Wolfen ist ein Stadtteil von Bitterfeld-Wolfen im Südosten von Sachsen-Anhalt, südlich von Dessau-Roßlau und nordöstlich von Halle (Saale) gelegen. Bis zum 30. Juni 2007 war Wolfen eine eigenständige Stadt.

Geographie mini|Fußgängerbrücke Am Buschmini|Ein Gutschein der Agfa von 1916.Wolfen liegt etwa 30 km nordöstlich von Halle (Saale) und 45 km nördlich von Leipzig. Östlich befindet sich die Mulde und der Muldestausee, südlich schließen sich die Ortsteile Bitterfeld und Greppin, nördlich Bobbau sowie Jeßnitz (Anhalt) und westlich Thalheim an. Die Fuhne fließt durch Wolfen. Wolfen liegt im Naturraum Bitterfelder Bergbaurevier. Am östlichen Ortsrand der Stadt befinden sich außerdem der Wolfener Busch und das Naturschutzgebiet Salegaster Forst.

Geschichte Der Ort Wolfen wurde im Jahre 1400 in einer Lehensurkunde für das Rittergut Altjeßnitz als Wulffen erstmals urkundlich erwähnt. Der Ortsname wird auf einen Gründer, dessen Name mit Wolf anfing, zurückgeführt. Basierend auf archäologischen Funden wird die Erstanlage des Dorfes um 1140/50 als Kolonisationssiedlung gestützt. Im Verlauf der spätmittelalterlichen Wüstungsphase fiel Wolfen in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts wüst und wurde 1550/51 als Dorf mit 21 Hofstellen neu angelegt. Wolfen war als Bauern- und Leineweberdorf dem kursächsischen Amt Bitterfeld zugeordnet.Manfred Wilde: Das Häuserbuch der Stadt Wolfen Kreis Bitterfeld 1550–1990. Verlag Degener & Co., Neustadt/Aisch 1999. Durch die Beschlüsse des Wiener Kongresses kam das Amt Bitterfeld und mit ihm Wolfen an das Königreich Preußen. Das Amt bestand ab 1816 als Kreis Bitterfeld im Regierungsbezirk Merseburg der Provinz Sachsen. Diese wurde 1944 aufgelöst.

1846 wurde in der Umgebung Braunkohle entdeckt, die in der Grube Johannes abgebaut wurde. Das Tagebaurestloch wurde zwischen 1938 und 1991 mit Abwasser der Zelluloseproduktion und anderer chemischer Prozesse der Filmfabrik Wolfen geflutet. Daher trägt das Gewässer im Volksmund den Namen Silbersee.

Wolfen ist heute eine Chemiestadt, die ihre Entwicklung hauptsächlich der von Agfa 1909 erbauten Filmfabrik Wolfen verdankt. So entstand unter anderem hauptsächlich für die Arbeiter der Filmfabrik Wolfen der Neubaukomplex Wolfen-Nord. In Wolfen wurde 1936 der Farbfilm erfunden, das Patent 1945 von amerikanischen Truppen beschlagnahmt und an den US-Konzern Kodak übergeben.

Während des Zweiten Weltkrieges mussten hunderte Frauen, Kinder und Männer aus den von Deutschland besetzten Ländern in den IG-Farben-Werken, die in Wolfen auch Krankenanstalten unter Leitung des sich auch mit der Achondroplasie beschäftigendenVgl. Georg Rodenacker: Eine röntgenographische Verfolgung von Vererbungsvorgängen. In: Röntgenpraxis. Nr. 10, 1938. Röntgenologen Georg RodenackerErnst Klee: Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-10-039310-4, S. 133. betrieben, Zwangsarbeit verrichten. In der Kunstfaserherstellung (Vistra) wurden gegen Ende des Krieges 350 weibliche Häftlinge des KZ Ravensbrück eingesetzt (nach anderen Angaben 1.200 bis 1.700 Jüdinnen), die in Baracken in der Thalheimer Straße untergebracht waren. Viele verloren ihr Leben.

Nach Kriegsende wurde die Film- und Faserproduktion zunächst fortgesetzt und am 31. Dezember 1953 als VEB Film- und Chemiefaserwerk Agfa Wolfen an die DDR übergeben. Im Jahr 1964 erfolgte die Umstellung des Warenzeichens von Agfa auf ORWO (Original Wolfen). Nach der Wende scheiterte die Privatisierung der Filmfabrik. Schließlich wurde 1994 die Liquidation des Gesamtwerkes eingeleitet. Teilprivatisierungen führten zur Gründung der ORWO Net GmbH (Foto-Colorlabor) und der FilmoTec GmbH (Herstellung von ORWO-Filmen). 1953 fanden spontane Arbeiterproteste statt (Aufstand vom 17. Juni 1953). Am 7. Oktober 1958 wurde der bisherigen Gemeinde Wolfen das Stadtrecht verliehen.

mini|Leerstehender Plattenbau in Wolfen-Nord

Seit 1990 ging die Einwohnerzahl Wolfens um 57,4 % von 43.900 auf 18.698 im Jahr 2013 (Stand: 31. März 2013) zurück.

