mini|Siegfried Passarge (1866–1958) Otto Karl Siegfried Passarge (* 28. November 1866laut fehlerhaftem Eintrag im Kirchenbuch 26. Februar 1867; vgl. in Königsberg (Preußen); † 26. Juli 1958 in Bremen) war ein deutscher Geograph, Geologe und Paläontologe aus Ostpreußen. Als paläontologisch denkender Geologe entwickelte er bereits Ende des 19. Jahrhunderts eine moderne biostratigraphische und lithostratigraphische Feingliederung des Oberen Buntsandsteins (Röt) in Thüringen. Als Geograph trug er wesentlich zur Landeskunde Afrikas bei und gilt als Begründer der Landschaftsgeografie.
Leben Der Sohn des Oberlandesgerichtsrates und Reiseschriftstellers Ludwig Passarge besuchte in Königsberg das Friedrichskollegium (Collegium Fridericianum). Nach dem Abitur studierte er Geographie in Berlin und Jena. 1891 erfolgte die Promotion auf dem Gebiet der Geologie. 1892 legte er zusätzlich das Examen in Medizin ab. 1894 wurde er Mitglied der Deutschen Geologischen Gesellschaft.Mitgliederverzeichnis Deutsche Geologische Gesellschaft März 1921 Aus dem Wehrdienst ging er als Unterarzt hervor.
Ab 1894 arbeitete Passarge als Mediziner in Berlin und nahm an einer Expedition nach Adamaua teil, bei der die Nordgrenzen der damaligen deutschen Kolonie Kamerun festgelegt wurden. Seine geographischen und geologischen Untersuchungen des Benue-Beckens setzten Maßstäbe. In den Jahren 1896 bis 1899 bereiste Passarge als Geologe der Gesellschaft British West Charterland das Südliche Afrika. Dabei wurden die Möglichkeiten, Gold und Diamanten in der Kalahari zu fördern, untersucht. 1901/1902 nahm er an einer Expedition im mittleren Orinocogebiet Südamerikas teil. 1906/1907 folgten Reisen in Algerien.
Von 1904 bis 1905 war Passarge Privatdozent für Geographie in Berlin. 1905 erhielt er einen Lehrstuhl für Geographie in Breslau. Der spätere Journalist und Chefredakteur Hugo Reinhart besuchte bei ihm Vorlesungen.Lebenslauf von Hugo Reinhart. In: (Aus dem Zoologischen Institut der Universität Breslau) Ueber den feineren Bau einiger Nephthyiden. „Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Hohen philosophischen Fakultät der Königl. Universität Breslau "eingereicht und mit ihrer Genehmigung veröffentlicht von Hugo Reinhart aus Breslau“, Verlag Gustav Fischer, Jena 1907, Anhang. Passarge wechselte 1908 als Professor an das Kolonialinstitut in Hamburg, wo er bis 1936 tätig war.
Sein 1908 in Leipzig erschienenes Werk über „Südafrika“, gemeint sind wesentliche Teile des Südlichen Afrikas, beschreibt geographische, völkerkundliche und ökonomische Aspekte aus Territorien, die im Wesentlichen heute in Südangola, Botswana, Namibia, Südafrika, Sambia sowie in Teilen Malawis, Simbabwes sowie Mosambiks liegen.Siegfried Passarge: Südafrika. Eine Landes-, Volks- und Wirtschaftskunde. Verlag von Quelle & Meyer, Leipzig 1908 Zum Völkermord an den Herero und Nama (1904 bis 1908) nimmt Passarge darin im Kapitel „Kurzer Abriß der Geschichte Südafrikas“ wie folgt Stellung:
Sein rabiater Antisemitismus machte sich bereits in den 1920er Jahren selbst in Vorlesungen bemerkbar und führte 1927 zu einer entsprechenden Anfrage von DDP-Abgeordneten der Hamburger Bürgerschaft an den Senat.Holger Fischer, Gerhard Sandner: Die Geschichte des Geographischen Seminars der Hamburger Universität im „Dritten Reich“. In: Eckart Krause, Ludwig Huber, Holger Fischer: Hochschulalltag im »Dritten Reich«. Die Hamburger Universität 1933–1945. Teil 3 (= Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte, 3). Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1991, ISBN 3-496-00882-2, S. 1201 f. Im Jahr darauf gab er im Hammer-Verlag des Theodor Fritsch eine deutsche Ausgabe des judenfeindlichen Traktats „Das Buch vom Kahal“ von Jacob Brafmann heraus. 1929 nannte ihn die Berliner Presse „einen geistigen Kumpanen der Dinter und Ludendorff“ und warf ihm „Judenfresser-Propaganda“ vor. Holger Fischer/Gerhard Sandner: Die Geschichte des Geographischen Seminars der Hamburger Universität im „Dritten Reich“. In: Eckart Krause, Ludwig Huber, Holger Fischer: Hochschulalltag im »Dritten Reich«. Die Hamburger Universität 1933–1945. Teil 3 (= Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte, 3). Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1991, ISBN 3-496-00882-2, S. 1207 Dennoch nahmen ihn die Leopoldina 1925 als Mitglied und die Bayerische Akademie der Wissenschaften 1926 als korrespondierendes Mitglied auf.
