Auditorium maximum der Technischen Universität.

Weitgehende Übereinstimmung herrschte innerhalb der UFI in der Frage der Verantwortlichkeit von USA und UdSSR für das Wettrüsten und der Forderung nach Auflösung der Militärblöcke – einem zentralen Anliegen des „END-Appells“. Aus dieser inhaltlichen Orientierung ergab sich ein Gegensatz zur – damals noch strikt moskautreuen – KPÖ, die dank ihrer organisatorischen und finanziellen Stärke die meisten österreichweiten Friedensplena zahlenmäßig dominierte. Die UFI rief etwa mit einem eigenen Flugblatt zu der von unabhängigen linken Gruppen getragenen Demonstration gegen das Kriegsrecht in Polen am 30. Januar 1982 auf. Man könnte die Zeit von Herbst 1981 bis etwa Mitte 1983 als die „konfrontative Phase“ der UFI bezeichnen, die von einer „eigenständig-international orientierten Phase“ (Mitte 1983 bis etwa 1988) abgelöst wurde, in der die Auseinandersetzung mit der KPÖ eine immer geringere Rolle spielte und vor allem Projekte und Aktivitäten zusammen mit Friedensgruppen aus anderen Ländern durchgeführt wurden.

Von der Zeitschrift der UFI, dem „Friedensinfo“, erschienen zwischen Februar 1982 und November 1984 insgesamt 10 Nummern, wobei die Redaktion Anfang 1983 von Wien nach Innsbruck verlegt wurde. (Die Vorarlberger UFI-Gruppe hatte eine eigene Zeitschrift, ebenso das schon seit 1976 bestehende „Begegnungszentrum für aktive Gewaltlosigkeit“ in Bad Ischl, und das „Villacher Friedenskomitee“ gründete 1986 die Zeitschrift „alpe-adria“. Die beiden letzteren bestanden auch nach dem „Einschlafen“ der ARGE UFI weiter.) Die Struktur der UFI in Wien – Arbeitskreise, Plena und ein Koordinationsausschuss – funktionierte nur kurze Zeit zu Beginn des Jahres 1982. Mit dem Einpendeln auf einen „harten Kern“ von 10 bis 15 Personen genügten einigermaßen regelmäßige Treffen. Aufgrund des losen Initiativ-Charakters (die UFI Wien war nie ein Verein) wurden nie Sprecher gewählt, das Auftreten nach außen war keinen Regeln unterworfen. In der ersten Nummer des „Friedensinfo“ beschrieb sich die UFI selbst als „ziemlich ‚bunt zusammengewürfelter Haufen‘ politischer Organisationen und Einzelpersonen“.

Die „konfrontative Phase“ der UFI (Ende 1981 bis Mitte 1983) Bei der Vorbereitung der großen gesamtösterreichischen Friedensdemonstration des 15. Mai 1982 in Wien – Motto: „Den Atomkrieg verhindern! Abrüsten!“ – war das „Friedensmarschkomitee 81“ (bzw. die UFI, wie sie sich seit Anfang 1982 nannte) von Anfang an mitbeteiligt und auch im Koordinationsausschuss vertreten. Die Dominanz der KPÖ-Strömung wurde jedoch – obwohl die Plattform unterstützt wurde – auch öffentlich aufgezeigt, vor allem in einer vierseitigen Sondernummer des „Friedensinfo“, die am 15. Mai 1982 bei der bundesweiten Friedensdemonstration in Wien, an der rund 70.000 Menschen teilnahmen, verteilt wurde. Der Schwerpunkt der Tätigkeit der UFI Wien lag in dieser Zeit beim Knüpfen von Kontakten zu Initiativen in den Bundesländern und in der Vorbereitung des Seminars „Friedensbewegung und Menschenrechtsbewegung“.

Der Schritt zur Gründung der ARGE UFI (Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Friedensinitiativen Österreichs) wurde gesetzt, weil es auch in Friedensgruppen anderer Bundesländer Konflikte mit KPÖ-Vereinnahmungsversuchen gegeben hatte. Außerdem führten noch bestehende österreichweite Kontakte zwischen ehemaligen Aktivisten der Bewegung gegen das Kernkraftwerk Zwentendorf dazu, dass sich UFI-Unterstützer in ganz Österreich fanden. Am 17./18. April 1982 kam es in Innsbruck zur Gründung der ARGE UFI, ein zweites Treffen fand am 19./20. Juni 1982 in Linz statt. In Innsbruck waren 24 Personen aus den Bundesländern Tirol, Vorarlberg, Wien und Salzburg anwesend (in Linz auch aus der Steiermark und Oberösterreich). Es wurde ein Aufruf „Gegen die Kriegsvorbereitungen der Supermächte! Abrüsten in Ost und West!“ zur Mobilisierung für den 15. Mai beschlossen.