Der Ortsteil Wolfen-Nord ist typisch für eine sogenannte Trabantenstadt im Osten Deutschlands, von Plattenbauten geprägt und seit 1990 von Arbeitslosigkeit, starkem Wohnungsleerstand und Abwanderung betroffen. Wolfen-Nord wurde in den 1960er bis 1980er Jahren hauptsächlich für die arbeitende Bevölkerung aller Schichten aus der Filmfabrik Wolfen, dem Chemiekombinat Bitterfeld, der Rohrwerke Bitterfeld und anderen Industrie- und Bildungszweigen gebaut. Von circa 33.000 Einwohnern (1993) in Wolfen-Nord lebten Ende 2008 nur noch etwas mehr als 11.000 dort, Wohnungsleerstand ist wegen Wegzug in attraktivere Gegenden zum größten Problem des Stadtteils geworden. Dem wird seit dem Jahr 2000 vor allem durch umfangreiche Abrissarbeiten begegnet. Allein in der Rückbauplanung für 2005/2006 wurden 1.182 Wohnungen mit über 70.000 m² Wohnfläche als Abrissobjekte festgelegt.

Eingemeindungen 1961: Steinfurth (bis dahin zu Jeßnitz (Anhalt) gehörend) 13. Juli 1993: Reuden 15. März 2004: RödgenStBA: Änderungen bei den Gemeinden Deutschlands, siehe 2004 mit dem am 1. Juli 1950 eingegliederten Zschepkau

Städtefusion 2007 Wolfen ist am 1. Juli 2007 mit der Nachbarstadt Bitterfeld und den Gemeinden Greppin, Holzweißig und Thalheim zur neu gegründeten Stadt Bitterfeld-Wolfen fusioniert.StBA: Änderungen bei den Gemeinden Deutschlands, siehe 2007

Die Gemeinde Bobbau ist am 1. September 2009 (lt. Bürgeranhörung waren 54 % der Einwohner gegen den Anschluss) ebenfalls der Einheitsgemeinde beigetreten. Die Stadt Bitterfeld-Wolfen hatte zu diesem Zeitpunkt zusammen knapp 50.000 Einwohner und war damit die viertgrößte Stadt Sachsen-Anhalts, im Jahre 2012 ist sie mit ca. 45.000 Einwohnern nur noch fünftgrößte Stadt des Landes.

Zudem schlossen sich im Zuge der Kreisgebietsreform in Sachsen-Anhalt die Landkreise Bitterfeld und Köthen mit großen Teilen des Landkreises Anhalt-Zerbst zum Landkreis Anhalt-Bitterfeld zusammen.

Einwohnerentwicklung mini|400px|Einwohnerentwicklung von Wolfen von 1910 bis 2017

Wolfen zählte 1834 lediglich 220 Einwohner. Im Jahr 1900 waren es bereits 1.280. Aufgrund des Zuzugs von Arbeiterfamilien im Zuge der Ansiedlung von Industrieunternehmen wuchs die Bevölkerungszahl über die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hinaus so stark, dass Wolfen 1958 zur Stadt erklärt wurde.Schwineköper, Berent (Hrsg.): Handbuch der historischen Stätten Deutschlands. Bd. 11. Provinz Sachsen, Anhalt. Stuttgart, 1987. S. 514. Im Gegensatz zu Bitterfeld nahm die Bevölkerung Wolfens auch nach 1945 weiter zu. Zu einem gravierenden Einbruch kam es erst nach der Wende. Seitdem hat die Stadt mehr als die Hälfte ihrer Einwohner verloren und zählt damit zu jenen Städten in den neuen Bundesländern, die am stärksten von Abwanderung betroffen sind.

Entwicklung der Einwohnerzahl (wenn nicht anderes angegeben ab 1960 31. Dezember):

Jahr Einwohner 1910 2.548 1927 5.690 1933 6.520 1939 7.934 1946 11.458 (29. Okt.) 1950 11.750 (31. Aug.) 1960 12.687 1963 18.260 1981 39.131 1984 41.977 1990 43.900 1995 40.889 Jahr Einwohner 2000 31.025 2001 29.188 2002 27.844 2003 26.728 2004 25.661 2005 24.908 2008 22.764 (30. Jun.) 2015 17.497 (31. Mär.)Verwaltungsgemeinschaft Bitterfeld-Wolfen (Hrsg.): Statistische Kurzinformation || Bevölkerungsstand und Bevölkerungsentwicklung im 1. Halbjahr 2007 in der Stadt und der Verwaltungsgemeinschaft Bitterfeld-Wolfen. Bitterfeld-Wolfen, 2007. 2017 16.449 (30. Jun.) 2021 15.073Stadt Bitterfeld-Wolfen: Statistische Kurzinformation der Stadt Bitterfeld-Wolfen. 08.03.2022

