300px|mini|Minderheitensprachen und französische Dialekte in Frankreich und Nachbarstaaten Dieser Artikel befasst sich mit traditionell in Frankreich lebenden Bevölkerungsgruppen, also sog. „alten Minderheiten“, die sich von der französischen Mehrheitsgesellschaft insbesondere in sprachlicher Hinsicht unterscheiden. Nicht behandelt werden hier religiöse Minderheiten oder Migrantengruppen aus Europa oder den ehemaligen Kolonien, die vor allem im 19. und 20. Jahrhundert in großer Zahl eingewandert sind (Polen, Russen, Italiener, Spanier, Nordafrikaner etc.).Diesbzgl. handelt sich um die heute übliche Unterscheidung im Minderheitenrecht und der Minderheiten- und Migrationsforschung; vgl. z. B. Maximilian Opitz: Die Minderheitenpolitik der europäischen Union. Probleme, Potentiale, Perspektiven, Münster 2007, passim.
Autochthone sprachlich-kulturelle Minderheiten Als sprachlich-kulturelle Minderheiten Frankreichs – ein in Frankreich für die im Folgenden genannten Gruppen ungebräuchlicher Begriff – können betrachtet werden (in alphabetischer Reihenfolge):
Basken im Baskenland Bretonen in der Bretagne Deutschsprachige im Elsass und Teilen Lothringens (Deutsch-Lothringen) Flamen um Dünkirchen (Französisch-Flandern) und im Nordosten des Artois Italienischsprachige im Département Alpes-Maritimes Katalanen im Roussillon Korsen auf Korsika Okzitanier im südlichen Drittel Frankreichs. Über ganz Frankreich verstreut leben die Gens du Voyage (wörtlich: „Fahrensleute“, ein Begriff, der Roma, Yeniches, Manouches und Forains zusammenfasst).
Der Bevölkerungsanteil dieser Gruppen (ohne die Gens du voyage) wird mit etwa 8,13 Millionen auf 13,9 % beziffert,Maximilian Opitz: Die Minderheitenpolitik der europäischen Union. Probleme, Potentiale, Perspektiven, Münster 2007, S. 309. wovon Okzitanier etwa 2 Millionen ausmachen sollen. Diese Zahlen werden anhand der – ebenfalls nur geschätzten – Sprecherzahl der Regionalsprachen geschätzt. In ihrem Selbstverständnis betrachten sich die Angehörigen der genannten Gruppen nicht als ethnische, sondern höchstens als sprachlich-kulturelle Minderheit. Die Zugehörigkeit zur französischen Nation ist außer in kleinen autonomistisch oder separatistisch gesinnten Gruppen, die jedoch nur auf Korsika und in sehr beschränktem Maße in der Bretagne und dem Baskenland zu politischem Einfluss gelangt sind, wird infrage gestellt.
Zwar gibt es qua Autonomieregelungen im Ausnahmefall Korsika besondere Schutzrechte. Die Regel ist aber, keine Ausnahme vom gesamtfranzösischen „Staatsvolk“ zuzulassen. Frankreich hat – neben der Türkei und Griechenland – das Rahmenabkommen des Europarats von 1995 zum Schutz nationaler Minderheiten, „wichtigster Bezugspunkt im europäischen Minderheitenschutzsystem“, bis heute weder in Kraft gesetzt noch überhaupt ratifiziert.Maximilian Opitz: Die Minderheitenpolitik der europäischen Union: Probleme, Potentiale, Perspektiven, Münster 2007, S. 86.
