Friedrich (Fritz) Zweigelt (* 13. Jänner 1888 in Hitzendorf bei Graz; † 18. September 1964 in Graz) war ein österreichischer Entomologe und Botaniker. Als Leiter der staatlichen Rebenzüchtung der Ersten Republik und Direktor der Höheren Staatslehr- und Staatsversuchsanstalt für Wein-, Obst und Gartenbau in Klosterneuburg bei Wien war er zwischen 1921 und 1945 einer der einflussreichsten und international bekanntesten Persönlichkeiten des österreichischen Weinbaus. Die nach ihm benannte Rebsorte „Blauer Zweigelt“ ist mit einer Fläche von etwa 6.400 Hektar die mit Abstand bedeutendste Rotweinrebe im österreichischen Weinbau. Zweigelts nationalsozialistische Gesinnung und Aktivitäten erlangten erst Jahrzehnte später öffentliche Aufmerksamkeit.Erfolgsgeschichte mit dunklen Flecken: "dok.film: Zweigelt – Wein und Wahrheit" präsentiert. (Memento des Originals vom 4. März 2016 im Internet Archive) In: ORF, 2011, abgerufen am 20. November 2014.
Leben 1888 bis 1933 Am 13. Jänner 1888 in Hitzendorf bei Graz geboren,Personalakte Dr. Friedrich Zweigelt, Fragebogen v. 23. Juli 1941, BArch R 3601/6340 Bl. 14. trat der Steirer 1912 in die Dienste der k.k. Höheren Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau Klosterneuburg bei Wien.Friedrich Zweigelt, Curriculum vitae vom 9. Januar 1912 (Personalakte ÖMinLW). Siehe auch Friedrich Zweigelt: Von den Höhepunkten meines Lebens – Werk und Freude, in: Zeitschrift für angewandte Entomologie. Band 54 (1964), S. 13–21. 1921 wurde der promovierte EntomologeWilhelm Zwölfer: Laudatio, in: Zeitschrift für angewandte Entomologie. Band 54 (1964), S. 11–13. zum Leiter der ersten und einzigen Bundesrebenzüchtungsstation in Österreich ernannt.Über die wechselvolle Geschichte der ältesten Weinbaulehranstalt im deutschen Sprachraum vgl. „Programm und Jahresbericht der k.k. höheren Lehranstalt für Wein- und Obstbau in Klosterneuburg, zugleich Jubiläumsschrift anläßlich ihres 50jährigen Bestehens, Wien 1910“, „Denkschrift zur 70jährigen Bestandesfeier der Höheren Bundes-Lehranstalt und Bundesversuchsstation für Wein-, Obst- und Gartenbau in Klosterneuburg“ (Klosterneuburg 1939), sodann Emil Planck, 90 Jahre Höhere Bundes-Lehranstalt und Versuchsanstalt für Wein-, Obst- und Gartenbau Klosterneuburg. Jahresbericht 1945-50. Fünf Jahre Wiederaufbau, Klosterneuburg 1950. Unter den ersten Kreuzungen (ex 1921) erwies sich der Sämling mit der Zuchtnummer 71 (St. Laurent x Blaufränkisch) schon früh als vielversprechend.Fritz Zweigelt: Der gegenwärtige Stand der Klosterneuburger Züchtungen (Herbst 1924), Sonderabdruck aus der „Allgemeinen Wein-Zeitung“ 41 (1924) und 42 (1925). Zuchtziele waren Weinqualität, Frühreife. Blütefestigkeit, Fäulnisfestigkeit, Ertrag, Qualität, Reblausfestigkeit oder Peronosporafestigkeit; Paul Steingruber, Dreißig Jahre Rebenzüchtung an der Höheren Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt für Wein-, Obst- und Gartenbau in Klosterneuburg, in: Mitteilungen 1 (1951), S. 45 f., S. 89 f. und S. 135. Ebenso kreuzte Zweigelt 1922 erfolgreich Welschriesling x Orangetraube (1978 als „Goldburger“ in das österreichische Rebsortenverzeichnis für Qualitätsweine aufgenommenVerordnung des Bundesministers für Land- und Forstwirtschaft vom 20. September 1978 (Bundesgesetzblatt Nr. 517/1978)) und 1923 Blauer Portugieser x Blaufränkisch (1978 als „Blauburger“ in das österreichische Rebsortenverzeichnis für Qualitätsweine aufgenommen).
