Das Kernkraftwerk Saporischschja (, , englisch Zaporizhzhya Nuclear Power Plant = ZNPP) befindet sich direkt am durch den Fluss Dnepr gebildeten Kachowkaer Stausee auf dem Territorium der Stadt EnerhodarChristoph Rieke: Provisorische Verwaltung berichtet von Schäden an AKW Saporischschja durch ukrainischen Beschuss. In: . Der Tagesspiegel, 5. August 2022, 16:30 Uhr., 152,5 km vom Kachowka-Staudamm entferntNationaler Streßtestreport der Ukraine für 2011, Seite 49. und 55 km südwestlich der Oblast-Hauptstadt Saporischschja im Südosten der Ukraine. Es hat sechs Druckwasserreaktoren der sowjetischen Bauart WWER-1000/320 mit je 950 MW Nettoleistung (thermische Leistung je 3,2 GW, Wirkungsgrad 30 %) und ist mit 5,7 GW installierter Gesamtleistung das leistungsstärkste Kernkraftwerk Europas. Seine Stromproduktion ist eingestellt. Nach kriegerischer russischer Annexion/Besetzung 2022, sicherheitshalber Abschaltung der Stromproduktion 2022, Auslaufen des Kühlwasser liefernden Stausees 2023 ist es seit 2024 vollständig kaltabgeschaltet, wird im Werk von der IAEA beobachtet und benötigt in diesem Zustand ständige Stromversorgung.
Etwa 2 km östlich des Kernkraftwerkes steht das konventionelle Wärmekraftwerk Saporischschja. Beide Anlagen zusammen beinhalten etwa 30 % der gesamten Kraftwerkskapazität der Ukraine und lieferten 2021 23 % des gesamten in der Ukraine gewonnenen Stroms.Ihor Pylypenko, Daria Malchykova: Der Kachovka-Stausee – Wirtschaftsmotor und Kriegsschauplatz. In: Osteuropa 1–2/2023 (PDF).
Das Kernkraftwerk, das vom ukrainischen Staatsunternehmen Enerhoatom betrieben wurde, versorgte fast den gesamten Süden der Ukraine und war seit dem Wegfall aller vier Blöcke des Kernkraftwerks Tschernobyl essenziell für die Energieversorgung der Ukraine. Bis zum 11. September 2022 wurde die Stromproduktion der letzten noch in Betrieb befindlichen Blöcke jedoch beendet, da die Betriebsbedingungen infolge der Kämpfe extrem schwierig wurden und ein aktiver Reaktor im Falle eines Treffers eine nukleare Katastrophe verursachen könnte.
Vor dem russischen Überfall auf die Ukraine arbeiteten etwa 11.000 Menschen in dem Werk. Am 4. März 2022 geriet das Kernkraftwerk unter russische Besatzung. Es wird jedoch weiterhin von lokalem Personal, von dem der größte Teil bis Oktober 2022 geflohen war, betrieben bzw. überwacht. Im Juni 2023 gab es dort noch etwa 3500 Mitarbeiter.
Im Zuge der russischen Annexion der Süd- und Ostukraine wurde auch das Gelände des KKW als russisches Staatsgebiet deklariert. Der russische Präsident stellte es am 5. Oktober 2022 per Dekret unter russische Verwaltung und erklärte es entgegen internationalem Recht zu russischem Eigentum.
Seit dem 13. April 2024 befindet sich auch der letzte Reaktor im Kaltabschaltzustand. Aufgrund der im Normalbetrieb erforderlichen etwa 12 GW Kühlleistung, die durch das aus dem Stausee entnommene Wasser erbracht wurde, ist eine Wiederinbetriebnahme des Werkes zur regulären Stromerzeugung nach dem Auslaufen des Stausees im Juni 2023 laut dem Leiter der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit „eigentlich ausgeschlossen“.
Geschichte Bau
Mit dem Bau des ersten Reaktors wurde im Jahr 1980 begonnen. Mit der Inbetriebnahme des ersten Reaktorblocks am 10. Dezember 1984 wurde der erste Reaktor der sowjetischen Standard-Baureihe WWER-1000/320 in Betrieb genommen. In den Jahren 1981, 1982 und 1983 wurde mit dem Bau der Blöcke zwei bis vier begonnen. Diese gingen jeweils nach einer Bauzeit von ungefähr vier Jahren und acht Monaten in Betrieb. Der Block 5 wurde von 1985 bis 1989 errichtet. Der Baubeginn des sechsten Blocks war am 1. Juni 1986. Er ging nach über neunjähriger Bauzeit in der inzwischen unabhängigen Ukraine am 19. Oktober 1995 in Betrieb.