Das vorherrschende Verständnis von einer Nationalsprache und deren Entwicklung und Durchsetzung in Frankreich Die französische Sprache entwickelte sich im Hochmittelalter aus der Sprache des französischen Königshofes, die wahrscheinlich auf der romanischen Mundart der Île-de-France (in der Linguistik gemeinhin als francien bezeichnet) beruhte und zugleich Einflüsse der romanischen Mundarten angrenzender Gebiete, namentlich der Champagne, aufnahm. Diese Sprache wurde als françoys ([frãswɛ]) bezeichnet und breitete ihren kulturellen Einfluss etwa in dem Maße aus, in dem es den französischen Königen gelang, das Gebiet der Kronlande, d. h. der ihrer Herrschaft unmittelbar unterstehenden Territorien, auszudehnen. Im Jahr 1539 verfügte Franz I., dass die „französische Muttersprache“ („langage maternel françoys“) die Verwaltungssprache in seinem Königreich sein sollte, womit vor allem das Lateinische ausgeschaltet werden sollte; Gerichtsakten wurden bis zu diesem Zeitpunkt noch in Kirchenlatein verfasst. Regionalsprachen kamen in der Verwaltung der Provinzen – u. a. auch als Gerichtssprache – auch danach noch zum Einsatz; siehe Edikt von Villers-Cotterêts. Zu dieser Zeit sprachen etwa 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung Frankreichs Französisch; im 18. Jahrhundert sollen es etwa 50 Prozent gewesen sein.Günther Haensch, Hans J. Tümmers: Frankreich: Politik, Gesellschaft, Wirtschaft. München 1993, ISBN 3-406-37491-3, S. 247. Erst nach der Französischen Revolution wurden die Regionalsprachen staatlicherseits systematisch zurückgedrängt; Französisch, die Sprache der Aufklärung, galt als Sprache der Vernunft und Wissenschaft und wurde zur einzigen Sprache der Republik erklärt und mit Einführung der allgemeinen Schulpflicht auch zur einzigen Unterrichtssprache; erst ein 1951 verabschiedetes GesetzVolltext des Loi Deixonne (französisch). erlaubte Unterricht in Regionalsprachen.Günther Haensch, Hans J. Tümmers: Frankreich: Politik, Gesellschaft, Wirtschaft. München 1993, ISBN 3-406-37491-3, S. 251. Auch heute noch legt Artikel 2 der Verfassung von 1958 Französisch als alleinige Amtssprache Frankreichs fest. Es ist nicht nur die in Frankreich allgemein gesprochene Sprache, sondern auch Träger der französischen Kultur in der Welt. Die in Frankreich gesprochenen Regionalsprachen drohen aufgrund von Wanderungsbewegungen (Landflucht, Umzug von Region zu Region) und der fast ausschließlichen Verwendung des Französischen in Medien, Bildung, Verwaltung und Beruf auszusterben. Die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen hat Frankreich zwar unterschrieben, doch nicht ratifiziert. 1999 urteilte der französische Verfassungsrat, dass Teile der Charta mit der französischen Verfassung unvereinbar seien.Ein Gesetz zur Änderung der Verfassung mit dem Ziel, die Ratifizierung der Charta zu ermöglichen, wurde jedoch im Dezember 2013 von dem sozialistischen Fraktionschef Bruno Le Roux in die Nationalversammlung eingebracht und am 28. Januar 2014 angenommen: Seit 2008 erwähnt die Verfassung in Artikel 75-1 die Regionalsprachen immerhin als Kulturerbe Frankreichs.
Seit den 1970/80ern und den Dezentralisierungsgesetzen von 1982 sind Regionalsprachen vom französischen Staat anerkannt und werden in begrenztem Umfang in Schulen unterrichtet. Dies kam nicht zuletzt durch ein Erstarken der regionalen Autonomie- und Unabhängigkeitsbewegungen in den 1970er Jahren zustande. Etwa auf Korsika hat der Frontu di Liberazione Naziunalista Corsu (FLNC) sogar zu den Waffen gegriffen und mehrere Attentate verübt; heute bilden autonomistische bis separatistische Parteien im Regionalparlament Korsikas die Mehrheit, was freilich nichts an der am Begriff der „Einheit und Unteilbarkeit der französischen Nation“ orientierten zentralstaatlichen Politik ändert, die von der französischen Verfassung vorgeschrieben ist. Korsika ist die einzige Region, die einen Sonderstatus genießt. Verbesserungen im Bereich der kulturellen Autonomie und der fortschreitenden Dezentralisierung stützen bislang den Fortbestand und die Belebung anderer Regionalsprachen nur marginal, die meisten sind vom Aussterben bedroht, da sich Französisch in allen Regionen und sozialen Schichten nicht nur als Verwaltungs- und Bildungssprache, sondern auch als Umgangssprache in Geschäftsleben, Beruf, in den Medien und den meisten Familien durchgesetzt hat. Bevölkerungswanderungen sind neben Staat und Medien im 19. und 20. Jahrhundert die wesentlichen Antreiber des Niedergangs der lange Zeit als Dialekte (patois) verspotteten Regionalsprachen gewesen.
