Meritneith (auch Merneith und Meret-Neith gelesen) war eine altägyptische Königin der 1. Dynastie während der frühdynastischen Epoche. Sie lebte etwa um 2960 v. Chr. an der Seite von König (Pharao) Wadji. Sie war die Mutter von König Den und dessen mögliche Co-Regentin, wenn nicht gar Alleinherrscherin. Ihr Name ehrt die ägyptische Göttin Neith.
Königin Meritneith gilt in der Ägyptologie als Schlüsselfigur im Verständnis um die Thron- und Herrscherfolge in der 1. Dynastie, da archäologische Funde darauf hindeuten, dass sie womöglich als eigenständige Herrscherin über Ägypten regiert hatte. Damit wäre sie nach Königin Neithhotep die zweite „Pharaonin“ der ägyptischen Geschichte gewesen. Gestützt wird diese Einschätzung durch ihr Grab bei Umm el-Qaab (nebst eigener monumentaler Grabstele), das dem eines echten Pharaos der Frühzeit entsprach. Meritneith hatte zudem offenbar außergewöhnlich ranghohe Positionen und Befugnisse inne, die selbst einfachen Königsgemahlinnen eigentlich unzugänglich waren. Dank neuester Grabungen mit anschließender, medienwirksamer Veröffentlichung der Ergebnisse erfährt die Königin in modernen Medien steigende Bekanntheit und Popularität, teilweise wird sie gar als „Ikone“ und „Power-Frau“ gefeiert.
Name und Identität Zeitgenössischer Name Der Name von Meritneith ist der ägyptischen Göttin Neith gewidmet, die besonders in der frühen Hälfte der 1. Dynastie verehrt wurde. Sie war die Göttin der Jagd, des Mutes und der Webkunst und die Schutzpatronin der Mütter. Ihr Kultzentrum lag in Sais in Unterägypten. Der Name Merit-Neith bedeutet übersetzt „Von Neith geliebt“ oder auch „Geliebte der Neith“. Neben Meritneith sind auf Grabstelen und Artefakten die Namen einiger, vor allem weiblicher, Personen mit Verknüpfung zur Göttin Neith erhalten, die allesamt etwa in die Zeit von Meritneith datieren: Königin Neithhotep (die vor ihr lebte) sowie die königlichen Hofdamen Qaneith, Herneith, Nachtneith, AhaneithToby Wilkinson: Early dynastic Egypt. London / New York 1999, S. 291., Iret-NeithJochem Kahl, Markus Bretschneider, Barbara Kneissler: Frühägyptisches Wörterbuch. Wiesbaden 2002, S. 46., Ach-Neith, Ia-Neith, Ib-Neith, Aper-Neith, Anch-Neith und Adj-Neith.Eva-Maria Engel: The early dynastic Neith. In: Studien Zur Altägyptischen Kultur. Band 50. Hamburg 2022, S. 68–76.
Meritneiths Name erscheint bereits zu ihrer Zeit in mehreren Varianten: sowohl freistehend als auch innerhalb eines königlichen Serechs. In der freistehenden Form liegt ihr Name in der zu erwartenden, „klassischen“ Schreibung vor: als „Merit-Neith“, bestehend aus den Gardiner-Zeichen r4 (Standarte der Neith), U6 (Kniestielhacke) und D21 (menschlicher Mund).Jochem Kahl: Das System der ägyptischen Hieroglyphenschrift in der 0.-3. Dynastie. Harrassowitz, Wiesbaden 1994, S. 687.Anmerkung: Die Sonder-Hieroglyphe der Neith-Standarte ist in der sogenannten Extended library unter 1421E registriert. Siehe hierzu: Nicolas Grimal et al.: Hieroglyphica. 2. Auflage, Utrecht / Paris 2000, S. 2 R-6. Der Serechname weicht dagegen deutlich von dieser Schreibung ab. Überhaupt ist die Gestaltung des Serechs außergewöhnlich: Der Standfuß der Neith-Standarte scheint den Serech in der Mitte zu durchtrennen, sodass eine Art „Doppelserech“ entsteht. In den freibleibenden Fenstern je links und rechts des Standfußes prangt das Gardinerzeichen U6 (besagte Kniestielhacke), ohne weitere Zeichen. Das Wappen der Neith mit den zwei gekreuzten Pfeilen thront über dem Serech, dort, wo bei männlichen Königsnamen der Falke des Gottes Horus oder das Fabeltier des Gottes Seth sitzt.Rolf Gundlach, Christine Raedler: Selbstverständnis und Realität. Wiesbaden 1997, S. 108–110 und 117–119.
