Als Psychotherapie mit Psychedelika, Psycholytische Psychotherapie, Psycholyse, Psychedelische Therapie und Substanz-unterstützte Psychotherapie werden psychotherapeutische Behandlungsverfahren bezeichnet, bei denen bewusstseinsverändernde Eigenschaften psychedelischer Substanzen gezielt zur Unterstützung des therapeutischen Prozesses eingesetzt werden. Durch die induzierten veränderten Erlebnisweisen sollen psychische Abwehrmechanismen gelockert und ein erleichterter Zugang zu verdrängten Gefühlen sowie zu bislang ungenutzten inneren Ressourcen ermöglicht werden.

Zum Einsatz kommen in der aktuellen klinischen Forschung vor allem Substanzen aus der Gruppe der serotonergen Psychedelika (5HT2A-Rezeptor-Agonisten), darunter Psilocybin, Dimethyltryptamin (DMT), häufig in Form von AyahuascaM. Diament, B. R. Gomes, L. F. Tófoli: Ayahuasca and Psychotherapy: Beyond Integration. In: B. C. Labate, C. Cavnar (Hrsg.): Ayahuasca Healing and Science. Springer, Cham 2021 (doi:10.1007/978-3-030-55688-4_4)., Lysergsäurediethylamid (LSD; vgl. "LSD Psychotherapie"siehe z. B. ) sowie Mescalin. Für diese Stoffe wird in der Fachliteratur kein eigenständiges Abhängigkeitspotenzial beschrieben.Nichols: Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA): Drug profiles, Lysergid (LSD)[…] Because of the unpredictability of psychedelic drug effects, any use carries some risk. Dependence and addiction do not occur, but users may require medical attention because of „bad trips“. […] Laurence Brunton, Donald Blumenthal, Iain Buxton, Keith Parker: Goodman and Gilman’s Manual of Pharmacology and Therapeutics. 2008, ISBN 978-0-07-144343-2, S. 398. doi:10.1036/0071443436

Der Einsatz von Psychedelika in der Psychotherapie ist umstritten, und die Forschung ist erschwert durch gesetzliche Einschränkungen bezüglich der Verwendung psychedelischer Substanzen. Solche Therapien finden – von vorwiegend in der Schweiz erteilten Ausnahmegenehmigungen abgesehen – in der Regel illegalVgl. dazu Bundes Psychotherapeuten Kammer: Psycholytische Psychotherapie ist illegal. Pressemitteilung vom 1. September 2009 (Digitalisat)Vgl. auch Sunna Gieseke: Psycholytische Therapie: Absolut illegal. In: Deutsches Ärzteblatt. 2009. statt, häufig als Gruppentherapien.

Geschichte mini|Hanscarl Leuner initiierte 1960 das Erste europäische Symposion für die Psychotherapie unter LSD 25 an der Göttinger Universität. mini|Albert Hofmann entdeckte 1943 die halluzinogene Wirkung des LSDs. mini|Therapiesitzung mit Psilocybin an der Johns Hopkins University.

Der Gedanke einer Heilbehandlung mit Hilfe von psychoaktiven und entheogenen Substanzen geht auf das Schamanentum aus vorgeschichtlicher Zeit zurück. Insofern es im religiösen Kultus stets auch um Heilung und das Heil geht, war die rituelle Anwendung von psychedelischen Substanzen bei indigenen Völkern immer üblich und ist in solchen Kulturen heute noch verbreitet.Franz-Theo Gottwald, Christian Rätsch (Hrsg.): Rituale des Heilens. Ethnomedizinische Naturerkenntnis und Heilkraft. Aarau/Schweiz 2000 – Adolf Dittrich, Christian Scharfetter (Hrsg.): Ethnopsychotherapie. Psychotherapie mittels außergewöhnlicher Bewusstseinszustände in westlichen und indigenen Kulturen. Stuttgart 1987.Anja Loizaga-Velder, Rolf Verres: Therapeutic Effects of Ritual Ayahuasca Use in the Treatment of Substance Dependence—Qualitative Results. In: Journal of Psychoactive Drugs. Band 46, 2014, S. 63, doi:10.1080/02791072.2013.873157.

Die Anwendung psychedelischer Substanzen in der Psychiatrie begann erstmals 1913 mit Alwyn Knauer und William Maloney in New York, die sich selbst und anderen gesunden Probanden Mescalinsulfat spritzten.A. Knauer, W. J. M. A. Maloney: A preliminary note on the psychic action of mescalin, with special reference to the mechanism of visual hallucinations. In: J Nerv Ment Dis. Band 40, 1913, S. 425–436.Mike Jay: Mescaline. A Global History of the First Psychedelic. Vereinigtes Königreich, Yale University Press, 2019, ISBN 978-0-300-23107-6, S. 132. Die erstmalige Anwendung in der modernen Psychotherapie erfolgte 1931 durch den Psychoanalytiker Dario Baroni mit Mescalin und Samen des Gemeinen Stechapfels (Datura stramonium).