Struktur der Anlage mini|Übersicht über die Gesamtanlage (mit KKW, Nr. 1, Wärmekraftwerk, Nr. 5, und Enerhodar, Nr. 6) mini|Lageplan des KKW
Die thermische Gesamtleistung des Kernkraftwerks von fast 20 GW erforderte große Mengen Kühlwasser. Diese wurden dem Kachowkaer Stausee, an dessen Südufer das Kraftwerk steht, entnommen.
Das KKW ist über vier reguläre Hochspannungsleitungen, welche mit 750 kV betrieben werden, mit dem Stromnetz verbunden. Die 750-kV-Schaltanlage (Nr. 4 in der oberen Skizze) steht ganz im Süden des KKW. Drei der vier 750-kV-Leitungen führten mit Stand September 2022 in russisch besetzte Gebiete: in den Donbass und auf die Krim. Die 750-kV-Spannungsebene bildet das Rückgrat des ukrainischen Stromnetzes. Weiterhin ist das Atomkraftwerk über drei (weniger leistungsfähige) Reserveleitungen an die 330-kV-Schaltanlage (Nr. 3 in der oberen Skizze) des benachbarten Wärmekraftwerkes (Nr. 5 in der oberen Skizze) angeschlossen.
Pro Reaktor gibt es drei Notstrom-Dieselgeneratoren (Nr. 3 in der unteren Skizze), welche jeweils in der Nordostecke eines Reaktorblockes stehen. Im Notfall können sie auch Strom für einen anderen Reaktor als den, an dem sie stationiert sind, liefern.
In Abklingbecken mit Sprinkleranlagen (Nr. 11 in der unteren Skizze) werden die verbrauchten Brennstäbe nach ihrer Entnahme aus dem Reaktor typischerweise fünf Jahre lang gelagert und gekühlt. Danach kommen sie in ein Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente östlich von Block 6 unter freiem Himmel (Nr. 10 in der unteren Skizze). Im August 2022 war dieses mit 174 Behältern mit je 24 verbrauchten Brennstäben bestückt.
Im Westen des Kraftwerks befindet sich ein Kühlwasserbecken mit einer Fläche von 8,2 km² und einem Inhalt von 47,05 Millionen m³.https://www.researchgate.net/publication/324363447_Ichthyofauna_of_the_Zaporizhia_Nuclear_Power_Plant_cooling_pond_Enerhodar_Ukraine_and_its_biomeliorative_significance Dieses wird über einen offenen Wasserkanal des Wärmekraftwerks, der normalerweise pegelgleich mit dem Stausee verbunden ist, befüllt. Nach der Zerstörung der Kachowka-Staumauer ist diese Verbindung jedoch geschlossen und somit ein Rückfluss des Kanalinhalts in das Stauseebecken unterbunden worden.
Die zwei Kühltürme, mehr als 1 km nordwestlich der Reaktoren auf dem Damm zwischen Kühlwasserbecken und Kachowka-Stausee stehend, können bedarfsweise zur Erhöhung der Kühlleistung dazugeschaltet werden.
Daten der Reaktorblöcke Das Kernkraftwerk Saporischschja hat sechs Blöcke:
Russische Angriffe seit 2022 Am 2. März 2022 verbreitete die Internationale Atomenergiebehörde (IAEO bzw. IAEA) die russische Meldung, das Kernkraftwerk sei im Zuge der Invasion der Ukraine durch russische Truppen besetzt. In der Nacht zum 4. März wurde von russischen Angriffen auf die Anlage berichtet. Die Blöcke 2 und 3 wurden daraufhin kurz nach Mitternacht (MEZ) abgeschaltet. Nur Block 4 arbeitete weiter, sodass neben den drei bereits in Revision befindlichen insgesamt fünf Reaktoren in den Vorhaltebetrieb versetzt oder in einen Bereitschaftsbetrieb gebracht waren.
Am 3. März 2022 wurde das Kraftwerksgelände von russischen Truppen eingenommen. In einem knapp 1 km südlich von Block 1 gelegenen Ausbildungszentrum, sowie in einem Laborgebäude brachen während der Gefechte Brände aus; diese konnten am gleichen Tag wieder gelöscht werden. Radioaktivität sei dadurch nicht ausgetreten. Nach Angaben der IAEO wurden dabei „keine essentiellen Anlagen beschädigt“. Die ukrainische Atomaufsichtsbehörde soll Schäden am Reaktorgebäude von Reaktor 2 gemeldet haben. Bei dem Beschuss von Nebenanlagen von Reaktor 2 seien Anlagenteile, aus denen im Fall eines Treffers nukleares Material ausgetreten wäre, nur knapp verfehlt worden.
