Bei der Flugzeugkatastrophe von Teneriffa kollidierte auf dem Flughafen Los Rodeos am Sonntag, dem 27. März 1977, um 17:06 Uhr Ortszeit eine Boeing 747-206B der KLM Royal Dutch Airlines mit einer Boeing 747-121 der Pan American World Airways (Pan Am). An Bord der Flugzeuge befanden sich insgesamt 644 Personen. Nur 70 Insassen der Boeing 747 der Pan Am überlebten den Zusammenstoß; neun von ihnen erlagen später ihren Verletzungen. Mit 583 Toten ist der Unfall einer der schwersten Zwischenfälle der zivilen Luftfahrt und bis heute der schwerste ohne terroristische Beteiligung.

Das KLM-Flugzeug startete ohne Startfreigabe und stieß während des Abhebens mit der noch auf der Startbahn rollenden Pan-Am-Maschine zusammen. Zum Unfall trugen eine durch dichten Nebel beeinträchtigte Sicht sowie die unzureichende und missverständliche Kommunikation zwischen den KLM-Piloten und der Platzkontrolle im Tower bei.

Der Unfall war Auslöser für eine Reihe von Maßnahmen, die die Sicherheit deutlich erhöhten. So wurden verbindliche Formulierungen für den Funk eingeführt, Flughäfen mit Bodenradar ausgestattet und die Zusammenarbeit der Besatzungsmitglieder verbessert.

Vorgeschichte Die US-amerikanische Linienfluggesellschaft Pan American World Airways (Pan Am) war von der Reederei Royal Cruise Line mit einem Ad-hoc-Charterflug nach Gran Canaria beauftragt worden, wo das Kreuzfahrtschiff Golden Odyssey die Passagiere der Reederei übernehmen sollte. Der Sonderflug (Flugnummer: PA1736, abgeleitet vom Kennzeichen des eingesetzten Flugzeugs) begann in Los Angeles und wurde auftragsgemäß über New York geführt, wo weitere Kreuzfahrtteilnehmer zustiegen. Bei diesem Zwischenstopp fand ein Besatzungswechsel statt. Auf dem Transatlantikflug befanden sich 394 Personen an Bord der Boeing 747. Verantwortlicher Flugkapitän war Victor Grubbs.

mini|Die bei der Kollision zerstörte Boeing 747-206B Rijn der KLM mini|Die bei der Kollision zerstörte Boeing 747-121 Clipper Victor der Pan Am Die niederländische Maschine führte unter der Flugnummer KL4805 einen IT-Charterflug im Auftrag des niederländischen Reiseveranstalters Holland International Travel Group mit 235 Passagieren sowie 14 Besatzungsmitgliedern durch. Das Flugzeug startete um 9:31 Uhr unter dem Kommando von KLM-Chefpilot Jacob Veldhuyzen van Zanten in Amsterdam.

Beide Flugzeuge hatten den Flughafen von Gran Canaria bei Las Palmas als Ziel. Während des Flugs wurde der KLM-Besatzung mitgeteilt, dass der Flughafen von Gran Canaria wegen einer um 12:30 Uhr in der Wartehalle explodierten Bombe sowie einer weiteren Bombendrohung kanarischer Separatisten des MPAIAC zeitweise geschlossen sei. KLM-Flug 4805 wurde daraufhin, wie einige andere Flugzeuge, zum Flughafen Los Rodeos im Norden der nahen Insel Teneriffa umgeleitet, wo die Maschine um 13:38 Uhr Ortszeit (13:08 Uhr GMT) landete. Auch die Piloten des Pan-Am-Fluges 1736 bekamen die Anweisung, nach Los Rodeos auszuweichen, obwohl die Besatzung es vorgezogen hätte, bis zur Erteilung einer Landefreigabe zu kreisen. Mindestens fünf Verkehrsflugzeuge wurden nach Teneriffa umgeleitet. Der Flughafen Los Rodeos hatte wegen seiner beengten Platzverhältnisse Schwierigkeiten, diese Maschinen zusätzlich zum eigenen Flugverkehr aufzunehmen.

Der Flughafen Los Rodeos (damaliger IATA-Code TCI, heute TFN, ICAO-Code GCXO) besitzt eine 3300 m lange Start-/Landebahn 12/30 (entspricht einer Ausrichtung nach 120 bzw. 300 Grad) und eine parallel verlaufende Hauptrollbahn (), die an beiden Enden in die Startbahn einmündet und zusätzlich über vier kurze Querbahnen mit der Startbahn verbunden ist. Die umgeleiteten Großraumflugzeuge mussten zusammen mit einer Boeing 737 der Braathens S.A.F.E, einer Boeing 727 der Sterling Airways und einer Douglas DC-8 der SATA auf dem westlichen Ende des Taxiways parken, sodass dieser Abschnitt nicht mehr zum Rollen genutzt werden konnte.