Spätere Namensnennungen Auf Siegelabdrücken des Königs Qaa (achter Herrscher der 1. Dynastie) aus dessen Grab, auf denen sämtliche Herrscher der 1. Dynastie aufgelistet sind, werden Name und Titel von Meritneith nicht mehr erwähnt. Es scheint, dass ihr spätestens seit Qaa keine besondere Rolle mehr in der königlichen Historie zugedacht wurde und/oder der Totenkult um sie erloschen war.
Meritneith erscheint hingegen mit ziemlicher Sicherheit auf dem Palermostein, einem Fragment des Annalenstein der 5. Dynastie. Auf dieser Steintafel aus schwarzem Basalt sind unter anderem in Zeile 2 die Jahresereignisse des Königs Den eingraviert. An der rechten Bruchkante der Steintafel ist die Namenssilbe „…(mer)rit“ ([mr]rj.t), gefolgt vom einfachen Determinativ einer hockenden Frau, erhalten, was Toby Wilkinson, Kurt Sethe und Silke Roth als Neith-Merit rekonstruieren. Damit bestätigt der Palermostein die familiäre Position der Meritneith als Mutter des Den. Gleichzeitig wiederum spricht die Erwähnung Meritneiths für die Akkuratesse und Glaubwürdigkeit des Palermosteins, da die Königin ja zeitgenössisch vollumfänglich bezeugt ist.Toby A. H. Wilkinson: Royal Annals of Ancient Egypt. London 2000, S. 104 u. 105.
Familie Ihr Titel „Mutter des Königs“ (mwt nswt) erscheint wiederholt auf Tonsiegelinschriften des Königs Hor Den, wonach dieser als ihr Sohn anzusehen ist. Aus dem Grab des König Djer stammen Tonsiegelabdrücke, in denen die Namen von Djer und Meritneith gemeinsam erscheinen. Über weitere Familienmitglieder und mögliche Nachkommen ist nichts überliefert.Anne K. Capel, Glenn Markoe: Mistress of the House, Mistress of Heaven: Women in Ancient Egypt. New York City 1996, S. 28–30. Jean-Philippe Lauer schlug seinerzeit vor, dass Meritneith bereits mit Djer liiert gewesen sein könnte, doch die bisherigen Funde erlauben nur eine Zuweisung als Gemahlin des Wadji. Viel eher wird Meritneith Djers Tochter gewesen sein.Nicolas Grimal: A history of ancient Egypt. Oxford 1994, S. 50.Toby Wilkinson: Early dynastic Egypt. London / New York 1999, S. 74–75.Hermann A. Schlögl: Das Alte Ägypten. Geschichte und Kultur von der Frühzeit bis zu Kleopatra. München 2006, S. 27. Auch Peter Kaplony vermutet, dass sie Tochter des Djer, Gemahlin des Wadji und schließlich Mutter und Co-Regentin von Den war. Demnach hätte sie die Herrschaft dreier Könige überlebt.Peter Kaplony: Inschriften der ägyptischen Frühzeit. Wiesbaden 1963, S. 495.
Zeitgenössische Belege miniatur|links|hochkant=0.6|Name der Meritneith auf ihrer Stele (Nahaufnahme).
Meritneith ist vorrangig durch den Fund zweier großer Grabstelen aus poliertem Kalkstein bekannt, die 1901 von Flinders Petrie in ihrer Grabanlage in Umm el-Qaab entdeckt wurden. Eine davon war größtenteils zerstört, die andere hingegen nahezu perfekt erhalten. Letztere befindet sich heute unter der Inventarbezeichnung JE-34550 im Ägyptischen Museum zu Kairo. Die Meritneith-Stele ist etwa 1,57 m hoch, 46 cm breit und etwa 28 cm dick. Sie weist einen abgerundeten Kopf auf. Sie trägt auf ihrer Vorderseite ein stelenförmiges „Erscheinungsfenster“, in dem Meritneiths Name in drei großen Hieroglyphen eingraviert ist. Er setzt sich zusammen aus den Gardiner-Zeichen r4 (Standarte der Neith), U6 (Kniestielhacke) und D21 (menschlicher Mund). Als man die Stele fand, lehnte sie, seitlich liegend, an der östlichen Wand der Hauptgrabkammer. Dies dürfte allerdings kaum ihre originale Position gewesen sein: normalerweise standen solche Grabstelen vor dem Eingang zur Nekropole, wo sie den Besitzer der Grabanlage anzeigten.Gaston Maspero: Guide du visiteur du Musée du Caire. 4e édition, Imprimerie de l’Institut Français d’Archéologie Orientale, Kairo 1915, S. 301.Regine Schulz, Hartwig Altenmüller: Egypt: The World of the Pharaohs. Köln 1998, S. 31.