Eine bellizistische Haltung Passarges wurde in der Hamburger Universitätszeitung im Frühjahr 1925 erkennbar, die im Widerspruch zu Artikel 148 (Erziehung im Geiste der Völkerverständigung)Weimarer Reichsverfassung: Artikel 148. In: Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917–1929). der Weimarer Verfassung stand:zitiert nach: Erich Obst: Kunst, Wissenschaft und Leben : Eine ganz besonder Zierde. In: Hamburger Echo, 1. März 1925.
Zum 1. November 1933 konnte er trotz der Aufnahmesperre der NSDAP beitreten (Mitgliedsnummer 1.801.910),Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/31731566 wofür er sich in einem Schreiben an Martin Bormann bedankte.Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Aktualisierte Ausgabe. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-596-16048-0, S. 450–451. Am 11. November 1933 unterzeichnete er das Bekenntnis der deutschen Professoren zu Adolf Hitler.
Forschungsgebiete Passarges Forschungsgebiete waren vor allem Afrika und Südamerika. Er schrieb zahlreiche Beiträge zur Geomorphologie und zur Landschaftskunde. Ein wesentlicher Forschungsbereich Siegfried Passarges war die Landschaftsgeographie, als deren Begründer er gilt. Er etablierte dieses nunmehrige Teilgebiet der Geografie in seinem 3-bändigen Lehrbuch Die Grundlagen der Landschaftskunde. Darin erhebt er die Landschaft zum zentralen Begriff der Geografie. Diese soll als „natürliche Landschaften“ jene Erdräume betrachten und verstehen, die [Zitat] in Orographie, Geologie, Geomorphologie, Klima, Bewässerung, Pflanzen- und Tierwelt ... in allen wesentlichen Punkten übereinstimmen. Damit wollte Passarge – der ja auch Geologe war – die Vorherrschaft der Morphologie bei der Landschaftsbetrachtung beenden.
Diese umfassendere Sicht des wichtigsten Forschungsobjekts der Geographen wurde in den Folgejahrzehnten u. a. durch Otto Wernli, Kurt Bürger und Dieter Steiner weiterentwickelt, fand allerdings noch zu Passarges Lebzeiten eine heftige Gegnerschaft in Alfred Hettner, der anstelle einer vergleichenden Landeskunde eine Stufenleiter von Individualräumen (Erdteil, Land, Landschaft, Örtlichkeit) setzen wollte.