Die Minderheiten im Einzelnen Basken Im französischen Baskenland leben um die 100.000 bis 200.000 Basken im Département Pyrénées-Atlantiques. Von ihnen spricht noch ein Bruchteil die baskische Sprache. Vgl. hingegen die Situation des Baskischen und die Sprachenpolitik in Spanien (Sprachen in Spanien).
Die baskischsprachige Bevölkerung ist durch die Grenze zwischen Frankreich und Spanien geteilt, dennoch betrachten sich viele Bewohner des Baskenlands nach wie vor als eine zusammengehörende Volksgruppe. Die Mehrheit der baskischen Bevölkerung lebt auf spanischen Territorium (ca. 1 Million); hier spricht noch etwa ein Viertel Baskisch.
mini|Verbreitung der Basken
Das spanische Baskenland ist seit 1979 eine Autonome Gemeinschaft in Spanien. Die Autonomie dieser Region stützt sich hierbei nicht nur auf den kulturellen und politischen Bereich, sondern auch im Finanziellen. Demzufolge zieht die Autonome Gemeinschaft die Steuern auf ihrem Gebiet selbst ein und führen lediglich eine durch ein bilaterales Abkommen festgelegte Summe an den spanischen Zentralstaat ab. Trotz des guten Autonomiestatuts in Spanien (vor allem im Vergleich zu den französischen Basken) existiert im dortigen Baskenland eine aktive Unabhängigkeitsbewegung. Die bekannteste ist die Terrororganisation ETA, die auch die Vereinigung der Nord- und Südbasken fordern.
In Frankreich gibt es kein Département, das als vollständig baskisch bezeichnet werden kann. Die drei historischen baskischen Provinzen (Labourd, Basse-Navarre und Soule) befinden sich zusammen mit dem Béarn und einem kleinen Stück der Gascogne im Département Pyrénées-Atlantique.
Bretonen mini|Zweisprachige Wegweiser auf Bretonisch in Quimper/Kemper. Die Bretonen in der heutigen Bretagne sind teilweise die Nachkommen eines keltischen Volkes. Diese Inselkelten kamen um das 5. Jahrhundert aus Großbritannien, wohl durch Verdrängung infolge der Einwanderung germanischer Gruppen, und brachten ihre Sprache in die Region, nachdem das Festlandkeltische durch den Romanisierung Galliens bereits ausgestorben war.
Hauptverbreitungsgebiet der Bretonischen Sprache sind das Département Finistère und der jeweils westliche Teil der Departements Côtes-d’Armor und Morbihan. Ein Teil der historischen Provinz Bretagne war von Anfang an zweisprachig, d. h. ungefähr der Ostteil von Côte-d'Armor und der Südwestteil des Départements Ille-et-Vilaine. Es wird dort seit dem Mittelalter nur Gallo und Französisch verwendet. Die beiden traditionellen Provinzhauptstädte (Rennes und Nantes) befinden sich beide in einem Gebiet, wo nie Bretonisch, sondern ursprünglich Gallo verbreitet war. Seit dem Mittelalter hat sich die Sprachgrenze zwischen der gallo- bzw. französischsprachigen Bretagne (Haute-Bretagne) und der überwiegend bretonischsprachigen Basse-Bretagne, auch „Bretagne bretonnante“ genannt, langsam nach Westen verschoben.
Rund 172.000 der 2,3 Millionen Bewohner der Bretagne sprachen im Jahr 2007 Bretonisch. Von ihnen waren zwei Drittel älter als 60 Jahre und nur 5 % jünger als 15. Der starke Rückgang der bretonischen Sprache steht beispielhaft für den Schwund einiger anderer französischer Regionalsprachen (insbesondere Katalanisch, Baskisch und Okzitanisch): Vor dem Ersten Weltkrieg beherrschten noch etwa 90 % der Bewohner der westlichen Bretagne Bretonisch, nach dem Zweiten Weltkrieg etwa 1,2 Mio. (75 %) und 2007 nur noch 22 %.