Die Geschichte der Juden in der Spätantike umfasst die Zeit von der Zerstörung des zweiten Jerusalemer Tempels (70 n. Chr.) bis zur Eroberung Palästinas durch die islamische Expansion (630–640).

In diese Epoche fällt die Kanonisierung des Tanach, der hebräischen Bibel (um ~100), die Vertreibung der meisten palästinischen Juden aus ihrem Stammland (136) und die Sammlung und Verschriftung der jüdischen Lehrtraditionen in Mischna und Talmud (bis ~500). Damit entstand das Rabbinische Judentum in der Auseinandersetzung mit dem Christentum und unter den Bedingungen der jüdischen Diaspora im Perserreich und im Römischen Reich.

Ausgangslage Seit dem Ende des Nordreichs Israel (722/720 v. Chr.) und dem babylonischen Exil (586–539 v. Chr.) hatten aus der Region Israel verschleppte, vertriebene oder geflohene Juden Gemeinden in vielen Metropolen des Orients und im Mittelmeerraum gebildet. Sie waren durch Zuzug von Juden und Übertritte von Nichtjuden ins Judentum (Proselyten) gewachsen. Große jüdische Gemeinden im ersten Jahrhundert bestanden in Babylon, Antiochia am Orontes, Alexandria und Rom. Für diese jüdische Diaspora ebenso wie für die Juden in Israel war der zweite Jerusalemer Tempel das gemeinsame religiöse Zentrum. Er war Schauplatz für hohe jüdische Feste, Ziel von Festpilgern und Amtssitz der Hohenpriester als führender Autoritäten des Judentums. Die Tempelzerstörung durch die Römer im Jahr 70 beendete diese Periode, entzog dem Judentum seinen Mittelpunkt und zwang es zu einer nachhaltigen Neuorientierung.

Entstehung des rabbinischen Judentums Javne Der Pharisäer Jochanan ben Sakkai hatte die römische Zerstörung Jerusalems überlebt. Die spätere Legende, er habe sich in einem Sarg aus der belagerten Stadt schmuggeln lassen, zeigte eine damalige Überlebensstrategie palästinischer Juden: Sie stellten sich angesichts römischer Übermacht tot und beanspruchten keine politische Macht für das Judentum, sondern versuchten, dessen geistig-theologische Tradition zu bewahren. Joachanan konnte ab 70 in Javne ein Lehrhaus (Beth Hamidrasch) gründen.Michael Brenner: Kleine jüdische Geschichte, München 2022, S. 59f.siehe hierzu Rabbinisches Judentum

Jochanan soll nach talmudischen Traditionen als jüngster Schüler Hillels um 40 die Leitung der Tannaiten (der gemäßigten Pharisäer) gewonnen haben. Sie erlaubten ihm, das Lehrhaus in Javne zu gründen. Dort wurde der von den Römer aufgelöste Sanhedrin, der oberste jüdische Gerichtshof, neu gegründet. Damit wurde das Lehrhaus Javne nach dem Machtverlust der Jerusalemer Sadduzäer zum neuen Zentrum des Judentums. So wahrte Jochanan die Kontinuität der gesamtisraelitischen Rechtsprechung. Mit Hilfe der kultkritischen Prophetie des Amos und Hosea versuchte er seine Mitjuden zu überzeugen, dass das Ende des Tempelkults nicht das Ende des Judentums bedeute. Er vereinfachte die Halacha (die geltenden Religionsvorschriften), um sie unter den veränderten Bedingungen erfüllbar zu machen, und führte neue Riten anstelle der nicht mehr praktizierbaren Wallfahrtsfeste ein. Die früher durch Opfer im Zentralheiligtum erwirkte Versöhnung mit Gott wurde durch die Heiligung des Alltagslebens abgelöst. Indem alle Gemeindeglieder etwa das rituelle Händewaschen vor dem Essen übernahmen, konnten Gottesdienste auch ohne Mitwirkung der Priester stattfinden. Sakkai verschärfte deren Zugangsvoraussetzungen, so dass sie ihre herrschende Stellung für den jüdischen Gottesdienst einbüßten. Andererseits durften sie nun auch in den Synagogen dienen, wobei Sakkai ihre Aufgabe auf das Sprechen des Aaronitischen Segens begrenzte. Damit erreichte er die Führung der gemäßigten Pharisäer über die übrigen jüdischen Richtungen.

