mini|Ersterwähnungsurkunde der Wertheimer Pfarrschule aus dem Jahr 1373 (Landesarchiv Baden-Württemberg Abt. Staatsarchiv Wertheim) mini|hochkant|Kilianskapelle Wertheim um 1900, Gebäude der Wertheimer Lateinschule von 1605 bis 1870 (DBG-Schularchiv) mini|Wertheimer Lyceumsgebäude von 1871 bis 1965, heute Edward-Uihlein-Schule (DBG-Schularchiv) Das Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium Wertheim ist ein mathematisch-naturwissenschaftliches, alt- und neusprachliches sowie seit dem Schuljahr 2007/2008 musikalisches Gymnasium in Wertheim. Es ist die älteste Lateinschule Badens, wurde vor 1373 gegründet und gehört damit zu den ältesten Schulen in Deutschland.
Geschichte Mittelalterliche Ursprünge Das heutige Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium führt seine Ursprünge als Lateinschule Wertheim auf die Zeit der Reformation zurück. Diese Schule ging aus der mittelalterlichen Pfarrschule der Wertheimer Marienkirche,Jörg Paczkowski, Kurt Bauer, Stefanie Zwicker: Wertheim, Stadt an Main und Tauber. Gerchsheim 2012, S. 14–18. der heutigen evangelischen Stiftskirche, hervor.
Belegt wird dies durch eine Urkunde aus dem Jahr 1373, in der erstmals ein Schulmeister bei Abhaltung einer Totenmesse erwähnt wird. In dieser Urkunde belohnt Graf Eberhard von Wertheim den Pfarrer, dessen Stellvertreter und auch den Schulmeister mit Geld für die Durchführung einer Seelenmesse in der Wertheimer Pfarrkirche für seine verstorbenen Familienmitglieder:Joseph Aschbach: Geschichte der Grafen von Wertheim von den ältesten Zeiten bis zu ihrem Erlöschen im Mannesstamme im Jahre 1556. In: Wertheimisches Urkundenbuch. Teil 2, Frankfurt am Main 1843, S. 139–142.Übertragung ins Hochdeutsche nach Hugo Eckert. In: 625 Jahre Lateinschule Wertheim, Festschrift. Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium Wertheim, Wertheim 1998, S. 15–16.
mini|Schulgottesdienst des Wertheimer Gymnasiums in der Stiftskirche Im Jahr 1382 stiftet der Sohn des Grafen Eberhard, Graf Johann I., eine Seelenmesse für seine verstorbene Mutter Katherine und legt diesbezüglich dieselben Bestimmungen fest wie sein Vater. Dies wird in den Urkunden der Jahre 1399 und 1402 ebenfalls bestätigt und auch der Schulmeister wird dabei stets erwähnt, da er an den Seelenmessen des Priesterkollegiums der Wertheimer Pfarrkirche St. Marien (seit 1481 Stiftskirche) mitwirkte. Darüber hinaus gestaltete der Wertheimer Schulmeister zusammen mit seinen Schülern die Seelenmesse durch lateinische Gesänge liturgisch mit. Die traditionelle Verbundenheit des Wertheimer Gymnasiums zur Stiftskirche in Wertheim wird bis heute durch regelmäßige Schulgottesdienste und die Gestaltung von Konzerten weitergeführt.
Es darf vermutet werden, dass der Schulmeister einer der an der Wertheimer Pfarrkirche St. Marien wirkenden Priester war und von seinen Priesterkollegen zu diesem Amt bestimmt wurde. In einer lateinischen Urkunde aus dem Jahre 1403 wird der kirchliche Lehrer „rector scolarium“ genannt. Als Papst Sixtus IV. im Jahre 1481 die Wertheimer Pfarrkirche in den Rang einer Stiftskirche erhob, wurde in der Urkunde auch der Leiter der Pfarrschule als „scholaster“ erwähnt.