Die Gruppen und Initiativen, die sich mit der UFI Wien zu einem losen Zusammenschluss namens ARGE UFI verbanden, waren u. a. die Innsbrucker „Friedensinitiative für Blockfreiheit und Zusammenarbeit mit der Dritten Welt“ rund um Teile der Redaktion der links-alternativen „Stattzeitung Rotes Dachl“, der Innsbrucker Verein „VETO – Arbeitskreis für Frieden und Umwelt“, die Friedensinitiativen Feldkirch und Unterland (die sich in UFI Vorarlberg umbenannten), das pazifistisch-alternative „Begegnungszentrum für aktive Gewaltlosigkeit“ aus Bad Ischl (Oberösterreich), das „Villacher Friedenskomitee“ aus Kärnten und die „Frauen für den Frieden Graz“ (auf Initiative von Barbara Kasper entstand 1982 auch eine UFI Graz, der auch Männer aus dem AL- und VSStÖ-Spektrum angehörten). Zu den Einzelpersonen, die sich bei der ARGE UFI engagierten, gehörten z. B. Arno Truger vom Friedensforschungsinstitut Stadtschlaining (Burgenland), Wolfgang Schmidt vom linken Flügel der AL (Alternative Liste) aus Salzburg und – zeitweise – der Politologe Andreas Maislinger, der zur Zeit der Gründung der ARGE UFI beim Österreichischen Zweig des Internationalen Versöhnungsbunds in Wien Zivildienst leistete und 1992 den Österreichischen Gedenkdienst gründete.

Auch die ARGE UFI Österreichs besaß keine fixe Organisationsstruktur und keine gewählten Vorsitzenden oder Sprecher. In Wien, Vorarlberg, Tirol und zeitweise in Graz gab es Gruppen, die sich UFI nannten, das „Begegnungszentrum“ Bad Ischl und das „Villacher Friedenskomitee“ traten meist unter ihrem Namen auf und nur gelegentlich (bei österreichweiten oder internationalen Anlässen) im Rahmen der ARGE UFI. Die UFI Innsbruck hatte 1983/84 etwa 30 Aktivisten (neben den oben erwähnten Gruppen waren auch Mitglieder der lokalen ARGE Zivildienst und des Versöhnungsbunds dabei), die UFI Vorarlberg war praktisch die einzige Landesfriedensinitiative (also die organisatorische Struktur der Friedensbewegung in ihrem Bundesland eindeutig dominierend).

Die Haupt-Aktivität der ARGE UFI im Jahr 1982 war die Veranstaltung des Seminars „Friedensbewegung und Menschenrechtsbewegung – zwei Seiten einer Medaille?“ am 7. August 1982 im Internationalen Kulturzentrum (IKZ) in der Annagasse im 1. Bezirk Wiens (ca. 50 Teilnehmer), mit einer anschließenden Podiumsdiskussion in der Volkshochschule Stöbergasse (ca. 500 Teilnehmer). Die Veranstaltung wurde auch in einer Broschüre dokumentiert, die vom Berliner „Verlag Europäische Perspektiven GmbH“ herausgegeben wurde. Die ursprüngliche Idee dahinter war, ein geplantes „Vienna Peace Festival“ der ÖH (Österreichische Hochschülerschaft) im August 1982 zu nutzen, um mit den Teilnehmern einiger internationaler Friedensmärsche einen „Ost-West-Basisdialog“ zu führen, der auch „Vertreter der sowjetischen Bürgerrechts-, Helsinki- und Nationalitätenkomitees, der Charta 77, der unabhängigen Gewerkschaftsbewegung Solidarność, der DDR-Friedensbewegung ‚Schwerter zu Pflugscharen‘ und der ungarischen Basiskirche“ umfassen sollte.

Der Dialog wurde jedoch, da den angesprochenen Gruppen eine Ausreise aus ihren damals realsozialistischen Ländern nicht möglich war, zu einem zwischen der westlichen unabhängigen Friedensbewegung und exilierten Vertretern osteuropäischer Oppositionsbewegungen. Auch nach der (finanziell bedingten) Absage des „Vienna Peace Festival“ kamen Friedensmärsche aus Skandinavien (über die UdSSR), aus Deutschland, aus London und vom Balkan nach Wien, daher wurde der Dialog in etwas kleinerem Rahmen als ursprünglich vorgesehen organisiert.