Die Passagiere der ersten Maschinen – auch die 235 Fluggäste der KLM – wurden während der auf Teneriffa verordneten Wartezeit im Terminal des Flughafens betreut, jedoch war der bald so überlastet, dass es den Passagieren der später ankommenden Flugzeuge, wie auch denen des um 14:15 Uhr gelandeten Pan-Am-Jumbos, nicht gestattet wurde, die Maschinen zu verlassen.

Um 14:30 Uhr wurde die Sperrung des Flughafens Gran Canaria aufgehoben. Die Besatzung der US-amerikanischen Maschine, deren Passagiere sich noch an Bord befanden, wollte daraufhin den Flug nach Gran Canaria unverzüglich fortsetzen. Das vor ihr stehende niederländische Flugzeug blockierte aber den Weg zur Startbahn. Der US-amerikanische Kopilot und der Flugingenieur betraten das Rollfeld, um die Möglichkeit zu prüfen, an der KLM-747 vorbeizurollen. Sie kamen zu dem Schluss, dass der Freiraum zwischen den beiden Maschinen hierfür nicht ausreichte. Nachdem alle Passagiere zurück an Bord der niederländischen Boeing 747 gebracht worden waren, hatte sich das Verkehrsaufkommen auf dem wieder geöffneten Flughafen in Gran Canaria bereits so stark verdichtet, dass sich der Abflug aus Teneriffa weiter verzögerte. KLM-Kapitän Veldhuyzen van Zanten entschied sich daraufhin, seine Maschine bereits auf Teneriffa für den Rückflug nach Amsterdam betanken zu lassen, um später am Flughafen Gran Canaria Zeit zu sparen. Die Betankung mit 55.500 Litern (rund 44,4 Tonnen) Kerosin nahm weitere 30 Minuten in Anspruch.

Der Pan-Am-Maschine stiegen zwei Mitarbeiter am Flughafen hinzu und nahmen im Cockpit auf Jumpseats Platz. Eine Passagierin der KLM-Maschine, die als Reiseleiterin auf Teneriffa tätig war, entschied sich, gleich auf der Insel zu bleiben und kehrte nicht ins Flugzeug zurück.

Um 16:51 Uhr erhielt KLM-Flug 4805 die Erlaubnis zum Start der Triebwerke. Eine Minute später erhielt auch Pan-Am-Flug 1736 die Freigabe zum Triebwerksstart. Inzwischen war eine dichte Nebelbank über dem Flughafen aufgezogen. Dies erschwerte die Arbeit und Koordination im Tower erheblich, da der Flughafen nicht über ein Bodenradar verfügte und wegen des Nebels kein Sichtkontakt mehr zu den Flugzeugen bestand.

Unfallhergang mini|380px|Schematische Übersicht des Flughafens Los Rodeos: mini|380px|Position der beiden Maschinen kurz vor dem Zusammenstoß; die Ausfahrt Nummer 3 liegt bereits hinter der Pan-Am-Maschine

Die KLM-Besatzung bekam um 16:58 Uhr vom Tower Los Rodeos eine Freigabe, über die Startbahn 12 bis zur dritten Abzweigung (bezeichnet als C-3 bzw. Charlie 3) zu rollen und sie dort zu verlassen. Das weitere Rollen zum gegenüberliegenden Bahnende sollte über den parallel verlaufenden Taxiway erfolgen. Nachdem das niederländische Flugzeug mit dem Rollen begonnen hatte und auf die Startbahn eingebogen war, bestätigte der Kopilot diese Anweisung falsch, sodass der Fluglotse nun die Anweisung erteilte, auf der Startbahn weiterzurollen und am Bahnende zu wenden, um in Startposition zu gelangen.

Um 17:02 Uhr wies der Tower die Pan-Am-Besatzung ebenfalls an, die auf der Rollbahn parkenden Flugzeuge über die Startbahn 12 zu umrollen. Das US-amerikanische Flugzeug sollte die Startbahn anschließend über die dritte Querbahn verlassen und von dort an auf dem freien Teilstück des Taxiways zur Startposition weiterrollen.

Während die Pan-Am-747 langsam entgegen der aktuellen Startrichtung auf der Startbahn rollte, um die richtige Abzweigung im dichten Nebel nicht zu übersehen, hatte die niederländische Maschine bereits gewendet und stand auf Startposition. Die KLM-Besatzung teilte mit, dass sie zum Start bereit sei, und erbat die ATC-Freigabe. Die Piloten bekamen daraufhin das Abflugverfahren sowie die einzuhaltende Route nach Las Palmas genannt. Eine solche Streckenfreigabe beinhaltet keine Startfreigabe. Diese wird separat erteilt.