Die Wertheimer Schulmeister erhielten ihr Gehalt vom Grafen, vonseiten der Schülerschaft in Form von Schulgeldbeiträgen und in Gestalt von Remunerationen der Schüler wie Lichtgeld, Holzgeld oder Neujahrsgeld. Seit der Gründung des Chorstiftes Wertheim durch den Grafen Johann II. im Jahr 1419 wurde das Gehalt der Schulmeister durch diese Stiftung gedeckt. Vermutlich befanden sich die Räumlichkeiten dieser Schule im Bereich des heutigen Wertheimer Grafschaftsmuseums. Als erster namentlich genannter Schulmeister wird im Jahr 1509 ein Johannes Ryß erwähnt.Rudi Rennier: Zur Geschichte der 625-Jahre alten Lateinschule in Wertheim. In: 625 Jahre Lateinschule Wertheim. Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium Wertheim, Wertheim 1998, S. 34–53, hier S. 35.
Im Jahr 1448 vermachte der Kölner Theologieprofessor Conrad Wellin der Stiftskirche seine Bibliothek, die vermutlich auch im Schulbetrieb benutzt wurde. Dieser Büchersammlung, bestehend aus theologischen, juristischen, medizinischen Werken und solchen der freien Künste, wird bis heute in einem eigenen Bibliotheksanbau der Wertheimer Stiftskirche aufbewahrt. Wellin zu Ehren wurde die Straße, in der sich heute das Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium befindet, benannt.
Das angestrebte Berufsziel der meisten Schüler der Wertheimer Lateinschule war im Mittelalter das Priesteramt. Es darf vermutet werden, dass Lese- und Schreibkenntnisse in Wertheim auch an einer schon vorhandenen „deutschen“ Schule erworben werden konnten. Die Schüler der „lateinischen“ Schule an der Wertheimer Stiftskirche St. Marien konnten sich nach erfolgreichem Ablauf ihrer Schulzeit zum Priester weihen lassen und Seelsorger an einem der zahlreichen Altäre in den Kirchen der Stadt oder auf dem Land werden. Ein Studium war diesbezüglich nicht zwingend erforderlich, verbesserte aber die Anstellungschancen. Der erste quellenmäßig belegte Wertheimer Student ist ein gewisser Johannes Stopfenheimer, der im Jahr 1387 mit einem anderen Wertheimer Studenten namens Peter die neugegründete Heidelberger Universität besuchte. Stopfenheimer ist für das Jahr 1402 in Wertheim als Vikar belegt und wurde im Jahr 1422 Pfarrer in Wertheim. Weitere Studenten aus Wertheim waren vor der Reformation an verschiedenen deutschen Universitäten, wie Erfurt, Leipzig, Heidelberg, Ingolstadt und Freiburg im Breisgau immatrikuliert. Zur Universität Köln gingen fast nur die studierenden Angehörigen des Wertheimer Grafenhauses.
Anhand der Zahl der Wertheimer Studenten kann man vage Vermutungen über die Zahl der Schüler an der Wertheimer Lateinschule anstellen. Bis zum Jahr 1420 sind neun Studenten aus Wertheim quellenmäßig bekannt. Zwischen den Jahren 1451 und 1460 sind etwa 30 Studenten aus Wertheim an verschiedenen Universitäten nachgewiesen. In der Zeit zwischen 1500 und 1520 sind zusammen 35 Wertheimer Studenten belegt.
Neugründung in der Zeit der Reformation Im Jahr 1524 führte Graf Georg II. in der Grafschaft Wertheim zwangsweise die Reformation lutherischer Prägung ein. Der von 1525 bis 1530 als Berater des Grafen Georg II. in Wertheim tätige Johann Eberlin von Günzburg richtete als Oberaufseher das Wertheimer Schulwesen nach der lutherischen Bildungskonzeption aus.
Die Schülerzahlen der Wertheimer Pfarrschule nahmen vermutlich in den ersten Jahren der Reformation infolge des Wegfalls der materiellen Grundlage der Messstiftungen stark ab. Eventuell kam der Wertheimer Schulbetrieb sogar ganz zum Erliegen und musste durch den Grafen Georg II., der in Wertheim die Reformation einführte, neu belebt werden. Martin Luther erwähnt im Jahr 1530 in seiner wenige Wochen nach dem Tode des Grafen erschienenen „Predigt, dass man Kinder zur Schulen halten solle“ Graf Georg II. ausdrücklich als positives Beispiel für einen Adligen, der in seinem Herrschaftsgebiet Lobenswertes für das Schulwesen geleistet habe.Hermann Ehmer: Die Ursprünge des Wertheimer Gymnasiums. Auf: dbg-wertheim.de abgerufen am 17. Februar 2015.