Mit Javne behielt das palästinische Judentum nach 70 zunächst seine Führungsrolle. Vor allem Jochanans Nachfolger Gamaliel II. setzte das dortige Lehrhaus als Zentrum des ganzen Judentums durch. Um die Funktionen des Tempelkults zu ersetzen, traf der neue Sanhedrin wichtige Entscheidungen für die Einheit des jüdischen Volkes. Er legte unter anderem fest, den jüdischen Kalender und jüdische Feste nach dem Neumond () zu datieren, damit alle Juden diese Feste gleichzeitig feiern konnten. Er führte Tagesgebete und Festtagsriten ein, etwa die Pessach-Haggada anstelle des bisherigen Tempelopfers beim Pessach.Michael Brenner: Kleine jüdische Geschichte, München 2022, S. 64f.

Unter Gamaliel hießen die Lehrer von Javne zugleich „Fürsten“ (hebr. nasi) und waren damit Vertreter des ganzen jüdischen Volkes gegenüber den Römern.Monika Grübel: Judentum. DuMont, Köln 1997, S. 42 Die Aufnahme des „Ketzerfluchs“ in das tägliche Achtzehnbittengebet – Den Verleumdern sei keine Hoffnung, und alle Böswilligen mögen in einem Moment zugrunde gehen! – richtete sich unter anderem gegen das aufsteigende Christentum. Diese Maßnahme war als Notwehr gegen das von inneren Zerreißproben und äußerer Verfolgung bedrohte Judentum gedacht: Um als Juden zu überleben, wurde eine strenge Ausgrenzung aller Andersgläubigen für notwendig erachtet. Zugleich blieben die Pharisäer jener Zeit offen für die Völkermission.

Gamaliel war seinen Anhängern jedoch zu gemäßigt; er wurde durch einen Nachfahren Esras, den jungen Eleasar ben Asarja, zeitweise verdrängt. Dieser führte priesterliche Traditionen wieder ein und stärkte damit restaurative Tendenzen und erneute Hoffnungen der Juden auf nationale Befreiung von der Fremdherrschaft. In diese Zeit fallen Lehrauseinandersetzungen zwischen den Schulen von Hillel und Schammai, die später in der Mischna gesammelt wurden.

Tanach Um 100 hatten die nun führenden Pharisäer bereits den Tanach kanonisiert und alle wesentlich davon abweichenden Richtungen aus dem Judentum ausgeschlossen: vor allem Hellenismus, Gnosis und Christentum. Zudem hatten ihre verschiedenen Lehrhäuser seit etwa 100 v. Chr. begonnen, die mündlichen Auslegungen der Tora (Halacha) zu sammeln und schriftlich zu fixieren. Von diesen verschiedenen Kodifizierungen setzte sich bis etwa 300 n. Chr. die Mischna der Tannaiten durch und wurde zur zweiten normativen Heiligen Schrift neben der Tora. Dadurch erreichten die Rabbiner Zusammenhalt und einheitliche Religionsausübung der noch bestehenden Judengemeinden in Palästina und in der Diaspora, aber auch die flexible situationsgerechte Auslegung der Tora. Historiker sehen darin eine entscheidende Bedingung für das Überleben des Judentums in feindlicher Umwelt seit dem Tempel- und Staatsverlust.

Mischna und Talmud In Javne begann die Sammlung und Verschriftung der verschiedenen mündlichen Tora-Auslegungen, aus der bis 300 die hebräische Mischna entstand. Sie wurde von Jehuda ha-Nasi redigiert und trat neben die schriftliche Tora, die dem Judentum seit der ersten Tempelzerstörung 586 v. Chr. Zusammenhalt und Überleben gesichert hatte.

Bis ~500 entstand die aramäische Gemara in zwei Versionen, einer aus Tiberias in Galiläa, die andere aus babylonischen Diasporagemeinden. Beide gemeinsam werden auch als Talmud bezeichnet. Dieser ist kein Gesetzeskodex mit genauen Regeln, sondern eine Sammlung von Auslegungen verschiedener Toralehrer, die dialogisch als rabbinische Diskussionen gegenübergestellt werden (Responsen). Erst spätere Lehrautoritäten bestimmten, wessen Meinung für gläubige Juden verbindlich sei. Dabei wurde die Minderheitsmeinung ebenfalls bewahrt. Der Talmud bildet nach dem Tanach das wichtigste Schriftdokument des Judentums. Seine dialogische Struktur führte zu einem auf Dialog und Widerspruch beruhenden Lernen im Judentum, das sich über viele Jahrhunderte und Kontinente hinweg verbreitete.Michael Brenner: Kleine jüdische Geschichte, München 2022, S. 60–62