Weitere wichtige Funde sind Siegelabrollungen aus ihrem und aus Dens Grab in Abydos. Weiters stammen Alabastervasen und -fragmente mit erhabenem Reliefdekor aus ihrem Grab, das wahlweise Tragnetze aus geflochtenem Seil imitiert und solche mit Wellen- und Serechmuster. Schließlich gibt es noch die Statuette eines Pavians, deren Sockel den Namen der Meritneith trägt.S. Roth: Die Königsmütter des Alten Ägypten. Wiesbaden 2001, S. 296–300. Außerhalb von Abydos ist Meritneith eher spärlich belegt. Aus einem Grab in Sakkara stammen mehrere Gefäßfragmente sowie ein Elfenbeinschälchen. Dieses Grab wurde ihr zunächst zugeordnet,Walter Bryan Emery: Ägypten, Geschichte und Kultur der Frühzeit. München 1964, S. 60–63 und 202. was heute aber kaum noch aufrechterhalten wird. Unbekannter Herkunft hingegen ist eine kleine Alabastervase mit erhabenem Relief in Gestalt ihres Namens darauf.
Auf Tonsiegelabdrücken, die unter Meritneith datieren, findet sich der bislang älteste Beleg für den Titel eines Gouverneurs oder Bürgermeisters, Hatia. Träger dieses Titels war der hohe Beamte Sechka. Ein weiterer hoher Beamter unter ihr war Sechemkasedj, der die königliche Domäne „Horus gedeiht“ (Hr-w3dj) leitete und in Sakkara bestattet wurde. Ebenso fällt die Karriere des Amka, der die Herrscher Djer, Wadji und Den überlebte, in die Zeit von Meritneith. Weitere Siegelabdrücke zeigen das seltene Determinativ (Deutzeichen) eines Hausschweins, das offenbar gemästet und geschlachtet wurde. Somit gehörten Hausschweine bereits zu Meritneiths Zeit zu den wichtigen Fleischlieferanten. Weitere Hinweise auf Fleischgewinnung liefert die Nennung einer Domäne namens „Haus der Rinder“ (Hwt-jhwt) mit dem Ideogramm eines Stieres.Kathryn Ashley Bard u. a.: Encyclopedia of the archeology of ancient Egypt. London 1999, S. 700.
mini|hochkant=1.0|Siegel der Meritneith, auf dem ganz rechts ihr Name und Titel erscheinen (hypothetische Rekonstruktion nach Werner Kaiser).Werner Kaiser: Zum Siegel mit frühen Königsnamen von Umm el-Qaab. In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Institut Abteilung Kairo. (MDAIK) Band 43. von Zabern, Mainz 1987, S. 115–119, hier S. 118, Abbildung 2; siehe auch: Günter Dreyer: Ein Siegel der frühzeitlichen Königsnekropole von Abydos. ebenfalls in: MDAIK. Band 43, S. 33–43, Abbildungen 2 u. 3.
Gewissermaßen Highlight unter den Siegeln sind aber solche, die nicht nur Meritneiths Namen und Mutter-Titel nennen, sondern auch die Horusnamen der Könige Narmer, Aha, Djer und Wadji (siehe Abbildung). König Den fehlt gemäß Werner Kaiser auf älteren Siegeln noch - wohl deshalb, weil er zu der Zeit, als das Siegel geprägt wurde, noch lebte. Weitere Siegel (sowohl aus Meritneiths als auch aus Dens Grab) mit Königsliste schließen König Den mit ein und wurden folglich später im Grab der Königin deponiert. Günter Dreyer widerspricht der Rekonstruktion jedoch und ist sicher, dass König Den auf allen Siegeln präsent ist (entsprechend fallen seine Zeichnungen aus). Beide stimmen jedoch darin überein, dass die kurzen Königslisten auf den Siegeln von größter Wichtigkeit für die chronologische Rekonstruktion der 1. Dynastie sind. Weiteres Augenmerk verdient der Name des Gottes der Friedhöfe, Talbezirke und des Gedenkens: Chontamenti. Dieser wird auf den Siegeln mit den Königslisten vor jedem Herrscher wiederholt genannt. Die exakte Symbolik dahinter ist heute verloren, vermutet wird, dass es eher verwaltungstechnische Gründe hatte: Chontamenti war der exklusive Schutzpatron der Nekropole von Umm el-Qaab (wo Meritneith und ihre Vorgängerkönige begraben liegen). Vielleicht war Meritneith -als Co-Regentin von Den- für die Beaufsichtigung, Verwaltung und Einhaltung der Totenkulte um die aufgelisteten Könige verantwortlich.Werner Kaiser: Zum Siegel mit frühen Königsnamen von Umm el-Qaab. In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Institut Abteilung Kairo. (MDAIK) Band 43. von Zabern, Mainz 1987, S. 115–119.