Währenddessen verpasste die Pan-Am-Besatzung die Einmündung in die dritte Querbahn und rollte langsam in Richtung der vierten Abzweigung weiter. Unklar blieb, ob der Kapitän die Abzweigung C-3 im Nebel übersah oder bewusst die für ihn günstiger verlaufende Querbahn C-4 ansteuern wollte. Die ersten zwei Abzweigungen hatte er trotz schlechter Sicht eindeutig identifiziert.

Obwohl die Startfreigabe noch ausstand, begann der KLM-Kapitän zu diesem Zeitpunkt bereits mit dem Startlauf, während der Kopilot noch die Streckenfreigabe zu Ende bestätigte. Unmittelbar darauf kam es auf der gemeinsamen Funkfrequenz zu einem Überlagerungseffekt: Als der Tower die KLM-Besatzung anwies, auf die Startfreigabe zu warten, teilte die Pan-Am-Besatzung gleichzeitig mit, dass sie sich noch auf der Startbahn befinde. Die überlagernden Funksprüche erzeugten im Cockpit der niederländischen Maschine einen Pfeifton. Es ist unklar, ob und in welchem Umfang deren Besatzung die Funksprüche verstehen konnte.

Unmittelbar danach wies der Fluglotse die Pan-Am-Piloten an, sich zu melden, sobald sie die Startbahn verlassen hätten. Die US-Besatzung bestätigte, dass sie das Verlassen der Bahn mitteilen werde. Beide Funksprüche hörte auch der KLM-Flugingenieur, der daraufhin skeptisch wurde und seinen Kapitän fragte, ob die Pan-Am-747 noch im Weg sei. In der Überzeugung, dass die Bahn frei sei, brach Kapitän Veldhuyzen van Zanten den Start nicht ab.

Als die Piloten beider Flugzeuge schließlich Sichtkontakt hatten, versuchte die Pan-Am-Besatzung, ihre Maschine nach links von der Startbahn zu lenken. Gleichzeitig zog der KLM-Kapitän sein Flugzeug hoch, wobei das Heck der Maschine Bodenberührung bekam (siehe Tailstrike) und auf einer Strecke von 20 Metern über die Startbahn schleifte. Beide Manöver scheiterten knapp. Die KLM-747 konnte zwar kurz abheben, kollidierte aber mit dem schräg auf der Piste rollenden Pan-Am-Jumbo. Das Fahrwerk und die Unterseite der niederländischen Maschine durchschlugen die Passagierkabine der Pan-Am-747 in einem 45-Grad-Winkel oberhalb der rechten Tragfläche und rissen den dahinterliegenden Teil des Passagierdecks fast komplett auf. Das äußere rechte Triebwerk der KLM-747 traf das Oberdeck des Pan-Am-Jumbos und wurde abgerissen. Zudem trennte die linke Tragfläche des niederländischen Flugzeugs das Leitwerk der Pan-Am-747 vom Rumpf.

mini|hochkant=2.5|zentriert|Zusammenstoß der beiden Maschinen

Der schwer beschädigte KLM-Jumbo schlug etwa 150 Meter hinter der US-amerikanischen Maschine wieder auf der Startbahn auf, rutschte noch 300 Meter weiter, explodierte und brannte vollständig aus. Alle 248 Personen an Bord der niederländischen Boeing verloren ihr Leben.

Die Pan-Am-747 rollte nach der Kollision für einen kurzen Moment mit laufenden Triebwerken weiter und brach dann hinter den Tragflächen auseinander. Das aus der beschädigten rechten Tragfläche auslaufende Kerosin verursachte mehrere Explosionen. Von den 396 Insassen entkamen 70 dem brennenden Flugzeug lebend; neun davon erlagen allerdings später ihren schweren Verletzungen. Die Piloten konnten sich aus dem Oberdeck retten und überlebten den Unfall leicht verletzt. Unter den Opfern befand sich auch die Schauspielerin und Filmproduzentin Eve Meyer.

Die Flughafenfeuerwehr war zunächst nur damit beschäftigt, die Wrackteile der KLM-Maschine zu löschen. Die ebenfalls brennende Pan-Am-747 war im dichten Nebel noch nicht bemerkt worden, da sie sich weiter hinten auf der Startbahn befand. Auch der Tower wusste nicht, dass die Maschine mit einer anderen kollidiert war. Erst nach Beginn der Löscharbeiten an der KLM-Maschine wurde ein zweites Feuer bemerkt und nach Aufteilung der Löschkräfte als zweites brennendes Flugzeug identifiziert.

Auszug aus dem Kommunikationsprotokoll Der folgende Text ist die deutsche Übersetzung eines Auszugs aus dem Kommunikationsprotokoll, das bei der Auswertung der Cockpit-Stimmenrekorder (CVR) und der Funkmitschnitte des Towers entstanden ist. Der Auszug beginnt kurz nachdem die KLM-Maschine auf der Startposition gewendet hat. Der Nebel lockert ein wenig auf, und die Sicht erreicht circa 700 Meter. Diese Gelegenheit möchte der KLM-Kapitän nutzen.