Graf Georgs Sohn, Graf Michael III., ließ im Jahr 1553 im nahegelegenen Kloster Bronnbach ebenfalls eine lutherische Bildungsstätte einrichten, musste allerdings nach einem Einschreiten des Würzburger Bischofs im Jahr 1559 das Kloster wieder der katholischen Kirche überlassen. Graf Michaels Schwiegervater und Nachfolger, Graf Ludwig zu Stolberg-Königstein, beendete die Bronnbacher Filialgründung im Jahr 1571 und ließ im Jahr 1572 die gotische Kilianskapelle in Wertheim durch den früheren Bronnbacher Abt Clemens Leuser zum neuen Schulgebäude umbauen.Monika Schaupp: Neuorganisation und Aufschwung des Schulwesens in der Grafschaft Wertheim durch die Reformation. In: Landesarchiv Baden-Württemberg, Archivnachrichten. Nr. 55, September 2017, S. 6–7.
Schulhaus Kilianskapelle Die der Stiftskirche gegenüberliegende spätgotische Kilianskapelle gilt als eine der bedeutendsten gotischen Doppelkapellen in Deutschland. Schutzpatron ist der Frankenapostel Kilian, ein iro-schottischer Missionsbischof, der zusammen mit seinen Gefährten Kolonat und Totnan um das Jahr 689 in Würzburg den Märtyrertod gestorben sein soll. Der Baubeginn des ehemaligen Sakralbaues datiert auf das Jahr 1472. Um das Obergeschoss führt ein Gang mit aufwendiger Maßwerkbrüstung und einem Wappenfries sowie dem „Wertheimer Affen“ als Symbol der Eitelkeit, die in der christlichen, besonders der katholischen Theologie zu den Hauptsünden gerechnet wird. Ursprünglich als Kapelle für die geistlichen Stiftsherren erbaut, diente sie seit 1604 als Gebäude der Wertheimer Lateinschule. Nach dem Ende des Schulbetriebes aufgrund des Neubaues des Lyceums links der Tauber wurde das Gebäude in den Jahren 1903/04 wieder in gotischen Formen rekonstruiert.Marion Diehm: Die Kilianskapelle – Von der Lateinschule zur städtischen Altertümersammlung. In: 625 Jahre Lateinschule Wertheim. Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium Wertheim, Wertheim 1998, S. 73–77., abgerufen am 25. Februar 2015.
17. Jahrhundert und Dreißigjähriger Krieg Graf Ludwig von Löwenstein-Wertheim veranlasste im Jahr 1604 eine Neuorganisation der Wertheimer Lateinschule. Die Schulleiter wurden nun zu „Rectoren“ und der deutsche Zweig der Schule wurde mit dem lateinischen vereinigt. Die Schüler wurden in der untersten Klasse in deutscher Sprache im Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichtet. Danach folgt eine vierjährige Ausbildung in lateinischer Sprache. Neues Schulgebäude wurde die ehemalige Kilianskapelle neben der Wertheimer Stiftskirche. In den gotischen Kapellenraum wurden Balkendecken eingezogen, sodass ein Saal und vier Schulzimmer entstanden. Die Maßwerkfenster des ehemaligen Sakralraumes wurden zu diesem Zweck vermauert und normale Zimmerfenster eingesetzt.Johann Friedrich Neidhart: Topographisch-statistische Nachrichten von der Stadt Wertheim, in der Grafschaft gleichen Namens, im Fränkischen Kreise. Nürnberg 1793, S. 13.
In der Zeit des Dreißigjährigen Krieges blieb das Rektorat mehrfach unbesetzt und es kam zu erheblichen Störungen des Schulbetriebes mit schwankender Klassen- und Schülerzahl. In der Folgezeit wurde das Lateinische zugunsten der deutschen Sprache zunehmend in den Hintergrund gedrängt.Rudi Rennier: Zur Geschichte der 625-Jahre alten Lateinschule in Wertheim. In: 625 Jahre Lateinschule Wertheim. Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium Wertheim, Wertheim 1998, S. 34–53, hier S. 35–36.
18. Jahrhundert