Schriften
Monographien Das Röth im östlichen Thüringen. Inaugural-Dissertation der philosophischen Fakultät zu Jena, Gustav Fischer, Jena 1891 Das Röth im östlichen Thüringen. In: Jenaische Zeitschrift für Naturwissenschaft, 26, Neue Folge 19, Jena 1892, S. 1–88 Adamaua. Bericht über die Expedition des Deutschen Kamerun-Komitees in den Jahren 1893/94, Dietrich Reimer, Berlin 1895 Archive Die Kalahari. Versuch einer physisch-geographischen Darstellung der Sandfelder des südafrikanischen Beckens, Textband, Dietrich Reimer, Berlin 1904 Archive Südafrika. Eine Landes-, Volks- und Wirtschaftskunde, Quelle & Meyer, Leipzig 1908 Archive Physiologische Morphologie. 1912. Die Grundlagen der Landschaftskunde. 3 Bände. L. Friederichsen & Company, 1919/1920. Vergleichende Landschaftskunde. Heft 1, Aufgaben und Methoden der vergleichenden Landschaftskunde, Dietrich Reimer/Ernst Vohsen/A.-G., Berlin 1921 Heft 1-5 Archive Vergleichende Landschaftskunde. Heft 2, Kältewüsten und Kältesteppen, Dietrich Reimer/Ernst Vohsen/A.-G., Berlin 1921 Vergleichende Landschaftskunde. Heft 3, Der Mittelgürtel, Dietrich Reimer/Ernst Vohsen/A.-G., Berlin 1922 Vergleichende Landschaftskunde. Heft 4, Der heisse Gürtel, Dietrich Reimer/Ernst Vohsen/A.-G., Berlin 1924 Vergleichende Landschaftskunde. Heft 5, Der Mensch im heissen Gürtel, Dietrich Reimer/Ernst Vohsen/A.-G., Berlin 1930 Landschaft und Kulturentwicklung in unseren Klimabreiten, L. Friederichsen & Co., Hamburg 1922 Archive Die Landschaftsgürtel der Erde. Ferdinand Hirt, Breslau 1923. Klima und Landschaftsbild. Velhagen & Klasing, Braunschweig 1927. (=Land und Leute. Monographien zur Erdkunde Band 36) Das Judentum als landschaftskundlich-ethnologisches Problem. J. F. Lehmanns Verlag, München 1929. Geographische Völkerkunde. Safari-Verlag, Berlin 1951.
Herausgeberschaften Jacob Brafmann: Das Buch vom Kahal. Auf Grund einer neuen Verdeutschung des russischen Originals herausgegeben von Dr. Siegfried Passarge. 2 Bände. Hammer-Verlag, Leipzig 1928 (Digitalisat in der Freimann-Sammlung der Universitätsbibliothek der Goethe-Universität Frankfurt am Main).
Literatur Holger Fischer/Gerhard Sandner: Die Geschichte des Geographischen Seminars der Hamburger Universität im „Dritten Reich“. In: Eckart Krause/Ludwig Huber/Holger Fischer: Hochschulalltag im »Dritten Reich«. Die Hamburger Universität 1933–1945, Teil 3 (Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte 3). Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1991, ISBN 3-496-00882-2, S. 1201 f., 1206–1214. Karl Hoheisel: Siegfried Passarges „Das Judentum als landschaftskundlich-ethnologisches Problem“ – Paradigma einer zeitgemäßen Religionsgeographie? In: Manfred Büttner et al. (Hrsg.): Religion und Siedlungsraum. Reimer, Berlin 1986, , S. 55–82. Boris Michel: Antisemitismus, Großstadtfeindlichkeit und reaktionäre Kapitalismuskritik in der deutschsprachigen Geographie vor 1945. In: Geographica Helvetica 69, 2014, S. 193–202.
Gerhard Sandner, Mechtild Rössler: Schriftenverzeichnis und Nachlaß von Siegfried Passarge. 3., überarbeitete Auflage. Wirtschaftsgeographische Abteilung der Universität Hamburg, Hamburg 1998 (als Manuskript gedruckt). Passarge, Siegfried. In: Heinrich Schnee (Hrsg.): Deutsches Koloniallexikon. Quelle & Meyer, Leipzig 1920, Bd. 3, S. 25.
Weblinks
Nachlass im Archiv für Geographie des Leibniz-Instituts für Länderkunde in Leipzig. Passarge, Siegfried. In: Hamburger Professorinnen- und Professorenkatalog. Biografien-Datenbank: NS‑Dabeigewesene
Einzelnachweise
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