Datenquelle ab 1995: Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt

Gedenkstätten VVN-Gedenkstätte von 1946 auf dem Friedhof für 86 Frauen, Kinder und Männer, die während des Zweiten Weltkrieges nach Deutschland verschleppt und Opfer von Zwangsarbeit für die I.G. Farben wurden, sowie ein Sammelgrab für sowjetische und deutsche Bürger als Opfer eines Luftangriffs Gedenkstein von 1945 in der Leipziger Straße Wolfen-Süd zur Erinnerung an zwei KZ-Häftlinge, die hier ermordet wurden Schaukasten zu Anne Frank in der Sonderschule für Lernbehinderte Wolfen-Nord als Fortführung der Ehrung dieses jüdischen Mädchens, die mit der Namensgebung der „Anne-Frank-Schule“ 1989 begann

Politik Ortschaftsrat Der Ortschaftsrat des Ortsteils Wolfen hat 19 Sitze. Bei der letzten Wahl zum Ortschaftsrat am 9. Juni 2024 ergab sich bei einer Wahlbeteiligung von 52,77 % folgende Sitzverteilung: Pro Wolfen 6 Sitze AfD 5 Sitze CDU 3 Sitze Die Linke 1 Sitz SPD 1 Sitz Bündnis 90/Die Grünen 1 Sitz Unabhängiges Bündnis Bitterfeld-Wolfen 1 Sitz Wählerliste Sport 1 Sitz

Wappen

Historische Stadtwappen

Flagge Die Flagge wurde am 19. April 2001 durch das Regierungspräsidium Dessau genehmigt.

Die Flagge ist Schwarz – Gelb (1:1) gestreift. Das Stadtwappen ist mittig auf die Flagge aufgelegt.

Städtepartnerschaften Wolfen unterhielt ab 1990 eine Städtepartnerschaft zu Witten in Nordrhein-Westfalen und ab 1994 zu Villefontaine (Frankreich). Diese Partnerschaften werden von der Stadt Bitterfeld-Wolfen weitergeführt. mini|Kulturhaus

Kultur und Sehenswürdigkeiten Kulturhaus Das Kulturhaus Wolfen wurde 1927 von den Agfa-Werken erbaut und diente auch während der Zeit der späteren Filmfabrik Wolfen als Veranstaltungsort für die Mitarbeiter des Werkes. 1991 wurde es von der Stadt übernommen und wird seither als lokale und regionale Veranstaltungsstätte genutzt. Es gibt zwei Säle, Konferenz- und Beratungsräume, eine Bibliothek sowie Atelier und Keramikwerkstatt. Auf den verschiedenen Bühnen finden auch regelmäßig Theaterveranstaltungen statt.

Museen mini|links|Industrie- und Filmmuseum mini|Museumslok

Industrie- und FilmmuseumIndustrie- und Filmmuseum Wolfen Geschichte der Filmfabrik Wolfen Geschichte von Agfa und ORWO Dokumentation der Rohfilmherstellung anhand historischer Maschinen zahlreiche Sonderausstellungen zur historischen und zeitgenössischen Fotografie Museumslok

Bauwerke mini|hochkant|Johanneskirche Ehemaliges, denkmalgeschütztes ORWO-Verwaltungsgebäude „041“. Nach der Rekonstruktion dient es jetzt als Rathaus der neu gebildeten Stadt Bitterfeld-Wolfen. Evangelische Johanneskirche Katholische Heilig-Kreuz-Kirche Wolfen besitzt die größte überdachte Freilichtbühne Sachsen-Anhalts.

Natur mini|Schlangengraben im Salegaster Forst Im Osten der Stadt, erreichbar über eine Fußgängerbrücke, erstreckt sich der Wolfener Busch und der Salegaster Forst als Teil der Muldenaue. Die Fuhne ist ein sich verzweigender Fluss, dessen westlicher Arm in die Saale mündet und der östliche, der durch Wolfen fließt, in die Mulde.

Sport In Wolfen existieren 43 Sportvereine. Einer der bekanntesten darunter ist der Fußballverein FC Grün-Weiß Wolfen, der als BSG Chemie Wolfen lange Jahre in der DDR-Liga spielte. Nach der Wende spielte die erste Männermannschaft des Vereins in der Verbandsliga Sachsen-Anhalt, mit Ausnahme der Saison 2008/2009, in der die Mannschaft in der Oberliga Nordost antrat. Ende 2011 stellte der Verein Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens wegen drohender Zahlungsunfähigkeit. Der Spielbetrieb der ersten und zweiten Männermannschaft wurde daraufhin eingestellt.

Regelmäßige Veranstaltungen Alljährlich im Juni das „Vereins- und Familienfest“ Alljährlich in der Adventszeit die „Wolfener Weihnacht“ Jährlich im November die Mosaik-Comicbörse im Kulturhaus

Wirtschaft und Infrastruktur Verkehr mini|Bahnhof Wolfen, Gleisseite

Wolfen liegt an der Bundesstraße 184. An die Bundesautobahn 9 ist der Stadtteil über die Anschlussstelle Bitterfeld-Wolfen angebunden.