Die nach dem Beschuss am 3. März vorübergehend nicht mehr verfügbare Kapazität von 1,3 GW wurde durch die Erhöhung der Leistung des benachbarten DTEK-Wärmekraftwerks zu 90 Prozent ersetzt. Neben dem stabil laufenden Block 4 wurde Block 2 des KKW bis zum 6. März wieder auf die nahezu volle Leistung hochgefahren, Block 3 wurde vom Netz getrennt und befand sich wie Block 6 im Zustand des „Cold Shutdown“. Mehrere Hochspannungsleitungen zum Werk sind aufgrund der Kampfhandlungen unterbrochen; die intakt gebliebenen genügen für einen sicheren Betrieb des Werks.
Die Leitung des Werks wurde von einem russischen Militärkommandanten übernommen; betrieben wird es weiterhin vom lokalen Personal. Betriebliche Handlungen müssen nun vorab vom Kommandanten genehmigt werden. Die IAEA betrachtet dies als psychische Belastung für ein im Hinblick auf die Betriebssicherheit nötiges Arbeitsklima. Zudem sind einige Kommunikationskanäle zwischen dem Kraftwerk und der Außenwelt seit dem Angriff aufs Werk unterbrochen oder in ihrer Qualität beeinträchtigt, was die IAEA ebenfalls als eklatante Verletzung von Grundregeln für den sicheren Betrieb einer Nuklearanlage anprangert. IAEO-Chef Rafael Grossi berichtete zudem von ernsten Problemen bei der Versorgung der Bedienmannschaft des KKW mit Lebensmitteln.
Am 13. März 2022 wurde berichtet, dass die automatische Datenübertragung wieder funktioniere und sich etwa 400 russische Soldaten im Kraftwerk befänden. Auch seien einige Fachleute von Rosatom eingetroffen, um die Sicherheit der Anlage zu bewerten und fällige Reparaturen vorzunehmen. Am 14. März sprengten russische Truppen auf dem Betriebsgelände liegengebliebene Blindgänger und Versager nahe dem Werksgelände. Auf dem Werksgelände befinden sich Trockenlager für ausgediente Brennelemente.
Am 1. Juli 2022 teilte Enerhoatom mit, die Verbindung zu den Überwachungssystemen des Kernkraftwerks Saporischschja sei wiederhergestellt. Dies sei aus „eigener Kraft“ gelungen. Die Fernüberwachung der Reaktoren war unterbrochen worden, nachdem russische Truppen Mobilfunk-Netze abgeschaltet haben, die die Daten übermittelten.Meldung von 22:27 Uhr
Spätestens ab Juli 2022 benutzte das russische Militär das Gelände des Kraftwerkes als Kommandoposten, zur Lagerung von Nachschub und Munition und für Artillerieangriffe auf in Reichweite befindliche ukrainische Truppen sowie auf ukrainische Städte, die sich auf der anderen Flussseite des Dnepr noch in ukrainischer Hand befanden. Dies geschah in der Absicht, es den ukrainischen Streitkräften unmöglich zu machen, direkte Gegenangriffe auf das Gelände des Kernkraftwerkes durchzuführen, ohne dabei die Kernreaktoren und damit die gesamte Region zu gefährden. Eine derartige militärische Nutzung eines Kernkraftwerksgeländes durch die russischen Truppen stellt einen schweren Verstoß gegen die Genfer Konventionen dar.
Im Juli 2022 griffen sowohl ukrainische Partisanen als auch ukrainische Streitkräfte (letztere per Drohne) russisches Besatzungspersonal des Kernkraftwerks und nahe dem Kraftwerk lagernde russische Truppen an. Das „Zentrum Nationaler Widerstand“ berichtete von einem Partisanenangriff, bei dem neun Angehörige des russischen Besatzungspersonals verletzt wurden und eine nicht näher genannte Anzahl an feindlichen Soldaten getötet wurde. Bei einem Drohnenangriff Ende Juli haben die ukrainischen Streitkräfte eigenen Angaben zufolge drei russische Soldaten auf dem AKW-Gelände getötet.
Am 5., 6. und 7. August 2022 wurde das Gelände erneut beschossen, wodurch eine der vier 750-kV-Leitungen getroffen wurde, was das Notfallschutzsystem eines der Reaktoren des Kraftwerks auslöste. Dieses nahm wiederum einen der bis dahin noch drei laufenden Blöcke vom Netz. Eine Werksmitarbeiterin wurde am 7. August durch den Beschuss mittelschwer verletzt. Nach Pressemitteilung sei an einem der Tage ein Feuer ausgebrochen. Die russische und die ukrainische Seite beschuldigen sich gegenseitig, für den Beschuss verantwortlich zu sein. Ein Kraftwerksmitarbeiter berichtete in dem Zusammenhang, dass russisches Personal von Enerhoatom am Tag vor dem dreitägigen Beschuss vom Gelände abgezogen wurde und am 8. August zurückkehrte. Die russische Seite kündigte an, die Luftabwehr rund um das Kraftwerk zu verstärken. Die IAEA bekräftigte ihre Forderung, einer Expertenkommission Zugang zum Kraftwerk zu gewähren.