Der Naturstoffchemiker Albert Hofmann stieß 1943 erstmals auf die psychedelische Wirkung von LSD. Die Firma Sandoz, in deren Auftrag Hofmann forschte, brachte 1949 LSD unter dem Namen Delysid als Heilmittel auf den Markt und zwar – wie der Beipackzettel auswies – Albert Hofmann: LSD - mein Sorgenkind. Die Entdeckung einer "Wunderdroge". München 1993, S. 55. Von da an nahm die substanzgestützte Psychotherapie, zunächst vorwiegend unter der Bezeichnung „psychedelische Psychotherapie“, einen starken Aufschwung.Leuner, Ebenda, S. 141 ff. – Stanislav Grof: Psychedelische Therapie und holonome Integration. Therapeutisches Potential außergewöhnlicher Bewusstseinszustände. Beobachtungen bei psychedelischer und holotroper Therapie. In: Adolf Dittrich, Christian Rätsch: Ethnopsychotherapie. S. 162–180. W. V. Caldwell listete bereits 1968 193 wissenschaftliche Publikationen zu diesem Thema auf.W. V. Caldwell: LSD Psychotherapy: An Exploration of Psychedelic an Psycholytic Therapy. Grove Press, New York 1968. 1953 wurde das Guajacolglycerinether-haltige Medikament Reorganin von der Firma Dr. Christian Brunnengräber in Lübeck als Medikament zur Behandlung unter anderem von Angst- und Spannungszuständen, aber auch „zur Unterstützung der Psychotherapie“, als medikamentöse „Lobotomie“ beworben.Bei Angst-Spannungs-Zuständen. In: Münchener Medizinische Wochenschrift. Band 95, Nr. 1, 2. Januar 1953, S. XL.

Zu einem europäischen Symposion 1960 in Göttingen erschienen Experten aus England, Italien, Österreich, der Schweiz und der Tschechoslowakei und gründeten die „Europäische Ärztliche Gesellschaft für psycholytische Therapie“ (EPT). Nachdem jedoch jeder weitere Gebrauch von Halluzinogenen, auch jede weitere Forschung auf diesem Gebiet, verboten worden war, stellte die EPT 1971 ihre Tätigkeit ein.Hanscarl Leuner: Halluzinogene. Psychische Grenzzustände in Forschung und Psychotherapie. Bern / Stuttgart / Wien 1981, S. 26.

Ende der 1970er Jahre wurde, angeregt durch den Chemiker Alexander Shulgin,Alexander Shulgin, Ann Shulgin: PiHKAL. A Chemical Love Story. Transform Press, Berkeley/CA 1995, S. 72 ff. zunehmend auch MDMA (Ecstasy) in der Psychotherapie eingesetzt, da es die Empathiefähigkeit steigert und nicht durch Halluzinationen oder visionäre Episoden von der Konzentration auf den eigenen inneren Prozess ablenkt.Hans Gros und die Redaktion Naturwissenschaften: Rausch und Realität. Eine Kulturgeschichte der Drogen. Band 1, Ernst Klett Verlag, Stuttgart / München / Düsseldorf 1996, S. 140. In den Jahren 1988 bis 1993 erhielten mehrere Mitglieder sowie auch Samuel WidmerTagesanzeiger: Drogentherapien mit Hunderten von Klienten, Peter Gasser und Peter Baumann, der Gründer der Schweizerischen Ärztegesellschaft für Psycholytische Therapie (SÄPT), eine Ausnahmebewilligung für Psychotherapien unter der Gabe von MDMA und LSD sowie für Forschungen.Schweizerische Aerztegesellschaft für Psycholytische Therapie (SÄPT) – Porträt

Forschung Über 500 bisherige Veröffentlichungen, die sich der Therapie mithilfe psychoaktiver Substanzen widmen, beschreiben deren Wirkungen unter supervisierten psychoanalytischen und anderen therapeutischen Settings; eine Zusammenfassung zur Psychotherapie mit LSD, Psilocybin und MDMA wurde 2008 von Jungaberle und Kollegen veröffentlicht.

In den USA wurde 2018 von der Food and Drug Administration (FDA) eine große Studie über Psilocybin-assistierte Psychotherapie bei der Behandlung von behandlungsresistenten Depressionen genehmigt und der Status einer breakthrough therapy verliehen.