Die Amoräer hatten die mündliche Kommentierung der Tora und deren Sammlung fortgesetzt. Aus ihrer Tätigkeit entstanden gleichzeitig in Galiläa und Babylon der palästinische und babylonische Talmud. In ihm wurden bis 500 die Mischna mit der Gemara vereint. Zudem kamen weitere Midraschim (freie Torapredigten) und Jahresfeste (Megillot) hinzu. In Babylon vertrat der Exilarch seit dem 2. Jahrhundert die autonomen Diasporagemeinden. Hinzu kamen die Schulhäupter der Lehrhäuser, die Gaonen: Diese schufen vor allem eine umfangreiche Responsenliteratur über Fragen der Toraauslegung und alltäglichen Religionsausübung. Auch diese wurde bis etwa 1050 kodifiziert (Halachot gedolot).

Diaspora in Babylon Babylon wurde seit den letzten jüdischen Aufständen in Judäa (132–136) wieder Zuflucht vieler verfolgter Juden. Dort vertrat ein Exilarch die autonome jüdische Kolonie gegenüber den Herrschern der Parther und dem ab 224 nachfolgenden neupersischen Sassanidenreich, Roms Erzfeinden im Osten. Die Juden waren dabei bisweilen Verfolgungen ausgesetzt: Teils aus religiösen Gründen (besonders in der Frühzeit des Sassanidenreichs, als zoroastrische Priester Einfluss auf den Großkönig ausüben konnten), später aber vor allem aus politischen Gründen, da es teilweise zu Übergriffen von Juden auf zoroastrische Priester kam oder sie in den Thronkämpfen auf der unterliegenden Seite standen.Josef Wiesehöfer: Das antike Persien. Aktualisierte Auflage, Düsseldorf 2005, S. 287ff. Dennoch hielten die Juden während der römisch-persischen Kriege weiter zu den Persern; die jüdischen Gemeinden in Persien (vor allem in Mesopotamien) blühten denn auch auf. Die Juden in Persien beteiligten sich aber auch teils an christenfeindlichen Maßnahmen der Großkönige, die aus der Entwicklung des Christentums im Römischen Reich resultierten, wo das Christentum seit dem 4. Jahrhundert gefördert wurde und schließlich zur Staatsreligion erhoben wurde (siehe unten).

Religionspolitik römischer Kaiser Der römische Kaiser Antoninus Pius hob im 2. Jahrhundert die meisten Religionsverbote seines Vorgängers Hadrian gegen die Juden wieder auf und erlaubte Beschneidung, Schabbatruhe, Lehr- und Gebetshäuser und Ordination von Schriftgelehrten. Kaiser Caracalla gewährte den Bewohnern der Provinzen 212 das römische Bürgerrecht; damit durften auch Juden Verwaltungsposten bekleiden, mussten aber auch am Militärdienst teilnehmen.

Unter Konstantin I. begann ihre Degradierung durch den Einfluss der nun als Staatsreligion privilegierten christlichen Kirche. Zwar blieb das Judentum erlaubt (religio licita), wurde aber vom Wohlwollen und christlicher Herrscher abhängig und ihren Gesetzen unterworfen. Schon seit 160 schoben Christen die Schuld am Tod Jesu allein den Juden und nicht mehr den Römern zu.André Marc Haarscher, Malou Schneider: Une brève histoire des Juifs d’Alsace. In: Musée alsacien (Hrsg.): Mémoires du judaïsme en Alsace. Les collections du Musée alsacien, Strasbourg 2013, ISBN 978-2-351-25106-5, S. 29 Theodosius II. erließ 417 und 423 Mischehen- und Missionsverbote und andere Beschränkungen für Juden. Justinian I. verfolgte christliche Minderheiten als Ketzer, ebenso Samaritaner (die sich 529 erhoben hatten, siehe Julian ben Sabar) und Juden. Er verbot die Matzen zum Pessach, hebräische Bibellesungen und den Mischnaunterricht. Sein Corpus iuris civilis wurde für das folgende Kirchen- und Staatsrecht des Mittelalters maßgebend.