Zweigelt, seit 1929 auch Schriftleiter der Zeitschrift „Das Weinland“, wurde bald zu dem international bestvernetzten und bestangesehen Weinbaufachmann Österreichs.Franz Wobisch: Dr. Zweigelt – zu seinem 70. Geburtstag, in: Österreichische Weinzeitung 13 (1958), H. 1. Zusammen mit allen namhaften Fachleuten aus den wichtigsten weinbautreibenden Ländern EuropasVgl. den wohl von Zweigelt selbst verfassten Bericht über den Internationalen Wein- und Weinbaukongress in Conegliano in: Allgemeine Wein-Zeitung 44 (1927), 188-190. setzte er sich seit den späten zwanziger Jahren für die Förderung des Qualitätsweinbaus und die Eindämmung des Anbaus der sogenannten Direktträger ein.Friedrich Zweigelt: Die Ertragshybriden und ihre Bedeutung für den europäischen Weinbau. In: Internationale Landwirtschaftliche Rundschau. I. Teil: Agrikulturwissenschaftliche Monatsschrift, Rom, März 1930, Nr. 3. Darin auch ein konziser Überblick über den Anbau von Direktträgern in allen europäischen weinbautreibenden Ländern. In Das Weinland 3 (1932), S. 19–21 veröffentlichte Zweigelt einen sehr aufschlussreichen Bericht über die „Prüfung von Hybridenweinen in Klosterneuburg.“ Ähnliche, äußerst umfangreiche Berichte auch im Weinland 5 (1933), S. 29–33; S. 68–71, S. 103; S. 213- 215, S. 250–254, S. 291–295 und S. 367–372. Sein gleichnamiges, zusammen mit Albert Stummer (Nikolsburg) verfasstes Buch gilt bis heute als Standardwerk.Albert Stummer, Friedrich Zweigelt: Die Direktträger, Wien 1929. Das Buch wurde u. a. mit einem Preis des Internationalen Weinamts (Paris) ausgezeichnet. Siehe Das Weinland 5 (1933), S. 10.
1933 bis 1945 Nach 1933 wurde Nazi-Deutschland zu einem Sehnsuchtsort des (groß)deutsch-national und antiklerikalRegierungsrat Dr. Fritz Zweigelt (Selbstauskunft o. D., verm. 1938), Volksgerichtsakte Wiener Stadt- und Landesarchiv Vg 2e Vr 3281/45 Beilage 1. geprägten „Grenzlandbewohners“.So Zweigelt über die Österreicher im Allgemeinen: ders. Dem Führer Dank und Gelöbnis, in: Das Weinland 11 (1939), S. 109. Über sich selbst: „Grenzlandbewohner wissen mehr von den Sorgen und Gefahren der Ueberfremdung durch andere Völker, sie erlebten doch ohne Unterbrechung die Demütigung der Entrechtung, des Misstrauens und des ständigen Verrats an ihren nationalen Rechten, sie sind darum auch zäher aber auch hellhöriger als andere, die im geschlossenen Binnenstaat nie in die Lage gekommen waren, um ihr nationales Recht kämpfen zu müssen.“ Fritz Zweigelt, Zur Feier des 13. März 1941, masch., in: Volksgerichtsakte Vg 2e Vr 3281/45, Bl. 147–169, Zitat Bl. 148f. Zweigelt trat zum 20. April 1933 der österreichischen NSDAP bei (Mitgliedsnummer 1.611.378)Bundesarchiv R 3601/6340 und wandte sich auch in der „Verbotszeit“, ab 19. Juni 1933 als Illegaler, nicht von der Partei ab.Vernehmung/Niederschrift, Polizeidirektion Wien/Staatspolizei Gruppe XXVI, 6. Juli 1945, Volksgerichtsakte Wiener Stadt- und Landesarchiv Vg 2e Vr 3281/45. Bl. 21-22.