Parallel dazu untersuchen Franz Vollenweider und seine Mitarbeiter seit den frühen 1990er Jahren die neurophysiologischen Grundlagen, die den therapeutischen Wirkungen serotonerger Psychedelika zugrunde liegen. Verschiedene Studien zeigen, dass Psychedelika im Sinne psychoanalytischer Modelle das primärprozesshafte Denken fördern, die bewusste und unbewusste Emotionsverarbeitung erleichtern, die soziale Kognition positiv beeinflussen und die Empathiefähigkeit erhöhen.

Diese Eigenschaften können den therapeutischen Prozess unterstützen und dem Patienten helfen, sich im alltäglichen Leben neu zu orientieren. Der auf das Thema spezialisierte Psychiater Torsten Passie urteilt:

In diesem können vordem verdrängte unbewusste Konflikte und Erinnerungen aktiviert und lebhaft wiederbelebt werden, was sie psychotherapeutischer Durcharbeitung zugänglich macht. Unter der psychischen Aktivierung kann außerdem eine Lockerung psychischer Abwehrmechanismen und eine Begünstigung psychotherapeutisch wertvoller regressiver Erlebnisweisen („Altersregression“) beobachtet werden. Zu einem ähnlich positiven Ergebnis kam schon 1981 der Pionier der Psychotherapieforschung mit psychoaktiven Substanzen in Deutschland, Hanscarl Leuner:

Gefahren Die Nutzung von psychoaktiven Substanzen wie LSD oder Psilocybin im Selbstversuch oder als „Selbsttherapie“ ist mit größeren Risiken verbunden als die Nutzung im Rahmen einer fachlich geleiteten therapeutischen Situation. Doch auch in einer solchen ist diese Therapieform nicht in allen Fällen unbedenklich. Gefahren gehen weniger von den psychoaktiven Substanzen selbst aus als vielmehr von ihrer Kombination mit unsachgemäßen Behandlungsmethoden. Der gleiche Effekt, nämlich der Zuwachs an seelischer Sensibilisierung und Zugänglichkeit, kann als gefährliche Suggestibilität die Behandelten in eine Abhängigkeit vom Therapeuten bringen, insbesondere dann, wenn das unter Umständen extrem gesteigerte Übertragungsgeschehen nicht bearbeitet wird oder der Therapeut das zwischen ihm und dem Klienten bestehende Machtgefälle ausnutzt.Ralf H. Bolle: Übertragung und Gegenübertragung in der psycholytischen Therapie. In: Adolf Dittrich, Albert Hofmann, Hanscarl Leuner (Hrsg.): Welten des Bewusstseins. Band 4: Bedeutung für die Psychotherapie. Verlag für Wissenschaft und Bildung, Berlin 1994, S. 129–137, S. 132 ff.Hans-Peter Waldrich: Gehirnwäsche oder Heilverfahren? Erfahrungen mit drogengestützten Psychotherapien. Hamburg 2014. Gewisse Gefahren sind mit der Illegalität des Behandlungsverfahrens in vielen Ländern verbunden, bei der die Reinheit der verwendeten Stoffe und ihre sachgemäße Dosierung nicht garantiert werden kann, und auch das Risiko traumatisierender Verhaftungen durch die Polizei während der Therapiesitzung besteht. In einem klinischen, rechtssicheren Kontext hingegen sind die Gefahren durch die garantierte Reinheit der verwendeten Stoffe und ein professionelles, haltgebende Umfeld als gering einzuschätzen.

Rechtliche Situation In vielen Staaten wurden nach der UN-Konvention über psychotrope Substanzen von 1971 viele psychedelische Substanzen stark reglementiert, was zum Abbruch vieler erfolgversprechender wissenschaftlicher Forschungen führte.Hanscarl Leuner: Halluzinogene: Psychische Grenzzustände in Forschung und Psychotherapie. Huber, Bern 1981, ISBN 3-456-80933-6, S. 17 ff. Ihre wissenschaftliche Erforschung wurde Ende der 1980er Jahre unter restriktiven Bedingungen wieder aufgenommen.Ben Sessa: Can psychedelics have a role in psychiatry once again? In: The British Journal of Psychiatry. Band 186, Nr. 6, May 2005, S. 457–458.Nicolas Langlitz: Neuropsychedelica. The Revival of Hallucinogen Research since the Decade of the Brain. University of California Press, Berkeley / Los Angeles 2013. Außerhalb solcher Forschungsprojekte gab es zudem eine nichtöffentliche Anwendung illegal gehandelter psychedelischer Substanzen. In einigen Ländern ist der traditionelle therapeutische oder religiöse Gebrauch einiger psychedelischer Substanzen gesetzlich geregelt oder geduldet.

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