Nach dem Anschluss Österreichs im März 1938 schien Zweigelts Plan wahr werden zu können, „sein“ Klosterneuburg, die dort ansässige Höhere Bundeslehr- und Bundesversuchsstation für Wein-, Obst- und Gartenbau als Schwesteranstalt der ungleich größeren Staatlichen Lehranstalt für Wein-, Obst- und Gartenbau in Geisenheim am Rhein zu neuer Blüte führen zu können.Friedrich Zweigelt: Zu neuer Arbeit. In: Der deutsche Weinbau 17 (1938), S. 391–393. Doch so sehr sich Zweigelt als Leiter und (ab 1943) als Direktor bemühte,Zweigelt wurde mit Erlass vom 28. Mai 1941 rückwirkend zum 1. April 1941 seitens des Reichsministers für Ernährung und Landwirtschaft „die endgültige Leitung“ der Versuchs- und Forschungsanstalt übertragen. (Personalakte ÖMinLW Bl. 40). Die Ernennung zum Direktor erfolgte zum 27. Mai 1942. Ebd. Bl. 61. Klosterneuburg darüber hinaus auch zu einer „nationalsozialistischen Hochburg“Heinrich Konlechner: Dr. Fritz Zweigelt. 30 Jahre an der Klosterneuburger Lehranstalt tätig. In: Das Weinland 14 (1942), S. 41. zu machen, so sehr geriet er zunächst zwischen die Fronten. Nicht nur die Parteigänger des austrofaschistischen Dollfuß-Schuschnigg-Regimes wollten seinen Aufstieg verhindern. Zweigelt war auch rivalisierenden, erst seit kurzem nationalsozialistisch eingestellten Kollegen im Weg. Über den Sommer 1938 gelang es ihm aber, zahlreiche missliebige Lehrkräfte aus der Schule zu verdrängen und sie durch eingefleischte Nationalsozialisten zu ersetzen.Volksgerichtsakte Wiener Stadt- und Landesarchiv Vg 2e Vr 3281/45. Als die fortschrittlichsten Weinbaupolitiker der Welt genossen die nationalsozialistischen Deutschen bald internationale Anerkennung. Höhepunkt und Ende dieser Entwicklung war ein internationaler Weinbaukongress, der Ende August 1939 in Bad Kreuznach stattfand.Vgl. Daniel Deckers: Im Zeichen des Traubenadlers. Eine Geschichte des deutschen Weins (2. Auflage). Axel Dielmann Frankfurt/M. 2018, ISBN 978-3-86983-019-3, S. 109–147. Für Österreich siehe Ernst Langthaler: Weinbau im Nationalsozialismus. In: Willi Klinger, Karl Vocelka (Hrsg.): Wein in Österreich. Die Geschichte. Christian Brandstätter, Wien 2019, ISBN 978-3-7106-0350-1, S. 206–212. Unter den Teilnehmern war auch Zweigelt – nunmehr als Reichsbeamter.
An seinen nationalsozialistischen Überzeugungen, die sich in Ansprachen an die Schülerschaft mit drastischer Kriegsrhetorik verbanden,Archiv HBLA Klosterneuburg, Dr. Fritz Zweigelt – persönliche Unterlagen. hielt er ungeachtet zahlreicher persönlicher Enttäuschungen bis 1945 fest. So wurde die von ihm redigierte Zeitschrift „Das Weinland“, seit 1929 das Sprachrohr des österreichischen Weinbaus, 1943 auf Weisung des Reichsnährstands in Berlin eingestellt.Vgl. die Korrespondenz Zweigelts mit dem Berliner Reichsnährstand. Archiv HBLA Klosterneuburg, Dr. Fritz Zweigelt – persönliche Unterlagen. Über den Tod seines einzigen Sohnes Rudolf, der nach dem Medizinstudium zur Wehrmacht eingezogen worden war und im Oktober 1944 in Ostpreußen fiel, kam Zweigelt zeit seines Lebens nicht hinweg.Mündliche Auskunft des Urenkels Thomas Leithner, Langenlois.
Nach 1945 mini|Grabstätte der Familie Zweigelt auf dem Stadtfriedhof St. Peter Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches stilisierte sich Zweigelt während seiner Haft im Anhaltelager Klosterneuburg zu einem fehlgeleiteten Idealisten.Personalakte ÖMinLW. Gleichwohl wurde nach diversen Verhören und Zeugenvernehmungen Ende 1945 ein Strafverfahren vor dem Volksgericht Wien gegen den vormaligen Direktor eingeleitet.Volksgerichtsakte Wiener Stadt- und Landesarchiv Vg 2e Vr 3281/45.
Einen Schüler namens Josef Bauer, Mitglied der Widerstandsgruppe um den Klosterneuburger Chorherrn Roman Scholz, soll Zweigelt der Gestapo ausgeliefert haben.Charlotte Ueckert (Hrsg.): Der Jaguar im Spiegel. Ein Kogge Lesebuch. Pop, Ludwigsburg 2010, ISBN 978-3-937139-93-7, S. 193. Der Umstand, dass Bauer (geb. 1920) nach seiner Festnahme durch die Gestapo als Mitglied der „Österreichischen Freiheitsbewegung“ der Anstalt verwiesen worden war,Josef Bauer war bald nach der Festnahme von Scholz im Juni 1940 verhaftet worden. Eine auf den 25. September 1945 datierte Abschrift des Protokolls der Lehrerkonferenz vom 28. August 1940 hat sich im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW), Wien, zusammen mit anderen Aktenstücken rund um die Causa Roman K. Scholz erhalten. wurde damals von niemandem thematisiert.In der Volksgerichtsakte Wiener Stadt- und Landesarchiv Vg 2e Vr 3281/45, dem Gnadenakt aus den Beständen des österreichischen Bundesministeriums für Justiz (ÖStA BMJ, Sektion IV, VI-d, 31.212-49) und der im Haus des österreichischen Landwirtschaftsministeriums erhaltenen Personalakte Zweigelts finden sich keine Hinweise auf eine weitergehende Befassung Zweigelts mit diesen Vorgängen.